Fanal für die Familie

Die Sehnsucht nach Liebe wächst unausrottbar nach –. Warum Humanae vitae Gottes Plan entspricht. Von Renate und Norbert Martin

Papst Paul VI.
Papst Paul VI. an seinem Schreibtisch. (Aufnahmedatum unbekannt) Foto: KNA-Bild (KNA)

Wer noch im Zweiten Weltkrieg geboren wurde, hat wenige Jahre erlebt, die so viele unterschiedliche Gedenktage aufweisen wie dieses Jahr 2018: 100 Jahre seit dem Ende des unsinnigen Mordens und Blutvergießens einer Generation junger Männer aus vielen, vor allem europäischen Ländern; 50 Jahre seit dem Aufstand der Jugend und dem politischen Linksrutsch der sogenannten „68er-Revolution“; 50 Jahre seit dem Tod heiligmäßiger Männer der Kirche sehr unterschiedlicher Couleur, die als prophetische Mahner und Wahrer der geistig-geistlichen Schätze der Kirche auftraten: Pater Pio, Romano Guardini, Pater Joseph Kentenich; 50 Jahre seit dem überraschenden Versuch Papst Pauls VI., durch die Enzyklika „Humanae vitae“ ein Abdriften der Kirche in den permissiven Zeitgeist zu verhindern und sie zu stärken für den Widerstand gegen die vorauszusehende Lawine unterschiedlichster Entgleisungen in der Gesellschaft, die die „befreite“ Sexualität mit sich bringen würde; 50 Jahre seit dem nie dagewesenen Widerstand vieler Katholiken gegen eine päpstliche Enzyklika, wie es in Deutschland vor allem auf dem Katholikentag in Essen und danach der Fall war; 50 Jahre auch seit dem „Credo des Gottesvolkes“ Papst Pauls VI. am Ende des Jahres des Glaubens. Aus heutiger Perspektive reichen diese und andere Fakten aus, die man nennen könnte, um zu konstatieren: hier vollzog sich eine unumkehrbare Zeitenwende, die noch das nächste Jahrhundert prägen wird. Die Ereignisse von 1968 und ihre die Geschichte bestimmende Kraft haben wir als junge Ehe und Familie mit kleinen Kindern im wahrsten Sinn des Wortes zum Teil hautnah miterlebt und wissen heute: die Zeit unserer Jugend, die Zeit also nach dem 2. Weltkrieg ist in jeder Hinsicht einem neuen, in vielem konträren Zeitalter gewichen.

Aus verschiedenen Blickwinkeln spielt dabei Humanae vitae die Rolle eines Fanals: die „Geburtenverhütung“, besonders die chemische durch die „Pille“, wurde zum Auftakt der technischen Revolution auch in ihrer Anwendung auf den Menschen; der Ungehorsam weiter Kreise dem Lehramt der Kirche gegenüber erwies sich als Beginn eines Exodus besonders vieler jüngerer Familien aus der Kirche und einer Schwächung und Verflachung des kirchlichen Lebens in bisher nicht gekanntem Ausmaß, besonders in manchen europäischen Ländern; man beobachtete eine sittliche Verwilderung, die als Freiheit gefeiert wurde, aber doch nur die Herrschaft des Genussstrebens brachte und die Vermeidung der Anstrengung dessen bedeutete, was man früher Tugend nannte; die durch die Verhütung heraufziehenden Bevölkerungsprobleme, die die jetzt tragende Generation zuerst und dann die folgenden in ihrer Wucht voll zu spüren bekommen, bringen das Gefüge ganzer Völker und Erdteile aus dem Gleichgewicht. Zugleich werden wir Zeugen, wie sich stillschweigend ein neues Menschenbild entwickelt, das, wenn man Fachleuten glaubt, erst in den Anfängen seiner Entfaltung steht: der manipulierte, „algorithmierte“, technisch und digital aufgemotzte Mensch, dessen Körper zudem als Materiallager für verschiedenste, letztlich beliebige Zwecke benutzt wird. Für ihn, vorab wenn er unkritisch die neuesten Entwicklungen akzeptiert und nur noch wenig geistigen oder gar geistlichen Rückhalt in sich selbst findet, stellen Gesundheit, Freizügigkeit (als vermeintliche Freiheit) und materieller Wohlstand dann letztlich die Grundwerte des Lebens dar.

Wer 1968 gerade erwachsen war, konnte die langsame Entwicklung unserer Gesellschaft hin zu diesem – zweifellos lückenhaft skizzierten – Zustand beobachten. Familien waren die ersten Opfer: die normalen Abkoppelungsvorgänge, die zu jeder Jugend gehören, gerieten zu einem Bruch mit Traditionen und sittlichen Anforderungen an den Menschen. Nicht wer sich z. B. gegen wohlbegründete sittliche Ausformungen von Liebe, Treue, Lebensweitergabe stellte, hatte sich zu rechtfertigen, sondern der, der nicht dagegen aufbegehrte. So verschärften sich die angestoßenen Entwicklungen noch und wir beobachten heute bei uns eine Krise der Haltbarkeit der Familie und ein Schrumpfen der Kinderzahl wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Hinter diesen Formulierungen verbirgt sich unsägliches Leid tiefer blickender Eltern, die nicht dagegen ankommen, dass ihre Kinder jeden guten Rat verwerfen und ungebremst in den Sog dieser Entwicklung geraten.

Am Beginn dieser Entwicklung stehen Humanae vitae wie ein Fanal und Papst Paul VI. wie ein Prophet, der in letzter Minute das Unheil abzuwenden versuchte. Zu spät? Erfolglos? Und ist diese Behauptung nicht übertrieben?

Kein Papst vor Paul VI. hat der Welt einen so tiefen Einblick in sein Ringen um wahr und falsch gewährt wie er. War nicht die Pille eine Errungenschaft, die man als weiteren lang ersehnten und wissenschaftlich legitimierten Beitrag der Menschheit zu Gottes Auftrag: „Macht euch die Erde untertan!“ betrachten musste und den deshalb auch die katholische Kirche dankbar begrüßen und akzeptieren sollte – wie andere christliche Gemeinschaften? Löste sie nicht auch gravierende moralische Probleme, die auf dem Eheleben der Christen lasteten? Konnte Papst Paul IV. sich der Mehrheit der von ihm selbst in die Studienkommission gewählten Mitglieder entgegenstellen? Wer war er, um einen solchen Alleingang mit absehbarer Ablehnung durch fast die ganze Welt zu wagen?

In seiner auch heute noch sehr lesenswerten und bewegenden Ansprache in Castel Gandolfo am 31. Juli 1968, sechs Tage nach der Veröffentlichung von „Humanae vitae“, hat er dieses Ringen und seine wachsende Sicherheit dargestellt, dass ihm im Gewissen nur die radikale Absage an die technische Manipulation der Fruchtbarkeit des Menschen blieb, da er ihre Unvereinbarkeit mit der Würde der Liebe, der Lebensweitergabe und der ehelichen Nachfolge Christi erkannte. Es galt tiefer gehenden, grundlegenden Schaden von der Menschheit abzuhalten. So konnte er zusammenfassend sagen: „Und es ist Uns kein Zweifel über unsere Pflicht geblieben, Unseren Entscheid in der vorliegenden Fassung auszudrücken.“ Es wurde ihm einerseits klar, dass hier ein Sonderproblem vorliegt, das eine „äußerst empfindliche und ernste Seite des menschlichen Daseins betrifft“: das intimsten Feld des Zusammenwirkens von Gott und Mensch in der Liebe und bei der Lebensweitergabe. Nicht die Technik darf hier das Verhalten regeln. Die Offenheit auf Gott hin und die Selbstachtung verlangen, dass wir Vollzug und Verzicht unserer Sexualität jeweils vernünftig verwalten und steuern, anstatt sie in jederzeit durch Chemie usw. ermöglichtem Vollzug technisch folgen- und schrankenlos ausleben. Ein Beispiel kann veranschaulichen, dass damit ein Abschaffen der sittlichen Relevanz, ja der Tugend generell einhergeht: jemand, der durch eine „Wahrheitspille“ seinen Hang zu Unwahrheit und Lüge unterdrücken würde und nur noch wahr sprechen könnte, wäre nicht mehr frei, im Sprechen verantwortlich menschlich zu handeln; er könnte ja auf dem Gebiet weder sündigen noch tugendhaft-sittlich handeln, sondern würde zwanghaft, „technisch gezwungen“, immer die Wahrheit sagen. Dasselbe trifft auf jede Form selbst herbeigeführter Sterilität (Pille und andere Techniken) zu: sie entzieht dem Menschen die zur Sittlichkeit seiner Taten unabdingbare Freiheit. Ein verheerender Zustand  dort, wo es um die tiefste Berufung des Menschen geht: zu lieben und Leben zu schenken.

Uns wurde damals mehr und mehr deutlich, dass der Papst andererseits wohl auch klar erkannt hatte: Es geht hier bei weitem nicht nur um eine universelle und (wie es damals zunächst schien) medizinisch unbedenkliche Regelung der menschlichen Fruchtbarkeit, sondern um die radikale Entkoppelung von Liebe und Lebensweitergabe mit ungeahnten Auswirkungen auf die Auffassung des Menschen von sich selbst und auf die Menschheitsgeschichte. Wir sehen heute, wie recht er hatte: Was gemeinhin „Liebe“ genannt wird, hat sich verselbständigt und macht stabile Beziehungen unnötig. Und das wiederum schlägt vor allem voll durch auf die noch in ihrer Entwicklung befindlichen jungen Menschen. Immer leichter halten sie Formen unreifer Liebe, also ausgelebte Sexualität, für wahre Liebe, der man sich nicht entziehen kann und sollte. Als Folgen sind Sexualgemeinschaften Jugendlicher, Partnerwechsel und Promiskuität üblich geworden und damit einhergehend auch viel Leid, weil junge Menschen in ihrem tiefsten Inneren verletzt werden, wenn ihre Sexualgemeinschaft zerbricht. Den ganzen weltweiten Genderwahnsinn hätte sich Paul VI. allerdings wohl kaum träumen lassen, obwohl auch er zutiefst mit den angeschnittenen Fragen zusammenhängt.

Und noch ein Weiteres: was der Gesellschaft erst allmählich dämmerte, wusste er durch den Informationsfluss in der Weltkirche lange zuvor und deutete es an: die ungeahnten Möglichkeiten, die sich durch den aufkommenden Gebrauch menschlichen Zellmaterials unweigerlich eröffnen und schlimmsten Missbrauch ermöglichen würden. Der Leib des Menschen als Rohstofflieferant von der Zeugung bis zum Tod.

Propheten ahnen voraus. Mit Recht bezeichnen wir Paul VI. als Propheten, der manches genau, anderes aber noch verschwommen vor sich sah und wusste: hier darf die Kirche, der Anwalt des Menschen als Leib-Seele-Person, nicht die Augen verschließen, sondern muss sich dem mit aller Kraft, koste es was es wolle, entgegenstellen, ja entgegenwerfen.

Leider hatten die politischen Verhältnisse durch Reiseverbote und andere Schikanen verhindert, dass der Krakauer Bischof Karol Wojtyla mit seinem als Ethikprofessor an der Katholischen Universität von  Lublin entwickelten christlichen Personalismus an dieser Stelle dem Papst früh genug argumentativ zu Hilfe kommen konnte. Er hätte helfen können, in Humanae vitae noch einsichtiger zu begründen, warum die Liebeshingabe nicht von der Möglichkeit der Lebensweitergabe und die Lebensweitergabe nicht von der Liebeshingabe abgekoppelt werden dürfen und was die Menschheit zahlt, wenn sie dennoch beides auseinanderreißt. Denn schon in seiner Schrift „Liebe und Verantwortung“ von 1962 schildert der spätere Papst, was der Mensch – angesichts seiner Fähigkeit mit Leib und Seele zu lieben - ist und dass er, um angemessen zu lieben, zu Reife und Selbstbeherrschung als Person fähig sein muss.

Papst Paul VI. hatte in Humanae vitae die Wissenschaftler und Theologen dazu aufgerufen, klarer darzulegen und zu begründen, warum Liebe und Leben im Liebesakt untrennbar sind und welche Möglichkeiten es gibt, entsprechend den im Menschen angelegten Fakten auch das Problem einer zu großen Kinderzahl zu lösen. Dieses Anliegen wurde nur von wenigen aufgegriffen. Einer, der sah, dass weiteste Kreise der Kirche schwiegen, ja rebellierten statt Pastoralprogramme im Sinne von Humanae vitae einzuführen, war Karol Wojtyla. Er gründete in Polen entsprechende Initiativen, die sich mit diesen Fragen pastoral und wissenschaftlich befassten. Als Papst setzte er dann seine Ansprachen bei den Mittwochaudienzen ein, um dem auf dem Spiel stehenden christlichen Menschenbild weltweite Resonanz zu verschaffen. Er holte dafür weit aus und interpretierte die wichtigsten Aussagen über die Bedeutung des menschlichen Leibes und seine Liebesfähigkeit, die in alt- und neutestamentlichen Schriften zu finden sind, und verfasste so sein heute als „Theologie des Leibes“ bekanntes Werk. Sein Ziel war dabei, das genuin christliche, biblische Fundament ins Licht zu heben, das der kirchlichen Lehre über die menschliche Person und ihre Fähigkeit zu lieben und mit Gott neue Menschen hervorzubringen, zugrundeliegt – nachzulesen im letzten Teil seiner „Theologie des Leibes“, den er ganz der Apologie von „Humanae vitae“ widmete.

War es dafür schon zu spät? Gottes Wege sind unerforschlich. Es hat zumindest lange gedauert, bis diese päpstliche Verkündigung gehört wurde. Heute gibt es dafür sehr gute Multiplikatoren in vielen Ländern, die gerade von jungen Menschen gesucht werden, allerdings ohne dass man schon von einem Durchbruch reden kann. Bei unzähligen Gelegenheiten haben wir international selbst erlebt, dass junge Leute offen und begeistert aufnehmen, was die Päpste uns lehren. Denn viele von ihnen wollen die Liebe und die gottgegebene Würde von Leib und Seele des Menschen verstehen und leben. Sie wollen die Sexualität gestalten, beherrschen, nicht von ihr beherrscht werden und sind deshalb auch zu Opfern bereit. Da viele, ja wohl die meisten Bischöfe und Bischofskonferenzen trotz der sich in ihrer ganzen Tragweite zeigenden Folgen der Nichtbeachtung von Humanae vitae schwiegen, haben in vielen Ländern Laien die Initiative ergriffen und Schulungsprogramme in diesem Sinne entwickelt. Menschen, die sie absolvieren, werden die Avantgarde der Kirche in Sachen Liebe und sakramentale Ehe sein. Denn die Sehnsucht nach wahrer Liebe wächst in jeder Generation unausrottbar nach. Und längst ist bekannt, dass der hl. Papst Johannes Paul II. in diesem Anliegen ein verlässlicher Begleiter ist und hilfreich neben Papst Paul VI. steht.

Dieser Papst nun wird genau im Jahr des 50. Jubiläums seiner mutigen Enzyklika, mit der er bewusst aufstand gegen den Mainstream in der ganzen Welt, heiliggesprochen – ein Zeichen, dass in der Kirche Kraftquellen sprudeln, von denen die wohl nichts ahnen, die sich dem Zeitgeist verschworen haben. Schon 1968 war es möglich, ihm und seinen Argumenten zu folgen. Möge er vom Himmel herab jetzt noch wirksamer helfen, dass immer mehr Paare die Einzigartigkeit des Menschen und der Liebe entdecken und sich zutrauen, sie auch verantwortlich und ihrer Würde entsprechend zu leben. Es geht nicht um das Ansehen in der Welt – es geht darum, zum eigenen und allgemeinen Wohl den Plan Gottes mit Mann und Frau ins Licht zu heben und zu retten!