Evangelische Katholizität

Erneuerung der Kirche als Weg zur Einheit: Der hochkirchliche Protestantismus in Deutschland

Kann man in der evangelischen Kirche katholisch sein? Nach dem in Deutschland geltenden Staatskirchenrecht nicht. Danach ist ein Eintritt in die katholische Kirche für einen evangelischen Christen ohne vorherigen Kirchenaustritt ebenso unmöglich wie umgekehrt für einen Katholiken ein Eintritt in die evangelische Kirche das vorherige Verlassen der katholischen Kirche voraussetzt. Nach dem katholischen Kirchenrecht, dem „Codex Iuris Canonici“ von 1983, wird ein Getaufter – die Taufe kann auch in der evangelischen Kirche erfolgt sein – durch das Sakrament der Firmung, das die evangelische Kirche nicht kennt, in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen. Voll in der Gemeinschaft der katholischen Kirche stehen nach dem Kirchenrecht jene Getauften, die in ihrem sichtbaren Verband mit Christus verbunden sind durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung. Das Glaubensbekenntnis, also das Apostolische Glaubensbekenntnis und das Nicaeno-Constantinopolitanum oder Große Glaubensbekenntnis, ist in der katholischen und in der evangelischen Kirche dasselbe, auch wenn die einen ihren Glauben an die „heilige, katholische und apostolische Kirche“ und die anderen ihren Glauben an die „heilige, christliche und apostolische Kirche“ bekennen. Die Gegensätze bestehen bei den Sakramenten und der kirchlichen Leitung.

Statt von Sakramenten und kirchlicher Leitung spricht die Erklärung „Dominus Iesus“ von 2000, die an die Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils anknüpft, vom „gültigen Episkopat“ und von der „ursprünglichen und vollständigen Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums“, die in den Kirchen der Reformation nicht bewahrt seien, die „Dominus Iesus“ deshalb nicht als Kirchen, sondern als „kirchliche Gemeinschaften“ bezeichnet. Doch gibt es auch im deutschen Protestantismus Kreise, die im Hinblick auf Episkopat und Eucharistie in der eigenen Glaubensgemeinschaft Defizite registrieren und mit ihren Auffassungen von „Dominus Iesus“ nicht weit entfernt sind. Daran soll im Umfeld des Ökumenischen Kirchentages 2010 in München und vor dem Hintergrund verwandter hochkirchlicher Kreise in der anglikanischen Kirche erinnert werden. Die Einrichtung von Personalordinariaten für Anglikaner, die – nicht als individuelle Konvertiten, sondern als Gruppe – in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche eintreten, verleiht dem Thema Aktualität.

Gegen eine Verflachung von Theologie und Glaube

Am Ende des Ersten Weltkriegs entstand in den evangelischen Landeskirchen Deutschlands eine mit der im 19. Jahrhundert innerhalb der „High Church“ der anglikanischen Kirche aufgekommenen Oxford-Bewegung vergleichbare Hochkirchliche Bewegung. Wie die aus dem Täufertum des sechzehnten oder dem Pietismus des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts kommenden evangelischen Freikirchen und wie – wenn auch auf ganz andere Weise – die 1922 einsetzende Dialektische Theologie um Karl Barth wandte sich die Hochkirchliche Bewegung gegen die Verflachung von Theologie und Glauben. Dabei ging es den Trägern der Bewegung um Rückbesinnung auf das katholische Erbe und um Rückkehr zu einer vom Evangelium – im Verständnis des lutherischen Augsburgischen Bekenntnisses von 1530 – bestimmten Katholizität.

Im Kriegsjahr 1917 – zugleich das Jahr der 400-Jahr-Feier von Martin Luthers 95 Ablassthesen von 1517 – veröffentlichte der schleswig-holsteinische Pfarrer Heinrich Hansen unter dem Titel „Spieße und Nägel. Streitsätze wider die Irrnisse und Wirrnisse unserer Zeit“ 95 Thesen. Der Protestantismus habe, so der 1940 gestorbene Lutheraner, keinen Grund, Jubiläen zu feiern. Die evangelische Kirche müsse „in Sack und Asche Buße tun“. Sie habe „das Bewusstsein der Katholizität verloren“ und sei „von der wahren Kirche Christi abgefallen“. Dieser Aufruf führte ein Jahr später, am 9. Oktober 1918 in Berlin, zur Gründung der „Hochkirchlichen Vereinigung“ mit Hansen als Gründungsvorsitzendem.

Die prägende Gestalt der Hochkirchlichen Bewegung in Deutschland wurde Friedrich Heiler, der 1929 als „Apostolischer Vorsteher“ den Vorsitz der in diesem Jahr mit dem Ziel der Eingliederung in die apostolische Sukzession gegründeten „Evangelisch-Katholischen Eucharistischen Gemeinschaft“ übernahm. Der in München geborene Heiler war katholisch, ging als Münchener Privatdozent für Religionsgeschichte 1919 zu Gastvorlesungen nach Schweden, fand dort unter dem Einfluss des lutherischen Erzbischofs von Uppsala Nathan Söderblom zum Luthertum und nahm am lutherischen Abendmahl teil, ohne aus der katholischen Kirche aus- und in die evangelische einzutreten. Der 1981 postum veröffentlichte Briefwechsel zwischen Heiler und Söderblom enthüllt die Hintergründe dieser Praxis. 1920 wurde Heiler auf Betreiben des evangelischen Theologen und Marburger Professors Rudolf Otto, des Verfassers des wichtigen Buches „Das Heilige“ von 1917, Professor für Religionsgeschichte und Religionsphilosophie an der Universität Marburg.

Heiler prägte in Deutschland den auf Nathan Söderblom zurückgehenden Begriff „Evangelische Katholizität“ – der 1926 erschienene erste Band seiner „Gesammelten Aufsätze und Vorträge“ trägt den Titel „Evangelische Katholizität“ – , der zum theologischen Leitbegriff der Hochkirchlichen Bewegung wurde. Gemeint waren unter aanderem bibel- und bekenntnistreue Verkündigung, Wiederherstellung von Diakonat und Presbyteriat im katholischen Sinne, Erneuerung des sakramentalen Lebens und das Feiern voller eucharistischer Gottesdienste an Sonntagen und Werktagen, Stundengebet und evangelische Heiligenverehrung, Erneuerung der Beichtpraxis und ökumenische Einheit.

1930 empfing Heiler, der seit 1921 mit der späteren Abgeordneten der CDU im ersten Bundestag der Jahre 1949 bis 1953 Anne Marie Heiler geb. Ostermann verheiratet war und mehrere Kinder hatte, in Rüschlikon in der Schweiz von dem gallikanischen französischen Bischof Pierre-Gaston Vigué unter Assistenz des von Vigué schon 1924 zum Bischof geweihten Österreichers Aloysius Stumpfl gemeinsam mit dem reformierten Pfarrer und Vorsteher der hochkirchlichen Abteilung des Schweizer Diakonievereins Gustav Adolf Glinz die Bischofsweihe. Vigué selbst war von dem Schweizer christkatholischen – altkatholischen – Bischof Eduard Herzog zum Priester und 1921 von dem Primas der romfreien Église Gallicane Louis-Marie-François Giraud zum Bischof geweiht worden. Friedrich Heiler trat mit seiner Bischofsweihe in die apostolische Sukzession der syrisch-orthodoxen Weihelinie des Patriarchats von Antiochien ein und erteilte danach evangelischen Pfarrern der Hochkirchlichen Bewegung die Priesterweihe, was nicht nur in der katholischen Kirche und in den evangelischen Landeskirchen teilweise kritisiert wurde, sondern auch innerhalb der Hochkirchlichen Bewegung umstritten war.

Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde die Hochkirchliche Vereinigung, die 1935 den Namen „Hochkirchliche Vereinigung des Augsburgischen Bekenntnisses“ angenommen hatte, 1938 ebenso wie die Evangelisch-Katholische Eucharistische Gemeinschaft verboten. Doch fanden auch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs im Verborgenen sogenannte „Hochkirchentage“ statt. Friedrich Heiler stand dem Nationalsozialismus und den „Deutschen Christen“ fern und wurde wegen seiner Ablehnung des „Arierparagraphen“ als Universitätsprofessor zwangsversetzt, hielt aber auch Distanz zur „Bekennenden Kirche“ – auf ihn war wohl Dietrich Bonhoeffers Wort gemünzt: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“. 1947 nahm die Hochkirchliche Vereinigung als „Evangelisch-Ökumenische Vereinigung des Augsburgischen Bekenntnisses (Hochkirchliche Vereinigung)“ – heute führt sie wieder den Namen „Hochkirchliche Vereinigung Augsburgischen Bekenntnisses“ – die Arbeit erneut auf, während die Evangelisch-Katholische Eucharistische Gemeinschaft als „Hochkirchliche St.-Johannesbruderschaft“ wieder ins Leben trat, die der 1967 gestorbene Heiler bis 1962 als Apostolischer Vorsteher leitete. Von 1948 bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 bestand die Johannesbruderschaft auch in der DDR.

Eine andere Persönlichkeit der Hochkirchlichen Bewegung in Deutschland war der 1988 gestorbene habilitierte Systematische Theologe und evangelische Pfarrer Helmut Echternach, seit 1957 Pfarrer der Hauptkirche St. Petri in Hamburg, der 1966 die Hochkirchliche St.-Athanasius-Bruderschaft gründete. Der Vater des CDU-Politikers Jürgen Echternach empfing 1966 in Genf die Bischofsweihe in apostolischer Sukzession. 1971 spendete Echternach dem 1982 gestorbenen evangelischen Pfarrer Karl August Hahne die Priesterweihe, bevor dieser ehemalige Pastor einer Baptistengemeinde in Gelsenkirchen-Schalke 1971 in apostolischer Sukzession zum Bischof geweiht wurde. Hahne gründete die Hochkirchliche Vereinigung St. Ansgar und weihte 1977 den Detmolder Organisten Helmut Tramnitz zum Bischof, der seinerseits den lutherischen Pfarrer Karsten Bürgener aus Bremen zum Bischof weihte. Der 1986 gestorbene Oberschlesier Walter Drobnitzky war seit 1949 Inhaber der dritten Pfarrstelle an der evangelischen Apostelkirche in Münster, die als Predigtstätte Wilhelm Stählins – evangelischer Professor für Praktische Theologie in Münster seit 1926, von 1945 bis 1952 lutherischer Landesbischof von Oldenburg und nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit dem Erzbischof von Paderborn, Lorenz Kardinal Jaeger, Gründer eines ökumenischen Arbeitskreises katholischer und evangelischer Theologen, des „Jaeger-Stählin-Kreises“ – auch ein Ort der evangelischen Liturgischen Bewegung jener Zeit war. Drobnitzkys Engagement galt vor allem der Wiedergewinnung katholischer liturgischer Formen in Messe und Stundengebet, dessen wichtigstes Ergebnis das „Evangelisch-katholische Stundengebet“ war, das Drobnitzky 1982 vorlegte.

Aus der Hochkirchlichen Bewegung gingen neben der St.-Athanasius-Bruderschaft evangelische Orden und Bruderschaften wie die Evangelischen Franziskaner-Tertiaren, der evangelische Humiliatenorden, die evangelische Ordensgemeinschaft Communität Casteller Ring oder die Evangelische Michaelsbruderschaft hervor. Doch kann die 1931 in Marburg gegründete Michaelsbruderschaft nur bedingt der Hochkirchlichen Bewegung zugerechnet werden. Sie will der Erneuerung der Kirche durch die rechte Gestalt des Gottesdienstes, Verkündigung und Liturgie, Gebet, Sakrament und Meditation dienen, doch fehlt ihr die für die Hochkirchliche Bewegung charakteristische besondere Wertschätzung des Episkopenamtes in apostolischer Sukzession. Sie gehört eher in den Zusammenhang der evangelischen Liturgischen Bewegung, auch wenn enge Verbindungen mit der Hochkirchlichen Bewegung bestehen.

Die Hochkirchliche Bewegung war nie eine Massenerscheinung. Sie ist innerhalb des deutschen Protestantismus eine kleine Minderheit an der Peripherie und nicht repräsentativ für das, was evangelische Kirche heute in Deutschland ist. Aber sie ist Teil der evangelischen Kirche. Beide – die Hochkirchliche Vereinigung Augsburgischen Bekenntnisses und die Hochkirchliche St.-Johannes-Bruderschaft – stehen nach wie vor im halbamtlichen „Adressenwerk der evangelischen Kirchen“, dem evangelischen Gegenstück zum „Adressbuch für das katholische Deutschland“. Die Hochkirchliche St.-Johannes-Bruderschaft – derzeit unter der Leitung des in apostolischer Sukzession zum Bischof geweihten Apostolischen Vorstehers Klaus (Paulus) Jacoby in Münster – bleibt dem Leitbild der „Evangelischen Katholizität“ verpflichtet. Dazu gehört die Leitung durch Vorsteher in apostolischer Sukzession und das dreifache – im katholischen Sinne Diakonat, Presbyteriat und Episkopat umfassende – geistliche Amt. Dazu gehören eucharistische Frömmigkeit, die Eucharistiefeier als Feier der wirksamen Gegenwart Jesu Christi und die Firmung als sakramentales Zeichen der Versiegelung zum geistlichen Leben. Dazu gehören auch Stundengebete, Exerzitien und die Bemühung um Erneuerung der Privatbeichte. Dazu gehört schließlich das Eintreten für ökumenische Einheit unter dem Leitbild der „Una Sancta Catholica“.

Belächelt oder ignoriert, von Katholiken nicht beachtet

Die Hochkirchliche St.-Johannes-Bruderschaft hat nur rund 100 Mitglieder. Das ist keine große Zahl. Doch die Zahl täuscht. Die Ideale und Ziele der Hochkirchlichen Bewegung teilen, wenn auch mit Abstufungen etwa im Hinblick auf die Bischofs- oder Priesterweihe evangelischer Pfarrer, viele Pfarrer und Gemeindeglieder. Man findet solche Sympathisanten unter Mitgliedern von Institutionen wie der „Luther-Akademie Ratzeburg“, die seit der Vereinigung mit ihrer ostdeutschen Schwestereinrichtung „Luther-Akademie Sondershausen-Ratzeburg“ heißt, und in Teilen der Pfarrerschaft vor allem der lutherisch geprägten evangelischen Landeskirchen Deutschlands, aber auch in der von den evangelischen Landeskirchen unabhängigen „Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche“, die 1971 aus mehreren Gemeinschaften altlutherischer Tradition hervorging.

Von gar nicht Wenigen in der evangelischen Kirche belächelt oder ignoriert und von den Meisten in der katholischen Kirche nicht beachtet war und ist die St.-Johannesbruderschaft und ist die Hochkirchliche Bewegung insgesamt kirchlich-theologisch und liturgisch von Einfluss. In Gemeinschaft mit der evangelischen Liturgischen Bewegung, darunter die Michaelsbruderschaft, trug sie wesentlich zur liturgischen Erneuerung in der evangelischen Kirche bei, für deren Gottesdienste nicht das oft karikierte „Coca-Cola-Abendmahl“ – dazu gibt es unter Katholiken mehr Vorurteile als Kenntnisse der tatsächlichen Verhältnisse – oder anderer liturgischer Wildwuchs charakteristisch ist, sondern deren Gottesdienste mit und ohne Abendmahl überwiegend nach dem „Evangelischen Gottesdienstbuch. Agende für die Evangelische Kirche der Union und für die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands“ von 1999 gefeiert werden. Darüber hinaus zeigt die Hochkirchliche St.-Johannesbruderschaft, dass es für diejenigen, die nicht den Weg der individuellen Konversion gehen können oder wollen, möglich ist, in der evangelischen Kirche katholisch zu sein. Noch immer gilt ja – auch im Blick auf die Anglikaner, die unter Bewahrung anglikanischer liturgischer und anderer Traditionen in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche eintreten wollen – das Wort Walter Drobnitzkys, dass „Christus Eine Kirche gestiftet und gerade ihre Einheit zum Kennzeichen ihres göttlichen Ursprungs und Auftrags gemacht hat“, und dass „der Weg zur Einheit der Kirche über die kirchliche Erneuerung führt. Diese kirchliche Erneuerung ist von dem relativierenden Unions-Schema und dem starren Konfessionalismus gleich weit entfernt.“ Diese Verhältnisbestimmung könnte man auch als Formel für „Evangelische Katholizität“ verstehen.