Fenster zum Himmel

Aloys Butzkamms kompakte Übersicht über die Welt der Ikonen. Von Barbara Wenz

Immer mehr Christen im Western erliegen der besonderen Faszination, die von den Ikonen der Ostkirchen ausgeht, die manchmal große Fremdartigkeit in Proportionen und Stil im Vergleich zu westlicher religiöser Kunst, bei gleichzeitiger tief erfahrbarer Durchsichtigkeit nach oben, als handle es sich um regelrechte Fenster in die himmlische Welt hinein. Doch nicht nur die Malweise, die Darstellung, die goldenen kyrillischen Schriftzeichen, die sich auf den Ikonen befinden, erscheinen uns rätselhaft. Auch die Glaubenswelt, die dahintersteht, ist uns westlichen „Lateinern“ oftmals ein Mysterium.

Der studierte Archäologe, Psychologe, Kunstgeschichtler und Theologe Aloys Butzkamm hat zum Thema ein handliches Taschenbuch geschrieben, welches sich in drei großen Abschnitten zum einen mit dem Begriff der Ikone, den Orten ihrer Entstehung, der handwerklichen Technik, zum anderen mit den Themen, die auf Ikonen häufig dargestellt werden und zum weiteren, im dritten und besonders wertvollen Teil, auch mit dem Verhältnis von Westkirche und Ostkirche in Theologie, Kirchenarchitektur und gelebter Frömmigkeit beschäftigt. Den Anstoß gab ein Vortrag Butzkamms über Ikonen aus dem Jahre 2000 anlässlich eines Studienjahres in der Dormitio zu Jerusalem. Der Autor verspricht in seinem Vorwort, dass der Leser nach der Lektüre mit mehr Entdeckerfreude, höherer Kompetenz und größerem Respekt vor Ikonen stehen werde.

Wir erfahren, dass auf Christus- und Marienikonen die Beischriften immer in griechischer Sprache gehalten seien, selbst wenn die Ikone in Russland oder Rumänien entstand, während auf den Heiligenikonen die Beischrift in der jeweiligen Landessprache abgefasst wird. Was ist der Unterschied zwischen den verschiedenen metallischen Einrahmungen von Ikonen mit so klangvollen Namen wie Basma, Riza oder Ohlad? Wie nennt man Christusikonen, die in der Schlacht mitgeführt wurden und den Sieg erringen sollten? Wie stellt man im Osten die heilige Dreifaltigkeit bevorzugt dar? Welches sind die beliebtesten Szenen aus der Heiligen Schrift in der Ikonenmalerei und wie bildet ein orthodoxer Ikonograph einen Engel ab?

Doch es gelingt ihm noch viel mehr: Nämlich uns Westlern die geheimnisvolle Glaubenswelt des Ostens, die uns letztlich nur fremd erscheint, aber Teil des großartigen alten Erbes der gesamten Christenheit ist, mit einfachen und leicht fassbaren Erläuterungen zu erschließen. Diese erstrecken sich über die Eigentümlichkeiten von östlichen und westlichen sakralen Bauten und dem Glaubensverständnis, das dahintersteckt, über die gemeinsame – durch das Morgenländische Schisma im Jahre 1054 abrupt unterbrochene – Tradition und Geschichte sowie die Annäherungen, die in der jüngsten Geschichte erfolgt sind. Butzkamm zeigt verständnisvoll und ökumenisch inspiriert auf, dass die theologischen Unterschiede keine Gräben mehr bilden müssen, um erneut zu einem gemeinsamen Bekenntnis zu kommen. Selbst das viel diskutierte „filioque“ sei keine echte Hürde, die zu nehmen sei. Viel wesentlicher sei der Primat des römischen Papstes, doch auch diese Klippe könne umschifft werden, sollte der Kirchenführer des Westens sich entschließen, den Rang eines „primus inter pares“, wie ursprünglich einmal vorgesehen, auch gegenüber den Patriarchen des Ostens wieder einzunehmen.

So liest man dieses Kompendium nicht nur mit viel Gewinn und neuem Blick auf die großartige Tradition der östlichen Ikonen, sondern auch als ein ökumenisch inspiriertes, Hoffnung stiftendes Dokument, auch wenn die Einheit der beiden großen Kirchen des Ostens und des Westens noch in weiter Ferne stehen mag.

Aloys Butzkamm: Faszination Ikonen.

Geschichte – Bildsprache – Spiritualität.

topos TB, 2015, ISBN 978-3-8367-1023-7, EUR 13,95