Fakten zur konfessionellen Zeitenwende

Zwei Buchempfehlungen, um die Reformation sowohl historisch als auch theologisch besser verstehen zu können. Von Joachim Werz

Bewegte Zeiten, die keinen Theologen kalt ließen: Eine Darstellung im Genfer Reformationsmuseum zeigt die Reformatoren. Foto: KNA
Bewegte Zeiten, die keinen Theologen kalt ließen: Eine Darstellung im Genfer Reformationsmuseum zeigt die Reformatoren. Foto: KNA

Wie die Reformation von der Entdeckung und Entwicklung des Buchdrucks profitierte, so profitiert auch 500 Jahre später noch das Reformationsgedenken 2017 von dieser Innovation. Selten wurden anlässlich eines Gedenkjahres so viele Publikationen auf den Buchmarkt gebracht, wobei die Qualität ganz unterschiedlich ausfällt. Im Folgenden werden jedoch zwei empfehlenswerte Neuerscheinungen präsentiert, welche die Reformation sowohl historisch als auch mit theologischem Gegenwartsbezug auf eine lesenswerte und teils innovative Art und Weise untersuchen.

Zuerst soll – der Chronologie geschuldet – die jüngste Publikation von Irene Dingel vorgestellt werden. Die Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Zeitgeschichte in Mainz und Professorin an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz erschließt einer akademischen und aber auch gerade nicht-akademischen Leserschaft die Reformation als einen historischen Prozess, der neben den theologischen Neuerungen tiefgreifende gesamtgesellschaftliche, kulturelle und auch politische Veränderungen zur Folge hatte.

Den Startpunkt ihrer Untersuchung setzt die Verfasserin im Zustand des ausgehenden Spätmittelalters: Welche Strukturen finden sich in der Gesellschaft um 1500 und wie lebte und glaubte ein Mensch zu dieser Zeit? Diese geschichtswissenschaftliche Herangehensweise lässt die Reformation nicht nur besser verstehen, sie wird dadurch auch in gewisser Weise gedeutet: Ohne die Voraussetzungen der spätmittelalterlichen Lebenswelt und auch der spätmittelalterlichen Glaubens- und besonders Gnadenvorstellung wäre die Reformation so nicht in Gang gekommen.

Auf der Basis dieser Hintergründe stellt Dingel die Reformation mit ihren Zentren, Akteuren und Ereignissen in den Mittelpunkt. In diesem 200 Seiten umfassenden Kapitel beweist die Verfasserin sowohl ihre enorme Quellenkenntnis als auch ihr historisches Wissen, das für die Kontextualisierung ihres Arbeitsvorhabens in diesem Buch notwendig ist.

Die herauszustellende Stärke der Monographie ist, dass die Verfasserin primär den Fragen nachgeht: Was passiert zu dieser Zeit wo, durch wen und wie? Die Verfasserin spannt den historisch-vielschichtigen Bogen von der Reformation in Wittenberg mit ihren medialen Innovationen über die Reformation in Zürich mit Zwingli und den ersten reformatorischen Kontroversen, den reformatorischen Dissensen durch Täufertum, Spiritualismus und Antitrinitarier bis hin zur Reformation in Straßburg und den politischen Implikationen, die nicht nur das Bildungswesen positiv beeinflussten, sondern auch Krieg und Frieden im Reich maßgeblich mitbestimmten. Als letztes Zentrum der Reformation führt Dingel die Stadt Genf an, die als Wirkstätte des zu seinen Lebzeiten umstrittenen Calvin, einen entscheidenden Bruch mit dem bisherigen Luthertum brachte.

Mit europäisch-panoptischer Brille beschreibt die Verfasserin in einem kurzgehaltenen Kapitel die „Ausstrahlung der Reformation“ in den verschiedensten europäischen Ländern. Irene Dingel präsentiert in ihrer gut lesbaren und leicht zu erschließenden Darstellung der wichtigsten Zentren, Akteure und Ereignisse der Reformation eine empfehlenswerte Studie, die Reformation besser und vielschichtig zu verstehen gibt. Dabei sind Quellen- und Sachkenntnis der Verfasserin, wie aus ihren zahlreichen Arbeiten und Publikationen bekannt, von hoher Qualität und Relevanz.

Die zweite vorzustellende Studie will mit Blick auf 2017 die Reformation zwischen historischer Forschung und theologischer Deutung der Gegenwart untersuchen. Für dieses Arbeitsvorhaben in der Reihe Evangelische Impulse wurden von den renommierten Herausgebern Michael Beyer, Martin Hauger und Volker Leppin acht aus verschiedenen Forschungsgebieten und aus verschiedenen Konfessionen stammende Autoren gefunden, die in fundierten Beiträgen ganz bewusst vor 2017 eine Art Bestandsanalyse evangelischen Glaubens vornehmen. Der Band geht zurück auf eine Tagung der Theologischen Arbeitskreise für Reformationsgeschichtliche Forschung in Bad Liebenzell 2015, welche sich der „Rechtfertigung und Freiheit“ verschrieben hatte. Die Beiträge von Luise Schorn-Schütte und von Dietrich Korsch untersuchen zwar ganz unterschiedlich, doch in spannender Verbindung zueinander, welche Herausforderungen und Notwendigkeiten das Zusammenspiel von Theologie und Geschichte mit sich bringt. Problematisiert Schorn-Schütte als Historikerin die Wandelbarkeit des Urteils über historische Prozesse, so entwirft Korsch hingegen eine systematisch-theologische Perspektive zu Formen des Erinnerns im Kontext der Reformation. Wolf-Friedrich Schäufele, Theodor Dieter, Steffen Kjeldgaard-Pedersen und Svein Aage Christoffersen präsentieren ihre Forschungsergebnisse zu dezidiert theologischen Begriffen, die in und durch die Reformation transformiert wurden. Rechtfertigung, Freiheit und Einheit erscheinen dabei als zentrale Termini, die auf ihre historische Wirkkraft, aber auch auf ihre Relevanz für die Gegenwart befragt werden. Wolfgang Thönissen, Professor für Ökumenische Theologie in Paderborn und Leiter des dortigen Johann-Adam-Möhler Instituts, sucht als Katholik nach neuen katholischen Zugängen zur Reformation und stellt in seinem Beitrag die Notwendigkeit heraus, dass die beiden Konfessionen einen Konsens in Grundwahrheiten ihres christlichen Glaubens heute nötiger denn je formulieren sollten. Dass neuere Dokumente zum Verständnis der Reformation manchmal diesem geförderten Anliegen im Wege liegen können, zeigt die kritische Sichtung von Svend Andersen. Der vorliegende Band wurde – eventuell dem Tagungskonzept geschuldet – klug komponiert und gibt einen Ein- und Ausblick, wie Reformation über die Konfessionen und theologischen Disziplinen hinaus gedacht und für die Zukunft des Christentums in Europa befragt werden kann.

Beide vorgestellten Studien zeigen, dass die Reformation für beide großen christlichen Konfessionen in Deutschland ein Ereignis war und ist, anhand dessen man sich fragen muss, was war und was sein wird.

Irene Dingel: Reformation. Zentren – Akteure – Ereignisse. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016,

ISBN 978-3-7887-3032-1, 308 Seiten,

EUR 34,–

Michael Beyer/Martin Hauger/Volker Leppin (Hrsg.): Herausforderung Reformation. Reformationsgeschichte zwischen theologischer Deutung und historischer Forschung. In: Evangelische Impulse 7, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-7887-3096-3, 208 Seiten, EUR 20,–