Exercitium: Kierkegaard zur Selbsthilfe?

„Unsere Zeit“, schrieb Sören Kierkegaard 1846, „ist wesentlich die verständige, die reflektierende, die flüchtig in Begeisterung aufbrausende und klug in Indolenz“ – das bedeutet: ohne Schmerzempfinden – „ausruhende.“ Damit beginnt der Essay „Kritik der Gegenwart“. Es war die erste entschieden reaktionäre Schrift, die mir vor bald einem halben Jahrhundert, als ich sie zum ersten Male las, als die einzige erscheinen wollte, die gegenüber dem „Manifest der kommunistischen Partei“ von Marx und Engels (1848) standhalten konnte. Und sie hat tatsächlich Bestand, immer wieder wird sie neu aufgelegt.

Kierkegaard war berufen zu dieser Sicht, denn er war ein Mann des Glaubens. Nicht eines kulturell vermittelten und abgeschliffenen, sondern eines Glaubens, der sich nach eigenem Recht ausgestaltet. Dieser dänische Philosoph stieß sich von seiner Zeit ab, von der er hohnvoll sagte, „ihre Kunst, ihre Verständigkeit, ihre Virtuosität bestehen darin, niemals handelnd die Sache zur Entscheidung kommen zu lassen“. Man ahne nicht, schreibt er weiter, „welche Menge von Bedenken, Überlegungen und Rücksichten selbst eine privatisierende kleine Familie nötig hat, welches Quantum sogar Kinder und Jünglinge brauchen, denn wie der Kinderkreuzzug das Symbol des Mittelalters war, so ist die Kinderklugheit das der Gegenwart.“ Gleich sieht man auch eine Ungerechtigkeit darin. Kierkegaard hat keine Familie gegründet, er lebte von seinem Erbe, da lässt sich leicht die reine Entscheidung predigen. Auch wird man den Eindruck nicht los, dass für diesen Mann das Christliche umso authentischer erschien, je verdüsterter es war, wie es im nordischen Protestantismus nicht selten ist. Der schwedische Filmregisseur und Pastorensohn Ingmar Bergmann ebenso wie der dänische Pastorensohn und Literaturnobelpreisträger Henrik Pontoppidan haben sich zeitlebens an solchen Lehren abgearbeitet. Für Kierkegaards düstere Ansicht ist es vielleicht bezeichnend, dass Abrahams alttestamentliche Bereitschaft zur Opferung seines einzigen Sohnes Isaak ihm zum Muster des echten Glaubens wurde.

Die Gegenwart von 1846 also sei die Erfinderin von etwas Wunderbarem, wie Kierkegaard ironisch sagt: sie habe die Aufgabe gelöst, die Zeit hinzuhalten, „so dass es beständig verhindert würde, dass etwas geschehe, und doch beständig so aussehe, als geschehe etwas“ – das sei fast so wunderbar wie eine Revolutionsepoche. Jemand könne einen revolutionären Aufruf verfassen, eine Versammlung einberufen, jedermann würde glauben, an einem Aufruhr teilgenommen zu haben. „Worauf die Teilnehmer ganz ruhig auseinandergingen – nachdem sie einen höchst behaglichen Abend verbracht hätten.“ Kierkegaards Diagnose hat auch heute etwas für sich, und dann auch wieder nicht. Er glaubte, die Revolution werde nur simuliert, in Wirklichkeit finde sie nicht statt, finde überhaupt nichts Wesentliches statt. Heute, so scheint es, verbringt man auch einen behaglichen Abend, aber das verhindert keineswegs den wirklichen revolutionären Kampf. Umstürzler sehen heute nicht mehr so aus wie noch im Jahr 1968. Eher wie Unternehmensberater, wenn sie nicht gerade zum Fußvolk gehören; sie haben sich ihrer Umgebung angepasst.

Ich suche im Netz nach weiteren Erläuterungen zur „Kritik der Gegenwart“. Google gibt als erstes Resultat: Buch von Sören Kierkegaard, und dann folgt: „Genre: Selbsthilfeliteratur“. Das ist eine unfreiwillige und deshalb umso schönere Bestätigung von Kierkegaards Überlegungen: Aus allem wird das Dramatische und Bewegende herausgekürzt. Es muss vor allem harmlos aussehen.