Entspannung in Prag

Tschechiens Regierung stimmt Rückgabe von Kircheneigentum zu

Prag (DT/KNA) Gleich an zwei Tagen hintereinander haben der tschechische Staat und die Kirchen des Landes Signale einer Entkrampfung ihres komplizierten Verhältnisses ausgesandt. Am Mittwoch stimmte die Regierung der Entschädigung der Kirchen für ihr von den Kommunisten beschlagnahmtes Eigentum zu. Am Donnerstag nun erzielten Staat und katholische Kirche auch in der strittigen Frage der Nutzung des Prager Veitsdoms eine Übereinkunft.

Die wichtigste Bischofskirche des Landes ist seit langen Jahren ein Zankapfel. In den 1950er Jahren hatten die Kommunisten das unter Kaiser Karl IV. begonnene Gotteshaus zum „Eigentum des ganzen Volkes“ erklärt. Im Klartext: Sie enteigneten es. Nach der „Wende“ bemühte sich die katholische Kirche um eine Rückgabe. Doch Forderungen der Kirche sind in der Tschechischen Republik nicht eben populär. Das Land gehört zu den am meisten säkularisierten in Europa. Es sind nicht nur die alten Kommunisten, die sich einer Rückgabe von Kircheneigentum massiv widersetzen. In dieser Frage kann man beinahe schon von einem seltenen gesamtgesellschaftlichen Konsens sprechen. Ein Unrechtsbewusstsein, weil sich der Staat einfach etwas angeeignet hat, das ihm nicht gehörte, sucht man vergeblich. Die katholische Kirche muss das vor allem beim Veitsdom ausbaden. Wiederholt zogen die widerstreitenden Partner vor Gericht. Das sprach das imposante Gotteshaus zuletzt neuerlich dem Staat zu.

Ein Revisionsantrag der Kirche läuft noch. Nun hat man sich immerhin über die Nutzung der Kathedrale geeinigt. Der Staat übernimmt die laufenden Kosten, die Kirche zahlt dafür ihrerseits eine symbolische monatliche Pauschale von umgerechnet 20 Euro. Eine Erniedrigung musste die Kirche aber weiter hinnehmen: Wollen ihre Leute in ihr Gotteshaus, müssen sie sich auch künftig zum Schlüsseldienst der staatlichen Burgverwaltung bemühen. Grundsätzlicher als die vor allem symbolisch wichtigen Fragen um den Veitsdoms ist aber die der Rückgabe des Kircheneigentums. Ein Drittel davon bekommen die Kirchen in Tschechien nun direkt zurück. Für den Rest wird es eine finanzielle Entschädigung geben, die zudem noch über den langen Zeitraum von 60 Jahren ausgezahlt werden soll. Durch die auflaufenden Zinsen handelt es sich um einen Betrag von mehr als zehn Milliarden Euro. Das klingt nach viel; in Wahrheit aber hat die Kirche dabei große Zugeständnisse gemacht. Sie muss nun nämlich auch ihre Geistlichen selbst bezahlen – für die bisher der Staat zuständig war. Letzterem fällt jetzt mit einem Schlag ein riesiges Vermögen zu, mit dem er tun kann, was er will. Für die Kommunen gibt es endlich Rechtssicherheit. Sie können jetzt etwa mit einstigem kirchlichen Grund und Boden etwas Konkretes anfangen: Industriegebiete anlegen oder Wohnungen errichten.

Zusätzlich interessant dürfte sein, dass es für viele solcher bisher blockierter Projekte auch Fördergelder aus der Europäischen Union gibt. Dass die Regierung nun nach jahrelangem Nein zu einer Einigung bereit war, hängt nicht unwesentlich mit den nahen Präsidentschaftswahlen am 8. Februar zusammen. Namentlich die größte Regierungspartei, die konservative ODS, braucht für eine Wiederwahl ihres Ehrenvorsitzenden Vaclav Klaus jede Stimme aus dem Lager der Christdemokraten. Denen liegen die Kirchenfragen naturgemäß besonders am Herzen. Und auch Klaus selbst hat bereits angekündigt, sich dem Rückgabeabkommen nicht per Veto widersetzen zu wollen. So kirchenfreundlich war Klaus nicht immer. Es ist noch nicht lange her, da sah er die Kirche auf einer Stufe mit einem Kleingartenverein.