Eine moderne Heilige

Das Bistum Limburg feiert die Erhebung der heiligen Hildegard zur Kirchenlehrerin. Von Regina Einig

Nach dem Pontifikalamt und der Prozession am Allerheiligentag endet die Prozession in der Wallfahrtskirche Eibingen. Foto: Bistum Limburg
Nach dem Pontifikalamt und der Prozession am Allerheiligentag endet die Prozession in der Wallfahrtskirche Eibingen. Foto: Bistum Limburg

Rüdesheim (DT) „Wir kennen die heilige Hildegard von klein auf“, sagt der Fünfzehnjährige aus Geisenheim. Mit einer Schülergruppe des St. Ursula-Gymnasiums ist er am Mittwoch zu Fuß durch den in leuchtende Herbstfarben getauchte Rheingau nach Eibingen gewallfahrtet. Strahlender Sonnenschein und geschmückte Dorfstraßen empfangen etwa 2 500 Wallfahrer zum seltenen Fest: In der Pfarr- und Wallfahrtskirche, die einst Klosterkirche war, dankt das Bistum Limburg mit einer Pontifikalvesper für die Erhebung der heiligen Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin durch Papst Benedikt XVI. am 7. Oktober in Rom. Seit Pius XI. 1931 Albert den Großen heiligsprach und zum Kirchenlehrer erhob, ist keinem deutschsprachigen Katholiken mehr dieser Titel verliehen worden.

Das Datum des Festes in Eibingen ist nicht zufällig gewählt: Vor genau 900 Jahren, am Allerheiligentag 1112, trat die vierzehnjährige Hildegard in die Frauenklause auf dem Disibodenberg ein. Nicht nur die Vielfalt der Pilgergruppen aus der Region beweist die Volkstümlichkeit der neuen Kirchenlehrerin. Auf einen munteren Zwischenruf hin „Wer heißt denn hier eigentlich Hildegard?“ gibt es viel Gelächter und nickende Zustimmung. Auch aus Frankreich sind Pilger zum Schrein der heiligen Hildegard gewallfahrtet. Der Winzer-Express, das zierlich bemalte Bimmelbähnchen, kurvt eilig durch die malerischen Gassen und bringt die Spätzügler zum Ziel.

Wie ein roter Faden zieht sich das Lichtmotiv durch die Vesper. In der Lesung aus dem Buch Scivias kommt die neue Kirchenlehrerin selbst zu Wort. Mit dem „vollkommenen Licht“ beschreibt sie ihre visionäre Gotteserfahrung. Vor den versammelten Bischöfen und Gläubigen zitiert der Limburger Oberhirte Franz-Peter Tebartz-van Elst in seiner Ansprache Papst Benedikt: Jeder Heilige sei „wie ein geöffnetes Portal, durch das Gottes Licht in die Dunkelheiten unserer Welt leuchtet.“

Zugleich unterstreicht der Bischof Hildegards tiefe Menschlichkeit. Die Heilige wisse „um das Innere des Menschen, um seine Größe und seine Grenzen“. Scheinbare Gegensätze wie Stärken und Schwächen, Tugenden und Laster, Kraft und Vermeidung bringe Hildegard „in ein Gespräch miteinander, so dass das Ringen zu einem Reifen wird“. Am Ende aller Auseinandersetzungen zwischen Kraft und Schwäche, so Bischof Tebartz-van Elst, stehe in jedem Buch der Kirchenlehrerin „das Eingreifen Gottes“. Wer mehr hören und sehe wolle als diese Welt zu bieten habe, entdecke in der Nähe Hildegards das Einfache als das Ursprüngliche und Durchsichtige. „Die heilige Hildegard bezeugt uns: Wer glaubt, gewinnt einen Blick für offene Türen“, unterstreicht der Limburger Bischof.

Auch Schwester Hiltrud Gutjahr OSB, die in der Pilgerseelsorge der Wallfahrtskirche arbeitet, erlebt immer wieder, welche Faszination Hildegard ausübt. Es sei die Botschaft des Lebens, die von der Heiligen ausgehe und die Besucher anziehe. „Die Menschen kommen ja nicht zu den Knochen. Sie suchen einen Ort, wo sie sich über die Botschaft der heiligen Hildegard mit Gott berühren lassen.“ Am Schrein der heiligen Hildegard begegnet sie nicht nur Wallfahrern, sondern auch Touristen: Geschichtsvereine, Wandergruppen, Kneipp-Vereine und Anthroposophen. Hildegards „Geheimnis“ sei ihre Gottverbundenheit. „Für mich ist sie eine geistergriffene Frau.“

Menschen aller Couleur finden über die Hildegard-Literatur Zugang zu der Heiligen. Der Arzt Klaus Peper, Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft Hildegard von Bingen, ist schon als Student auf der Suche nach einer christlichen Medizin auf Hildegards Schriften aufmerksam geworden. Ihn fasziniert die Ganzheitlichkeit ihrer Sichtweise. Hildegards Heilkunde drückt für ihn aus, dass sie als tiefgläubige Frau dennoch den Menschen zugewandt ist. Peper möchte die Frage, was es heute bedeutet, ein christlicher Arzt zu sein, nicht allein auf ethische Gesichtspunkte beschränken: „Da gehört noch mehr dazu.“ Für einen Christen sei der Arztberuf nicht nur ein Weg, den Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch Ausdruck einer Berufung. Es werde noch Jahre dauern, bis Theologen und Mediziner entdecken würden, so Peper, „was wir mit Hildegard anfangen können.“

Krankheiten seien nicht einfach nur ein technisches Versagen, sondern auch ein Ausdruck der gefallenen Natur des Menschen. Daher gehöre das Heilwerden im religiösen und im leiblichen Sinne zusammen. Das bezeugt die heilige Hildegard in ihrem visionären Hauptwerk „Buch der Gotteswerke“. Am Ende jeder der ersten vier Visionen drückt Gott seine Absicht aus, dass diese Visionen nicht nur dem Seelenheil, sondern auch dem körperlichen Heil dienen sollen. Peper findet diese doppelte Heilsabsicht Gottes schon bestätigt im Sendungsauftrag an die zwölf Jünger Jesu, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen. Schon immer habe die Kirche dort erfolgreich das Evangelium verkündet, wo sie sich gleichzeitig den Kranken zugewendet habe. Vielleicht sei dies ein Aspekt, der auch beim Projekt der Neu-Evangelisierung berücksichtigt werden sollte.

Auf eine fesselnde geistliche Entdeckungsreise nimmt Pater Rainer Berndt SJ aus St. Georgen die Gläubigen nach der Vesper mit. Als „Lehrerin des Glaubens – damals wie heute“ stellt er die heilige Hildegard in seinem Vortrag in der gesteckt vollen Wallfahrtskirche vor. Die neue Kirchenlehrerin habe die Kirche „als Gottes ursprünglichstes Heilshandeln verstanden und angenommen“. Als Maßstab für die Liebe jedes Gläubigen zur Kirche habe die Heilige dabei die Wertschätzung der Heiligen Schrift und ihre Auslegung im Gottesdienst angelegt. In einem fiktiven Trostbrief an die Christen heute lässt er Hildegard selbst zu Wort kommen.

Höhepunkt der Feierlichkeiten ist das Pontifikalamt am Allerheiligenfest. Ansteckende Festfreude verbreiten die Fußpilger aus Trier, die singend in die mit weiß-gelben Blumen üppig geschmückte Kirche einziehen. Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Tebartz-van Elst, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der Speyrer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, Abtpräses der Beuroner Kongregation Albert Schmidt OSB, Äbtissinnen und Äbte aus dem gesamten deutschen Sprachraum sowie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck sind in der Abteikirche versammelt.

Erzbischof Zollitsch würdigt Hildegard in seiner Predigt als Frau mit prophetischem Geist und Liebe zur Schöpfung. Er appelliert an das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen, im Sinne Hildegards dafür zu sorgen, dass die Schöpfung Gottes nicht unnötig belastet oder zerstört werde: „Erst recht dürfen wir nicht zulassen, dass Gene manipuliert werden, ohne die Folgen überhaupt einschätzen zu können. Es ist nicht zu verantworten, dass menschliches Leben nur dann das Licht der Welt erblicken darf, wenn es gesund ist und den Vorstellungen der Eltern entspricht.“ Nach der Messe zieht die Prozession unter bewölktem Himmel, aber trockenen Fußes hinter dem Schrein durch die Weinberge zur Wallfahrtskirche in Eibingen.

Der Rüdesheimer Bürgermeister Volker Mosler, selbst ein „Eibinger Bub“, macht nach der Feier keinen Hehl aus seinem Stolz auf die weltberühmte Landsfrau: „Wir sind Hildegard“. Begeistert lässt er ihre Erhebung zur Kirchenlehrerin in Rom Revue passieren. Der Heilige Vater habe ihm versprochen, für gutes Wetter am Allerheiligentag zu beten.

Der Himmel erhört Papst Benedikt. Als die letzte Strophe des Dankliedes in der Kirche verklungen ist, fallen die ersten Tropfen. In der Kirche und im Festzelt stört das niemanden. Nach dem Fest dürfen sich die Wallfahrer gratis an Weinen des Bischöflichen Weingutes und an Eintopf laben, ehe der Trierer Bischof Stephan Ackermann am Nachmittag mit einer Pontifikalvesper die Feierlichkeiten abschließt.

Das Bistum Limburg und der Konvent St. Hildegard setzen auf das Beispiel Hildegards: Christen und Nichtchristen ermutigt sie, mit neuer Leidenschaft in die Schule des Glaubens zu gehen. Mehr Schwung für die Neuevangelisierung erhofft sich Äbtissin Clementia Killewald OSB. Seit der Ankündigung der Erhebung Hildegards zur Kirchenlehrerin im Mai erhält die Abtei mehr Anfragen. Als Benediktinerin könne die heilige Hildegard an eine heute verbreitete Haltung anknüpfen: die Gottsuche. Viele Menschen seien heute auf der Suche und fänden in Hildegard eine Wegbegleiterin. Besonders froh zeigt sich Mutter Clementia über die starke Präsenz Jugendlicher in der Vesper am Vorabend des Allerheiligentags. Dass die Orden mit der Ortskirche gemeinsam gefeiert hätten, habe gezeigt, dass man aufeinander angewiesen sei. „Als Stärkung für den Glauben war dieses Fest ganz wichtig.“