Entscheidung „weit über Januar hinaus“

In Limburg geht es nicht um 31 Millionen, sondern um die Theologie des Weiheamtes und das Kirchenverständnis: Ein Podium in Bad Homburg. Von Regina Einig

Generalvikar Wolfgang Rösch. Foto: KNA
Generalvikar Wolfgang Rösch. Foto: KNA

Bad Homburg (DT) Ob Papst Franziskus mit dem Bistum Limburg zufrieden sein kann? Von der im Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ hervorgehobenen Glaubensfreude dringt zwischen Lahn, Dill und Main derzeit jedenfalls nicht viel durch: „Wo spürt man diese Freude bei uns? Wir sind so gelähmt mit selbst gemachten Problemen, dass wir genau das verloren haben. Wen wollen wir mit diesem Verhalten evangelisieren?“, fragte Generalvikar Wolfgang Rösch am Donnerstag kritisch.

Nachdenkliche Stille auf dem Podium und im Publikum. Auf Einladung des katholischen Bezirksbüros und des katholischen Bildungswerkes Hochtaunus waren am Donnerstag Pfarrer Reinhold Kalteier, Sprecher des Priesterrates, Paul-Stefan Freiling, Vorsitzender der Bezirksversammlung im Bezirk Hochtaunus und Mitglied im Präsidium der Diözesanversammlung, Publik-Forum-Redakteurin Britta Baas und die evangelische Pfarrerin und Organisationsberaterin Sigrid Düringer in die Gemeinde St. Marien gekommen, um mit Rösch über die Situation im Bistum Limburg zu sprechen.

Der Generalvikar ließ gleich zu Beginn die Stichworte „Bafile-Affäre“ und „Schein-Diskussion“ fallen. In Rom, wo er kürzlich in Bischofs- und in der Glaubenskongregation Gespräche über das weitere Procedere im Bistum führte, sieht man den gegenwärtigen Konflikt im Kontext seiner Vorgeschichte. Derzeit finde ein „Ringen um die Interpretation statt, was in Limburg passiert“. Er habe dort eine sehr aufmerksame Hörerschaft gefunden und praktische kirchenrechtliche Fragen erörtert wie die Ernennung von Firmspendern, Versetzung von Kaplänen. Rösch unterstrich seine Überzeugung, dass die Kirche in der Causa klug vorgehe. Rom werde entscheiden, „wenn der Entscheidungsrahmen die Prüfung der Vorgänge ist und eine Abwägung – und nicht eine durch äußeren Druck aufgebaute Gehetztheit“.

Kalteier beklagte ein Dialogdefizit im Bistum: Es seien Diskussionen abgebrochen worden und nicht zustande gekommen. Den „Hofheimer Kreis“, dem er selbst auch angehört, bezeichnete er als „Selbsthilfegruppe“. Die Pfarrerinitiative hatte den Rücktritt des Limburger Bischofs gefordert. Freiling nahm den Bischof in Schutz: Er habe nicht erlebt, dass der Bischof sich dem Dialog verweigert habe. „Völlig überraschend war für Limburger Verhältnisse, dass er stramm klerikale Positionen vertreten hat“. Ein Problem sei, dass nicht klar unterschieden werde zwischen dem Vorwurf der Dialogverweigerung und der Frage: „Passen vielen einfach seine konservativen Positionen nicht?“ Britta Baas gab mit einer scharfen Kritik an der klerikalen Hierarchie der Kirche indirekt eine Antwort und rief Papst Franziskus samt dem Apostolischen Schreiben in den Zeugenstand.

Das Bild eines Bischofs als „treuen Sohnes der Kirche“ geriet stellenweise zum Schreckgespenst. Düringer fürchtete die Konsequenzen der „Sakralisierung von Hierarchie“. Auf Nachfrage des Moderators Meinhard Schmidt-Degenhart bestätigte sie auch dessen Eindruck, „dass hier zwei theologische Welten aufeinanderprallen“. In den Redestrom fiel die Frage nach der Theologie des Bischofsamtes und der Ausübung des Dienstes wie ein Filter. Frieling zitierte das kirchliche Gesetzbuch, demzufolge der Bischof kraft göttlicher Einsetzung durch den Heiligen Geist, der ihm geschenkt sei, an die Stelle der Apostel trete. „Das ist nicht der Abteilungsleiter bei Aldi“. Es sei eine Weiche und es einfach aufzugeben bedeute Beliebigkeit. „Über die theologische Hürde kommen wir nicht hinüber“. Rösch zufolge ist das Bischofsamt sei nur dann fruchtbar, wenn es eine doppelte Einheit herstellt: sowohl mit der Universal- als auch mit der Ortskirche.

Auch Kalteier bezeichnete das Amtsverständnis „als wichtigen Punkt“ und zitierte zwecks Ursachenforschung der Causa Limburg Punkt 31 des Apostolischen Schreibens „Evangelii gaudium“ mit Blick auf das missionarische Miteinander und den pastoralen Dialog: Der Bischof solle alle anhören und nicht nur einige, die ihm Komplimente machen.

Rösch warnte davor, „Schubladen so zu gestalten, dass eine Person reinpasst, die ich nachher versenken kann“. Er sehe die Gefahr, dass eine Auseinandersetzung zu eindimensional interpretiert werde und damit der Kirche als Ganzer Unrecht zu tun. „Die Kirche ist nicht ein Bischof“. Er habe den Eindruck, dass „wir in einem Denk- und Redeverbot gelebt haben, das der Bischof uns gar nicht auferlegt hat“. Das sei mit dem Besuch von Kardinal Lajolo „geplatzt“.

Düringer unterstrich, dass auch ein neuer Bischof die Lähmung im Bistum nicht automatisch lösen könne. In der Diözese gebe es viele Probleme aufzuarbeiten. Rösch bestätigte, das Bistum habe vieles, „wovon ein Betrieb nur träumen könne“ – von der gültigen Beschwerdeordnung bis zur Synodalordnung. Vorhandene Strukturen müssten auch genutzt werden. Frieling widersprach: Besser sei es, über die Strukturen selbst nachzudenken: „Haben wir vielleicht zu viele Gremien und zu wenig Effizienz?“ Die Ereignisse im Bistum seien außerhalb der Strukturen angekurbelt worden, Stichwort Hofheimer Kreis und Frankfurter Unterschriftensammlung.

Für die Rückkehr mit Bischof Tebartz sprach sich niemand auf dem Podium aus. Frieling zufolge wären die Verwerfungen im Fall einer Rückkehr so groß, dass ein positiver Weg in die Zukunft nicht vorstellbar sei. Rösch unterstrich zwar auch die Leistungen Bischofs Tebartz-van Elst und nannte pars pro toto die Pfarreifusionen: „Das ist in der bundesdeutschen Landschaft bei uns am konstruktivsten und auch am synodalsten gelaufen – und das ist auch das Verdienst des Bischofs.“ Auf Nachfrage verwahrte er sich jedoch dagegen, eine Entscheidung des Papstes vorwegzunehmen, die dieser erst nach der Untersuchung der Vorgänge im Bistum fällen könne. Bischof Tebartz wolle zurückkommen, sonst wäre er zurückgetreten. Doch die Entscheidung werde von den Ergebnissen abhängen und „weit über den Januar hinaus“ getroffen. Rom werde auch prüfen, ob der Bischof das Amt der Einheit noch ausfüllen könne „und ich glaube, dass Rom gut entscheiden wird. Lassen wir die Situation sich entwickeln.“ Ein moralischer Kampf sei „mit teilweise unmoralischen Mitteln geführt worden, der ehrabschneidend und persönlich verletzend gewesen sei“. Aufrechnen nutze jedoch nichts.

Das Podium bildete einen glaubwürdigen Gegenakzent zu der misslungenen Veranstaltung, mit der Frankfurts Stadtdechant Johannes zu Eltz im „Haus am Dom“ kürzlich Druck in den Kessel gepumpt hatte. Bei aller Verschiedenheit der Sichtweisen zeigte der Abend: Fairness mit Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist auch im Bistum Limburg möglich. Der Moderator vermisste im Bistum allerdings die Barmherzigkeit im Umgang miteinander und mit dem Bischof. Kritische Stimmen aus dem Publikum bestätigten, dass nicht alle Reibungsverluste des Konfliktes, etwa bei der Herbst-Caritassammlung, dem Bischof anzulasten sind. Frustrierte Gläubige verweigern ihre Spende auch aufgrund des Verhaltens des Domkapitels, des Priesterrates und der synodalen Gremien. Den Bischofskritikern würde mancher Limburger Diözesane lieber ein Schweigejahr verordnen. Kalteier sah keinen Grund, das Licht der Kirche unter den Scheffel zu stellen, mahnte aber: „Wir müssen bescheidener werden“. Im Publikum wurde auch der Aufruf zur Versöhnung mit dem Bischof geäußert. Eine Besucherin äußerte gegenüber dieser Zeitung „Wir können nicht entscheiden, was aus dem Bischof wird. Wir müssen Gott vertrauen. Das tun aber die wenigsten“.