„Eine hilfreiche Abwehr“

Ein Gespräch mit Pater Michael Kaufmann OSB über die Benediktsregel

Keine Institution hat mehr Erfahrung in Menschenführung als die katholische Kirche. Die Jahrestagung der Bayerischen Benediktinerakademie hat sich kürzlich in der Abtei St. Bonifaz in München mit Führungsaspekten in der Benediktsregel befasst. Ausgangspunkt war ein Vortrag des Abtpräses der Schweizer Benediktinerkongregation, Benno Malfér OSB von Muri-Gries, über den Leitsatz „Der Abt halte sich in allem an die vorliegende Regel“. Regina Einig sprach darüber mit dem Präsidenten der Bayerischen Benediktinerakademie, Pater Michael Kaufmann OSB.

Wie fiel Ihre Wahl auf das Thema?

Das Thema kam nicht von ungefähr. Bei einer Tagung der Theologischen Sektion der Bayerischen Benediktinerakademie fügte Abt Benno Malfér OSB beiläufig an, man müsse einmal die Regula Benedicti systematisch daraufhin durchleuchten, was daraus heute noch praktiziert wird beziehungsweise was noch praktikabel ist. Schließlich gilt die benediktinische Klosterregel als vorbildhaft für Betriebs- und Personalführung, als „Tugendbuch für Manager“. Das Benediktinische ist prägend geworden für das abendländische Kulturleben. Einige später entstandene Orden wie die Kartäuser, Trappisten oder die Zisterzienser haben die Regel Benedikts als Leitbild angenommen und suchende Menschen in der Gegenwart erwarten aus ihr Lösungen für ihre Anliegen und Probleme. Dass nach 1 500 Jahren eine Klosterregel dem Buchstaben nach nicht identisch gelebt werden kann, versteht sich wohl von selbst. Entscheidend ist, ob die Grundausrichtung der Benediktinerklöster stimmt und wie der „ductus“ einer Klosterregel für die jeweilige Zeit und in den verschiedenen Kulturkreisen von den Klöstern erspürt wird.

Ist Nähe zur Familie für Mönche eher eine Belastung oder erleichtert es dem Mönch eine Entscheidung für das Leben im Kloster?

Ich beobachte manchmal, wie schwierig es für Eltern sein kann, ihre Kinder in die Ehe zu entlassen und sie freizugeben für ihre neu gegründete Familie. Damit ist verbunden die Toleranz gegenüber einem neuen Familienmitglied und die Duldung eingeschlagener Wege beruflicher und privater Art. Genau so ist es mit Kindern, die sich für den Weg ins Kloster entschieden haben: die Eltern müssen loslassen und ihren Sohn oder ihre Tochter freigeben für ihren ganz persönlichen Weg. Auch die Einflussnahme der Eltern und Angehörigen auf die Berufswege im Kloster zum Beispiel nach der Devise „Mein Sohn war ein Einser-Schüler am Gymnasium und im Kloster muss er Kranken das Essen bringen“. Ich sehe das so, dass Benedikt Vermögen und Einfluss der Eltern nicht als Kriterium für die Behandlung ihres Kindes im Kloster behandelt haben will, also als Schutz vor Einmischungen von außen. Es gibt durchaus auch heute Ordensleute, die sich bewusst von ihrem familiären Umfeld distanzieren, weil sie die Kluft zweier ganz verschiedener Welten zu sehr spüren. Andererseits dürfen wir uns den Verwandten nicht entziehen, wenn sie Hilfe und Rat brauchen. Das hat man in früheren Zeiten schon mehrmals praktiziert. Ich könnte für unser Kloster mehrere Beispiele aufzählen, wo das Kloster verarmten oder mittellosen Eltern Kost und Logis gewährt hat, weil sie durch den Klostereintritt ihres Sohnes auf dessen Unterstützung zum Beispiel als Weltpriester verzichtet hatten.

Geschenke anzunehmen wird in Zeiten des Wohlstands auch zur Herausforderung für Orden. Gibt es eine goldene Regel?

Geschenke in überdimensionalem Maß anzunehmen verbietet schon der private Wohnraum im Kloster. Es ist nicht nur Benedikts Warnung vor dem Eigenbesitz, den wir spätestens im Tod ebenfalls verlieren würden, sondern ich habe diese Passage immer interpretiert als Aspekt der „Freiheit“. Mit Geschenken sind oft auch Verbindlichkeiten und Erwartungshaltungen verbunden. Wenn ich in unserem alten „Buch der Stifter und Wohltäter“ blättere, das im 19. Jahrhundert noch sehr genau geführt wurde, so fällt bei jedem Geschenk die Spalte „Gegenleistungen“ auf, zum Beispiel für eine Garnitur Stühle, Couch und einen schönen Tisch 50 heilige Messen. Die Bedingungen waren verschieden und auf Dauer konnten sie Belastungen für das Kloster darstellen, vor allem, wenn dann auch noch die Nachkommen des Stifters Nutznießer sein sollten. Damit wir geschützt bleiben vor nachhaltigen Verpflichtungen, fordert Benedikt ohnehin, jeder solle vom Kloster bekommen, was er brauche.

Ein schwierig nachvollziehbares Kapitel befasst sich mit dem Reisen. Ist beispielsweise die Maßgabe, nichts von dem zu erzählen, was man unterwegs gesehen hat (RB 67, 5) heute noch praktikabel?

Außer den beruflich bedingten Begegnungspunkten in einem Konvent ist die offizielle Zeit der Kommunikation in der Rekreation angesetzt. Die Nachrichtenübermittlung ist heute nicht eingeschränkt auf die Mitbrüder, die von einer Reise heimkehren: es liegen Zeitungen, Bistumsblätter und Klosternachrichten auf, es gibt längst den Rundfunk, das Fernsehen, die Korrespondenz, das Telefon und die datentechnische Nachrichtenübermittlung. Der emeritierte Abt Emmanuel Jungclaussen OSB von Niederaltaich hat anlässlich seines 80. Geburtstages in einem Zeitungsinterview gestanden, er lese keine Zeitung, höre keinen Rundfunk und man treffe ihn nie beim Fernsehen an; was er unbedingt wissen müsse, das erfahre er von seinen Mitbrüdern. Ich lese aus der vordergründig heute überflüssig anmutenden Weisung des heiligen Benedikt eher eine hilfreiche Abwehr gegen ausführliche Berichte und umständliche Erzählungen, die ich gar nicht hören will. So wird aus dem vermeintlichen Verbot des Ordensvaters eine große Wohltat, also eher einen Schutz vor der Informationsflut, die wir andererseits beklagen.

Siebenmal am Tag zu beten ist in der Regel vorgesehen, manche Klöster haben die kleinen Horen zusammenfasst. Sehen Sie darin ein Provisorium, dessen Aufhebung angestrebt werden sollte?

Ich vergleiche hier zunächst mit dem Rosenkranz, den man in seinen traditionellen Abläufen auch den „Laienpsalter“ genannt hat, damit die Laien im und außerhalb des Klosters einen Ersatz für die 150 Psalmen aufweisen konnten, die von den Klerikern gebetet wurden. Der Rosenkranz ist aber geradeso gültig, wenn ich mir eine andere Einteilung suche. In der Bayerischen Kongregation sind die Psalmen seit etwa 40 Jahren auf ein Zwei-Wochen-Schema verteilt, man suchte eine Angleichung an die Möglichkeiten der damaligen Zeit. Vielleicht werden sich manche Klöster wieder für das ursprüngliche Wochenpensum entscheiden, das ist eine Sache der Entwicklung, auch der äußeren Aufgaben, die sich ein Kloster zumutet. Die Zahl „sieben“ hat ja von der Bibel her eine ganz herausragende Bedeutung. Mir hat diese Zahl immer gesagt, nicht das ist entscheidend, ob ich genau siebenmal mich in den Mönchschor begebe, sondern Benedikt wünscht sich von uns, dass unser ganzes Leben ein „ewiges Gebet“ sein soll.