Ergriffenwerden durch den Auferstandenen

Die Einheit von Oster- und Tauftheologie in der Verkündigung von Papst Benedikt XVI. Von Michael Karger

Hier wurde Joseph Ratzinger in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen: das Taufbecken in der Pfarrkirche von Marktl. Foto: KNA

Der 16. April 1927 war ein Karsamstag. In dem kleinen Ort Marktl am

Inn lag Schnee, und es war bitterkalt. In der Dienstwohnung des Stationskommandanten der Gendarmerie Ratzinger brannte um vier Uhr früh schon Licht, und es herrschte geschäftiges Treiben: Um Viertel nach vier brachte seine Frau Maria ihr drittes Kind zur Welt.

Dem dreijährigen Georg, der – verwundert über die Unruhe – aufstehen wollte. sagte der Vater: „Nein, du musst noch warten, heute haben wir ein kleines Buberl bekommen!“ Bereits um halb neun wurde Joseph Aloisius Ratzinger in der Pfarrkirche durch den Kooperator getauft. Da die vorgesehene Taufpatin nicht so schnell benachrichtigt werden konnte, sprang für sie eine Ordensschwester ein. Mehrfach hat sich Papst Benedikt zu seinem Geburts- und Tauftag geäußert. Bereits an dieser Stelle schloss der damalige Kurienkardinal eine theologische Deutung an: „Dass mein Leben so von Anfang an auf diese Weise ins Ostergeheimnis eingetaucht war, hat mich immer mit Dankbarkeit erfüllt, denn das konnte nur ein Zeichen des Segens sein. Freilich – es war nicht Ostersonntag gewesen, sondern eben Karsamstag. Aber je länger ich nachdenke, desto mehr scheint mir das dem Wesen unseres menschlichen Lebens gemäß zu sein, das noch auf Ostern wartet, noch nicht im vollen Licht steht, aber doch vertrauensvoll darauf zugeht.“

In seiner Predigt im Dankgottesdienst zu seinem 80. Geburtstag fügte Papst Benedikt noch den Gedanken der Aufnahme in die Kirche hinzu: „So wurde ich zugleich in meine eigene Familie und in die große Familie Gottes hineingeboren … Ich danke ganz besonders dafür, dass ich vom ersten Tag an in die große Gemeinschaft der Glaubenden hineinwachsen durfte, in der die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Erde aufgerissen ist, …“ (15. April 2007). Noch einmal hat Papst Benedikt diesen Gedanken in der Messfeier zu seinem 85. Geburtstag vertieft, als er, ausgehend von seinem Geburts- und Tauftag, sagte: „Da ist zuerst die Gabe des Lebens, die meine Eltern mir in sehr schwerer Zeit geschenkt haben und für die ich ihnen danken muss … Das biologische Leben allein ist eine Gabe, aber von einer großen Frage umgeben. Zur wirklichen Gabe wird es erst dann, wenn mit ihm eine Verheißung mitgegeben werden kann, die stärker ist als alles Unheil, das drohen mag, wenn es eingetaucht wird in eine Kraft, die gewährleistet, dass es gut ist, ein Mensch zu sein …“

„Von daher ergibt

sich für den Glaubenden eine Pflicht zur Taufe seines Kindes“

Hier hat Papst Benedikt den Dank für seine Taufe an seinem Geburtstag mit seinem Hauptargument für die Kindertaufe verbunden, das er bereits 1995 gegenüber amerikanischen Baptisten entfaltet hatte: Weil Eltern ihren Kindern die Vorgabe des Lebens ungefragt geben, darum sind sie „ihnen auch schuldig, eine Vorgabe zu geben, die das Leben überhaupt lebenswert macht“. Dieser geistige Grund, der das Ja zum Leben erst ermöglicht, ist die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, die in der Taufe grundgelegt wird. Von daher ergibt sich für den Glaubenden eine Pflicht zur Taufe seines Kindes: „Und wenn ich wirklich glaube, dass Christus die Wahrheit und das Leben ist, dann ist die Vorgabe Christi nicht nur die einzig mögliche, die ich ihm geben darf, sondern ich bin verpflichtet, ihm mit dem Leben, dem biologischen, das wirkliche Leben zu geben.“ Dass es diese Vorgabe später durch die Katechese zu vertiefen gilt, ist für Papst Benedikt selbstverständlich.

In allen Predigten, die Papst Benedikt in der Osternacht gehalten hat, stand der Zusammenhang von Osternachtsfeier und Taufe, der schon in seiner Biografie begründet ist, im Mittelpunkt. Als der Kardinaldekan Ratzinger in Vertretung von Papst Johannes Paul II. im Petersdom 2005 die Osternacht feierte, hat er bereits die zentrale These seiner Tauftheologie entfaltet: Die sakramentale Taufe ist „das endgültige Geschenk des neuen Lebens“. Ausgangspunkt ist in allen Osternachtsansprachen, was der Apostel Paulus im Galaterbrief in einer Art „geistlicher Selbstbiografie“ geschrieben hat: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Galater 2, 19–20). Dies bedeutet: „Die Auferstehung Christi ist nicht bloß die Erinnerung an ein vergangenes Geschehen. In der Osternacht, im Sakrament der Taufe, wird heute tatsächlich die Auferstehung, der Sieg über den Tod, Wirklichkeit.“ Kerngehalt der Osterliturgie, zu der das Taufsakrament gehört, ist das Hinübergehen aus dem Tod ins Leben.

Ein Jahr später feierte Joseph Ratzinger nun als Papst Benedikt XVI. im Petersdom die Osternacht. Der Papst knüpfte 2006 genau an der Aussage an, um die es ihm ein Jahr zuvor gegangen war. Auf die Frage, wie das Osterereignis bei uns ankommen kann, sagte er: „Es kommt zu mir durch Glaube und Taufe. Deswegen gehört die Taufe zur Osternacht …“ Erneut steht der Galaterbrief im Mittelpunkt: „Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“: Dieser Satz ist Ausdruck dessen, was in der Taufe geschah: „Das eigene Ich wird mir genommen und eingefügt in ein größeres, in ein neues Subjekt.“

Eine zweite Stelle aus dem Galaterbrief wird in diesem Zusammenhang immer wieder angeführt: „Ihr seid einer geworden in Christus“ (Gal 3, 28). „Nicht eins, sondern ein einziger, ein einziges neues Subjekt. Diese Befreiung unseres Ich aus seiner Isolation, dieses Stehen in einem neuen Subjekt, ist Stehen in der Weite Gottes …“ Papst Benedikt geht es zuerst um die christologische Dimension der Taufe. Darum sagt er: „Taufe ist etwas ganz anderes als ein Akt kirchlicher Sozialisation, als eine etwas altmodische und umständliche Form, Menschen in die Kirche aufzunehmen. Sie ist auch mehr als eine bloße Abwaschung als eine Art seelische Reinigung und Verschönerung. Sie ist wirklich Tod und Auferstehung, Wiedergeburt, Umbruch in ein neues Leben hinein.“ Für Benedikt ist der Satz „Ich, doch nicht mehr ich“ die von der Taufe vorgegebene „Formel der christlichen Existenz“.

Auch die Ansprache in der Osternacht 2007 betont den Gedanken des Ergriffenwerdens durch den Auferstandenen: „Wir lassen uns selber zurück in der Taufe, legen unser Leben in seine Hände hinein, so dass wir mit dem heiligen Paulus sagen können: ,Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.‘ Wenn wir uns so weggeben, eine Art von Tod unseres eigenen Ich annehmen, so bedeutet dies zugleich, dass die Grenze zwischen Tod und Leben durchlässig wird.“ Hinzu kommt die Antwort auf die Frage, was denn Christus überhaupt durch seine Auferstehung Neues gebracht habe, wo die Seele des Menschen doch „von der Schöpfung her“ unsterblich sei. Papst Benedikt stimmt zu, die Seele ist unsterblich, „weil der Mensch in einzigartiger Weise im Gedächtnis und in der Liebe Gottes steht, auch als Gefallener“.

Allerdings reichten die Kräfte des Menschen nicht aus, sich zu Gott zu erheben: „Nur der auferstandene Christus kann uns hinauftragen in die Einheit mit Gott, …“ In der Osternachtsfeier 2008 fügte Papst Benedikt einen weiteren Aspekt hinzu, als er von der neuen Weise der Gegenwart des Auferstandenen sprach: „Sein Gehen wird zum Kommen in der universalen Weise der Gegenwart des Auferstandenen gestern, heute und in Ewigkeit. Auch heute kommt er und umspannt alle Zeiten und Orte. Er kann nun auch die Wand der Andersheit durchschreiten, die Ich und Du voneinander trennt. So ist es Paulus geschehen, der den Vorgang seiner Bekehrung und seiner Taufe mit den Worten beschreibt: ,Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir‘ (Gal 2, 20). Durch das Kommen des Auferstandenen hat Paulus eine neue Identität erhalten. Sein verschlossenes Ich wurde aufgebrochen. Er lebt nun in der Gemeinschaft mit Jesus Christus, in dem großen Ich der Glaubenden, die mit Christus – wie er es ausdrückt – ,ein einziger geworden sind‘ (Galater 3, 28).“

„Zum Glauben gehört das Sakrament, zur Taufe gehört das

Glaubensbekenntnis“

In der Osternachtsliturgie 2010 wurde die Einheit mit dem Auferstandenen über die sakramentale Konkretisierung in der Taufe hinaus auf die sakramentale Gegenwart des Auferstandenen in der Eucharistie ausgeweitet: „In ihr empfangen wir den Leib des auferstandenen Herrn und werden selbst in diesen Leib hineingezogen, so dass wir schon von dem festgehalten werden, der den Tod überwunden hat und uns durch den Tod hindurch trägt.“

Neuerlich erweitert wird die Antwort auf die Frage, wie wir Anteil an der Auferstehung erhalten, in der Ansprache des Heiligen Vaters in der Osternacht 2012: „Durch das Sakrament der Taufe und das Bekenntnis des Glaubens hat der Herr eine Brücke zu uns herübergebaut, durch die der neue Tag zu uns kommt.“ Um den Hinweis auf das Glaubensbekenntnis zu verstehen, hilft ein Blick in die Theologische Prinzipienlehre in den Gesammelten Werken (JRGS 9/1 und 9/2). Dort wird das Wesen der Taufe als ekklesiologischer Vorgang erklärt: Das Glaubensbekenntnis hat seinen Ursprung in der Taufe. Glaubensakt und Glaubensinhalt gehören zusammen. Zum Glauben gehört das Sakrament, zur Taufe gehört das Glaubensbekenntnis. Mit dem Eintreten in das neue Subjekt Kirche ist die Bindung an das Bekenntnis der Kirche verbunden: „Die Kirche ist das neue und größere Subjekt … Sie ist unsere Gleichzeitigkeit mit Christus: Eine andere gibt es nicht.“ Sich selbst Zurücklassen in der Taufe, um mit Christus für die anderen zu leben, dies ist das paulinische Leitmotiv, das die gesamte Osterverkündigung von Papst Benedikt XVI. durchzieht.

In einfachen Worten hat er diese Inhalte in der Osternacht 2012 in der Auslegung der Symbolik der Osterkerze zusammengefasst: „Dies ist ein Licht, das vom Opfer lebt. Die Kerze leuchtet, indem sie sich verbrennt. Sie gibt Licht, in dem sie sich selber gibt. So stellt sie auf wunderbare Weise das österliche Geheimnis Christi dar, der sich gibt und so das große Licht schenkt.“ Im Exsultet, dem Osterhymnus am Beginn der Feier der Osternacht wird auch der Herstellung des Wachses durch die Arbeit der Bienen gedacht.

Darin sieht Papst Benedikt einen „stillen Hinweis“ auf die Kirche: „Das Zusammenwirken der lebendigen Gemeinschaft der Gläubigen in der Kirche ist gleichsam wie das Wirken der Bienen. Es baut die Gemeinschaft des Lichts auf. So dürfen wir in der Kerze auch einen Anruf an uns selbst und an unser Miteinander in der Gemeinschaft der Kirche sehen, die da ist, damit das Licht Christi in die Welt hineinleuchten kann.“ Leben und Denken von Papst Benedikt sind vom Ostergeheimnis geprägt: Am Ostersonntag jährt sich sein Geburts- und Tauftag zum 90. Mal. Sich verzehrend hat er in allen seinen kirchlichen Ämtern dem „sehr demütigen Symbol“ der Osterkerze entsprochen und hat so als „Mitarbeiter der Wahrheit“ (sein bischöflicher Wahlspruch aus 3 Johannes 8) die „Gemeinschaft des Lichtes“ aufgebaut.