Ernsthafter Gottsucher

Wilfried Hagemann schildert das Leben des Aachener Bischofs Klaus Hemmerle

Ein subtiler Denker und herausragender Intellektueller in der katholischen Kirche Deutschlands war fast zwanzig Jahre Bischof von Aachen: der vormalige Freiburger Religionsphilosoph Klaus Hemmerle (1929–1994). Sein menschliches und theologisches Lebenswerk harrt bis heute auch in seinem ehemaligen Bistum der wahren Entdeckung und der angemessenen Würdigung. Selbst fünfzehn Jahre nach seinem frühen Tod im Januar 1994 ist sein Gesamtwerk nicht vollständig erschlossen.

Umso begrüßenswerter ist daher der Versuch einer umfassenden Biografie, den Wilfried Hagemann in „Verliebt in Gottes Wort“ unternimmt. Hagemanns Werk ist allerdings kaum mit der Elle objektiver Lebensdarstellungen zu messen, die auch kritische Fragen an ihren Gegenstand herantragen würde. Hagemann schreibt vielmehr mit tiefer, kritikloser Sympathie von und über Klaus Hemmerle. Nahezu liebevoll zeichnet er den Lebensweg dieses wichtigen Aachener Bischofs nach.

Doch versteht Hagemann es, in diesem Stil sachkundig von Kindheit und Jugend Hemmerles zu berichten, vom Suchen des jungen Studenten, von seinem sprühenden Sinn für Humor, von menschlicher Wärme und der Liebe zur Wissenschaft. Immer wieder fügt der Autor Anekdotisches gekonnt an, fängt so den spontanen Witz Klaus Hemmerles ein, ohne sich in diese Ebene der Darstellung zu verlieren.

Viele Zeitzeugen zieht der Verfasser hinzu, deren persönliche Eindrücke in kurzen Zitaten übersichtlich dem Haupttext beigegeben sind. So runden diese Meinungen, Erinnerungen und Einschätzungen die Gesamtdarstellung ab. Sie fügen sich nahtlos den Erzählgang des Buches ein, bringen nicht so sehr erhellende Neuigkeiten, sondern stützen die Thesen Hagemanns.

Nicht nur durch überragende Intelligenz fiel Klaus Hemmerle früh seinen Lehrern und Mitschülern auf. Der spätere Aachener Oberhirte ging auch seit jugendlichem Alter einen bewussten, fragenden und ernsthaft suchenden Glaubensweg.

Die schrecklichen Ereignisse von Krieg, Massenmord und Zerstörung seiner Vaterstadt Freiburg verarbeitet er in existenzialisten Texten, in sehr reifen Gedichten und Gebeten. Hagemann zitiert diese Texte, die auch nach über sechzig Jahren ihre innere Kraft und die tiefgläubige Überzeugung nicht verloren haben. So wird Hemmerle schon recht früh ein Suchender, der in Jesus Christus mehr Geborgenheit als Antwort findet.

Das Zeugnis für Christus prägt konsequent auch die Berufungserfahrung und den Studienweg von Hemmerle, dem jedoch die neuscholastische Theologie und Philosophie oft nicht inspiriert genug erscheint, der sich in Vorlesungen langweilt und hier zu wenig wirkliche Anregung findet.

Seinen überzeugendsten Lehrer findet er im Freiburger Religionsphilosophen Bernhard Welte, dem er zwanzig Jahre später auf dem Lehrstuhl nachfolgen sollte. Weltes mitdenkende, phänomenologische Philosophie fasziniert Hemmerle, der noch wenige Monate vor seinem eigenen Tod diesen denkerischen Ansatz würdigt. Bei Hagemann nimmt sich diese Denkrichtung, die ihre Wurzeln in Heideggers Kantrezeption hat, so aus:

„Hemmerle war fasziniert vom Grundentscheid Weltes, dass jedwede Wirklichkeit grundsätzlich von sich aus das Recht hat, sowohl von uns gedacht, von uns ernst genommen zu werden als auch sich uns anzutun, sich uns zu erschließen und uns darin zu verändern. Zu diesem Grundentscheid gesellt sich die Grunderkenntnis, dass der Mensch das Wesen ist, das die Pflicht und das Recht hat, alles zu sehen, alles zu bedenken und alles so in seine Wahrheit und in sein Licht zu heben. Die Freiheit und die Weite des Menschen besteht dann darin, sich die Wirklichkeit in ihrer Fülle zuzumuten, sich den Fragen zu stellen.

Zu diesen beiden Grundentscheiden kommt ein dritter Grundentscheid bei Welte, der Hemmerle besonders anzog: Alle Gedanken haben das Recht, von uns gedacht zu werden.“

Auch diese philosophischen „Grundentscheide“ unterzieht Hagemann keiner kritischen Würdigung. Die Gefahr des Relativismus entgeht ihm offenbar ebenso wie die Zweifelhaftigkeit solcher Positionen angesichts der großen menschenverachtenden Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist doch nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ausgesprochen fraglich, ob wirklich „alle Gedanken (...) das Recht (haben), von uns gedacht zu werden.“

Am 25. Mai 1952 wird Klaus Hemmerle zum Priester geweiht. Zwei Jahre in der Pfarrseelsorge schließen sich an, dann die Zeit des Weiterstudiums, die Hemmerle 1957 mit der Promotion abschließt. Zu diesem Zeitpunkt begegnet Hemmerle, nun bereits Direktor der Katholischen Akademie Freiburg, der Spiritualität der Fokolar-Bewegung, die ihn nun zutiefst prägen wird. Die Gründerin dieser Bewegung, Chiara Lubich, wird für Hemmerle zur wichtigsten Gesprächspartnerin. Mit ihr kann er bis zum Schluss sein Leben und seinen Dienst als Bischof reflektieren. Die radikale Liebe zu Christus bestimmt nun umfassend das Denken und Handeln Hemmerles, der dies so beschreibt: „Das Kostbare und Neue an der Fokolar-Bewegung liegt für mich in ihrer spezifischen Ausrichtung auf Gott. Sie ist an die Person und Geschichte von Chiara Lubich gebunden und ist doch von Anfang an eine gemeinschaftliche Erfahrung.“

In den sechziger Jahren entwickelt Hemmerle seine wissenschaftliche Laufbahn weiter. Nach seiner Habilitation 1967 bei Bernhard Welte ist er bis 1973 geistlicher Direktor des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Er wird Privatdozent in Bonn und später Professor in Bochum und Freiburg.

1975 wird Hemmerle „überraschend“ zum Bischof von Aachen gewählt und ernannt. Sorgsam zeichnet Hagemann im Hauptteil seines Buches den Dienst und die Amtszeit Hemmerles als Bischof nach. Er lässt uns einen Blick in das Arbeiten, Denken und Sorgen Hemmerles in diesem Amt tun. Auch die theologische und geistige Ausstrahlung, mit der Hemmerle seine Diözesanen zu begeistern wusste, finden breiten Raum.

Hervorzuheben ist das 1989 mit einem Hirtenbrief angestoßene Projekt der „Weggemeinschaft“, die das Zusammenwirken und -leben der Pfarrgemeinden in schwierigen Zeit des Priestermangels anregte und vorantreiben wollte. Hemmerle hatte dieses Miteinander als geistiges, ja geistliches Datum gedacht. Die spirituelle, in der tiefen Christusliebe verankerte Grundlage der heute sogenannten „kooperativen Pastoral“ war ihm am wichtigsten. Ein Miteinander, das aus der Herzenszustimmung der Menschen erwächst, Zusammenwirken und gemeinschaftliches Zeugnis für Jesus, die in der positiven Anerkenntnis von brüderlich „geteilter Armut“ gründen, konnten allein die richtigen Schritte in die Zukunft seines Bistums sein. Dieser Ansatz, der weit mehr ist und tiefer reicht als ein rein planerisches Verwaltungsprojekt, musste jedoch wegen des frühen Todes von Bischof Hemmerle ein Torso bleiben, denn er war als geistiger Motor und als geistliches Haupt dieses Vorhabens offenbar nicht zu ersetzen.

Hagemann schildert schließlich mit beeindruckendem Einfühlungsvermögen die letzten Monate und Tage im Leben eines großen Bischofs, dessen Erbe bis heute nicht wirklich aufgearbeitet ist – auch in Aachen nicht.