Würzburg

"Eine korrupte Mafia"

Erzbischof Carlo Vigano sieht die Kirche heute in einem "faktischen Schisma". Eine Schlüsselfigur der Krise ist für ihn Papst Franziskus - dem er nun erneut schwere Vorwürfe macht.

Papst Franziskus
Schwere Zeiten für den Papst: Die Vorwürfe eines früheren Vatikandiplomaten verdüstern das öffentliche Bild der katholischen Kirche. Foto: dpa

In seinem ersten Interview, das Erzbischof Carlo Maria Vigano nach seiner im August 2018 erhobenen Rücktrittsforderung gegenüber Papst Franziskus der „Washington Post“ gab, gibt er einen Einblick in die Ursachen der Missbrauchskrise in der katholischen Kirche. Den Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan im Februar hält er für „reine Zurschaustellung“, da es „kein Anzeichen für eine authentische Bereitschaft“ gab, die „wahren Ursachen der derzeitigen Krise zu behandeln“. Der Papst tue „nicht nur so gut wie nichts, um diejenigen zu bestrafen, die Missbrauch begingen, sondern er tut absolut nichts, um diejenigen, die seit Jahrzehnten die Täter unterstützten und deckten, zu entlarven und zur Rechenschaft zu ziehen“. Schon im Juni 2013 hatte Vigano dem Papst von dem „ungeheuren Dossier“ berichtet, das der Bischofskonferenz über die Missbräuche McCarricks vorlag, sowie darüber, dass dieser ganze „Generationen von Seminaristen verdorben hat“. Wie, so fragt Vigano, „könnte jemand, vor allem der Papst, dies vergessen?“ Der Pontifex „lügt die ganze Welt unverfroren an, um seine bösen Taten zu vertuschen“.

Vigano kritisiert einseitige Positionierung der Medien

Erzbischof Carlo Maria Vigano
Erzbischof Carlo Maria Vigano sieht die Kirche heute in einem "faktischen Schisma". Foto: Romano Siciliani (KNA)

Auch an den Medien übt Vigano Kritik. So sei er betrübt, dass die wichtigsten Nachrichtenmedien nicht auf einer Reaktion von Franziskus und anderer Prälaten auf seine Vorwürfe beharrten. Man könne sich nur schwer der Folgerung entziehen, dass die Medien es deshalb nicht taten, „weil sie Papst Franziskus' eher liberale Einstellung zu Fragen der kirchlichen Lehre und Disziplin begrüßen und seine Agenda nicht gefährden wollen. Aber wir sprechen hier über äußerst schwere Verbrechen, die oft an Minderjährigen begangen wurden, und über Vertuschungsvorwürfe.“

Als zentrales Element der Kirchenkrise bei der Behandlung des Missbrauchs macht Vigano homosexuelle Verhaltensweisen unter Geistlichen aus. „Schlüsselfaktor“ sei hierbei, dass sowohl „die Verbrechen des sexuellen Missbrauchs als auch das kriminelle Vertuschen dieser Verbrechen eine – meist heruntergespielte – homosexuelle Komponente beinhalten“. Heterosexuelle Männer suchten sich „natürlich keine Jungen und junge Männer als bevorzugte Geschlechtspartner, und etwa achtzig Prozent der Opfer sind männlich, von denen die große Mehrheit postpubertäre männliche Personen sind“.

Wie der Erzbischof feststellt, belegten weltweit erhobene Statistiken über sexuellen Missbrauch durch Geistliche: „So entsetzlich auch die Missbrauchsfälle durch echte Pädophile sind, so ist deren Prozentsatz doch weitaus geringer. Nicht pädophile, sondern homosexuelle Priester setzen postpubertären Jungen zu und haben die US-amerikanischen Diözesen zugrunde gerichtet.“ Eine der jüngsten und verlässlichsten Studien, der „Sullins Report“, belegt, dass „der Anteil homosexueller Männer in der Priesterschaft in den 1950ern vom doppelt so hohen Anteil in Bezug auf die Allgemeinbevölkerung in den 1980ern auf das Achtfache anstieg. Dieser Trend korrelierte stark mit zunehmendem sexuellem Kindesmissbrauch.“ Schätzungen zufolge hätten „mindestens 12.000 Kinder weniger, meistens Jungen, Missbrauch erlitten“, wenn der Anteil homosexueller Priester auf dem Stand der 1950er geblieben wäre. Angesichts „dieser erdrückenden Beweislage“, so Vigano weiter, „ist es unfassbar, dass das Wort ,Homosexualität‘ nicht einmal in einer der jüngsten offiziellen Dokumente des Heiligen Stuhls auftaucht, einschließlich der beiden Familiensynoden, der Jugendsynode und des jüngsten Gipfels im vergangenen Februar“.

Erzbischof sieht "faktisches Schisma"

Kann es in der amerikanischen Kirche zu einem Schisma kommen? Ein formelles Schisma, so Vigano, mit der gegenseitigen Exkommunikation gültig geweihter Bischöfe sei derzeit zwar unwahrscheinlich. Dennoch gebe es bereits „ein faktisches Schisma, das auf der Anerkennung oder der Ablehnung der sexuellen Revolution beruht. Und es gibt die Gefahr eines formellen Schismas, das durch einen Akt grotesker päpstlicher Verantwortungslosigkeit ausgelöst werden könnte (etwa, wenn der Papst die lange ignorierten Dubia über die Lehre von ,Amoris laetitia‘ in einer von der früheren Kirchenlehre abweichenden Weise beantworten sollte).

Erzbischof Vigano fleht Franziskus daher an, „sich seinen Verpflichtungen zu stellen, die er bei der Übernahme seines Amtes als Nachfolger Petri selbst einging“ und seine Fehler zu bereuen. Doch „wenn Papst Franziskus ablehnt, seine Fehler einzugestehen und um Vergebung zu bitten, damit er den von Christus empfangenen Auftrag ausführen kann, sollte er zurücktreten“.

Zusammenfassend betont Vigano, dass die aktuelle Krise kein Machtkampf zwischen Progressiven und Konservativen, zwischen Links und Rechts, sei. Es gehe dabei auch „nicht vorrangig um das sexuelle Fehlverhalten des Klerus oder die weite Verbreitung aktiver Homosexueller unter der Geistlichkeit“. Bei der Krise handle es sich „um die Tatsache, dass eine korrupte ,Mafia‘ die Kontrolle über viele Institutionen der Kirche – von ganz oben bis unten – übernommen hat und die Kirche und die Gläubigen für ihre eigenen unmoralischen Zwecke ausnutzt“. Dieses Bündnis werde nicht „durch gemeinsame sexuelle Intimität“ zusammengehalten, sondern „durch ein gemeinsames Interesse, sich gegenseitig zu schützen und beruflich zu fördern und jedes Bemühen zu sabotieren, die sexuelle Korruption zu reformieren“. Doch die Mitglieder dieser Allianz seien „die einzigen, die die Autorität haben, das Problem durch ordentliche Gerichtsverfahren, durch Maßregelungen und die erneute Bestätigung der gesunden Lehre zu korrigieren“.