„Es kommt auf jeden Einzelnen an“

Flüchtlingskrise, Menschenwürde und der gefährdete Frieden sind die dominierenden Themen in den Weihnachtspredigten der Bischöfe im deutschsprachigen Raum

Würzburg/Düsseldorf/Wien (DT/KNA/KAP) Die katholischen Bischöfe in Deutschland und Österreich haben zu Weihnachten Solidarität mit den Flüchtlingen angemahnt. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki rief in der Christmette zu Friedfertigkeit auf. „Die Erneuerung der Welt, die Erneuerung des Menschen, die kann man nämlich nicht mit Gewalt herbeizwingen“, sagte der Erzbischof im Gottesdienst zu nächtlicher Stunde im Kölner Dom. Wohl aber lasse sich die Welt durch eine Verwandlung der Herzen reformieren. „Mit Gewalt geht hier gar nichts“, sagte Woelki. „Deshalb kommt Gott in dem Kind in der Krippe so ohnmächtig, so entwaffnend ohnmächtig und arm daher. Deshalb markiert er nicht den starken Mann, wie es manche Staatsoberhäupter bis heute tun.“ Und deshalb regiere Gott nicht mit eiserner Faust. Die „Wende zu einem Frieden in Gerechtigkeit“ beginnt nach den Worten des Kardinals „vor der eigenen Haustür“ und im persönlichen Leben. „Dort, wo wir in Kleinkriegen und Stellvertretungskriegen verwickelt sind, wo wir mit Schlagworten aufeinander eindreschen und uns und andere kaputt machen, dort steht der Friede auf dem Spiel.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte im Münchner Liebfrauendom, trotz der vielen Krisen habe dieses Fest eine identitätsstiftende Kraft. Europa habe immer wieder lernen dürfen, dass mit diesem Kind von Bethlehem eine neue Lebensperspektive eröffnet worden sei.

Weihnachten werde heute nicht mehr automatisch mit der Geburt Christi in Verbindung gebracht, unterstrich der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann in der Christmette im Kiliansdom. „Zwar prägt dieses Fest noch die Familie, gibt ihr etwas Sakrales, schafft Verbindungen untereinander und schließt eine Geschenkekultur ein, aber der tiefere, dieses Fest begründende Sinn ist oft schon verloren gegangen“, sagte der Bischof. Den bei Jesaja verheißenen Weihnachtsfrieden vermissten die meisten. „Erst recht wird es den Flüchtlingen so gehen. Was haben sie nicht alles erleben müssen: die Aufgabe ihres Zuhauses, ihrer Heimat und Verwandtschaft, ihrer Arbeit und ihrer Kultur.“ Gott ertrage all das Unrecht und das damit verbundene Leid, weil er den Menschen den freien Willen zur Entscheidung für Gut und Böse gegeben habe. „Es kommt also auf jeden Einzelnen von uns an.“

Am ersten Weihnachtstag mahnte der Würzburger Bischof, über anrührende Einzelschicksale wie des am Strand von Bodrum ertrunkenen Flüchtlingsjungen nicht das Elend der vielen zu vergessen, welche die Öffentlichkeit nie zu Gesicht bekomme. „Allein im Südsudan wurden seit Ende 2013 zehntausende Menschen getötet und 2, 2 Millionen flohen.“ Die weltweit sechzig Millionen Flüchtlinge machten auf Zustände aufmerksam, die die Menschen nicht ruhig sein lassen dürften. „Christus bringt den umfassenden Frieden, wird aber oft mit seiner Friedensbotschaft nicht angenommen. Von daher greift auch sein Friede nicht. Wir aber, die etwas von dem Ungeheuerlichen dieser Friedensbotschaft verstanden haben, dürfen mit dem Friedenstiften ernst machen“, rief der Bischof den Gläubigen zu.

In Augsburg verglich Bischof Konrad Zdarsa die Sprachfähigkeit von Flüchtlingen und Christen. So wie das Erlernen der deutschen Sprache das wichtigste Mittel für eine gelingende Integration sei, müssten auch Christen fähig sein, Auskunft über ihren Glauben zu geben. Ein solches Lebenszeugnis sei die Voraussetzung, um selber als Christ bestehen zu können.

In Bamberg sagte Erzbischof Ludwig Schick, das Heranwachsen von Kindern in Liebe und Frieden sei der beste Schutz gegen Radikalisierung durch rechte oder linke Gewaltpropaganda. In der Familie werde soziales Verhalten gelernt, würden Werte und Tugenden entwickelt.

Nach den Worten des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke gibt die Weihnachtsbotschaft eine Antwort auf die besorgniserregende Zunahme von religiösem Fundamentalismus. Der Weg zur Krippe schenke Freiheit vom Begehren nach Macht, Gewalt, Ansehen und Einfluss. Die Welt brauche nicht weniger Religion, sondern Christen, die aus den Wurzeln ihres Glaubens lebten. Die Armseligkeit der Geburt Christi und sein Kleinsein stünden für Liebe, die nicht zwingen könne, sondern um das freie Ja des Menschen werbe. Wenn Religion nicht als Beziehung zu Gott und den Menschen gelebt werde, sondern als Machtanspruch bis hin zur Gewalttätigkeit, handele es sich um eine „Perversion des Glaubens“. Doch weder Christentum noch die liberale Gesellschaft sollten sich vor Fundamentalismus allzu sicher wähnen, warnte der Bischof. Gerade in der modernen Gesellschaft bestehe die Gefahr des Fundamentalismus durch eine Art von Verständnis, das sich gegenüber religiöser Wahrheitserkenntnis und religiösen Lebenseinstellungen unduldsam zeige, und damit zur Ideologie werde.

Der Passauer Bischof Stefan Oster dankte den Flüchtlingshelfern für ihren Einsatz und rief sie auf, zu Weihnachten auch von Jesus zu erzählen. In seiner Predigt am ersten Weihnachtsfeiertag im Passauer Dom sagte er, die Bürger leisteten den Flüchtlingen in „unserem Land“ so viel Hilfe. Das mache ihn stolz und dafür sei er dankbar. Zugleich stellte er die Frage: „Aber könnten wir ihnen auch schon von dem weihnachtlichen Frieden erzählen, den die Begegnung mit Jesus wirklich in unser Herz bringen kann?“ Die vielen Menschen, die aus anderen Kulturen nach Deutschland gekommen seien, hätten sicherlich in den vergangenen Wochen auch die schönen Weihnachtsmärkte besucht, merkte Oster an. Dabei hätten sie wahrgenommen, wie viel Aufwand da hineingesteckt werde, in die Musik, die Dekoration, die Stände, in alles Kaufen und Verkaufen. Doch was wäre, wenn die Flüchtlinge fragen würden, was die Menschen da eigentlich machten, gab der Bischof zu bedenken. Wäre dann die Antwort wirklich: „Wir bereiten uns vor, auf das Fest der Geburt des Gottessohnes?“ Vielleicht trauten sich die Leute gar nicht mehr, so etwas zu sagen.

Bischof Rudolf Voderholzer erzählte eine sich vor 70 Jahren zugetragene Weihnachtsgeschichte. Eine aus russischer Kriegsgefangenschaft 1945 in der Tschechei freigelassene Frau hatte sich bis ins damals amerikanisch besetzte Regensburg durchgeschlagen. Dort habe ihr ein Fremder Lebensmittelmarken geschenkt und sie zur Christmette mitgenommen. Der Abend sei Balsam für ihre geschundene Seele gewesen. Auch einige christliche Flüchtlinge aus Syrien besuchten den Gottesdienst. Voderholzer rief ihnen zu, auch heute fänden Menschen, denen Krieg und Terror die Heimat geraubt hätten, „bei uns offene Türen und offene Herzen“.

Zum Einsatz für die Achtung der Menschenwürde am Beginn und am Ende des menschlichen Lebens und für Flüchtlinge rief der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen die Christen in seiner Weihnachtsansprache auf. „Dann kommen wir dem, was Gott allen Menschen zu Weihnachten schenken will, ein gutes Stück näher“, sagte der Bischof am ersten Weihnachtsfeiertag im Fuldaer Dom. Christen hätten die „weihnachtliche Verpflichtung“, sich für das umfassende Recht eines jeden Menschen auf Leben stark zu machen, betonte Algermissen. Die durch die Menschwerdung Gottes erneuerten und angenommenen Menschen dürften sich mit den Fakten, die die Welt setze, nicht einfach abfinden. Sie würden allerdings immer häufiger als Fremdkörper und Störenfriede empfunden in einer neuheidnischen Welt, „deren Konsense“, so der Bischof, „wir nicht mitzutragen bereit sind“.

Zu Hilfen für Arme, Kranke und Flüchtlinge ermutigte der Freiburger Erzbischof Stephan Burger. Die christliche Weihnachtsbotschaft bestehe auch darin, hinter die Fassaden zu sehen und für die Schattenseiten des Lebens sensibel zu werden, sagte Burger an Heiligabend im Freiburger Münster. „Welches Licht mag der sehen, der keine Chance auf eine Wohnung oder auf einen Arbeitsplatz hat, der sozial ausgegrenzt ist?“ Zuwendung bräuchten gerade auch die Flüchtlinge, die vor „Kriegen und Tragödien“ in Syrien, Irak oder Afrika nach Deutschland geflüchtet seien, so der Erzbischof. An Weihnachten wolle Gott den Menschen „Licht für das menschliche Elend und nicht Glitzer und Glimmer eines Weihnachtsmannes“ schenken. Das an Weihnachten geborene Kind Gottes zeige den Menschen, „dass wir in seiner Liebe, in der Liebe und Geborgenheit Gottes leben dürfen“. Während der Weihnachtsmann aus der Fernsehwerbung nach den Feiertagen schnell wieder verschwinde, bleibe das Christkind, der Sohn Gottes, bei den Menschen, um ihnen in ihren Nöten und Ängsten beizustehen, sagte Burger.

Angesichts des Schicksals von sechzig Millionen Flüchtlingen weltweit betonte Kardinal Karl Lehmann im Mainzer Dom, dass Weihnachten zu einer Umkehr herausfordere. Gott sei nicht mit einer erdrückenden Übermacht auf die Welt gekommen, sondern sei selbst Mensch geworden und wolle so das Los und Schicksal der Menschen teilen.

Der Apostolische Administrator des Bistums Limburg, Weihbischof Manfred Grothe, mahnte eine kinderfreundlichere Gesellschaft an. „Die Geburtenzahl bleibt seit Jahren in unserer Gesellschaft konstant niedrig. Das Kind wird oft als ein Problem angesehen, das man vermeiden muss“, kritisierte Grothe am ersten Weihnachtsfeiertag im Limburger Dom. „Wir müssten das Leben wieder als ein Geschenk begreifen, das wir für andere leben und einsetzen.“

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sieht Weihnachten als Versprechen Gottes, den Menschen in Not und Leid beizustehen. „Gottes Licht scheut die Finsternis unserer Welt nicht. Es trotzt ihr, und es leuchtet unbeirrt weiter“, sagte Ackermann am ersten Weihnachtsfeiertag im Trierer Dom. Im zurückliegenden Jahr habe es viele dunkle Stunden gegeben, sagte der Bischof mit Blick auf Krieg, Terror und Hass. Zugleich erinnerte er an „die dunklen Seiten, die in diesem Jahr mitten in unserer Gesellschaft in Form von Extremismus und Fremdenfeindlichkeit zutage getreten sind und die in den sozialen Netzwerken krebsartige Wucherungen hervorbringen“. Christlicher Glaube sei es, dass Gott durch seine Menschwerdung die Menschen befähige, der Dunkelheit Licht entgegenzustellen. Christen müssten sich nicht davor fürchten, „von den Dunkelheiten überwältigt“ zu werden, so Ackermann.

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße betonte, wie wichtig menschliche Wärme gegenüber denen sei, deren Leben aus Dunkelheit und Kälte bestehe. Er erinnerte an Menschen „ohne Obdach, auf der Flucht, direkt hier neben dem Dom am Hauptbahnhof, aber auch in Krieg und Terror, in Angst und Arbeitslosigkeit und vielem anderen mehr“. Nicht Macht und Reichtum machten die Größe des Lebens aus, die Größe liege im Kleinen.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck kritisierte eine Verrohung der Sprache in der Flüchtlingsdebatte. Er wandte sich am ersten Weihnachtstag im Essener Dom besonders gegen Hasskommentare in Sozialen Medien. „Da werden in unzähligen E-Mails und Briefen Menschen auf eine unflätige Weise beschimpft, weil sie der Meinung des Schreibers nicht entsprechen“, so der Essener Bischof.

Overbeck zufolge sinken Menschen immer wieder aus unterschiedlichen Gründen in ihrem Sprachniveau herab. „Wer seine Macht retten will, der wird oft ganz laut“, sagte der Bischof. „Wer ängstlich ist, kann auch subtil unredlich werden. Und wer seine Macht retten will, kann oft auch hinterrücks reden, auf keinen Fall aber offen und redlich.“ Der Bischof warb für „eine Kultur des Wortes, der Würde, der Freiheit, der Liebe und des Friedens“. Eine Kultur ehrlicher Auseinandersetzung scheue nicht die Wahrheit, unterlasse aber das Verleumderische. „Die Kultur des Dialogs gehört zum Ausdruck des Wesens Gottes“, so Overbeck.

Der Oberhirte des Erzbistums Berlin, Heiner Koch, sagte: „Heimat wächst, wenn wir sie einander schenken, und sie zerfällt, wenn wir die Türen schließen.“ Insofern seien die Migranten und Asylbewerber, die nach Deutschland kämen, Helfer beim Aufbau einer gemeinsamen Heimat. „Ohne sie wären wir ärmer, würden wir heimatloser“, betonte Koch, der seit September das Erzbistum Berlin leitet, zu dem auch Vorpommern gehört.

Er erklärte, gerade Weihnachten stelle die heimatlose Familie in den Mittelpunkt. Die Thematik sei aktueller denn je: „Der Schmerz des Heimatverlustes und die Angst vor der Heimatlosigkeit standen uns in diesem Jahr vor Augen in den Bildern der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, aber auch in den skeptischen und ablehnenden Gesichtern mancher unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger.“ Aus dieser Spannung könne aber die Einsicht wachsen, dass Heimat nicht unweigerlich der Geburts- oder Wohnort sei, „sondern dass Heimat vielmehr immer wieder wachsen muss“.

Münsters Bischof Felix Genn sagte an Heiligabend in der Christmette im Dom zu Münster, man könne nicht die Krippe anschauen, ohne sich vom Schicksal der Flüchtlinge, der Asylsuchenden und der Heimatlosen beunruhigen zu lassen. Jesus sei „in große Armut hineingeboren, um so an der Armut dieser Welt teilzunehmen“. „Dieser Mensch, der damals keinen Platz in der Herberge fand, wird einmal der Weltenrichter sein, der uns danach beurteilt, ob wir ihn in den Fremden und Obdachlosen aufgenommen haben“, sagte Genn. Glanz und wohlige Stimmung an Heiligabend könnten diesen Anspruch nicht wegdrängen. „Wir Christen haben uns ihm zu stellen.“

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker verwies an Heiligabend im Paderborner Dom auf die Medien, die über hohe Zahlen von Kriegsopfern, Hungernden und Flüchtlingen berichten. „Aber es sind immer Menschen, konkrete Menschen und Gesichter mit persönlichen Schicksalsschlägen und persönlichen Zusammenbrüchen.“

Für eine menschliche und freie Gesellschaft hat der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann in seiner Weihnachtspredigt geworben. „Kein Terror der Welt darf die Macht haben, auch uns zu Hassenden und Hetzenden zu machen“, sagte Wiesemann am ersten Weihnachtsfeiertag im Speyerer Dom. Die Terroranschläge des zurückliegenden Jahres, insbesondere die in Paris, hätten die Verwundbarkeit der freiheitlichen Gesellschaft dramatisch aufgezeigt, sagte der Bischof. Nun dürfe aber nicht die Angst das Handeln bestimmen.

Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst hat die Christen zum weltweiten Engagement für Frieden und Versöhnung aufgerufen. In der Messfeier am ersten Weihnachtsfeiertag sagte Fürst in der Stuttgarter Domkirche Sankt Eberhard, Gottes Friedensprogramm zeige sich in der Geburt Jesu in der Schutzlosigkeit des Stalls von Bethlehem. „Mitten in der Welt ist die Krippe aufgestellt“, so Fürst, „mitten in der Geschichte der Menschheit ereignet sich die Geburt des Friedensstifters.“

Der Aachener Diözesanadministrator, Weihbischof Karl Borsch, rief die Christen zu einem mutigen Bekenntnis auf. „Christen dürfen sich nicht abriegeln, dürfen sich nicht einschließen und absichern vor der Welt“, sagte er am Heiligabend in der Christmette im Aachener Dom.

Angesichts einer „heillosen Zeit“ gehe es darum, „solidarisch einander zu Hilfe zu kommen und füreinander einzustehen“, sagte der Magdeburger Bischof Gerhard Feige. Mit Blick auf den Flüchtlingszuzug warnte er vor fremdenfeindlichen und rassistischen Tendenzen, „die man im Europa des 21. Jahrhunderts so nicht mehr erwartet hätte“. Schnell seien „angesichts notwendiger Veränderungsprozesse Sündenböcke gefunden, nehmen Vorurteile und Unterstellungen anderen die Luft zum Atmen“, kritisierte Feige. Wer aber sich das Schicksal anderer zu Herzen nehme und mutig darauf reagiere, gebe „etwas von dem weiter, was Gott an Weihnachten in diese Welt hinein gesetzt hat“.

Der Diözesanadministrator des Bistums Dresden-Meißen, Andreas Kutschke, verwies darauf, dass Weihnachten „kein Fest der Idylle“ sei. Es rücke gerade „soziale Randgestalten“ ins Zentrum. Die Weihnachtsbotschaft könne den Blick dafür schärfen, was jeder Mensch brauche, um froh zu werden: Frieden, Menschenrechte, Heimat und Angenommensein.

Durch die Menschwerdung Gottes im Kind von Bethlehem ist Gott als bleibend „unbegreifliches Geheimnis“ greifbar geworden, unterstrich der Wiener Kardinal Christoph Schönborn am Christtag im Wiener Stephansdom. „Niemand hat Gott je gesehen“, diese Worte aus dem Prolog des Johannesevangeliums seien bewegend und erstaunlich zugleich, weil sie in jenem Buch stehen, „das von A bis Z von Gott handelt“. Weil Jesus Christus als der Einzige, der Gott je gesehen hat, Mensch geworden ist und von Gott Kunde gebracht hat, sei auch ein Sprechen über Gott möglich, so Schönborn.

In jedem Menschen auf der Flucht komme Jesus den Menschen selbst entgegen und bitte um Aufnahme, betonte der scheidende Linzer Bischof Ludwig Schwarz. Jesus sei in eine Heimatlosigkeit hineingeboren worden, „die wir letztlich in irgendeiner Form alle kennen“. So viele Menschen seien auf der Suche nach Heimat, nach Geborgenheit, nach einem guten Platz im Leben. Wer die Not eines anderen sehe, sich davon berühren lasse und das tue, was notwendig sei, der nehme Gott selbst bei sich auf.

Der Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl meinte: „Wenn wir uns dieser Tage der Flüchtlinge annehmen, dann leben wir Barmherzigkeit.“ Die Botschaft von Weihnachten sporne dazu an, „der Welt jenes Gesicht zu verleihen, das sie eigentlich prägen soll, weil sie von Gottes Ja von Anfang an getragen ist“, so Krautwaschl in der Christmette im Grazer Dom. Gott habe sich in seinem Sohn selbst in diese Welt mit allem, was diese ausmacht, hineingesprochen. Es sei die Hoffnung schlechthin, die Gott an Weihnachten schenke und dazu herausfordere, sich der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ zu erwehren.

Auch der Kärntner Bischof Alois Schwarz nahm die Flüchtlingsthematik auf: „Gott sucht Herberge bei den Menschen und wird in der Fremde geboren.“ Gott komme wie mancher Flüchtling ohne Pass und er fülle keine Fragebögen aus, so Schwarz in der Christmette im Klagenfurter Dom: „Er klopft heute bei uns an und fragt, ob wir ein Herz zu vergeben haben als Herberge seiner Liebe.“ Er bleibe aber anonym, um niemanden bei der Arbeit zu stören, „beim Betten der Kranken, beim Füttern der Gelähmten und dem Umarmen der Kinder“. Das Fest der Geburt Jesu zu feiern, sei angesichts dieser Situation wichtig, denn „Weihnachten ist ein Geheimnis, das Hoffnung schenkt und jene, die es nicht nur äußerlich feiern, innerlich verändert“, betonte St. Pöltens Bischof Klaus Küng. Es sei sicher richtig, „dass wir angesichts der vielen Bedrängnisse in der Welt nicht so tun dürfen, als würde es uns nichts angehen, was sich vor unserer Haustür abspielt“. Aber Weihnachten zu feiern, sei wichtig, „ich würde sagen, je größer die Not, um so wichtiger ist es“.

Die Weihnachtsbotschaft sei ein Mittel gegen das Gefühl von Resignation und Ohnmacht angesichts der Flüchtlingssituation, betonte der bald nach Linz wechselnde Bischof von Innsbruck, Manfred Scheuer, am Christtag. Gleichzeitig zeigte sich der Caritas-Bischof skeptisch gegenüber der Haltung, dass man Probleme im Zusammenhang mit Flucht und Migration mit Zäunen, Mauern und Abgrenzungen lösen könne. Die mit den Flüchtlingen verbundenen Sicherheitsfragen seien zwar sensibel, aber das Phänomen der Asylsuche und der Migration sei „zu komplex, als dass wir die damit verbundenen Probleme mit Zäunen, Mauern und Abgrenzungen lösen können“, so Scheuer.

Der Eisenstädter Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics bezeichnete Weihnachten als „letzten Aufruf zum moralischen und geistigen Klimawandel“. Das Ereignis von Bethlehem sei seit jeher die Einladung an die Menschen, nicht so weiterzumachen und ihr Leben zu ändern. Gefragt sei eine Lebensweise, die Jesus bereits vor 2000 Jahren vorgelebt habe: „barmherzig, frei, von unmenschlichen Bindungen an Haben und Besitz unabhängig“. Aber auch nach 2000 Jahren Christentum sei diese Lebensweise noch nicht in das praktische Handeln der Völker eingegangen. Das Evangelium sei aber „keinesfalls ein Auslaufmodell, sondern es ist heute zur Überlebensfrage der Menschheit geworden“. Gott wolle „Klima der Menschlichkeit und der Selbstlosigkeit statt der Gier und der menschlichen Ausbeutung; ein Klima der Barmherzigkeit und der gegenseitigen Hilfe statt der Unbarmherzigkeit und der menschlichen Kälte; ein Klima der Gottesnähe und der Spiritualität statt der Gottesferne und des modernen Götzendienstes am Geld, am Besitz und am Konsum.“