Faszinierende Endzeitparabel

Der designierte Erzbischof von Brüssel debütiert als Märchen-Erzähler: Eine Winterreise auf den Spuren der christlichen Hoffnung

Ein Bischof erzählt Märchen – was atheistischen Phantasien entsprungen klingt, entpuppt sich als wertvoller und origineller Beitrag zur Eschatologie, als mutmachendes Plädoyer für christliche Hoffnung. André-Joseph Léonard, designierter Erzbischof von Brüssel, ist der Oberhirte, der mit der „Winterreise“ sein Debüt als Erzähler gibt, nachdem er sich schon vielfach als Theologe und Philosoph zu Wort gemeldet hat. Die Geschichte von zwei Kindern, die sich aufmachen, um am Ende der Zeiten dem Weißen Reiter entgegenzugehen, ist klassische Theologie im Gewand eines phantastischen Realismus, ein apokalyptisches Märchen, das eindrucksvolle Bilder für die Existenz von Gut und Böse, für die Realität von Untergang und Rettung findet. Ein Traktat von der christlichen Hoffnung schließt sich als zweite Hälfte des Buches an, in dem Léonard von hundert Gründen, den Mut zu verlieren und tausend Gründen, zu hoffen, handelt.

Seltsame Gesellen und geheimnisvolle Offenbarungen

Zunächst aber ist es die Geschichte von Peter und Sophie, die ihr Elternhaus verlassen, um herauszufinden, ob wahr ist, was ihnen ihr Lehrer verkündet hat: Der Weiße Reiter wird im Aufgang erscheinen, so ziehen sie der aufgehenden Sonne entgegen. Und, seltsam, sie sind nicht alleine bei diesem Tun: In den Orten, durch sie kommen, brechen überall Menschen auf, die meisten in Angst und Panik. Seltsamen Gesellen begegnen sie auf der Reise, zwei unangenehmen Burschen zum Beispiel, die Rosenkranz und Güldenstern heißen. Die nehmen die kleinen Reisenden quasi als Geiseln, sind sie doch ihrerseits mit einem Auftrag unterwegs, den sie freilich nicht wirklich zu enthüllen bereit sind. „Die Stunde ist gekommen“, sagt einer der Spitzbuben, „da der Fürst sich offenbaren und die Große Stadt in Besitz nehmen wird. Und wir kommen nicht mit leeren Händen“. Die Kinder sind neugierig. Wer dieser Fürst ist? „Hört also, dass der Fürst über die ganze Erde herrscht und jeder ihm früher oder später in seinem Leben Tribut zahlt, ob er es nun will oder nicht. Er lauert, er flüstert, er verführt. Alles ist so durchdrungen von seiner Macht, dass die, die sich ihr ergeben, es nicht einmal merken.“ Der Weiße Reiter, wird Peter und Sophie schnell klar, kann damit nicht gemeint sein. Ein melancholischer Musiker namens Franz stößt zu der Reisegesellschaft, sehr zum Missfallen der Fürstendiener mit den sprechenden Namen. Sie wissen, ihr Fürst hasst Musik, und das sagen sie Franz auch: „Der Fürst kann Sie nicht gebrauchen. Ihn interessieren nur die Diener, die dem Leben zugewandt sind und sich nicht mit Phantastereien aufhalten. Die Realisten, mein Herr! Die lassen sich führen und sind gefügig.“ Ein sprechender alter Esel, Gedeon geheißen, vervollständigt schließlich die merkwürdige kleine Gruppe, die von Rosenkranz und Güldenstern mit immer größerer Brutalität vorangetrieben wird. Der Esel hat schon viel gesehen in seinem offenbar schon lange währenden Leben. Er weiß, und vertraut es den Kindern und Franz an, dass es in dieser Welt nicht nur die Rohheit der beiden Spießgesellen gibt. Als ihn sein damaliger Besitzer einmal – es muss schon sehr lange her gewesen sein – fast zu Tode geprügelt hatte, näherte sich ein Unbekannter, der mit einer Gruppe von Freunden unterwegs war, bat um Gnade für den Esel und heilte seine Wunden. Gedeon erinnert sich an den Fremden: „Ich sah ihn an: Er strahlte vor Autorität und Güte. So hat er sich eines armen Esels erbarmt, wie ich einer war. Für ihn, da bin ich mir sicher, ist kein Geschöpf zu klein und keines bedeutungslos. Bei ihm kann kein Lebewesen sterben.“

Währenddessen wird die Atmosphäre um die Reisenden immer drohender und endzeitlicher. Sie erreichen die Breite Straße, auf der in unglaublicher Hektik viele Menschen unterwegs sind: „Jede Gruppe, jeder Einzelne bahnte sich einen Weg und trat, wenn nötig, alles nieder, was ihm dabei in die Quere kam.“ Sie begegnen dem Schwarzen Fürsten, dem Rosenkranz und Güldenstern untertänig sind, den die kuriose kleine Gruppe aber nicht zu interessieren scheint. Die Kinder hoffen nun, da nicht einmal die Sonne sich noch zeigt, immer mehr auf den Weißen Reiter, von dem Peter weiß: „Er schreitet im Licht. Wenn er da ist, wird es keinen Tod mehr geben, kein Klagen, kein Schreien, keine Qual. Er ist jetzt unsere einzige Chance.“

Mit Detailfreude und echter Erzählkunst entfaltet Bischof Léonart diese Endzeit-Parabel, die in der „großen Stadt an der Küste des Meeres, über der sich in mehreren Stockwerken ein monströser, unvollendeter Turm erhob“ einem Höhepunkt zustrebt. Das ist wirklich gut in Szene gesetzt, lässt an die „Chroniken von Narnia“ denken und ruft, wie dieses Werk von C. S. Lewis, geradezu nach einer Verfilmung.

Für André Léonart, den promovierten Philosophen, der als einer der besten französischsprachigen Hegel-Kenner gilt, ist die „Winterreise“ – der Titel nimmt natürlich ebenso Bezug auf Schubert wie die Figur des Musikers Franz in der Geschichte – diese Parabel von der Lebensreise und den beiden Reitern, die dabei den Weg kreuzen, gleichsam die Folie, um sein Verständnis von christlicher Hoffnung und Erlösung auszubreiten. Die Welt, die von der Sklaverei und Verlorenheit befreit worden ist, wie es im Römerbrief heißt und die von Christus, dem weißen Reiter der Apokalypse (19, 11–14), neu gestaltet werden wird, ist zugleich die Welt, die dem Bösen in die Hände gefallen ist und die mit dem toten Christus sterben muss. „Und wir, die wir beiden Weltzuständen angehören, die wir dem Tod entgegengehen und doch durch diese „grauen Tage“ hindurch die strahlende Hoffnung der Herrlichkeit in uns tragen. Das ist das Thema dieser Erzählung“, interpretiert ihr Autor.

Nicht einmal Bill Gates dürfte rundherum zufrieden sein

Er spricht im zweiten Teil seines Buches vom unstillbaren Verlangen des menschlichen Herzens nach der Fülle des Seins: „Nichts, was begrenzt ist, kann uns sättigen. (...) Immer können wir uns noch mehr vorstellen. Wir müssen davon ausgehen, dass nicht einmal Bill Gates zufrieden ist“, vermutet der belgische Bischof.

„Angesichts der zerbrechlichen Zufälligkeit unserer vorübergehenden Glückszustände richtet die Hoffnung also den Willen unablässig auf einen Horizont aus, der in weiterer Ferne liegt. Damit das flüchtige Glück zu einer unerschütterlichen Glückseligkeit wird, müsste vermutlich die unbesiegbare Kraft des Seins, das Sein selbst in seiner strotzenden Fülle, sich in unser Verlangen ergießen und unseren Durst stillen wie eine Quelle, die niemals versiegt.“ Dann durchaus theologisch formulierend, aber so, dass man ihm immer folgen kann, zählt er die vielen Versuchungen zur Hoffnungslosigkeit auf, die sich dem neuzeitlichen Menschen in den Weg stellen und die uns letztlich dazu verleiten sollen, uns mit dem Irdischen, Vorläufigen zu begnügen. Der Bischof von Namur will aber mit seinem Werk Geschmack am Leben vermitteln und dies, so sagt er, wird nur gelingen, wenn die Kirche den Menschen wieder den persönlichen Gott erschließen kann. Zu Recht weist er auf die gnostische Wurzel vieler moderner Häresien hin, rühmt die seherische Kraft der „Kurzen Geschichte vom Antichrist“ Wladimir Solowjews aus dem Jahre 1900, die ihn zu seinem apokalyptischen Märchen inspiriert hat, und schließt mit dem Weckruf: Das Herz des Christentums ist Christus! Ihn gilt es zu entdecken, wieder zu entdecken, nur wer sich ihm anvertraut, erreicht das Ziel seiner Reise. Dieses unkonventionelle Buch eines unkonventionellen Bischofs kann von älteren Jugendlichen mit ebensolchem Gewinn gelesen werden wie von Erwachsenen. Seine erzählerischen Qualitäten werden durch den theologischen Gehalt – der eine Kurz-Eschatologie ergibt – gedeckt und unterstützt.