„Erst müssen sich die Herzen der Menschen öffnen“

Für den Orden der Ritter vom Heiligen Grab ist die Unterstützung der Christen im Heiligen Land Chefsache – Ein Gespräch mit Berthold Orschler und Manfred Spall

Berthold Orschler (li.), Leitender Komtur der Komturei St. Kilian und sein Vorgänger Manfred Spall. Foto: reg
Berthold Orschler (li.), Leitender Komtur der Komturei St. Kilian und sein Vorgänger Manfred Spall. Foto: reg

Der Orden der Ritter vom Heiligen Grab möchte durch sein Engagement im Heiligen Land verhindern, dass die Wiege des Christentums ein Museumsland wird. Der Leitende Komtur der Würzburger Komturei St. Kilian, Berthold Orschler, unterstrich bei seiner Einführung am Donnerstag, dass der Orden kein Club sei: „Unser Mehrwert ist die Spiritualität“. Mit dem selbstständigen Marketing-Fachmann Berthold Orschler und seinem Vorgänger, dem Mediziner Manfred Spall, sprach Regina Einig über die Aufgaben und Ziele des Ordens.

Auf welche Tradition baut Ihr Engagement auf?

Manfred Spall: Die Tradition der Ritterorden reicht zurück ins 14. Jahrhundert. Damals zogen Adelige nach Jerusalem, um sich am Heiligen Grab zum Ritter schlagen zu lassen. Pius IX. hat (1868) den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem zu einem päpstlichen Orden erklärt. Unsere Aufgabe ist spirituell und caritativ: Das zeigt sich in unserer Teilnahme an Gottesdiensten und in der Unterstützung der Christen im Heiligen Land – also in Israel, Palästina, Jordanien und im Gazastreifen. Dort wandern aufgrund des politischen Drucks und der wirtschaftlichen Verhältnisse immer mehr Christen aus.

Berthold Orschler: Den katholischen Glauben und die Präsenz der Christen im Heiligen Land zu fördern, ist unsere wichtigste Aufgabe. Darauf beziehen wir heute unseren Leitsatz „Deus lo vult“ – Gott will es. Wir haben vom Papst den Auftrag erhalten, uns als geistliche Gemeinschaft im Heiligen Land zu engagieren – und das schließt Gebet und Spiritualität ein. Auch die Mitglieder des Ordens selbst sollen sich gegenseitig in einer christlichen Lebensführung unterstützen. Wir sind kein Geldsammelverein. Das caritative Engagement hat geistliche Wurzeln. Erst müssen sich die Herzen der Menschen öffnen – dann öffnen sich auch die Geldbeutel.

Welches Bild bietet sich heute dem Heilig-Land-Pilger in Bezug auf die Lage der Christen?

Berthold Orschler: Von den etwa 7,4 Millionen Einwohnern Israels sind nur 130 000 Christen – Tendenz abnehmend. Mehr als die Hälfte sind Melkiten, 40 000 sind Griechisch-Orthodoxe und nur 10 000 sind römisch-katholisch. In Jerusalem leben nur noch 10 000 Christen unter einer Million Einwohner. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Christen im Heiligen Land von 400 000 auf 200 000 halbiert. Das zeigt, welches Drama sich dort abspielt und warum die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Pilgerfahrt ins Heilige Land vor drei Jahren die Unterstützung der Christen zur Chefsache erklärt hat.

Welche Ziele haben sich die Ritter vom Heiligen Grab gesteckt?

Manfred Spall: In erster Linie unterstützen wir die katholischen Christen im Heiligen Land. Abgrenzen lässt sich das jedoch nicht. Ganz wichtig sind uns persönliche Kontakte mit den Gemeinden, die wir vor allem durch Pilgerfahrten aufbauen. Wir versuchen auch, zu einer friedensstiftenden Atmosphäre beizutragen, indem wir andere Religionsgemeinschaften einbinden. In Kerak in Jordanien beispielsweise haben wir kürzlich eine Schule für über tausend Schüler gebaut, von denen nur zwanzig Prozent Christen sind. Auch in den Altenheimen werden Muslime aufgenommen. Wir unterstützen auch Kindergärten und Krankenhäuser. Das größte Spendenaufkommen haben – noch vor den deutschen Komtureien – die Grabesritter in den Vereinigten Staaten.

Berthold Orschler: Wir unterstützen durch Spenden und Mitgliedsbeiträge insbesondere die Einrichtungen des Lateinischen Patriarchats. Im vergangenen Jahr haben die deutschen Ordensmitglieder elf Millionen Euro aufgebracht. Durch das Zusammenführen von Christen, Muslimen, Drusen und Juden in unseren Schulen können Jugendliche erleben, dass ein friedliches Miteinander möglich ist. Christliche Schulen haben in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz. Es gibt mehr Anfragen als Plätze. Aus ihnen gehen die Absolventen mit dem landesweit besten Notendurchschnitt hervor. Dennoch bleibt die Gemengelage schwierig: Wenn christliche Stipendiaten ins Ausland gehen, ist für die Christen im Heiligen Land wenig gewonnen. Aber überhaupt nichts zu tun, wäre natürlich auch keine Lösung.

Kommt es für die Grabesritter auch in Frage, Land für die Christen im Heiligen Land zu kaufen?

Manfred Spall: Darüber wird im Orden diskutiert. Die Deutsche Statthalterei will vorerst keine neuen Projekte in Angriff nehmen, weil wir die laufenden Kosten für unsere Einrichtungen aufbringen müssen.

Berthold Orschler: Dem Exodus der Christen wollen wir auch mit Mietzuschüssen vorbeugen. Im Ostteil von Jerusalem sind die Immobilienpreise und die Mieten für Christen und Muslime unerschwinglich geworden. Um die christliche Präsenz in diesem Stadtteil zu stärken, beteiligen wir uns, indem wir christliche Mieter unterstützen.

Wie wirkt sich der Weggang der Christen aus?

Berthold Orschler: Es wird immer schwieriger, Christen für wichtige Ämter zu finden. Ein Beispiel: Nazareth war ursprünglich eine rein christliche Stadt. Im Gesetz ist daher verankert, dass der Bürgermeister Christ sein muss. Mittlerweile stellen die Christen nur noch fünfzig Prozent der Bevölkerung. Für diejenigen, die bleiben, zeichnet sich bisher keine politische Lösung ab. Wer auf Landkarten verfolgt, wie sich seit Jahren die jüdischen Siedlungen immer mehr in den Westbanks vermehren, kann sich kaum vorstellen, dass einmal eine Zwei-Staaten-Lösung funktionieren könnte. Wenn aber die Christen keine Zukunft für sich sehen und weiterhin auswandern, besteht die Gefahr, dass das Heilige Land ein reines Museumsland wird.

Wie reagieren die Menschen in Deutschland auf die fortgesetzten politischen Spannungen im Heiligen Land? Ermutigt das zum Helfen oder macht sich Resignation breit?

Manfred Spall: Viele Menschen sind indolent. Sie spüren aus Nichtwissen und Interesselosigkeit die Problematik nicht. Sie sind durch unser Wohlleben einfach übersättigt. Das ist das Hauptproblem.