„Eine persönliche Entscheidung“

Warum konvertieren? Ein Gespräch mit dem Neupriester Hartmut Constien . Von Regina Einig

Priesterweihe Diakon Hartmut Constien Schottenkirche St. Jakob Foto: altrofoto.de Foto: Stefan Effenhauser

Herr Kaplan, wann haben Sie zum ersten Mal Sehnsucht danach gehabt, katholisch zu werden?

Schon im Studium ist mir klar geworden, dass die Kirche, die Jesus gegründet hat, eben die katholische Kirche ist. Damals habe ich aber nicht gesehen, dass die katholische Kirche eine sichtbare, verfasste Kirche in dieser Welt ist mit dem Papst als ihrem Oberhaupt.

Was macht die katholische Kirche durch ihre Hierarchie sichtbarer als die EKD durch ihre Funktionäre?

Das Wort Hierarchie hat heute leider einen sehr negativen Beigeschmack. Das Wort bedeutet eigentlich ‚heilige Ordnung‘. Dass es in dieser Welt eine Instanz gibt, die von Christus her den Heiligen Geist verheißen bekommen hat und darum letztgültig in Fragen des Glaubens und der Moral entscheiden kann, wir nennen das Lehramt, bewahrt die katholische Kirche davor, dass sich jeder seine eigene Wahrheit zusammenschustert. Das enthebt den einzelnen Katholiken nicht davon, selbst zu denken und zu entscheiden, aber es gibt ihm Orientierung.

Allerdings bezieht die katholische Kirche in Deutschland ständig Schelte. Was fasziniert Sie so an ihr, dass Sie Priester geworden sind?

Die Verbundenheit aller miteinander lebenden Gläubigen in der heutigen Zeit, aber auch über die Zeit hinaus. Ich sehe eben in der katholischen Kirche diesen großen Schatz des Glaubens, den Christus seinen Aposteln übergeben hat und den die katholische Kirche treu bewahrt hat bis zum heutigen Tag. Im Protestantismus ist eines der Prinzipien: sola scriptura – allein die Schrift. Da gibt es eigentlich nur zwei Wege: Entweder endet er im Fundamentalismus, wo ich jedes Wort der Schrift buchstabengetreu erfüllen muss oder man nimmt alles gar nicht mehr so ernst. Ich weiß, dass es solche Tendenzen auch in der katholischen Kirche gibt. Aber vom Katholischen her gedacht ist das falsch. Christus hat der Kirche den Glauben anvertraut, nicht einem Buch. Wir glauben als Christen nicht an ein Buch, sondern an einen Menschen – an Jesus Christus. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied.

Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass die Bibel in der katholischen Kirche treuer bewahrt wird als in der evangelischen?

Für Protestanten ist die Bibel etwas Vorgegebenes. Doch was haben eigentlich die Christen in den ersten fünf Jahrhunderten getan, als es noch gar keine Bibel gab, sondern nur einzelne Schriften des Neuen Testaments? Was war für sie das Schriftprinzip? Daran sieht man: Die Bibel ist eine Frucht der Kirche. Die Kirche hat diese Schriften gesammelt und irgendwann entschieden, was Heilige Schrift ist und was nicht. Ich dachte früher, die Bibel könne nicht irren. Das würde aber bedeuten, dass sie direkt von Gott aufgeschrieben wurde. Einer meiner lutherischen Professoren behauptete genau das: Gott ist ein Autor. Aber Gott hat durch Menschen gesprochen, die uns die Heilige Schrift übergeben haben. Das ist ein Unterschied.

Konvertiten gelten in reformkatholischen Kreisen als „ökumenische Spielverderber“. Was sagen Sie denen, die Konversionen als „Rückkehr-Ökumene“ tadeln?

Für mich war es eine persönliche Entscheidung. Ich habe gesehen, dass mein Glaube das ist, was die katholische Kirche glaubt. Mir ging es um die sichtbare Einheit der Kirche. Man kann sagen: Rückkehr-Ökumene mit dem Holzhammer funktioniert nicht. Aber es wäre fatal, wenn wir diese sichtbare Einheit der Kirche zugunsten irgendwelcher anderen Prinzipien auflösen würden. Das „Prinzip der versöhnten Verschiedenheit“ ist aus meiner Sicht nicht tragfähig. Das ist nicht das, was Christus als die una sancta catolica und apostolica gegründet hat.

Gerade in unseren Breiten tendieren viele Katholiken aber zur Selbstprotestantisierung. Wie sehen Sie das?

Gut wäre es, sich zu fragen: Warum will ich eigentlich bestimmte Dinge? Weil sie moderner klingen? Weil sie höhere Akzeptanz in der öffentlichen Meinung erfahren würden? Sollten nicht die Grundlagen unseres Glaubens uns zum Handeln anleiten?

Wie geht es Ihrer Frau auf ihrem gemeinsamen Weg?

Meine Frau ist auch Theologin. Wir haben uns immer ausgetauscht über die Fragen des Glaubens. So ist auch das Nachdenken über den katholischen Glauben entstanden. Irgendwann haben wir uns gefragt: Sind wir eigentlich da, wo wir sind, an der richtigen Stelle? Da war die Sehnsucht nach Katholizität schon da. Im Endeffekt war es meine Frau, die gesagt hat: Warum werden wir nicht katholisch?

Inwieweit fällt die Tatsache, dass Sie eine Familie haben, in der Seelsorge ins Gewicht? Trauen Ihnen die Leute in Ehefragen mehr Kompetenz zu? Werden Sie vereinnahmt von Zölibatsgegnern?

In der Pfarrei in Regensburg, in der ich als Diakon eingesetzt war, war das ganz ganz selten ein Thema. Die Leute wussten es, aber es spielte in meiner täglichen Arbeit keine Rolle. Die Leute sind zu mir gekommen für Trauergespräche oder auch Ehegespräche, aber es gab nie einen, der gesagt hat: Das können Sie natürlich viel besser verstehen als Ihr zölibatär lebender Kollege. Für die meisten Leute zählt, ob sie sich von dem anderen verstanden fühlen oder nicht. Dass fast alle protestantischen Pfarrer verheiratet sind, hat seine eigenen Schwierigkeiten. Dieser Punkt wird in der katholischen Kirche gerade in der Zölibatsfrage oft ausgeblendet: Das häufige Scheitern evangelischer Pfarrer-Ehen ist ein nicht unwesentliches Problem. Ich habe das Glück, dass ich eine Frau habe, die in dieser Frage mit mir an einem Strang zieht.

Welche Theologen und Heilige haben Sie beeinflusst?

Papst Benedikt. Der erste Band der Jesus-Trilogie war eine Entdeckung für mich: Der katholische Papst schließt mir das Neue Testament auf und bringt mir Christus näher. Über Joseph Ratzinger und einen anderen Freund bin ich zu John Henry Newman gekommen. Bei ihm habe ich dieses Prinzip des Katholischen gefunden in seiner Autobiografie. Das hat mich auch sehr beeindruckt. Deshalb habe ich als Primizspruch den Wappenspruch des seligen John Henry Newman für mich gewählt: Das Herz spricht zum Herzen.

Wie wirkt die bayerische Volksfrömmigkeit auf ein „Nordlicht“ wie Sie?

Manches kommt meinem Naturell entgegen. Kurz nach meiner Konversion bin ich nach Altötting gewallfahrtet. Die Spiritualität der Menschen hat mich tief beeindruckt. Ich war immer davon ausgegangen, wenn die Menschen zu Maria gehen, wollen sie von Christus nichts wissen – aber genau das Gegenteil ist der Fall. Denn die Marienverehrung verbindet sich bei den meisten Leuten mit einer ganz großen Liebe zum Herrn Christus, zur Eucharistie und zur Kirche. Das finde ich sehr schön.

Der Kommunionstreit spaltet derzeit die Katholiken in Deutschland. Können Sie nachvollziehen, dass die Kirche nach wie vor Eucharistiegemeinschaft als das Ziel der Ökumene und nicht als wegbegleitend ansieht?

Wenn wir die eucharistische Gemeinschaft vor die Kirchengemeinschaft ziehen, ist sie eigentlich nichts mehr wert. 1973 haben viele protestantische Kirchen die Leuenberger Konkordie unterschrieben, in der es wesentlich um die Frage des Abendmahls ging: Was ist das Abendmahl? Man hat gesagt: Wir glauben zwar unterschiedliche Dinge, aber wir schließen uns gegenseitig nicht vom Sakrament des Altares aus und feiern alle gemeinsam die Eucharistie. Das hat dazu geführt, dass der Glaube über das Altarsakrament keine Rolle mehr spielt – teilweise nicht einmal mehr spielen darf. Andernfalls wäre die Grundentscheidung des gemeinsamen Papiers in Frage gestellt.

Was befürchten Sie?

Dass wir die Frage nach dem Glauben ad acta legen, um gemeinsam Abendmahl zu feiern. Das ist aber nicht der Weg, den die Kirche bislang in Glaubensfragen gegangen ist. Man hat erst versucht, sich Klarheit zu verschaffen. Es gibt Dinge, über die können wir in dieser Welt keine letzte gültige Klarheit erhalten. Aber gerade über die Eucharistie ist schon viel nachgedacht worden. Ich glaube, dass der Weg, den die katholische Kirche bislang gegangen ist, auch zum Ziel führen kann. Sonst verlieren wir die Einheit aus dem Blick. Die Trennung der Kirche muss weh tun. Sie ist nicht gut, sondern eine Verwundung des Leibes Christi. Aber wenn ich den Schmerz einfach ignoriere, ist das nicht gesund und führt nicht zur Heilung.