Entwurzelt, betrogen und vergessen

Der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Joseph III. Younan geht mit dem Westen hart ins Gericht. Zur Lage der Christen in Syrien und im Irak. Von Benedikt Winkler

Patriarch Younan calls on Homs citizens to return, help reconstru
Patriarch Ignatius Younan (m.) lief im Mai 2014 mit Christen und Muslimen durch die Altstadt von Homs. Foto: dpa
Patriarch Younan calls on Homs citizens to return, help reconstru
Patriarch Ignatius Younan (m.) lief im Mai 2014 mit Christen und Muslimen durch die Altstadt von Homs. Foto: dpa

Eure Seligkeit, der syrische Präsident Baschar al-Assad gilt im Westen als Diktator und Massenmörder. Wie stehen Sie zu diesem Mann?

Wie können wir vergleichen? Ein Präsident wie Baschar al-Assad, gut ausgebildet, seine Frau, eine einzige Frau, auch gut ausgebildet. Sie ist Sunnitin, nicht Alawit, mit drei Kindern. Wie können wir diese Familie vergleichen mit jenen Familien, die sich mit den westlichen Ländern verbündet haben? Wenn der Scheich, Emir oder König weder den Namen seiner letzten Frau aussprechen kann, noch weiß, wie viele Kinder er hat – wie können wir vergleichen?

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie sagen, dass Assad eher einem christlichen Familienbild entspricht als die anderen Machthaber im Mittleren Osten. Doch finden Sie nicht, dass die Giftgas- und Foltervorwürfe der UN gegen das syrische Regime ungleich schwerer wiegen?

Der Westen folgt dem Embargo und beschuldigt das Regime, eine Diktatur zu sein: Assad sei ein Monster, der seine eigenen Leute tötet. Jedes Mal hören wir, lesen wir, 100 000, 200 000, 300 000 Opfer, die durch das Regime getötet worden sind. Was können wir tun? Wie können wir das syrische Regime beschuldigen, für all die Gräueltaten während des konfessionellen, sektiererischen Bürgerkriegs verantwortlich zu sein? Es ist heuchlerisch von den westlichen Politikern, mit diesen Konflikten umzugehen. Sie selbst haben sehr viel Schaden angerichtet sowohl bei Syrern als auch bei den Irakern. Die USA mit ihren Verbündeten sind bereits seit 2003 im Irak – und was ist das Ergebnis, das sie zu verzeichnen haben? Sie sind bereits mehr als vierzehn Jahre dort und haben noch keinen wahren Frieden im Irak gebracht. Deswegen teile ich nicht die Auffassung der westlichen Politiker. Sogar die Kirchenoberen haben sich manipulieren lassen von den Medien.

Ist die westliche Perspektive auf den Bürgerkrieg in Syrien zu naiv?

Seit Beginn an war ich gegen diese Art von westlicher Perspektive, die vortäuscht, die westliche Demokratie in eine Region zu exportieren, welche Demokratie nicht anwenden kann, weil es keine Trennung zwischen Religion und Staat gibt. Im Frühjahr 2011 wurde ich von Journalisten in Paris gefragt: „Was denken Sie, Patriarch, der Arabische Frühling wird über Syrien kommen, bald wird die syrische Regierung ausgeschaltet sein.“ Ich sagte ihnen: „Meine Freunde, seid nicht naiv mit dem, was ihr hört oder worüber ihr urteilt. Die Situation in Syrien lässt sich nicht vergleichen mit der in Tunesien oder Ägypten. In Syrien gibt es Minderheiten, verschiedene Konfessionen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft und unter den Christen. Wir haben die Sunniten, die Schiiten, die Drusen, die Alawiten, die Kurden. Wenn die Gewalt weitergeht, dann wird es bald zu einem sektiererischen Bürgerkrieg kommen, der das Land ins Chaos stürzt.“ Das war vor sieben Jahren.

Gibt es noch eine Bedrohung durch den Islamischen Staat?

Sicher. Wenn er kann, dann greift er noch an, in Bagdad oder in Basra oder in Kurdistan. Aber diese Angriffe sind weniger geworden, weil die Armee der Zentralregierung ungefähr neunzig Prozent der Gebiete im Irak zurückgewonnen hat, die bislang durch den IS kontrolliert worden waren. In Syrien das gleiche. Aber das Chaos geht weiter. Im Nordosten Syriens haben wir die Konflikte zwischen der syrischen Regierungsarmee und den Kurden.

Wie geht es den Christen?

Wir wurden in den letzten Jahren sehr stark angegriffen, speziell in der Ebene von Niniveh und in der Provinz von Al-Hasaka. Wir teilen auch das Leid mit anderen Christen in syrischen Städten wie Aleppo, Homs und Damaskus. Im Irak werden die Christen bis heute stark unterdrückt. Wir können eigentlich nicht mehr von christlicher Existenz im Irak sprechen, das gilt insbesondere für den Nordirak, Kurdistan und Bagdad. Zwei Drittel der irakischen Christen sind geflohen. Die Syrisch-katholische Kirche hat nur noch vier Kirchen in Bagdad und die Anzahl der Gottesdienstbesucher ist stark zurückgegangen. In der einst größten Stadt im Süden Iraks, in Basra, sind nur noch sehr kleine Gemeinschaften übrig. Wir würden uns betrügen, wenn wir sagen, wir hätten dort noch existierende Gemeinschaften. In Syrien gibt es eine ähnlich große Auswanderung unter allen Christen, ganz besonders betrifft das unsere junge Generation.

Haben Sie eine Vision, wo Syrien in zehn Jahren stehen könnte?

Haben Sie jemals gehört von einer christlichen Familie, einer alawitischen Familie, einer Drusenfamilie, die in den von Rebellen kontrollierten Gebieten leben? Sie finden sie nicht, sie trauen denen nicht, sie fürchten sich vor ihnen. Also hier haben wir die Lösung: Wir müssen mit der Regierung in Dialog treten, um einen besseren Weg zu finden. Wir müssen den religiösen Fanatismus von den politischen Einflüssen trennen. Sie müssen den Minderheiten Vertrauen schenken. Nicht sie zu dominieren, nach dem Motto: Wir sind die sunnitische Mehrheit, deswegen haben wir die Macht. Das gibt jenen, die viel gelitten haben, keine Sicherheit, kein Vertrauen, keinen Frieden. Es obliegt der Mehrheit, die Zukunft Syriens zu gestalten, indem sie über demokratische Systeme spricht. Aber zuerst muss das Verhältnis zwischen Religion und Politik in der Verfassung geändert werden.

Woran scheitert die Demokratisierung in Syrien?

Die Politiker haben nicht den Mut, die Verfassung zu ändern, weil die meisten oder alle von ihnen von den wahhabitischen Regimes, von fanatischen islamischen Regimes in den Golfstaaten und Saudi-Arabien gesponsert werden. Sie werden von denen bezahlt. Das beobachten wir die letzten sieben Jahre. Sie gehen von Hotel zu Hotel: Wo bekommen Sie Ihr Einkommen her? Sie erzählen den Menschen, dass sie Demokratie in Syrien verteidigen. Das ist aber nicht der Fall.

In Deutschland wird gerade eine neue Regierung gebildet. Wie stehen Sie zur bisherigen Flüchtlingspolitik und wie sollte sie in Zukunft aussehen?

Wenn wir Flüchtlinge haben, dann müssen wir die biblischen Gebote und die Worte Jesu beherzigen: Fremde aufnehmen und Notleidenden helfen. Vor anderthalb Jahren traf ich in Berlin Kardinal Marx. Ich sagte ihm: Der Weg, wie Deutschland die Flüchtlinge hergebracht hat, war weder menschlich noch weise. Eine Million Menschen nach Deutschland zu lassen, ist keine leichte Aufgabe. Sie wissen nicht, wer kommt und wie sie integriert werden können in die neue Gesellschaft und in die neue Kultur. Es wäre viel besser gewesen, hätten Deutschland und andere EU-Länder rechtzeitig Regierungsbeamte geschickt, um die Einwanderungsanträge der Familien zu prüfen. Jene, deren Anträge akzeptiert worden wären, hätte man auf menschliche Art und Weise nach Europa bringen können. Stattdessen hat man die Menschen in den Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon oder Jordanien ermutigt, das Mittelmeer zu überqueren, um Europa zu erreichen. Ich frage mich, warum haben die westlichen Länder nicht daran gearbeitet, temporäre Aufenthaltsmöglichkeiten für Flüchtlinge in arabischen Gebieten aufzubauen? Warum schafft man es nicht, den geflohenen Familie einen zeitlich begrenzten „sicheren Himmel“ zu ermöglichen? Mit menschlichen und finanziellen Zuwendungen wäre alles möglich. Die Flüchtlinge wären in einer besseren Situation hinsichtlich von Sprache, Kultur und Religion und auch hinsichtlich der Distanz zu ihren Heimatländern.

Gibt es unter syrischen Flüchtlingen den Willen, ihr Land wiederaufzubauen anstatt zu fliehen?

Es liegt zunächst am Willen der Regierung, jenen zu helfen, die willens und fähig sind, das Land wieder aufzubauen. Wissen Sie, alle sagen, wir müssten das Land wieder aufbauen. Aber die Christen zweifeln, dass das bald geschehen kann. Schauen Sie auf die Krise zwischen Kurdistan und der Zentralregierung im Irak, das heißt zwischen kurdischen Sunniten und arabischen Schiiten. Sie sind im Konflikt, sie haben die Ebene von Niniveh befreit. Es war aufgeteilt zwischen Kurdistan und Bagdad. Jetzt steht es mehr unter der Kontrolle der irakischen Zentralregierung. Aber es ist immer noch eine unklare Situation. Wir wissen nicht was passieren wird. Für uns Christen ist es nicht leicht, weil wir zweimal aus unserem Land vertrieben worden sind. Jetzt gehen wir zurück und wir riskieren erneut vertrieben zu werden. Es ist nicht so leicht, die Familien zum Rückzug zu bewegen. Sie denken, es wäre besser für sie, wenn sie auswandern, wenn sie Meere und Ozeane überqueren, um einen „sicheren Himmel“ zu erreichen: Würde und Freiheit in der westlichen Welt.

Ihre Nichten und Neffen leben in Deutschland, Schweden, Holland, Amerika und Kanada. Können Sie die Entscheidung der Christen verstehen, die auswandern wollen?

Wir ermutigen sie nicht dazu. Als Patriarch und Kirchenführer bleiben wir dabei, die Christen zu bitten, dass sie in ihren Heimatländern verwurzelt bleiben sollen oder zurückkehren. Aber wir haben nicht die Mittel und wir respektieren die Freiheit der Familien, die wissen, was das Beste für ihre Kinder ist.

Finden Sie, die „muslimische Welt“ tut genug, sich von Gewalt im Namen ihrer Religion zu distanzieren?

Sich nur von Gewalt zu distanzieren, das ist leicht. Wir brauchen Fakten. Sie behaupten, ihre Religion sei eine Religion der Barmherzigkeit, der Toleranz und des Friedens. Aber im Grunde entspricht das nicht dem, was wir hören. Die muslimische Mehrheit drängt ihre Scharia allen Ländern des Mittleren Ostens auf - außer Libanon.

Die EU zahlt Milliarden für den Wiederaufbau. Was können die westlichen Länder noch tun?

Sie müssen wirklich und ernsthaft helfen, jene Länder wieder aufzubauen, an deren Zerstörung sie mitgewirkt haben, sei es im Irak oder in Syrien. Sonst ist es „machiavellische Politik“. Es liegt an der Art der Versöhnung, sich gegenseitig zu akzeptieren und eine neue Verfassung zu bilden. Nur so kann dem IS und den Vereinigungen, die zerstört und getötet und die Bevölkerung vertrieben haben, ein Ende gesetzt werden. Leider profitieren viele davon, dass das Chaos weitergeht. Wer will wirklich die Administration in Syrien übernehmen, wenn die Regierung gegangen ist? Das sind irgendwie heuchlerische Beteuerungen, dass sie zum Wiederaufbau gewillt sind. Das ist kein ehrliches Verhalten. Es muss mit der legitimen syrischen Regierung, die von der UN anerkannt ist, verhandelt werden.

Wie kann das ganz praktisch umgesetzt werden?

Die westlichen Länder sollten anstatt eine Sprache der „political correctness“ zu benutzen, die Wahrheit aussprechen und die Wahrheit durch Taten der Nächstenliebe bezeugen. Die Politiker aus dem Westen, die glauben, sie wären die Bildungselite, sollten drei Dinge vermeiden im Umgang mit Ländern, die von einer muslimischen Mehrheit regiert werden: Paternalismus, Beschwichtigung und Profitismus. Paternalismus bedeutet, zu denken, dass die, die dem Islam angehören, meistens nicht so entwickelt sind wie wir: Sie brauchen Zeit und wir müssen sie akzeptieren wie sie sind. Beschwichtigung (engl.: „panderism“, Anm. d. R.) heißt alles zu tun, um Konflikte zu vermeiden nach der Devise: Sei ruhig und verletze ihre Gefühle nicht. Wir müssen auch wahrhaftig mit der Wahrheit umgehen. Und Profitismus drückt sich darin aus, dass wir nur miteinander reden wegen unseres eigenen Profits. Stattdessen muss die internationale Staatengemeinschaft wollen, dass die Länder des Mittleren Ostens ihren eigenen Weg der Zivilisation beschreiten, entwickelte Länder zu sein.

Sie haben einmal gesagt: Die Christen im Mittleren Osten fühlen sich „vom Westen im Wesentlichen ignoriert und sogar betrogen“… In welcher Weise hat der Westen Fehler gemacht?

Wir sind Opfer dieser Krise geworden, weil die westlichen Politiker die Gewalt angestiftet haben und diese Ärgernisse weiter anfachen. Sie ignorieren die Minderheiten, nicht nur die Christen, auch andere: Abbasiden, Alawiten, Drusen, Ismailiten, nicht nur die Christen. Wir Christen spüren, dass wir nicht nur ignoriert, sondern sogar von westlichen Politikern betrogen wurden. Wie können uns die westlichen Politiker davon überzeugen, dass sie die Menschenrechte aller Minderheiten verteidigen, für Frieden und Gleichberechtigung sind, wenn sie versuchen, bedrohten Tierarten zu helfen oder Pflanzen.

Was können die Christen in den westlichen, sagen wir deutschsprachigen Ländern tun für den Versöhnungsprozess im Mittleren Osten?

Die deutsche Bevölkerung weiß um unsere Situation und versucht uns zu helfen. Sie fühlt mit unserer Tragödie, speziell die Katholiken unterstützen uns und beweisen ihre Solidarität. Wir wünschen uns, dass die schweigende Mehrheit der Bevölkerung aufsteht und den Regierenden sagt: „Das, was ihr im Mittleren Osten tut, ist nicht christlich, ist nicht menschlich“.

Wir sind die indigene Bevölkerung im Mittleren Osten. Wir haben keine Verantwortung und tragen keine Mitschuld an den Kämpfen. Wir haben keine Milizen, wir haben nicht den Willen, die Regierung zu attackieren. Wir haben friedlich in unseren Ländern gelebt und wir wurden entwurzelt, vertrieben, verlassen und vergessen.

 

Hintergrund

Seine Seligkeit Mar Ignatius Joseph III. Younan, 1944 in Al-Hasaka im Nordosten Syriens geboren, ist seit 2009 der Patriarch der Syrisch-katholischen Kirche. Die Syrisch-katholische Kirche ist die Erbin der syrischen Kirche von Antiochien und seit dem Jahr 1782 mit Rom uniert. Ihre Liturgiesprache ist Altsyrisch-Aramäisch. Heute zählt sie etwa 160 000 Gläubige, die in Syrien, dem Irak, im Libanon und in den USA leben.