„Er lebte, was er verkündigte“

Eine kompakte Hinführung in Leben und Werk des ehemaligen Jesuitengenerals Pedro Arrupe

Von den einen verehrt, von den anderen gehasst: Kein anderer Orden in der katholischen Kirche polarisiert so stark wie die Jesuiten. In dieses Spannungsfeld sah sich auch Pedro Arrupe gestellt. Als zweiter Baske nach Ignatius von Loyola wird er am 22. Mai 1965 zum Generaloberen der Gesellschaft Jesu gewählt. Arrupe tritt in einer Zeit des kirchlichen und gesellschaftlichen Umbruchs an die Spitze des bis heute größten Männerordens der Welt. Und während er von der einen Seite – nicht nur ordensintern – bereits vor seinem Tod zum Heiligen erklärt wurde, sind unter den Jesuiten selbst bis heute einige seiner größten Kritiker zu finden. Nichts trifft diese für Arrupe bittere Erkenntnis besser, als der Vorwurf gegen ihn, den er einmal in einer Ansprache in Indien aufgriff: Ein Baske habe die Gesellschaft Jesu gegründet, ein Baske richte sie zugrunde.

Dass Martin Maier SJ, Herausgeber und Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“, diese Meinung in keiner Weise teilt, wird bereits in der Einleitung zu seinem Büchlein „Pedro Arrupe – Zeuge und Prophet“ deutlich. Auf den 96 Seiten möchte er ein „lebendiges Bild“ von seinem ehemaligen Generaloberen entwerfen. Dieses wurde ihm selbst zwar lediglich durch andere Menschen und die eigene Lektüre vermittelt. Die große Faszination, die von Arrupes Persönlichkeit auf ihn ausgeht, durchdringt aber jede einzelne Seite. Arrupes Glaubwürdigkeit ist an dieser Begeisterung nicht ganz unschuldig. „Er lebte, was er verkündigte“, lässt Maier keine Zweifel an dessen Integrität.

Prägende Episoden aus Arrupes Leben – wie dessen Zeugenschaft der Atombombe auf Hiroshima – verstärken diese Aussage und fügen sich an vielen Stellen nahtlos in die Handlung ein. Die kompakte biographische Darstellung ist eine große Stärke des Büchleins, auch wenn eine kritischere Distanz auf die Person an mancher Stelle authentischer gewirkt hätte. Ging es für Maier doch vorrangig darum, den Impulsen nachzuspüren, die von Arrupes Leben und Werk ausgingen. Denn gerade mit Blick auf die zurzeit tagende 35. Generalkongregation in Rom sei es lohnenswert, so der Autor, sich an den Vorgänger Peter-Hans Kolvenbachs, dessen Rücktritt in dieser Woche angenommen wurde, zu erinnern. So zeichnet der Autor nach einführendem und biographischem Kapitel in Grundzügen den bleibenden Wert von Arrupes Worten und Taten.

„Inkulturation“, „Universalität“, „Glaube und Gerechtigkeit“: Wie Maier rückblickend schreibt, seien diese Begriffe und Wortpaare unter Arrupes Führung stets im Dienst einer zeitgemäßen Erneuerung des Jesuitenordens gestanden. So wie es das Zweite Vatikanische Konzil eben forderte. Dabei gibt es für ihn auch kaum Zweifel: Die wichtigsten Prinzipien der ignatianischen Spiritualität wurden durch den baskischen Generaloberen in „schöpferischer Treue“ in die heutige Zeit übersetzt. Allein in der Feststellung des Autors, einiges sei in einem „Optimismus“ und „Überschwang“ entstanden, die heute so nicht mehr geteilt würden, macht sich bei Maier Ernüchterung breit. Eine verflogene Aufbruchsstimmung nach dem Konzil, das Wiederaufblühen des römischen Zentralismus: Kleine Nadelstiche gegen die kirchliche Hierarchie kann sich der Autor an so mancher Stelle nicht verkneifen.

Doch seien Konflikte zur Aufrechterhaltung der Spannung zwischen Charisma und Amt in der Kirche geradezu notwendig und fruchtbar, begründete Maier an Arrupes Beispiel indirekt seine Kritik. Am Lebensweg des Basken, der gepflastert war mit Auseinandersetzungen, die nicht immer verlustfrei verliefen, untermauert er diese Behauptung. Ob nun innerkirchlich im Zusammenhang mit dessen Rücktrittswunsch, den er Papst Johannes Paul II. 1980 demutsvoll – jedoch vergeblich – unterbreitete. Oder im weltweiten Kampf des Ordens für die Armen und Verfolgten, der unter seiner Führung eine bis dahin unbekannte politische Dimension erreichte. Nicht wenige Jesuiten mussten in den vergangenen Jahrzehnten ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen.

Bei allen Anfechtungen, die Pedro Arrupe bis zu seinem Tod durchzustehen hatte, wusste er sich jedoch stets in der Eucharistie und im Gebet von Jesus Christus getragen. Auszüge seines geistlichen Testaments, aus dem Maier zitiert, legen von dieser tiefen Spiritualität ein beeindruckendes Zeugnis ab. Daran werden auch die Kritiker Arrupes nicht vorbeikommen. Und dass sich eine Vertiefung in die Person des ehemaligen Generaloberen der Gesellschaft Jesu – nicht nur für die derzeit tagende Generalkongregation – durchaus lohnt, beweist Maiers kompakte Hinführung in dessen Leben und Werk.