Finanzdebakel als Chance

Soirée der Generation Benedikt über die Krisentauglichkeit der Soziallehre. Von Matthias Bürgel

Wieviele Staatsschulden wird Europa ihnen vererben? Mehr Verantwortungsbewusstsein gegenüber der nächsten Generation wäre die beste Lehre aus der Finanzkrise. Symbolbild: dpa
Wieviele Staatsschulden wird Europa ihnen vererben? Mehr Verantwortungsbewusstsein gegenüber der nächsten Generation wär...

Bonn (DT) „Schon weil Gott die Liebe ist, sind wir aufgerufen, an der Verbesserung der Gesellschaft mitzuwirken“ – Pater Wolfgang Ockenfels stellte direkt zu Beginn der vom Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg und der Generation Benedikt veranstalteten Soiree „Hilfe auch in schweren Zeiten? Überlegungen zur Krisentauglichkeit der christlichen Soziallehre“ heraus, dass das Bemühen um eine gerechte Welt aus dem Christentum selbst hervorginge, obgleich es den Menschen primär nicht aus Wirtschaftskrisen, sondern aus Sünde und Schulde erlöse.

Norbert Blüm eröffnete den Zuhörern im Universitätsclub Bonn einen optimistischeren Blick auf die aktuelle Situation. Diese böte der christlichen Soziallehre nach dem Scheitern der Ideologien des individualistischen Liberalismus und des kollektivistischen Kommunismus eine größere Chance denn je, denn ohne die Berücksichtigung der Natur des Menschen ließe sich keine soziale Frage beantworten: Die christliche Soziallehre, mit ihrer Betonung der allumfassenden Gotteskindschaft des Menschengeschlechts, gäbe hier die stärkste Begründung für die Würde jedes Einzelnen überhaupt.

Der ehemalige Bundesminister rückte insbesondere den natürlichen Wert der Arbeit für die menschliche Identität in den Vordergrund. Dieser sei bereits durch die Bibel, beginnend mit dem Schöpfungsbericht, begründet: „Gott ist der oberste Arbeitgeber, alle anderen sind Filialleiter.“ Hingegen sei in der heutigen Zeit eine Verachtung der Arbeit festzustellen: Gewinne resultierten beinahe ausschließlich aus dem Finanzsektor, die Politik knie vor dem Geld und den „Märkten“, während sich selbst für kompetent erklärende Ratingagenturen die Weltwirtschaft bestimmten.

Scharfe Kritik übte Blüm an den aktuellen gesetzlichen und gesellschaftlichen Angriffen auf Ehe und Familie durch die Förderung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, den Änderungen im Bereich des Scheidungsrechts und des Ehegattensplittings sowie an der Tendenz, Eltern die Kindererziehung aus der Hand zu nehmen: Mutterarbeit werde in diskriminierender Weise geringer als Erwerbsarbeit angesehen. Somit drohe das „letzte antikapitalistische Widerstandsnest und antisozialistische Bollwerk der Zeitströmung der Beliebigkeit zum Opfer zu fallen“. Aufgabe der christlichen Soziallehre sei es deshalb gerade jetzt, gestaltend tätig zu werden. Elmar Nass, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialethik an der Wilhelm Löhe-Hochschule in Fürth, ließ eine Bestandsaufnahme der Wahrnehmung kirchlicher Positionen in sozialethischen Fragen folgen: Diese werde nicht nur durch eine am Christentum oft desinteressierte Öffentlichkeit beeinträchtigt, sondern auch durch hausgemachte Probleme: Die Wissenschaftslandschaft der christlichen Soziallehre orientiere sich in zu geringem Maße an päpstlichen Enzykliken. Ihr Profil drohe durch die Übernahme außertheologischer Weltanschauungen verloren zu gehen. Ein wirklicher Aufbruch sei aber nur vom Fundament des Glaubens aus möglich.

Auch Nass betonte die grundlegende Bedeutung des christlichen Menschenbildes für das Konzept der Menschenwürde und eine Gesellschaft, welche in dieser die Begründung für die Unterstützung Schwächerer fernab eines bloßen Nützlichkeitsdenkens findet: „Gewisse Sozialtransfers sind notwendig, weil es Menschenrechte sind.“

Der Sozialethiker schloss mit dem Appell, Fehlentwicklungen wie einen die Menschenwürde letztlich negierenden Geschlechterpluralismus in der Öffentlichkeit klar anzugehen: „Wir brauchen Menschen mit Mut, die aussprechen, um was es geht.“

Carsten Linnemann, Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Bundestags, bezog anschließend die Grundlagen der christlichen Soziallehre auf konkrete politische Fragen. Dabei umfasse der Begriff der Gerechtigkeit nicht nur Transferleistungen: Neben dem Verstoß gegen das Solidaritätsprinzip in der die Generationengerechtigkeit verletzenden zunehmenden Staatsneuverschuldung hob Linnemann auch Verletzungen des Subsidiaritätsprinzips hervor: Diese seien etwa in den offenkundig nicht funktionierenden vom Bundestag festgesetzten Preissignalen in der Energiepolitik oder in der Beschneidung von Eigenverantwortlichkeit, so im Falle des Eingriffs in die Planbarkeit für Unternehmer durch die Frauenquote, ablesbar. Weiterhin klagte Linnemann eine Rückbesinnung auf den Primat der Währungspolitik auf bundespolitischer Ebene ein.

Die lebhafte Diskussion mit den Zuhörern bewies das große Antwortpotenzial der katholischen Soziallehre hinsichtlich hochaktueller Themen wie dem der europäischen Finanzkrise. Blüm erinnerte diesbezüglich an die Ursprungsidee der europäischen Einigung als ein mit Freiheit verbundenes Friedensprojekt und konstatierte: „Europa ist als subsidiäre Gemeinschaft, nicht als Konzernholding entstanden. Solange Europa nur eine Geldunion ist, wird niemand sein Herzblut für es einsetzen.“

Dass es Anlass zur Hoffnung auf ein von Ideen jenseits materielles Gewinnstreben getragenes Europa gibt, wurde dabei nicht nur von Blüms Gedanken der Krise als Chance für die christliche Soziallehre untermauert, sondern auch durch das von Nils Sönksen für die Generation Benedikt gesprochene Schlusswort: Indem er den Begriff der Generationengerechtigkeit um eine ideelle Komponente erweiterte und als Beispiel für diese die Wertevermittlung seitens der Podiumsteilnehmer anführte, zeigte er auf, dass Jüngere sich für die Zukunft der christlichen Soziallehre interessieren.