Einheit von Leben und Lehre

Die deutsche Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen, eine wahrhaft benediktinische Heilige - „Tagespost“-Serie Teil IV. Von Schwester Philippa Rath OSB

Hildegard zusammen mit der heiligen Elisabeth, dem heiligen Georg und dem heiligen Bonifatius. Ehemaliges Wandgemälde im Kaiserdom zu Frankfurt am Main. Foto: Abtei St. Hildegard
Hildegard zusammen mit der heiligen Elisabeth, dem heiligen Georg und dem heiligen Bonifatius. Ehemaliges Wandgemälde im... Foto: Abtei St. Hildegard

Wenn wir Schwestern der Abtei St. Hildegard Vorträge über unsere Klosterpatronin halten, werden wir nicht selten gefragt: Sind Sie eigentlich Hildegardis-Schwestern? Nein, sagen wir in diesem Fall ganz offen, das sind wir nicht. Wir sind Benediktinerinnen, so wie es die heilige Hildegard, die vor 850 Jahren unser Kloster gegründet hat, auch war. Dieses gemeinsame Erbe ist es, das uns miteinander verbindet. Wie Hildegards Leben damals, so ist auch unser Leben heute inspiriert und geprägt von der Heiligen Schrift und von der Benediktsregel, von der Liturgie und vom Stundengebet. Sie sind die unerschöpflichen Quellen unseres geistlichen Lebens. Hildegards gesamtes Werk ist von ihnen durchdrungen; sie bilden die Grundlage und die Quelle ihrer Visionen – nicht nur der drei großen theologischen Schriften, in denen sie in immer neuen Bildern von der Schöpfungs- bis zur Erlösungstheologie das ganze Panorama der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen entfaltet, sondern auch ihres musikalischen Schaffens, das ohne diesen Wurzelgrund der täglich gefeierten Liturgie und des Gregorianischen Chorals nicht zu denken wäre.

Vergleicht man die zeitgenössische Lebensbeschreibung der heiligen Hildegard aus der Feder der Mönche Gottfried und Theoderich mit der sechshundert Jahre älteren Vita des heiligen Benedikt, so ergeben sich manch erstaunliche Parallelen. Hildegards Lebensweg lässt sich in drei Abschnitte gliedern: erstens die Kindheit in der Geborgenheit ihrer Familie, dann die Berufung zum Ordensleben und der Rückzug aus der Welt in die Einsamkeit des klösterlichen Lebens und schließlich die Sendung und der Auszug aus der Einsamkeit hinein in das öffentliche Wirken. In diesem Dreischritt unterscheidet sich der Lebensweg Hildegards kaum von dem des großen Mönchsvaters Benedikt von Nursia, dessen Leben Papst Gregor der Große im 6. Jahrhundert in seinem Zweiten Buch der Dialoge beschrieben hat. Geborgenheit, Erwählung und Sendung auch hier. Monastisches und zugleich apostolisches Wirken. Immer in dem Bewusstsein, auserwähltes Werkzeug Gottes und Verkünder seines Willens zu sein. Der gemeinsame Wurzelgrund beider war dabei stets die unmittelbare Begegnung mit Gott und der Gehorsam gegenüber seinem je neuen Anruf.

Schon im Alter von drei Jahren hat Hildegard, wie sie selbst es später beschrieben hat, „ein so großes Licht gesehen, dass meine Seele erbebte“. In der Begegnung mit dem Licht – später von ihr selbst das „Lebendige Licht“ genannt – schaute und sah sie Dinge, die für andere unsichtbar und auch ihr selbst lange unverständlich blieben. Viele Jahre schwieg sie und erzählte niemandem von diesen ihren Erfahrungen. Später hat sie den Einbruch des Lichtes in ihr Leben als Zeichen der Erwählung und Berufung von Anfang an gedeutet: „Die Gabe der Schau“, so schrieb sie, „ wurde meiner Seele schon vor meiner Geburt vom Schöpfergott eingeprägt“.

Licht war von jeher ein Zeichen für Gott und seine Selbstoffenbarung an den Menschen. Gott ist Licht, sagt der Evangelist Johannes, und oftmals erschien da, wo Gott sich in die Geschichte hinein offenbarte, ein überhelles Licht. Hierzu gibt es viele bekannte Parallelen: in der Heiligen Schrift in der Berufung des Apostels Paulus etwa, aber auch in der Vitenliteratur der großen Heiligen. Auch in der Lebensbeschreibung des heiligen Benedikt spielt ein überhelles Licht eine entscheidende Rolle, wenn dort berichtet wird, dass der Heilige kurz vor seinem Tod die ganze Welt in einem einzigen wunderbaren Lichtstrahl gebündelt aufleuchten sah und mit einem Mal die großen Zusammenhänge von Gott, Welt und Mensch erkannte.

Nicht umsonst wird der heilige Benedikt in seiner Vita als ungelehrt, „indoctus“, aber weise „sed sapienter“ beschrieben. Der Weise sieht die großen Zusammenhänge. Er schaut tiefer und weiter. Sein Blick ist frei für das innere Wesen der Dinge und schaut auf das Wesentliche. Und, was besonders wichtig ist: Leben und Lehre stimmen bei ihm miteinander überein. Deshalb sind weise Menschen so überzeugend. In diesem Sinne war auch die heilige Hildegard eine weise Frau, obwohl oder gerade weil sie sich immer wieder als ungelehrt, „indocta“, bezeichnet hat. Mit dieser Umschreibung jedenfalls ergab sich wie von selbst die Parallele zum großen Mönchsvater Benedikt. Hildegard war aber nicht nur weise, sondern sie war auch eine hochgelehrte Frau, theologisch und philosophisch gebildet, vertraut mit den Kirchenvätern ebenso wie mit den großen Theologen ihrer Zeit.

Bereits in jugendlichem Alter wurde Hildegard der Meisterin Jutta von Sponheim zur Ausbildung und Erziehung übergeben. Mit ihr sprach sie auch zum ersten Mal über ihre Erfahrungen mit dem lebendigen Licht. Unter Juttas Anleitung wuchs Hildegard von Anfang an in das benediktinische Leben hinein. Zeit ihres Lebens war sie eingebunden in den klösterlichen Rhythmus: in die maßvolle Ordnung von Gebet und Arbeit, von Studium und geistlicher Lesung, von Einsamkeit und Gemeinschaftsleben. Diese Säulen des monastischen Lebens formten ihr Denken und Handeln, ihre Sprache und ihre Schriften. Hildegard war mit Leib und Seele Benediktinerin. Sie trägt das Erbe des Mönchtums in sich und gibt dieses Wissen in ihren Schriften weiter, direkt oder indirekt und keineswegs nur in ihrem kleinen, aber sehr prägnanten Kommentar zur Benediktsregel.

In der Frauenklause auf dem Disibodenberg lernte Hildegard in der „Lectio Divina“, der geistlichen Lesung und Betrachtung, vor allem den vertieften Umgang mit der Heiligen Schrift. Diese sollte sie prägen in all ihrem Sein und Tun. Selbst wenn Hildegard die Bibel in ihren Werken eher selten wörtlich zitiert, so finden sich doch überall Anklänge an sie, ja es geht ihr letztlich darum, die Heilige Schrift auszulegen, den Menschen nahezubringen und sie für ihr konkretes Leben fruchtbar zu machen. Geprägt wurde Hildegard auch in besonderem Maße durch die Liturgie, die Hinwendung zu Gott als dem Schöpfer und Urheber allen Seins, die den Tagesablauf im Kloster bestimmt. Der immer gleich bleibende Rhythmus von Gebet und Arbeit verhilft zu Sammlung und Konzentration, dazu, den Blick auf das Wesentliche auszurichten. Hier wird das Leben – das jedes Einzelnen, aber auch das Leben der ganzen Menschheit und des gesamten Kosmos – im Angesicht Gottes und mit den Augen Gottes betrachtet. Alles hängt dabei mit allem zusammen, alles steht in Beziehung zueinander, alles hat seine Entsprechung auf verschiedenen Ebenen: der körperlichen, der seelischen, der geistigen und der geistlichen, der individuellen wie der kosmischen. Hier liegt die Wurzel des unvergleichlichen kosmologisch-theologischen Ansatzes, den die heilige Hildegard in ihrem Werk entworfen hat.

Zu den Schlüsselbegriffen hildegardischen Denkens gehören die Begriffe „Ordo“ (Ordnung) und „Discretio“ (weise Maßhaltung, Ausgewogenheit). Diese sind fest im benediktinischen Leben und in der Benediktsregel verankert. In ihnen geht es um die Ordnung und Ausgewogenheit des Lebensrhythmus', um das rechte Verhältnis der Lebensvollzüge zueinander und um das rechte Maß, das das Leben davor bewahrt, aus dem Lot zu geraten. Dies gilt für alle Bereiche des Lebens: Für Gebet, Arbeit und Muße, für Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe, Schweigen und Kommunikation. Letztlich geht es darum, so sagt Hildegard, sich einzufügen in das Ordnungsgefüge der Welt, in den Ordo des Kosmos, der sich im Leben jedes Einzelnen wiederspiegelt und gegen den zu leben niemals sinnvoll ist, ja sogar krank machen kann.

Zum Rhythmus der Zeit kommt in einer benediktinischen Gemeinschaft auch der Rhythmus des menschlichen Zusammenlebens hinzu: der Wechsel von Gemeinschaft und Einsamkeit, von Nähe und Distanz. In einem Kloster leben die unterschiedlichsten Menschen zusammen, mit ihren Stärken und Schwächen. Hildegard hat die Höhen und Tiefen des Menschseins wahrlich ausgelotet – bei sich selbst wie auch bei anderen. Sie kannte die Chancen und Abgründe des menschlichen Zusammenlebens und wusste um die Möglichkeiten, aber auch um die Grenzen gemeinschaftlichen Lebens. All diese Erfahrungen des erlösungsbedürftigen Menschen und korrespondierend dazu die nie versiegende Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes fließen in das Werk Hildegards ein und lassen sie ganz bewusst die „misericordia“ als die „magna medicina“ schlechthin beschreiben. Diese hilft uns, Menschliches und allzu Menschliches zu verstehen und ganz wie der heilige Benedikt mit Gottes liebendem und verzeihendem Blick zu betrachten. Hildegards zweites großes Visionswerk „Liber vitae meritorum“ (Buch der Lebensverdienste) zeugt auf unnachahmliche Weise von diesem Wissen. Wie einst der heilige Benedikt, so war auch Hildegard eine große Menschenkennerin und wusste um die Seele und ihr Zelt. Wenn sie von lebensfreundlichen Kräften (Tugenden) und lebensfeindlichen Einstellungen (Lastern) spricht, dann geht es ihr niemals um bloße Moralvorschriften, sondern immer um die Förderung des Lebens, um Reifung und Vollendung der in jedem Einzelnen von Gott angelegten Lebensmöglichkeiten.

Hildegard wollte Geist und Herz des Menschen in die Weite führen, in die Freiheit der Kinder Gottes, ganz so wie der heilige Benedikt es im Prolog seiner Ordensregel beschrieben hat. Gleichzeitig aber führt sie den Menschen radikal in die Verantwortung. Freiheit und Verantwortung, das sind für sie die beiden Seiten ein- und derselben Medaille: nämlich der Würde des Menschen, der seinem Schöpfer in Freiheit auf seinen Ruf antwortet. So schrieb sie einem suchenden Menschen ins Stammbuch: „Da Du das Wissen um Gut und Böse in Dir hast und die Fähigkeit, entsprechend zu wirken und zu handeln, musst Du Dich entscheiden und kannst Dich durch nichts entschuldigen.“

Das Leben des Menschen spielt sich für Hildegard ab im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung. Antwort und Verantwortung gehören zusammen. Für Hildegard wie für den heiligen Benedikt ist der Mensch nicht nur „Opus“, freies Geschöpf Gottes, sondern zugleich „Operarius“, Mitschöpfer Gottes, der die Weltkräfte kultiviert und sie zum Wohle aller einsetzt und gebraucht. Das ist der Kern ihrer beider Schöpfungstheologie: Der Mensch als Ebenbild Gottes hat einen Auftrag in der Welt und an der Welt. Er trägt Verantwortung für sich selbst, für seine Umgebung und für die gesamte Schöpfung. Das gilt für jede und jeden Einzelnen, nicht nur für die Großen und Mächtigen. Die 390 bis heute überlieferten Briefe der heiligen Hildegard sprechen davon eine beredte Sprache. Sie wird darin nicht müde, die Wechselwirkung zwischen dem Tun und Lassen des Einzelnen und den Auswirkungen dieses Handelns auf das Ganze dieser Welt zu betonen. Mikro- und Makrokosmos sind wechselseitig Spiegel füreinander. Das gilt im positiven wie im negativen Sinne. Nichts geht verloren oder ist unwichtig. Kein noch so kleines Bemühen ist umsonst. Welch eine tröstliche und zugleich herausfordernde Botschaft.

Die aus Hildegards monastischen Erfahrungen heraus errungene Erkenntnis Gottes, des Menschen und der Welt vermittelt uns also ein wahrhaft christliches und humanes Menschenbild, geboren aus dem Geheimnis der Schöpfung, noch mehr aber aus dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, aus dem sie so sehr lebte. Die Liebe des Menschen zu Gott, zu sich selbst, zum Mitmenschen und zur Schöpfung ist Antwort auf diese Liebe des Schöpfers. Diese Liebe ist es dann auch, die die Welt zusammenhält. Sie lenkt das individuelle Schicksal des Einzelnen, wie auch den ganzen Kosmos und hält ihn im Lot – ganz so wie es die Caritasgestalt in der letzten Vision des „Liber divinorum operum“ (Buch vom Wirken Gottes), dem großen und reifen Alterswerk Hildegards, beschreibt. Die Caritasgestalt, die Liebe also, sitzt dort auf der Weltenachse und hält diese im Gleichgewicht. Sie ist ganz Ohr und hört ohne Unterlass auf die Stimme Gottes, die „Vox de Caeli“, die den Menschen je neu ruft, wo immer er steht, und die auch die heilige Hildegard selbst immer neu vernommen hat. Bereit sein zu hören und dem Ruf Gottes zu folgen – immer und überall, das ist für Hildegard die Lebensaufgabe eines verantwortlichen Christen. Auch hier erweist sie sich ganz als Benediktinerin. „Höre“ – das erste und entscheidende Ur-Wort der Benediktsregel, ist für sie die Grundhaltung des wahrhaft liebenden, freien und humanen Menschen. Auch die heilige Hildegard war und blieb Zeit ihres Lebens eine Hörende und Suchende, ganz wie es die Benediktsregel ihren Töchtern und Söhnen ans Herz legt. Immer neu suchte sie nach Gottes Willen – in den großen Vollzügen des Lebens, aber auch in den scheinbaren Banalitäten und kleinen Begegnungen des Alltags.

Am Ende ihres Lebens hat Hildegard dann noch einmal in besonderem Maße Zeugnis abgelegt für die benediktinische Tugend schlechthin: die Hoffnung, die im Professgesang der Mönche und Nonnen auf so einmalig verdichtete Weise gepriesen wird. Immer wieder hatte sie die Menschen daran erinnert, dass diese dem geschenkt wird, der in allem, was ihm begegnet, Gott sucht, und der alles, auch die Leiderfahrungen, zum Sprungbrett hinein in die Tiefe Gottes macht. Als es wenige Monate vor ihrem Tod darum ging, gegen die ungerechte Verhängung des Interdikts über ihr Kloster zu kämpfen, da wurde sie selbst zur mächtigen Zeugin der Hoffnung wider alle Hoffnung. Und ihre Hoffnung wurde erfüllt. Am Ende des vierten Kapitels seiner Regel, in dem es um die Werkzeuge der geistlichen Kunst geht, ruft der heilige Benedikt seine Mönche auf: „De Dei misericordia numquam desperare“ (Von der Hoffnung auf Gottes Erbarmen niemals lassen). Die heilige Hildegard hat gezeigt, welche Kraft von diesem Worten ausgehen kann.

Als sie am 17. September 1179 starb, war ein hellstrahlendes Lichtzeichen in Kreuzform am Himmel zu sehen – das gleiche Zeichen, das beim Tod des heiligen Benedikt am 21. März 547 aufstrahlte. Ein letztes Mal hat sich hier gezeigt, dass Hildegard eine große Heilige des Benediktinerordens ist. Eine Kirchenlehrerin, die gleichermaßen Zeugnis ablegt für den Glauben, für die Liebe zum Menschen, für die Liebe zur Kirche wie für das ungebrochene Faszinosum und die immer neue Aktualität des monastischen Lebensentwurfs.