Einer, dem der Papst vertraut

Benedikt XVI. weiht Georg Gänswein zum Bischof – Die Nachfolger der Apostel bräuchten heute Mut zum Widerspruch. Von Guido Horst

Besucher aus Deutschland und Italien teilten am Sonntag die Freude über die Bischofsweihe Georg Gänsweins. Foto: dpa
Besucher aus Deutschland und Italien teilten am Sonntag die Freude über die Bischofsweihe Georg Gänsweins. Foto: dpa

Rom (DT) Der Petersdom war voll – immerhin war es die feierliche Papstmesse zum Hochfest der Epiphanie –, und der Gottesdienst dauerte lang. Fast drei Stunden. Beide päpstlichen Chöre und ein Bläserensemble gaben dem Gottesdienst ihr musikalisches Gepräge, die in Rom anwesenden Kardinäle waren erschienen, dazu viele Bischöfe und Erzbischöfe. Mit Benedikt XVI. zelebrierten Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und der Präfekt der vatikanischen Kongregation für die katholische Bildung, der polnische Kardinal Zenon Grocholewski. Grund: Zwei neue Leiter Apostolischer Nuntiaturen, der Nigerianer Fortunatus Nwachukwu und der Italiener Nicolas Thevenin, erhielten die für dieses Amt gebotene Weihe zu Erzbischöfen. Das ist Bertones Terrain. Ihm unterstehen die Diplomaten im Dienst des Heiligen Vaters. Und der neue Sekretär der Bildungskongregation, der Italiener Angelo Zani, war in den Bischofsstand aufzunehmen. Damit ist er die Nummer zwei unter Grocholewski. Auch hier ist das violette Scheitelkäppchen unerlässlich.

Aber die Blicke der vielen Deutschen, die zu diesem Fest der Heiligen Drei Könige in die Petersbasilika gefunden hatten, richteten sich doch eher auf den vierten im Bund der Weihekandidaten. Und auch die Blicke mancher Italienerinnen. Wie auch der amtierende italienische Ministerpräsident Mario Monti samt Frau sowie zwei Minister seines Kabinetts, der Chef der Christdemokraten, Pier Ferdinando Casini, und Gianni Letta, die rechte Hand von Silvio Berlusconi, wohl wegen ihm den Weg in die Vatikanbasilika gefunden hatten. Als Gleicher unter Gleichen stand auch der Privatsekretär des Papstes und frisch zum Präfekten des Päpstlichen Hauses ernannte Prälat Georg Gänswein auf der Liste der Weihekandidaten dieses 6. Januars, den Johannes Paul II. dazu auserkoren hatte, als hoher Festtag den Rahmen regelmäßig dafür zu liefern, Mitarbeiter der römischen Kurie in den fälligen Bischofsrang zu erheben. Als Gleicher unter Gleichen. Aber seit George Orwells „Animal Farm“ ist schließlich auch bekannt, dass einige Gleiche gleicher als die anderen Gleichen sein können. Und dieser Tag im Petersdom war der Tag von Georg Gänswein. So sahen es die italienischen Medien. Und so sah es anschließend auch aus in der Audienzhalle des Vatikans. Die Hälfte der Stuhlreihen hatten fleißige Hände abgebaut, damit der neue Titularerzbischof von Urbisaglia in den italienischen Marken und gebürtige Riedener aus dem Schwarzwald alle Gratulanten empfangen konnte.

Die Ernennung zum Präfekten des Päpstlichen Hauses, die dem 56 Jahre alten Gänswein nun eine kleine vatikanische Behörde unterstellt, die für die Papstaudienzen und Staatsbesuche zuständig ist, ist ein besonderer Vertrauensbeweis, den Benedikt XVI. seinem Don Giorgio entgegenbringt. Zumal es nach der Bekanntgabe der Ernennung schnell die Runde machte, dass sich im Alltag für die beiden nichts ändern wird: Auch als Erzbischof bleibt Gänswein an der Seite des Papstes. Dieser aber wäre nicht der bibelfeste Gelehrte, wenn er die Predigt bei der feierlichen Messe nicht mit einer kleinen theologischen Vorlesung über das Bischofsamt verbunden hätte. Die Weihehandlung selbst fand direkt im Anschluss statt: Handauflegung, zunächst durch den Papst, dann durch die Mitzelebranten, schließlich durch alle anwesenden Kardinäle und eine große Zahl von Bischöfen. Sodann die Salbung mit Chrisamöl, die Übergabe des Evangeliums sowie des Bischofsrings, der Mitra und des Bischofsstabs. Lange hatten die Weihekandidaten zuvor während des Gesangs der Heiligenlitanei flach auf dem Boden gelegen. Nun erhoben sie sich im vollen Ornat und erteilten der Menge ihren ersten bischöflichen Segen. Sie bekleiden jetzt nicht nur Spitzenämter in der römischen Kurie und päpstlichen Diplomatie, sondern sind auch Oberhirten des Volkes Gottes, was Papst Benedikt in seiner Predigt eindringlich herausgestellt hatte:

Der Zusammenhang der Bischofsweihe mit dem Thema der Wallfahrt der Völker zu Jesus Christus, meinte der Papst mit Blick auf die Pilgerfahrt der drei Weisen aus dem Morgenland, sei offenkundig. „Dem Bischof ist es aufgetragen, in dieser Wallfahrt nicht nur mitzugehen, sondern voranzugehen und den Weg zu zeigen.“ Papst Benedikt schlug mehrfach den Bogen von den Weisen aus dem Morgenland zu dem Auftrag, den ein Bischof heute zu erfüllen habe. Die drei Männer, die damals ins Unbekannte ausgezogen waren, seien auf jeden Fall Menschen des unruhigen Herzens gewesen, „Menschen, die die Unruhe nach Gott und nach dem Heil der Welt umtrieb. Wartende Menschen, die sich nicht begnügten mit ihrem gesicherten Einkommen und ihrer wohl ansehnlichen sozialen Stellung. Sie hielten Ausschau nach dem Größeren. Es waren wohl gelehrte Männer, die vieles von den Gestirnen wussten und wohl auch über philosophische Bildung verfügten. Aber sie wollten nicht einfach nur vieles wissen. Sie wollten vor allem das Wesentliche wissen.“

Wie die Weisen aus dem Morgenland, fuhr der Papst fort, so dürfe auch ein Bischof nicht jemand sein, „der bloß seinen Job ausübt und es dabei bewenden lässt. Nein, er muss von der Unruhe Gottes für die Menschen ergriffen sein.“ Der Bischof müsse in dieser Pilgerschaft vorausgehen, den Menschen Wegweiser zu Glaube, Hoffnung und Liebe hin zu sein. Doch der Papst wies auch darauf hin, dass es nicht immer bequem ist, ein solcher Wegweiser in der pilgernden Kirche zu sein. Das Anhängen an den Glauben der Kirche aller Zeiten würde immer wieder in Konflikt geraten mit der herrschenden Klugheit derer, die sich ans scheinbar Sichere halten. „Wer den Glauben der Kirche lebt und verkündet“, sagte Benedikt XVI., „steht in vielen Punkten quer zu den herrschenden Meinungen gerade auch in unserer Zeit. Der heute weithin bestimmende Agnostizismus hat seine Dogmen und ist höchst intolerant gegenüber all dem, was ihn und seine Maßstäbe in Frage stellt. Deshalb ist der Mut zum Widerspruch gegen die herrschenden Orientierungen für einen Bischof heute besonders vordringlich. Er muss tapfer sein. Und Tapferkeit besteht nicht im Dreinschlagen, in der Aggressivität, sondern im Sich-schlagen-Lassen und im Standhalten gegenüber den Maßstäben der herrschenden Meinungen. Der Mut des Stehenbleibens bei der Wahrheit ist unausweichlich von denen gefordert, die der Herr wie Schafe unter die Wölfe schickt.“ Wer Gott fürchte, zittere nicht, zitierte der Papst das Buch Jesus Sirach. „Gottesfurcht befreit von der Menschenfurcht. Sie macht frei.“

So müssten auch die Nachfolger der Apostel damit rechnen, meinte der Papst weiter, „dass sie immer wieder auf moderne Weise verprügelt werden, wenn sie nicht aufhören, das Evangelium Jesu Christi hörbar und verständlich zu verkündigen. Und dann dürfen sie sich freuen, dass sie gewürdigt wurden, für ihn Schmach zu erleiden. Natürlich wollen wir wie die Apostel die Menschen überzeugen und in diesem Sinn Zustimmung gewinnen. Natürlich provozieren wir nicht, sondern ganz im Gegenteil laden wir alle ein in die Freude der Wahrheit, die den Weg zeigt. Aber die Zustimmung der herrschenden Meinungen ist nicht der Maßstab, dem wir uns unterwerfen. Der Maßstab ist er selbst: der Herr. Wenn wir für ihn eintreten, werden wir gottlob immer wieder Menschen für den Weg des Evangeliums gewinnen. Aber unweigerlich werden wir auch von denen, die mit ihrem Leben dem Evangelium entgegenstehen, verprügelt, und dann dürfen wir dankbar sein, dass wir gewürdigt werden, am Leiden Christi teilzuhaben.“

Hl. Erhard. Detail eines Heilig-Geist-Retabels (1448). Kolumba-Museum Köln. Foto: IN