„Erreichen die SED-Ideologen nachträglich ihr Ziel?“

Kolpingwallfahrt der Bistümer Erfurt und Fulda zur Gedenkstätte „Point Alpha“ mit Bischof Wanke und Bischof Algermissen

Geisa/Rasdorf (DT) 2000 Pilger aus Hessen, Bayern, Thüringen und Sachsen folgten der Einladung der Kolpingverbände Erfurt und Fulda und kamen zur Wallfahrt anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls an den ehemaligen Grenzposten „Point Alpha“. Der Erfurter Bischof Joachim Wanke und sein Fuldaer Mitbruder Heinz Josef Algermissen ermutigten die Gläubigen, selbstbewusst Zeugnis für den christlichen Glauben in der heutigen Gesellschaft abzulegen.

Zu Beginn der Heiligen Messe auf dem einstigen US-Stützpunkt an der deutsch-deutschen Grenze begrüßte der Fuldaer Ortsbischof Heinz Josef Algermissen die Pilger, die in einem Bannerzug auf dem ehemaligen Kolonnenweg entlang des Grenzzauns zur Gedenkstätte gewallt waren. „Ich freue mich, dass wir dieses Fest heute gemeinsam feiern können“, sagte Algermissen in der früheren Panzerhalle. Er erinnerte an das geteilte Deutschland und an den Mauerfall im Herbst 1989. „Hier sind nicht allein Menschen am Werk gewesen. Gott selbst hat hier ein Zeichen gesetzt“, so Algermissen. Und deshalb sei es auch richtig, Gott an diesem Feiertag und an diesem prekären Ort Dank zu sagen. Die Erinnerungen an das mutige Handeln von Bürgerrechtlern und friedlichen Demonstranten, aber auch der Einfluss von Papst Johannes Paul II. müssten auch heute wach gehalten werden, damit es zwanzig Jahre nach dem Mauerfall nicht zu einer Verklärung des DDR-Regimes komme.„Freiheit ist ein ebenso kostbares wie anspruchsvolles Gut“, betonte Algermissen.

Bischof Wanke zeigte sich zu Beginn seiner Predigt gerührt angesichts der großen Zahl der Pilger an einem Ort, wo man über Panzerangriffe und Atomwaffeneinsatz ernsthaft nachgedacht habe. „Dass hier nun Menschen sich grenzüberschreitend als betende Gemeinde 20 Jahre nach der friedlichen Revolution versammeln, ist für mich immer noch wie ein Wunder“, sagte der Erfurter Bischof unter dem Applaus der Pilger. Er griff die Gedanken seines Mitbruders auf und erinnerte an die damals ersehnte Freiheit, die heute selbstverständlich geworden sei und die Leute träge mache.

Kritisch fragte Wanke: „Sind unsere Kirchen am Sonntag zur heiligen Messe gefüllt? Bleiben wir treu im Empfang der Sakramente? Wissen wir noch um die Heiligkeit der Ehe?“ Offen kritisierte er den Zeitgeist, der zu Unterhaltung, Zerstreuung und bloßen Konsumieren drängen wolle. „Jetzt kommt noch hinzu ein neuer aggressiver Atheismus, beinahe wie in der DDR, der Religion als falsches Denken deklariert, für rückschrittlich, ja für gefährlich hält. Hat Gott uns die Freiheit gegeben, damit wir jetzt in der Freiheit den Glauben unserer Väter und Mütter aufgeben? Erreichen die SED-Ideologen von damals mit ihrem Kampf gegen die Kirche nun doch noch nachträglich ihr Ziel?“

Damit dies nicht geschehe, brauche es in einer freien Gesellschaft die Treue im Glauben, auch mit Blick auf die soziale Marktwirtschaft. „Wir glauben nicht an den Euro, sondern wir glauben an das, was Gott zu schenken vermag: sein Reich, sein Leben, seine Liebe. Helft mit, dass über allen Menschen der Himmel offen bleibt“, rief Wanke den Gläubigen zu. Dazu sei vor allem ein neues demütiges Selbstbewusstsein aller Getauften und Gefirmten notwendig. Wanke forderte einen jeden auf: „Setzt Zeichen des Glaubens in diesem Land!“ Nur so könne das Wort Kolpings erfüllt werden: „Du musst prägen, sonst prägen andere.“

Dabei sei eine vertiefte Begründung des Gottesglaubens im eigenen Herzen von Nöten, um gegen Pluralismus und Vergleichgültigung von Überzeugungen und Traditionen standhalten zu können. Wanke zitierte ein weiteres Wort des seligen Arbeitervaters: „Wer Mut zeigt, macht Mut.“ Ob ein in Tapferkeit getragenes Leid oder ein glaubwürdiges Zeugnis für Gott, alles könne Mitmenschen ermutigen. Wanke schloss: „Der Tag der deutschen Einheit erinnert uns: So wie wir die Einheit zwischen Ost und West nicht mehr aufgeben wollen, so auch nicht die Verbundenheit von Erde und Himmel. Vergessen wir nicht, dass Gott uns noch viel mehr zu geben vermag, wenn wir uns von ihm nicht trennen.“

Die Idee zu dieser ersten Kolping-Wallfahrt an den „Point Alpha“ kam Stefan Sorek, Kolping-Diözesangeschäftsführer in Fulda, zufolge aus dem Bistum Dresden-Meissen. „Gemeinsam mit den Kolpingwerken der beiden Bistümer aus den neuen Bundesländern wollten wir nicht nur politisch, sondern auch aus dem Glauben heraus für den Mauerfall danken. Schließlich war auch die Kirche in Deutschland durch die Mauer geteilt“, erklärt Sorek das Anliegen der Wallfahrt. Dankbar über den Besuch so vieler Pilger äußerte sich auch Wolfgang Hamberger: „Es ist gut, dass so viele betend, singend und Gott lobend diesen Tag begehen“, sagte der Vorsitzende der Point-Alpha-Stiftung. „An diesem Geschichtsort des Kalten Krieges geht an alle die Verpflichtung, zu sagen wie es war, um nie wieder ein solches System auf dem Boden unseres Vaterlandes zu haben. Die Freiheit zu feiern heißt auch die Verpflichtung für die Zukunft zu erkennen“, so Hamberger.

Im Anschluss an den Gottesdienst weihte Bischof Algermissen gemeinsam mit Bischof Wanke die siebte Kreuzwegstation des „Weges der Hoffnung“ ein. Der Kreuzweg mit Statuen von Ulrich Barnickel soll an die Teilung Deutschlands erinnern und Mahnmahl gegen das Vergessen sein. „Auch heute tragen viele Menschen Tränen und Schmerz mit sich herum. Im Kreuzweg an dieser Stelle sollen den Menschen die inneren Augen aufgehen, dass bei Christus all ihr Leid aufgehoben und beantwortet wird und sich eine neue Hoffnungsperspektive ergibt“, so Algermissen bei der Segnungsfeier auf dem ehemaligen Todesstreifen.