Facetten der Vaterschaft

Bei der Theologischen Sommerakademie in Aigen stand in diesem Jahr Gott als Vater im Mittelpunkt. Von Ignaz Steinwender

Aigen (DT) Die „Internationale Theologische Sommerakademie“, zu der als Leiter Bischofsvikar Helmut Prader vom Linzer Priesterkreis eingeladen hatten, tagte heuer zum 27. Mal im oberösterreichischen Aigen im Mühlviertel. Das Publikum aus Wissenschaftlern, Priestern, pastoral Tätigen und einfachen Gläubigen folgte mit Interesse, wie das Tagungsthema „Gott – Vater“ von Referenten unterschiedlicher Fachgebiete angegangen wurde. Den Einstieg machte die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz mit dem provokanten Titel „Schluss mit den drei Monotheismen!“ Darin beschäftigte sie sich in Anlehnung an Remi Brague kritisch mit den Bezeichnungen „abrahamitische Religionen“ und „Buchreligionen“ und verwies auf gravierende Unterschiede zwischen den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, die man neben den Gemeinsamkeiten auch sehen müsse. Unter Bezugnahme auf Sure 9 ging sie auf das Phänomen Dschihad und das Problem der Gewalt ein. Im Islam dürfe der Begriff Vater für Gott nicht verwendet werden. Brüder und Schwestern gebe es aber nur, wo es einen Vater gibt. Gerl-Falkovitz erwähnte auch friedliche Botschaften des Koran und zitierte den Iraner Navid Kermani, der von einer besonderen Verantwortung derer, in deren Namen Gewalt verübt wird, gesprochen hatte.

Das Teamgespräch als „achtes Sakrament“

Der Neutestamentler Michael Ernst aus Salzburg zeigte auf, dass im Alten Testament mit dem Begriff Vater vor dem religiösen orientalischen Hintergrund behutsam umgegangen werde. Israel musste das im orientalischen Umfeld gängige Zeugungsmotiv umarbeiten zum Motiv der Erwählung. Israel ist unter den Völkern erwählt worden. Der spezifische Akzent der Vatergott-Metaphorik mit 20 Erwähnungen des Begriffes Vater liege im Alten Testament eben bei der Erwählungsthematik. Im Neuen Testament, so Professor Ernst, komme der Begriff Vater 414 mal vor; 261 Stellen würden sich auf Gott beziehen. Im Johannes-Evangelium werde der Begriff Vater sehr häufig verwendet, wobei sich Jesus im Gleichnis vom verlorenen Sohn als Vater des Gleichnisses verstecke.

Den dogmatischen Aspekt des Tagungsthemas bestritt der Rektor der Hochschule Heiligenkreuz, Pater Karl Wallner, in brillanter Weise. Er kritisierte theologische Defizite im Trinitätsglauben und plädierte für eine Rückbesinnung auf die Trinität als das „Selbst“ Gottes und den wesentlichen Inhalt des christlichen Glaubens. Der Münchener Pastoraltheologe Andreas Wollbold sprach über die geistliche Vaterschaft des Seelsorgers im Priesteramt. Die Krise der Berufungen habe auch damit zu tun, dass die Klarheit und Sicherheit im Amt fehle, was auch damit zusammenhänge, dass der Priester nicht mehr Vater sein dürfe. Das Vaterbild des Priesters werde durch eine „Verbrüderung“ und eine „Vermütterlichung“ abgeschwächt und in Frage gestellt. Ein starker, entscheidungsfreudiger Pfarrer sei wenig gefragt. Gesprächsfähigkeit, Teamfähigkeit träten an diese Stelle, das Teamgespräch sei wie das „achte Sakrament“. Wollbold plädierte für die Wiedererringung des Vaterbildes, das durch das Vorbild Einzelner gefördert werden könne.

Zur Vaterschaft des Bischofs referierte Stefan Heid aus Rom. In der frühen Kirche komme neben dem Bild des Arztes und des Hirten nur gelegentlich der Vater vor. Bei den Pastoralbriefen werde für den Bischof das Bild des Hausverwalters gebraucht. Der Bischof sei der Typus des Vaters, ein Abbild des Vater-Gottes, weil er in der Ortskirche an die Stelle Gottes trete. In der syrischen Didaskalie werde die bischöfliche Vaterschaft sakramental verstanden. Der Bischof „zeugt“ die Christen durch das Wasser der Taufe. Professor Heid brachte Belege für den Bischof in seiner fürbittenden, doktrinellen und caritativen Vaterschaft und beschäftigte sich auch mit der Anrede Vater und der Vaterschaft des Bischofs von Rom, derer sich Leo der Große bewusst gewesen sei, und die beim Martyrium von Sixtus II. bezeugt sei.

Den Vater erkennen und daran reifen

Mit dem Thema „Gott in der Theologie Leo Scheffczyks“ befasste sich Johannes Nebel aus Bregenz. Er führte aus, dass Scheffczyk in der Gotteslehre die Eigenschaften Gottes den Ausführungen über die Dreifaltigkeit nachstelle. Scheffczyk stelle klar, dass die Einheit Gottes bereits ein Moment der Dreifaltigkeit selbst sei und dass der Mensch nicht nur zu einer Person Gottes, sondern auch zum einzigen Gott ein personales Verhältnis aufbauen könne. Der Mensch reife als Mensch, wenn er Gott als Gott erkennt, wie das Kind daran reife, den Vater als Vater zu erkennen. Nebel führte Eigenschaften Gottes wie Lebendigkeit, Wille, Allwissenheit, Heiligkeit, Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit aus und brachte sie in Bezug zu den Eigenschaften von christlichen Vätern. So entspreche die unverwechselbare einzigartige Beziehung von Vater und Mutter zu jedem einzelnen Kind der hingebenden Liebe Gottes.

Der Augsburger Theologe Christoph Düren referierte über „die Vaterschaft Gottes in der heutigen Verkündigung“. Er beschrieb Gottes Vaterschaft in der Trinität (Wesensgleichheit mit dem Sohn) und die zweifach zu sehende Vaterschaft Gottes zu den Menschen, die schöpfungstheologische, aber auch die charitologische (die Gnade betreffende) Vaterschaft, welche die Gotteskindschaft durch Taufe und Glaube bedeute. Als Fürsorgender sei Gott auch Mutter, wie Johannes Paul II. einmal sagte. Düren ging auf wichtige Eigenschaften des Vaters ein, wie das Dasein als Beschützer, Ernährer, Erzieher, Leiter der Familie und religiöser Führer. Manche Väter seien gar nicht bekannt, manche seien kaum da, viele erfüllen wichtige Aufgaben nicht oder zu wenig. So sei es heute schwierig, Kindern und Jugendlichen den Glauben an einen guten himmlischen Vater zu vermitteln. Dies liege auch an der Zerstörung der väterlichen Autorität durch einen feministischen und emanzipatorischen Wahn, teils auch an der von den Medien geförderten Propagierung des gendergerechten androgynen Menschen. Das Fehlen des irdischen Vaters erschwere den Glauben an einen himmlischen Vater. Und doch wisse auch das Kind eines schlechten Vaters, wie ein guter Vater zu sein habe. Weder auf den irdischen noch auf den himmlischen Vater könne verzichtet werden, genauso wenig wie auf die irdische und die himmlische Mutter.

Der Churer Domherr Prälat Christoph Cassetti setzte mit seinen Ausführungen über die Quelle der geistlichen Vaterschaft einen spirituellen Akzent. Casetti beschrieb den gegenwärtigen Zustand der Vaterlosigkeit, die zur Suche nach „Ersatzvätern“ in der Politik, aber auch im Religiösen führe, und sagte, dass Vaterschaft nicht Abhängigkeit sei, sondern Lebensspendung bedeute. Geistliche Vaterschaft sei das irdische Mittel zur Erfahrung der Vaterschaft Gottes.

Die Sommerakademie erhielt durch die gemeinsame Messfeier mit zwei „geistlichen Vätern“, dem Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz und dem Erzbischof von Lemberg, Mieczyslaw Mokrzycki, eine besondere Aufwertung. In einem Abendforum erläuterte Bischof Mokrzycki die Situation in der Ukraine, den Krieg im Osten, die politischen und sozialen Spannungen, Armut, Korruption und die Situation der verschiedenen Konfessionen.