„Es gibt einen, der auf uns wartet“

Das Rheinmeeting der Gemeinschaft Comunione e Liberazione befasst sich mit der Frage: Was ist ein Mensch? Von Heinrich Wullhorst

Was für den Menschen am Ende kommt, beschäftigt den Palliativmediziner Marcus Schlemmer. Foto: Wullhorst
Was für den Menschen am Ende kommt, beschäftigt den Palliativmediziner Marcus Schlemmer. Foto: Wullhorst

Köln (DT) „Ein Mensch zu sein, das interessiert mich.“ Unter diesem Leitwort von Albert Camus stand das diesjährige Rheinmeeting im Kölner Maternushaus. An drei Tagen ging es um eine zentrale Frage, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu formuliert wurde: Was macht es aus, Mensch zu sein? „Auch wenn rund um diese Frage die unterschiedlichsten Wissenschaftsrichtungen entstanden sind, so liegt es doch an jedem Einzelnen, sie für sich zu beantworten“, betonte der Organisator des Rhein-Meetings, der Kölner Priester Gianluca Carlin. „Es muss uns einfach interessieren, was es heißt, Mensch zu werden, zu sein und zu bleiben.“ Das Rheinmeeting solle mit seiner Thematik in diesem Jahr dazu beitragen, sich selbst zu entdecken und anderen auf der „gemeinsamen Suche nach dem wahren Menschsein“ zu begegnen.

Zu Beginn der Veranstaltung diskutierten Luís Miguel Poiares Maduro vom Europäischen Hochschulinstitut Florenz und der stellvertretende Landesvorsitzende der nordrhein-westfälischen SPD, der Kölner Jochen Ott, über das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft. Zentral ging es um die Verantwortung des Individuums in der Zivilgesellschaft, in der Politik im öffentlichen Diskurs häufig als „Herrschaftssystem“ wahrgenommen wird, in dem der Bürger eher willfähriger Untertan ist. Wenn allerdings die Politik seit der Antike als Dimension des Menschseins definiert wird, geht es auch hier um die Frage, welche Rolle der Bürger und Mensch in diesem System verantwortlich einnehmen muss. Wie das auf unterschiedlichen Verantwortungsebenen, vor Ort und in Europa geschehen kann, machten die beiden Referenten durch ihren jeweiligen Blick auf politisches Engagement deutlich.

Das Verhältnis des Schöpfergottes zu seinen Menschen stand im Mittelpunkt der ersten Vortragsrunde am Samstag. Hier stellten Erzbischof Paolo Pezzi vom Erzbistum der Mutter Gottes in Moskau und der evangelische Theologe Huib Klink aus den Niederlanden ihre Positionen vor. Der Vorsitzende der russischen Bischofskonferenz näherte sich der Rolle des Menschen im Schöpfungsplan und dem Interesse Gottes am Menschen über biblische und literarische Anknüpfungspunkte. „Es erstaunt mich immer wieder, dass mein persönliches Schicksal Gott am Herzen liegt“, erklärte der Erzbischof. Dabei finde sich die große Leidenschaft Gottes für den Menschen doch bereits in den Psalmen des Alten Testaments. In ihnen trete die Liebe Gottes als Schöpfer und Hirte zu Tage. „Die Freiheit und die Liebe, die Gott den Menschen gibt, machen sein großes Geheimnis aus“, betonte der Italiener. In Christus sei der Mensch dem Menschen offenbart worden. Er habe gezeigt, dass seinem Leben ohne die Liebe der Sinn fehle. „Wir brauchen ein Du, um Ich zu sagen“, machte Pezzi deutlich. Auch die Kirche könne nur aus der Liebe und Leidenschaft für das Schicksal der Menschen heraus leben. Deshalb sei für ihn als Bischof die unmittelbare Begegnung mit den Menschen eine zentrale Aufgabe. Dazu müsse man sich im priesterlichen Alltag immer wieder „unverzweckte Zeit“ nehmen. Neben dem persönlichen Umgang mit jungen, alten und kranken Menschen ist für ihn der Dialog aller getaufter Christen ein zentrales Thema: „In der Liebe Christi sind wir vereint.“

Nach diesem leidenschaftlichen theologisch-literarischen Zugang zum Menschen und seinem Verhältnis zu Gott hielt mit Huib Klink eher der nüchterne Protestantismus Einzug. Er machte deutlich, dass es die Kirche gewesen sei, die den Menschen immer hohe Wertschätzung entgegengebracht habe. Und das schon lange, bevor humanistische Philosophen ihn für sich entdeckten. Durch die neuzeitliche Psychologie sei ein verzerrtes Bild vom Menschen entstanden, das ihn, wie bei Freud, oft sehr stark über seine Abgründe definiere. Der vielgepriesene Hedonismus sei eine der Ursachen für die psychischen Probleme der Menschen in der Gegenwart. Ihnen sei die bereits von Sokrates und Platon definierte „Sorge für sich selbst“ abhanden gekommen. Dabei gehöre gerade sie zur Selbstständigkeit des Menschen. Bereits die griechischen Philosophen des Altertums hätten zutreffend festgestellt: „Man kann sich nur im Lichte Gottes selbst erkennen“. Sie hätten die Seele des Menschen als den Ort entdeckt, an dem die Stimme Gottes hörbar werde. So lasse sich das Innere des Menschen in seiner Beziehung zu Gott, die das Wichtigste im Leben sei, entdecken. Genau dieses Menschenbild habe sich in der Neuzeit verändert. „Der Geist, der bei Platon auf Gott gerichtet ist, ist bei uns geschwunden. Der Verstand hat die Rolle des Geistes übernommen“, beschreibt Klink das Problem. Das habe bereits Martin Luther erkannt und daher wie Platon immer wieder auf die Seele als einen Aspekt des Geistes geschaut und gesagt: „Wenn der Geist nicht geheiligt ist, wird der Verstand verdunkelt“. Der Niederländer will aus dieser Erkenntnis heraus eine Aufgabe für die heutige Zeit entwickeln: „Wir müssen den Menschen helfen, die Seele wiederzuentdecken.“

Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Das ist eine Frage, die sich aus einer Position kraftstrotzender Stärke vielleicht noch beantworten lässt. Wenn aber das Leben immer weniger wird, der Mensch gesundheitlich verfällt, was macht ihn dann als Menschen aus? Als der Münchener Palliativmediziner Marcus Schlemmer von seinen persönlichen Erfahrungen im Umgang mit sterbenskranken Menschen berichtete, konnte man im Maternussaal eine Stecknadel fallen hören. Betroffenheit machte sich breit angesichts der Frage, was es im Blick auf Krankheit, Leid und Tod bedeutet, „ein Mensch zu sein“. Von Haus aus ist Schlemmer Onkologe und kennt die Angst vieler seiner Kollegen, im alltäglichen Kampf mit dem Tod der Verlierer zu sein. Die etwa 800 Patienten, die im Jahr seine Klinik zur Linderung ihrer Schmerzen, ihrer Atemnot oder anderer Symptome einer unheilbaren Erkrankung aufsuchen, kommen mit der Gewissheit, dass nur etwa die Hälfte von ihnen die Klinik lebend verlassen wird. „Da steht nicht mehr die Erkrankung im Mittelpunkt, sondern nur noch der Mensch“, macht der Chefarzt deutlich. Die Palliativmedizin sehe den Menschen in seiner Gesamtheit mit Körper und Seele und nicht als „die Galle von Zimmer 14“. In einer Medizin, die zumeist über Weiterentwicklung und Erfolge definiert wird, führt die Palliativmedizin zurück an die Anfänge des Umgangs mit den Menschen. „Die älteste medizinische Disziplin der Welt“ gab es, so Schlemmer, natürlich schon lange vor dem Chirurgenbesteck oder der Chemotherapie. Am Angang konnte man nicht mehr tun, als die Menschen in einer Krankheit zu begleiten und ihnen Linderung zu verschaffen. „Dieser zutiefst humane Zugang ist der Medizin in ihrer naturwissenschaftlichen Entwicklung abhanden gekommen“, kritisierte Schlemmer. In der Palliativmedizin sei die Pflege die wichtigste Berufsgruppe. Deshalb müsse man gerade für die Pflegekräften eine höhere Wertschätzung und bessere Bezahlung sicherstellen. Die Palliativmedizin zeichne sich dadurch aus, dass man bei 98 Prozent der Patienten den Schmerz lindern könne, sodass sie gut leben und gut sterben könnten.

Den ständigen Umgang mit dem Tod sieht Schlemmer zwar nicht mehr als Niederlage, dennoch erlebt er Situationen, die ihn sprachlos machen, ihn zum Weinen bringen. „Am Ende eines Lebens treten spirituelle Nöte des Menschen offen zutage“, öffnete der Arzt den Blick auf eine weitere Komponente des Lebens. „Menschen, die eine biographische Schuld mit sich schleppen, sterben oft schwerer“, bekannte er. Doch Schlemmer ist eigentlich sicher: „Es gibt niemanden, der wirklich glaubt, dass der Tod das Ende ist, auch wenn er es noch so oft betont.“ Egal woran man glaube und wie man Gott nenne: „Es gibt einen, der auf uns wartet, und das sehe ich in allen Menschen, die sterben.“

Im Anschluss daran widmete sich der Aachener Theologe Ulrich Lüke dem Menschen als „Säugetier von Gottes Gnaden?“. Dem Menschen werde heute zunehmend die Fähigkeit abgesprochen, frei agieren zu können und damit er „selbst“ zu sein. Oft reduziere die Hirnforschung in ihren Ergebnissen den Menschen auf chemisch-biologische Vorgänge. Der Professor ging der Frage nach, inwiefern diese Annahme aus naturwissenschaftlicher Sicht gerechtfertigt ist.

Der Sonntag bot dann noch einmal zwei weitere Perspektiven des menschlichen Lebens. Eine ist der Mensch in der Arbeitswelt. Der Leiter einer Akademie für Führungskräfte im italienischen Mailand, Bernhard Scholz, hat sich in den vergangenen Jahren in zahlreichen öffentlichen Beiträgen mit der aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Italiens und Europas auseinandergesetzt. Das tat er auch im Rahmen des Rhein-Meetings. Er ging der Frage nach, inwieweit die Arbeit für den Menschen notwendiges Übel oder Ort der Selbstverwirklichung ist. Was macht den Menschen in dieser modernen Arbeitswelt aus? Ist er unter den Bedingungen, unter denen sich Arbeit derzeit abspielt. Zweck oder Mittel?

Zum Ende der Veranstaltung stand dann der Mensch mit seinem Glauben noch einmal im Mittelpunkt. Seine Identität ist zumeist tief verbunden mit der Frage nach seiner Beziehung zu Gott. Daneben tritt die Beziehung Gottes zu den Menschen. Die Referenten Rabbiner Jehoshua Ahrens vom Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation, Mouhanad Khorchide, Lehrstuhlinhaber für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, und der Neutestamentler Thomas Söding von der Ruhr-Universität Bochum machten hier noch einmal deutlich, dass ein Dialog über dieses Thema ganz zentral auch dabei helfen kann, sich gegenseitig besser zu verstehen. Söding unterstrich, dass sich christliche Mission und der Dialog mit anderen Religionen nicht ausschließen. Christliche Verkündigung wolle anderen Menschen zeigen, „wie wertvoll, wie liebesbedürftig und liebenswert sie in den Augen Gottes sind“. Deshalb breche auch das Christentum nicht die Brücke zum Judentum ab und trete dem Islam mit Respekt gegenüber.