„Es gibt Korruption im Vatikan“

Ein Gespräch, das Papst Franziskus im November 2016 mit Ordensoberen geführt hat, zieht jetzt seine Kreise. Von Guido Horst

February 9, 2017 : Pope Francis meets the Community of " La Civiltà Cattolica" at the the Clementine Hall in the Vatican.
Pater Antonio Spadaro mit Papst Franziskus am Donnerstag bei der Audienz für die Mitarbeiter der Jesuitenzeitschrift „Civilta cattolica“. Foto: dpa
February 9, 2017 : Pope Francis meets the Community of " La Civiltà Cattolica" at the the Clementine Hall in the Vatican.
Pater Antonio Spadaro mit Papst Franziskus am Donnerstag bei der Audienz für die Mitarbeiter der Jesuitenzeitschrift „Ci... Foto: dpa

Rom (DT) Nun weiß man, dass es im Vatikan auch Korruption gibt. Enthüllt hat das kein Journalist oder ein in Ungnade gefallener Mitarbeiter der Kurie, sondern Papst Franziskus selbst. Die Nachricht, die schon vorgestern durch einige italienische Medien geisterte, erwies sich dann jetzt als Teil eines Gesprächs, das der Papst bereits Ende November mit Ordensoberen geführt hat. Der Jesuit Antonio Spadaro, ein enger Vertrauter von Franziskus und Chefredakteur der Jesuiten-Zeitschrift „Civilta cattolica“, hatte damals die dreistündige Unterhaltung mitgeschrieben und Teile daraus in der Donnerstagsausgabe der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ veröffentlicht.

Auch bei den Bischöfen liebt der Papst die Unterhaltung

Es ist eine Form von „Mitteilung“, die der Jesuiten-Papst offensichtlich bevorzugt: keine Ansprachen, keine Manuskripte, die der Vatikan dann herausgibt, sondern freie Äußerungen in Gesprächen wie eben jenem am 25. November mit den Teilnehmern der 88. Generalversammlung der Vereinigung der Generaloberen. Auch beim Empfang der Bischöfe aus aller Welt bei ihren „Ad liminia“-Besuchen in Rom ist der Papst zu dieser Praxis übergegangen. Heute erscheint das gesamte Gespräch mit den Ordensoberen im vergangenen November in der viertausendsten Ausgabe von „Civilta cattolica“ als Schmuckstück der Jubiläumsausgabe.

Vor den Ordensoberen bekannte Franziskus damals, er sei seit seiner Wahl zum Papst innerlich viel ruhiger als zuvor in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires. „Da war ich nervöser und besorgter.“ Jetzt hingegen lebe er „in Frieden“. Auf den Generalkongregationen vor dem Konklave 2013 hätten sich viele der Kardinäle für Reformen im Vatikan eingesetzt: „Alle wollten sie. Es gibt Korruption im Vatikan. Aber ich bin in Frieden.“ Das war alles zum Thema Korruption. Keine näheren Angaben, keine Rede von Gegenmaßnahmen. Aber die Medien griffen die Äußerung begierig auf.

Themen der Unterhaltung mit den Ordensleuten waren auch die Priesterausbildung, der Nachwuchsmangel, die Rolle von Orden und die Marienverehrung. Das Ordensleben müsse „prophetisch“ sein und müsse „das Evangelium ohne Beruhigungsmittel“ vermitteln, meinte der Papst in der Unterhaltung.

Beim sexuellen Missbrauch ist der Teufel am Werk

Auch die Askese müsse prophetisch sein und den Menschen freier machen, statt auf weltliche Weise nur zur Selbstbestätigung, „wie gut und stark ich bin“, zu dienen. Ordensleute sollten dazu beitragen, das mitunter in der Kirche vorzufindende „weltliche und fürstliche Klima“ zu zerstören. „Und man muss gar nicht Kardinal werden, um sich als Fürst zu fühlen – es reicht schon, klerikal zu sein. Das gehört zum Schlimmsten, was es in der Organisation der Kirche gibt“, sagte Franziskus im November zu seinen Gesprächspartnern.

Aber auch den von Klerikern begangenen sexuellen Missbrauch griff Franziskus in der Unterhaltung auf. Dieser habe häufig eine Vorgeschichte, oft seien spätere Täter früher selbst Opfer sexueller Gewalt geworden, sagte der Papst. „So wird der Missbrauch der Zukunft gesät, das ist verheerend.“ Wenn Priester oder Ordensleute in Missbrauchsfälle verwickelt seien, habe dies auch mit der Realität eines Zerstörers zu tun. „Es ist klar, dass hier der Teufel präsent ist, der das Werk Jesu durch den, der es verkünden soll, zerstört“, so Franziskus. Für die Zulassung zum Priesteramt müsse immer die „affektive Reife“ der Kandidaten sichergestellt sein. Bei Abweisungen andernorts sollten dort ausführliche Informationen über die Gründe eingeholt werden, unterstrich der Papst vor den Ordensvertretern. Franziskus sprach sich dafür aus, dass bei der „Ausbildung junger Leute für das Leben“ und besonders der Priesteramtskandidaten das Kriterium der „Unterscheidung“ eine größere Rolle spielen sollte. „Das ist im Augenblick eines der größten Probleme, das wir in der Priesterausbildung haben. Wir sind in diesem Bereich an Formeln gewöhnt, an Schwarz und Weiß, aber nicht an die Grautöne des Lebens. Aber das, was zählt, ist das Leben, nicht die Formeln. Daher sei es so wichtig, „in der Unterscheidung zu wachsen“, so der Papst. „Schwarz-Weiß-Logik“ führe nur zu „Abstraktion“; Unterscheidung bestehe hingegen darin, „im Grau des Lebens nach dem Willen Gottes vorzugehen“.

Auch zu Maria und den Weltjugendtagen hatte Franziskus im November vor den Ordensleuten ein Wort zu sagen. Die marianisch geprägten Themen der nächsten Weltjugendtage habe nicht er ausgesucht, sondern sie seien „aus Lateinamerika“ vorgeschlagen worden, verriet er. Und er warnte vor einer übersteigerten Marienfrömmigkeit: „Die wahre Madonna ist die Mutter, die Jesus in unserem Herzen zur Welt bringt. Diese Mode der Superstar-Madonna, wie eine Darstellerin, die sich selbst in die Mitte rückt, das ist nicht katholisch.“

Dass Franziskus die Jesuitenzeitschrift und deren Chefredakteur besonders schätzt, bewies er durch eine eigene Audienz, zu der er Pater Spadaro und seine Mitarbeiter bei der Zeitschrift in dieser Woche empfing. In seiner Ansprache erinnerte der Papst an die „Mission dieser Zeitschrift“: „Bleibt auf offenem Meer! Denn der Katholik muss keine Angst haben vor dem offenen Meer, er muss keine sicheren Häfen aufsuchen. Und insbesondere ihr als Jesuiten sollt keine Sicherheiten aufsuchen. Der Herr verlangt von uns, in die Mission zu gehen.“ Hinausgehen bedeute also nicht, ein „ruhiges Plätzchen zu suchen“, fuhr Franziskus fort. Selbstverständlich seien mit der „Fahrt auf offenem Meer“ auch Gefahren und Notsituationen verbunden.

Eine Zeitschrift, der der Papst verbunden ist

Stürme und Gegenwind gehörten dazu, so der Papst. Doch auch Jesus habe auf dem Boot mit den Aposteln beim Sturm gesagt, dass sie keine Angst haben sollten, solange der Herr bei ihnen sei und so sei es auch mit denjenigen, die heute die Frohe Botschaft verkünden. „Ihr seid – wie es bereits meine Vorgänger von Pius IX. bis Benedikt XVI. immer wieder gesagt haben – auf dem Boot Petri“, so der Papst. Er habe jeweils die neueste Ausgabe der Zeitschrift auf seinem Schreibtisch. Ihm sei bewusst, dass die Mitarbeiter von „Civilta cattolica“ ihn „nie aus den Augen verlieren“, sagte der Papst.