Erst die Fakten, dann die Theorie

Der Vatikan und das Darwin-Jahr: Ein Kongress der Päpstlichen Universität Gregoriana befasst sich mit der biologischen Evolution

Rom (DT) Vor nunmehr 250 Jahren begründete Jean-Baptiste de Lamarck die Lehre von der Umwandlung der Arten durch Vererbung von Anpassungen und legte so den Grundstein für die Evolutionslehre. Zum Durchbruch kam sie jedoch erst hundert Jahre später, als Charles Darwin 1859 in seinem Buch „Die Entstehung der Arten“ die Evolution durch natürliche Selektion erklärte und alle bestehenden Arten auf eine gemeinsame Abstammung zurückführte. Durch Einbeziehung von Genetik und Molekularbiologie entstand um 1940 die Synthetische Theorie der Evolution.

Zum 150. Jahrestag der „Entstehung der Arten“ fand an der Päpstlichen Universität „Gregoriana“ vom 3. bis zum 7. März 2009 ein Kongress statt mit dem Thema „Biologische Evolution: Fakten und Theorien. Eine kritische Bewertung 150 Jahre nach der ,Entstehung der Arten‘“. Er wurde von der Philosophischen Fakultät der Gregoriana in Zusammenarbeit mit der „University of Notre Dame“ in Indiana (USA) veranstaltet und stand unter der Schirmherrschaft des Päpstlichen Rats für die Kultur.

Der Kongress war ein deutliches Bekenntnis zu Darwins Lehre und zu einer wissenschaftlichen Forschung, die nicht a priori belastet ist durch religiöse Bekenntnisse oder Ideologien. Bereits in der Eröffnungsrede machte Kardinal Levada, der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, dies unmissverständlich deutlich, indem er sich von Gruppen distanzierte, die die Evolutionslehre zugunsten der Schöpfungslehre aus den Schulen verbannt sehen möchten, aber auch von Forschern wie Richard Dawkins, für die die Evolution notwendigerweise den Atheismus impliziert. Für die katholische Kirche – gerade das sollte auf dem Kongress gezeigt werden – ist der Darwinismus mit dem biblischen Glauben vereinbar und führt nicht zwangsläufig zum Atheismus. Rafael Martínez von der Universität „Santa Croce“ in Rom machte das in seinem Vortrag über die Haltung der Kirche gegenüber dem Darwinismus deutlich. Obgleich im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert viele Theologen der Evolutionslehre skeptisch oder ablehnend gegenüberstanden, wurde diese von offizieller Seite niemals verurteilt. Auch Darwins Bücher wurden nicht auf den Index gesetzt. Hier landeten nur drei Werke von Vertretern der Evolutionslehre (Caverni, Leroy und Zahm), bei denen allerdings nicht klar ist, ob die Verurteilung wirklich mit der Evolutionslehre zusammenhing. Die erste lehramtliche Aussage zur Evolution findet sich 1950 in der Enzyklika Humani generis: Die Evolutionslehre sei eine mögliche Hypothese, zu der man Untersuchungen anstellen könne. 1996 sprach sich Johannes Paul II. gegenüber der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften dann deutlich für die Evolutionslehre aus, die sich im Laufe der Jahre durch die Forschung als „mehr als nur eine mögliche Hypothese“ erwiesen habe. Benedikt XVI. bekräftigte diese positive Haltung im vergangenen Oktober, als er in einer Ansprache an dieselbe Akademie sagte, dass „zwischen dem vom Glauben bestimmten Verständnis der Schöpfung und der von den empirischen Wissenschaften vorgelegten Evidenz kein Widerspruch besteht“. In diesem Geist wurde der Kongress geführt. Die Vorträge waren wissenschaftlich ausgerichtet, ließen aber auch Raum für philosophische und theologische Überlegungen. Der erste Vortragsblock bot einen Überblick über die gesicherten Fakten zur Evolution. Herausragend war dabei das Referat des Schweizer Nobelpreisträgers für Medizin Werner Arber über die biomolekularen Aspekte der Evolution. Der folgende Vortrag von Douglas Futuyma machte deutlich, dass die Erforschung der Evolution keine ideologische Spielerei ist, sondern durch die Untersuchung anderer Organismen der medizinischen Forschung und damit dem Menschen dient.

Im Vortragsblock über die Evolutionsmechanismen sprach unter anderem Francisco J. Ayala, Autor einiger Standardwerke zur Evolutionslehre: der „Evolutionsplan“ der Organismen sei nicht intelligent, sondern unvollkommen, voller Defekte und Grausamkeiten. Andererseits hat er Orchideen, Vögel und Menschen hervorgebracht. Zufall und Notwendigkeit arbeiten bei der Evolution Hand in Hand. Der Evolutionsprozess ist schöpferisch, aber nicht zielgerichtet.

Der Hominisation, dem auch für Darwin selbst heikelsten Punkt der Evolutionslehre, galten die nächsten Vorträge. Fiorenzo Facchini, emeritierter Professor für Anthropologie und Paläontologie der Universität Bologna, sagte, dass der Moment der Überschreitung der Schwelle zum Menschsein nicht wissenschaftlich festgelegt werden könne, dass man sich aber stets der Einzigartigkeit des Menschen, „seiner Erkenntnisfähigkeit, seiner Freiheit und seines ethischen Verhaltens“, bewusst sein sollte. Anthropologische Überlegungen folgten, unter anderem über die Schwierigkeit, Darwins Prinzipien auch auf kulturelle oder sprachliche Veränderungen anzuwenden.

Die Reihe der philosophischen und theologischen Vorträge wurde eingeleitet von Jürgen Mittelstraß von der Universität Konstanz, gefolgt vom ehemaligen päpstlichen Hoftheologen Kardinal Georges Cottier, der über den metaphysischen Sinn der Schöpfung und der Evolution sprach.

Alle Referenten standen der Evolutionslehre positiv gegenüber, Vertreter des Kreationismus oder des „Intelligent Design“ waren nicht eingeladen, was bereits im Vorfeld des Kongresses zu Kritik geführt hatte. Das „Discovery Intitute“, Zentrum des „Intelligent Design“, warf den Veranstaltern vor, die Referenten nach Vorgaben durch die „John Templetown Foundation“, einem der Hauptsponsoren des Kongresses, ausgewählt zu haben. Der Kongressleiter Marc Leclerc SJ, Professor für Naturphilosophie an der Gregoriana wies diese Vorwürfe jedoch zurück. Derartige Vorgaben habe es nicht gegeben, sondern man habe dem Kongress eine wissenschaftliche Ausrichtung geben wollen, die beim „Intelligent Design“ nicht gegeben sei.

Dies war eine kluge Entscheidung, denn auf diese Weise blieben die Inhalte der Evolutionslehre und ihre philosophischen und theologischen Implikationen im Mittelpunkt des Kongresses. Im anderen Falle wäre er wohl letztendlich zu einer Plattform ideologischer Auseinandersetzungen geworden. Auch diese ist sicherlich notwendig, der Kongress wäre jedoch nicht der geeignete Rahmen dafür gewesen. Das wurde auch an einem Zwischenfall am Ende des ersten Kongressvormittags deutlich. Zu Beginn der Diskussionsrunde trat ein Mann ans Mikrophon, der sich als Oktar Babuna vorstellte, Arzt aus der Türkei und Vertreter von Harun Yahya. Dieser ist ein bekannter Autor populärwissenschaftlicher Bücher zum Kreationismus. Er führt in der Türkei und darüber hinaus polemische Kampagnen gegen die Evolutionslehre und gegen den Zionismus, den er als Folge des Darwinismus betrachtet. Er ist Holocaustleugner und vertritt verschiedene Verschwörungstheorien. Sehr verbreitet ist sein „Atlas der Schöpfung“, der belegen soll, dass es keine Evolution gegeben hat, sondern die Fossilien Überreste noch existierender Arten sind. Während Biologen sofort erkennen, dass seine Theorien Humbug sind, sind sie auf populärer Ebene weit verbreitet, auch durch die Übersetzung des „Atlas“ in viele Sprachen und seine oft kostenlose Verteilung. Oktar Babuna – auch er ist in der Türkei bekannt, unter anderem durch eine Hetzkampagne gegen seine Eltern – begann nun, gegen die Wissenschaftlichkeit der Evolutionslehre zu polemisieren und seine eigenen Auffassungen darzulegen. Er wurde vom Diskussionsleiter Ayala mehrmals erfolglos aufgefordert, eine Frage zu stellen und keinen eigenen Vortrag zu halten. Schließlich forderte er einen Beweis für die Existenz fossiler Übergangsformen und fuhr in seinen Ausführungen fort. Daraufhin wurde ihm das Mikrophon entzogen – er sprach ohne Mikrophon weiter, bis man ihn endlich drängte, an seinen Platz zurückzukehren. Sicher gibt es unter den Kreationisten und den Vertretern des „Intelligent Design“ viele, die gemäßigt auftreten und einen ernsthaften Dialog führen möchten. Gerade dieser Vorfall zeigt jedoch das ideologische Potenzial in dieser Auseinandersetzung.

In diesem Zusammenhang war der Vortrag des Historikers Ronald Numbers von der Universität von Wisconsin-Madison über die Entwicklung des Antievolutionismus sehr aufschlussreich. Er hat sich von den Vereinigten Staaten aus in den letzten fünfzehn Jahren im Zuge der Globalisierung in der ganzen Welt verbreitet hat, nicht nur unter christlichen Fundamentalisten, sondern auch bei orthodoxen Juden und im Islam. Für Numbers ist die Wahrheitsfindung in der Geschichte gegen jede ideologische Ausrichtung grundlegend. Er versucht zu vermitteln und ist sowohl bei Kreationisten als auch bei Anhängern der Evolutionslehre hoch angesehen. Er kann ein Vorbild dafür sein, wie nicht nur die historische, sondern jede wissenschaftliche Forschung unternommen werden sollte: Man muss erst auf die Fakten blicken, dann Theorien bilden, nicht umgekehrt. Sonst verkommt die Wissenschaft zur Ideologie und hört auf, Wissenschaft zu sein. „Die biologische Evolution – Fakten und Theorien“ lautete der Titel des Kongresses – genau in dieser Reihenfolge.