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Lyons Fassaden verkünden marianische Geschichte: Ein Stadtrundgang zu alten und neuen Madonnen. Von Regina Einig

Wer hochschaut, bereut es nicht: Die Madonnenstatue an der Fassade des Haus Blanchon am quai Fulchiron heißt im Volksmund schlicht La Belle (die Schöne). Geschaffen wurde sie von Joseph Fabisch. Foto: reg

Baulärm dröhnt aus einem sichtlich sanierungsbedürftigen Altbau an der Place de la Trinité. Die Touristen im nahegelegenen Restaurant lassen sich davon nicht stören. Gleißendes Sonnenlicht fällt auf die rot gewürfelten Tischdecken, aus der Küche strömen verheißungsvolle Düfte. Lyon ist berühmt für seine Spitzengastronomie, Elitehochschulen und traditionelle Seidenmanufakturen. Hundertdreißigtausend Studenten und zahllose Touristen besuchen jedes Jahr die Stadt, deren malerische Lage an der Rhone immer mehr Flusskreuzfahrtschiffe anlockt. Auch Pilgern lohnt sich. Auf einer Anhöhe wacht Unsere Liebe Frau von Fourviere. Die vergoldete Marienfigur auf der schneeweißen Basilika ist das Wahrzeichen Lyons. „Lyon ist eine marianische Stadt“, erzählt Catherine, die Stadtführerin. Der Überlieferung zufolge brachten schon die ersten Christen ein Marienbild mit in die römische Siedlung Lugdunum. Schon im Mittelalter blühte die Verehrung der Unbefleckten Empfängnis in Lyon – lange ehe die Kirche 1854 das Mariendogma verkündete. 1643 stellten die Stadträte die Bevölkerung offiziell unter den Schutz der Immakulata. Ihr liturgischer Gedenktag am 8. Dezember wird alljährlich mit einem spektakulären Lichterfest begangen. Inzwischen zieht es Touristen aus aller Welt an, während die geistlichen Wurzeln des Festes auch den Einheimischen oft nicht mehr bewusst sind.

Seit den siebziger Jahren haben muslimische Einwanderer in der Industriestadt Fuß gefasst. Christliche Traditionen sind ihnen oft fremd geblieben. Catherine bedauert, dass viele Lyoner im Alltag achtlos an den architektonischen Zeugnissen der marianischen Stadtgeschichte vorbeihasten. Ein frommer Brauch aus dem siebzehnten und neunzehnten Jahrhundert erinnert bis heute an die christlichen Wurzeln Lyons: Mehr als zweihundert Madonnen zieren die Fassaden der Häuser, noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es vierhundert. 35 erwarten den Besucher allein in der Altstadt. An vielen nagt der Zahn der Zeit. Statuen ohne Arm und leere Nischen zeugen von lieblosen Sanierungen, Witterungsunbilden und der Bilderstürmerei während der Französischen Revolution. Doch das soll so nicht bleiben.

Seit 2009 setzt sich der Verein „Madonnen von Lyon“ für die Erhaltung des marianischen Stadtbildes ein. Viel Herzblut steckt darin, denn die 25 Mitglieder bieten keine finanzielle Unterstützung an, sondern ideelle. „Wir betreiben keinen Proselytismus“, meint Catherine. Aber der Verein leistet Überzeugungsarbeit, schreibt Hausbesitzer an, vermittelt Adressen von Bildhauern und sensibilisiert Eigentümer für die stilsichere Sanierung ihrer Immobilie. Im Idealfall lässt sich der Hausbesitzer vom Sinn der Investition überzeugen und eine leere Nische erhält eine architektonisch passende Madonnenfigur. Hunderte Renaissancebauten sind in Lyons Altstadt erhalten. Die einst rußgeschwärzte Industriemetropole hat sich in den siebziger und achtziger Jahren zum Touristenmagneten gemausert. In warmen Ockertönen saniert, bildet die Altstadt eine leuchtende Kulisse für schlichte und kostbare Marienstatuen. Der Verein hat Lyons marianische Stadtgeschichte umfassend aufgearbeitet und in einem schön gestalteten Stadtführer (Guide des Madones de Lyon, Éditions Autre Vue) für ein breites Publikum ediert.

Die liebenswürdige Catherine, die neben ihrer Muttersprache fließend Deutsch und Englisch spricht, und ihre Kollegin Laurence, beide offizielle Stadtführerinnen, bieten einen Rundgang zu den Madonnen von Lyon an. An der Kathedrale Saint-Jean trifft man sich zu zwei kurzweiligen Stunden. Los geht es im Quartier Saint Georges über die Place de la Trinité zur Place Benoît-Crépu. Die Tradition, Marienstatuen an den Häusern anzubringen, geht auf das siebzehnte Jahrhundert zurück und wurde von reichen Bürgern ebenso gepflegt wie in Armeleutenvierteln. Der mütterlichen Fürsprache Mariens schreiben die Lyoner bis heute zu, dass sie vor der Pest und den Preußen verschont blieben. „Sie ist unsere Schutzherrin“, sagt Catherine und zeigt lächelnd auf die ausgebreiteten Arme vieler Madonnen, die der Statue Unserer Lieben Frau von Fourviere nachempfunden sind. Unverkennbar ist die Ähnlichkeit mit dem Gnadenbild aus der Rue du Bac in Paris.

Neugierige Blicke in Catherines umfangreiches Ringbuch sind jederzeit erlaubt. Sorgfältig hat sie die Geschichte der Madonnennischen an den Fassaden dokumentiert. Manche Aufnahme ist mehr als hundert Jahre alt. Prunk und schlichte Schönheit liegen oft dicht beieinander. Im neunzehnten Jahrhundert wirkte der berühmteste Madonnenbildhauer Frankreichs an der Hochschule für Schöne Künste in Lyon: Joseph-Hugues Fabisch (1812–1886). Er schuf nicht nur die Goldene Madonna für die Basilika de la Fourviere, sondern nach den Angaben der heiligen Bernadette Soubirous auch die Statue für die Grotte von Massabielle in Lourdes. Am quai Fulchiron erinnert eine prachtvolle Muttergottesfigur mit Kind an sein Wirken in der Stadt. Schöner und zugleich diskreter kann den zahlreichen Passanten das Geheimnis der Menschwerdung kaum nahegebracht werden. Im laizistischen Frankreich bleiben fast alle katholischen Kirchen tagsüber geschlossen. Lyon bildet keine Ausnahme. Das Sicherheitspersonal ist teuer, die Vandalismusgefahr für unbewachte Kirchen hoch. Doch die Fassaden der Stadt laden ein, die bedeutendste Frau der Heilsgeschichte und ihren Sohn kennenzulernen und missionieren diskret. Durch Maria findet man den Weg zu Jesus leichter. Immer wieder berichten Teilnehmer der marianischen Stadtrundgänge, dass ihnen buchstäblich die Augen aufgegangen seien: „Jetzt sehen wir die Madonna auf unserem Weg“.

Catherine de Rivaz ist für deutschsprachige Stadtrundgänge zu den Madonnen von Lyon erreichbar unter

E-Mail: catherine2rivaz@gmail.com