"Eine heilsame Reinigung"

Seit fast 20 Jahren wird die Kirche weltweit mit sexuellen Missbrauchsvorwürfen gegen Priester konfrontiert. Nun ist besonders die Kirche in Polen im medialen Visier. Von Stefan Meetschen

Papst Johannes Paul II. in Polen
Charisma und Integrität: Johannes Paul II. bleibt für die Kirche und die Gläubigen seines Heimatlandes das moralische Vorbild. Foto: N.N.

Es war ein Brief der besonderen Art: Im März 2010 richtete sich Papst Benedikt XVI. persönlich an die Katholiken in Irland. Die Dimension des Missbrauchsskandals, die „Schwere der Vergehen“, hatten den deutschen Pontifex so aufgerüttelt, dass er es als notwendig erachtete, sich an die Opfer des Missbrauchs und ihre Familien zu wenden, aber auch an die Priester und Ordensleute, die an Kindern schwere Sünden begangen hatten, ebenso an die Hirten des Landes, die Priester und Ordensleute im Allgemeinen, die Kinder und Jugendlichen Irlands, die Laien.

So klar und berührend waren die Worte des Trosts

Schon damals, als der Brief erschien, waren sich die Kommentatoren einig, dass dieser Text – obwohl er auch auf die spezifisch katholische Geschichte Irlands ein- ging – wie ein pars pro toto beim Umgang mit dem Thema Missbrauch in anderen Ländern fungieren könne. So klar und berührend waren die Worte des Trosts und der Unterscheidung, so luzide die Ursachenforschung und Analyse, als dass der Brief nur auf einen lokalen Empfängerkreis hätte gerichtet sein können.

„Der schnelle soziale Wandel hat oft das traditionelle Festhalten der Menschen an der katholischen Lehre und ihren Werten beeinträchtigt. Viel zu häufig wurden das sakramentale Leben und die Frömmigkeitsübungen vernachlässigt, die den Glauben erhalten und sein Wachstum ermöglichen, wie etwa die regelmäßige Beichte, das tägliche Gebet und jährliche Exerzitien. Bezeichnend war während dieser Zeit auch die Tendenz vieler Priester und Ordensleute, Denk- und Urteilsweisen weltlicher Realitäten ohne ausreichenden Bezug zum Evangelium zu übernehmen.“ Und weiter: „Es gab insbesondere die wohlmeinende, aber fehlgeleitete Tendenz, Strafverfahren für kanonisch irreguläre Umstände zu vermeiden.“

„Es gab insbesondere die wohlmeinende,
aber fehlgeleitete Tendenz, Strafverfahren
für kanonisch irreguläre Umstände zu vermeiden“
Papst Johannes Paul II.

Worauf Benedikt XVI. in seinem Schreiben – verständlicherweise – nicht einging, war der Umstand, dass es in Irland, wie in anderen Ländern, in denen die Kirche ins Missbrauch-Visier rückte, Gruppen gab (und gibt), die durchaus ein Interesse daran haben, die Kirche zu schwächen und sie aus den jeweiligen staatlichen Verflechtungen zu ziehen, beispielsweise auf dem Gebiet der Erziehung und Ausbildung, um den geistigen und kulturell-gesellschaftlichen Einfluss der Kirche zu minimieren.

Ein Faktum, das man gerade in Polen, wo die Kirche (abgesehen von wenigen Kollaborateuren) während all der ideologischen Besatzungszeiten immer auf der richtigen Seite stand, der Seite der Wahrheit, Freiheit und Menschlichkeit, nicht vergessen darf. Weshalb es etwas paradox anmutet, dass sich ausgerechnet im Jahr 2019, das ein Jahr geballter Jubiläen ist (Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren, Warschauer Aufstand vor 75 Jahren, erste [fast] freie Wahlen vor 30 Jahren beim Ende des Kommunismus) die Kirche Polens in der moralischen Defensive befindet (Vgl. DT vom 29. Mai, S. 9).

Bereits in den 1990ern rückte die "Gazeta Wyborcza" die Kirche in ein oft unfaires negatives Licht

Wobei dieser Zustand nicht erst seit der Veröffentlichung des Spielfilms „Klerus“ (2018) oder der Missbrauchs-Dokumentation „Sag es niemandem“, die bei YouTube schnell über 20 Millionen Klicks erreichte, eingetreten ist. Schließlich fing die einstige Solidarnosc-Zeitung, die „Gazeta Wyborcza“, auf welche sich internationale katholische Nachrichtenagenturen so gern stützen, bereits in den 1990er Jahren an, die Kirche in ein oft unfaires negatives Licht zu rücken. Auch während der Regierungszeit von Premier Donald Tusk (2007–2014) fehlte es nicht an Spitzen in Richtung Bischofskonferenz. Es gab nach der Wende 1989 eben auch laizistische Sieger, und manche dieser sahen – um ein weiteres aktuelles Jubiläum zu nennen – spätestens mit dem EU-Beitritt des Landes 2004 die Stunde für gekommen an, den kirchlichen Einfluss auf die Bevölkerung zu beschneiden, um einen umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozess betreiben zu können: Kommunistisches Macht-Kapital sollte in ökonomisches Wachstums-Kapital überschrieben werden. Die Kirche als Organisation mit eigener Welt- anschauung und Tradition störte solche zivilgesellschaftlichen Modernisierer.

So wie sie heute diejenigen stört, die von einer vereinten sexuellen Vielfalt in Europa träumen und die dazu nötigen Tools in den Bildungs- und Ausbildungssystemen der EU-Länder verankern. Mittlerweile auch in Polen. Zumindest in der Hauptstadt Warschau, wo der 2018 gewählte Stadtpräsident Rafal Trzaskowski (Bürgerplattform) unmittelbar nach seiner Amtseinführung mit der Implementierung begann – zum Entsetzen vieler Katholiken, die in den neuen, auf westeuropäischem Gender Mainstreaming basierenden Lehrinhalten eine perverse Indoktrinierung sehen. Für diese Gläubigen ist es kein Zufall, dass die Kirche in Polen – so wie vorher die Kirche im traditionell katholischen Irland – nun ausgerechnet auf dem Feld der Sexualität angegriffen wird, indem man anhand von Einzelpersonen versucht, sie in ihrer allgemeinen Glaubwürdigkeit zu diskreditieren. Sexualität als Rampe für eine Form von Kulturkrieg?

Selbst progressive Politiker senden ihre Kinder gern auf katholische Schulen

Dabei ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die Kirche, die im ganzen Land über 600 Schulen sowie sechs Universitäten und Hochschulen unterhält und während der Zeit der territorialen Nicht-Existenz des Landes stets als nationale Bildungsträgerin fungierte, diesen Konflikt verlieren wird. Selbst diejenigen, die sich als Politiker oder Geschäftsleute einem progressiven Europa verbunden fühlen, wie etwa der frühere Außenminister Radoslaw Sikorski, senden ihre eigenen Kinder gern auf katholische Ausbildungsstätten, die aufgrund ihrer modernen Einrichtung und wertebezogenen Pädagogik ein elitäres Image besitzen. Das Risiko des Missbrauchs, von dem auch säkulare Bildungseinrichtungen und Vereine betroffen sind, wird offensichtlich realistisch eingestuft.

Auch was die Gottesdienstbesucherzahlen betrifft, besteht in Polen, falls man befürchtet, dass das Land zum neuen Irland werden könnte, ein Grund zur Entwarnung. Der Anfang 2018 präsentierte „European Social Survey“ ergab, dass 47 Prozent der jungen Katholiken Polens (16 bis 29 Jahre) wöchentlich die Messe besuchen. In Irland waren es 24 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland lag die Zahl bei sechs Prozent, in der Schweiz bei acht Prozent und in Österreich nur bei drei Prozent. Bei den 2019 von der Polnischen Bischofskonferenz veröffentlichten allgemeinen Gottesdienstbesucher-Zahlen, die auch schon in die Zeit der öffentlichen Missbrauchsdiskussionen fielen, war sogar eine positive Tendenz nach oben festzustellen. (siehe Info-Box unten)

Mode, Attraktivität und Andacht müssen kein Widerspruch sein

Und tatsächlich: Wenn man heute in den größeren Städten oder auf dem Land, im Osten und im Westen des Landes in eine der vielen sonntäglichen Messen geht, erwartet einen überall das gleiche Bild: Die Gläubigen müssen zum Teil draußen stehen, um an der Feier teilzunehmen. So groß ist von morgens bis abends der Besucherandrang. Lang sind die Warteschlangen vor den Beichtstühlen; und während im deutschsprachigen Raum – etwas überspitzt formuliert – alternativ gekleidete „Silver Ager“ den Besucherpegel noch gerade so über Null halten, sind es in Polen junge Familien mit Kindern, die belegen, dass Mode, Attraktivität und Andacht kein Widerspruch sein müssen. Nimmt man dann noch wahr, dass viele Exerzitienhäuser in Polen, wie etwa die der Jesuiten, kaum mit der Nachfrage vonseiten junger und älterer Gläubiger mithalten können, so erkennt man, das sich der „schnelle soziale Wandel“, den der emeritierte Papst zu bedenken gab, zumindest in Polen mit einem traditionellen sakramentalen Leben und Frömmigkeitsübungen vereinbaren lässt.

Auch nicht schlecht – im Vergleich mit Irland und den deutschsprachigen Ländern – sieht es in Polen auf dem Feld der Neuberufungen aus. Das erfolgreiche Twitter-Organ der Polnische Bischofskonferenz („Church in Poland“) tweetete Ende Mai stolz Fotos und Zahlen aus verschiedenen Diözesen („14 new priests of the Archdiocese of Cracow“, „19 new priests of the Archdiocese of #Warsaw. Let us accompany them in our prayers“). Insgesamt gibt es 32 000 geweihte Personen (Box 2), die in Polen oder innerhalb der polnischen Mission weltweit ihren Dienst für das Evangelium verrichtet. Bei einer Bevölkerung von 32 Million eine bemerkenswerte Zahl, wobei die Stagnation bei den Frauenkongregationen nicht verschwiegen werden darf. (siehe Info-Box unten)

Polnische Kirche begann Anti-Missbrauchs-Management schon vor Jahren

Hier – wo das Thema sexueller Missbrauch eigentlich überhaupt keine Rolle spielt – ist eine echte Baustelle, wenn es um die Zukunft der Kirche Polens geht. Gerade Nonnen, man erinnere sich etwa an die heilige Urszula Ledóchowska, die Gründerin des Ursulinenordens – übernehmen bei der Ausbildung der Schüler wichtige Funktionen und verantwortungsvolle Aufgaben. Die Strahlkraft einer Schwester Faustyna, die wegen ihrer weltbekannten Botschaft der Göttlichen Barmherzigkeit für viele Neueintritte in ihrem Orden sorgte, könnte wieder ein bisschen stärker werden.

Und wie funktioniert das Anti-Missbrauchs-Management? Zunächst kann man feststellen, dass die Kirche schon vor Jahren Maßnahmen eingeleitet hat, um die Gefahr des Missbrauchs frühzeitig und systematisch einzudämmen, wozu auch die Errichtung eines „Kinderschutzzentrums“ in Krakau zählt. War es jedoch klug, im März dieses Jahres eine offizielle Zahl geistlicher Täter zwischen 1990 und 2018 (382 Personen) zu veröffentlichen? Von der säkularen Presse, aber auch im westlichen Ausland, wird die Ziffer massiv angezweifelt: Man vermutet eine hohe Dunkelziffer und eine anhaltende systematische Vertuschung.

„Der aktuelle Prozess ist schmerzvoll,
aber beinhaltet eine heilsame Reinigung,
welche die Kirche stärken wird"
Michal Luczewski, stellvertretender Direktor des „Zentrums des Denkens von Johannes Paul II.“

Michal Luczewski, stellvertretender Direktor des „Zentrums des Denkens von Johannes Paul II.“ in Warschau, ist im Gespräch mit dieser Zeitung davon überzeugt, dass die Zahl der bisher bekannten Missbrauchs-Fälle tatsächlich nur die „Spitze des Eisbergs“ sei. Luczewski, der in Fernsehsendungen schon häufig vor einer Instrumentalisierung der Lehre von Johannes Paul II. sowohl von links wie auch von rechts gewarnt hat, ist dennoch optimistisch: „Der aktuelle Prozess ist schmerzvoll, aber beinhaltet eine heilsame Reinigung, welche die Kirche stärken wird.“

Darauf hofft auch Henryk Zielinski, Priester und Chefredakteur der Warschauer Kirchenzeitschrift „Idziemy“ (Auf, lasst uns gehen). Er sieht das Thema Missbrauch in der Kirche eng verknüpft mit dem Wirken eines Homo-Netzwerks: „Zwei von zehn Priestern sind homosexuell.“ Auf das Agieren des Homo-Netzwerks angesprochen, sagt Zielinski: „Es läuft zum Beispiel so ab: Ein Jugendlicher will seine homosexuellen Neigungen in der Beichte bekennen und gerät dabei an einen Priester mit homosexueller Veranlagung. Dieser empfiehlt ihm ein Buch, das er lesen soll und mit dem er zu einem bestimmten Priester zu gehen hat. Dieser Priester ist auch schwul und weiß durch das Buch, dass der Mann ,offen‘ ist.“ Daraus entwickle sich eine erotische Liaison, vielleicht sogar eine Empfehlung, auf das Priesterseminar zu gehen.“ Zielinski ist sicher, dass dieses Netzwerk nicht nur auf verschiedenen Hierarchie-Ebenen existiert, es agiere auch bei der Besetzung von wichtigen Positionen. Es schütze seine Mitglieder. Solange es gehe.

Der Papst las den Brief und weinte

Im Falle des früheren Metropoliten von Posen, Erzbischof Julius Paetz, musste die langjährige Papst-Vertraute und Psychologin Wanda Poltawska eingreifen, um die Vertuschung zu beenden. 1996 zum Bischof von Posen ernannt, gab es in Polen immer wieder Versuche, Übergriffe von Paetz gegenüber Schutzbefohlenen zu vertuschen. Schließlich, so Zielinski, reiste Poltawska mit einem Brief nach Rom, in dem glaubwürdige Anschuldigungen gegen Paetz standen. „Es gelang ihr, was gar nicht so einfach war, Johannes Paul II. den Brief persönlich zu geben. Der Papst las den Brief und weinte.“ Und nicht nur das. Eine vatikanische Untersuchungskommission wurde eingerichtet, im Jahr 2002 wurde Paetz vom Dienst suspendiert.

Johannes Paul II., dessen erste glorreiche Polenreise 1979 zu Beginn dieses Monats in den polnischen Medien breit und ausgiebig gewürdigt wurde, war eben nicht nur ein entschiedener Kämpfer nach außen, sondern – wenn er richtig informiert wurde – auch ein Kämpfer nach innen.

Ein zeitgenössischer Heiliger und Nationalheld ist ein Erfolgs-Faktor

Auf dieses Charisma setzen in den kommenden Monaten auch die Verantwortlichen der Polnischen Bischofskonferenz: Zahlreiche Veranstaltungen sollen die Gläubigen zum 100. Geburtstag Karol Wojtylas am 18. Mai 2020 hinführen und seine Lehre präsent halten. Ein zeitgenössischer Heiliger und Nationalheld ist schließlich ein Erfolgs-Faktor, mit dem man wuchern kann. Dazu schauen viele Polen voll Respekt auf andere Glaubenspersönlichkeiten der Neuzeit, wie etwa den heiligen Maximilian Maria Kolbe, Kardinal Stefan Wyszynski, für dessen Seligsprechung viel gebetet wird, oder den seligen Jerzy Popieluszko, dessen Heiligsprechung – laut einer aktuell im fe-Medienverlag erschienenen Popieluszko-Biographie – noch in diesem Jahr stattfinden könnte. Was all diese Persönlichkeiten laut Zielinski klarmachen: Der Dienst an der Wahrheit und für die Freiheit kann etwas kosten. Manchmal sogar das Leben. „Das Martyrium ist eine reale Möglichkeit.“ Dieses Wissen dürfte aus dem kollektiven Bewusstsein der Polen nur schwer zu tilgen sein. „Gott, Ehre, Vaterland“ – mit diesem Werte-Dreiklang wächst schließlich seit Generationen jedes polnische Kind auf. Und sei es heimlich – nur durch ein Familienmitglied.

Womit ein weiteres wichtiges Schlachtfeld der Gegenwart angerissen ist – die Politik: So unbeliebt die national-konservative Regierungspartei PiS bei der Mehrheit der westlichen Kommentatoren auch ist, bei den Europawahlen hat sie sich mit 45,4 Prozent beachtlich geschlagen. Während das links-liberale Lager trotz eines trickreichen Bündnisses („„Europäische Koalition“) zusammen auf nicht mehr als 38,5 Prozent der Stimmen kam. Ein katastrophales Ergebnis, wenn man bedenkt, dass dahinter Tusks langjährige Regierungspartei „Bürgerplattform“ sowie die frühere Regierungspartei SLD (Postkommunisten) und die Bauernpartei (PSL) stecken. Nicht zu vergessen die einstige antiklerikale Shooting-Star-Partei „Nowoczesna“ und die in Polen weiterhin nur so dahindümpelnden Grünen. Mit populistischem Anti-Klerikalismus und europäischer Weltläufigkeit wollte dieses Parteien-Bündnis punkten – ein Schuss, der nach hinten losgegangen ist. Vielleicht auch deshalb, weil die Mehrheit der Polen kein Problem damit hat, katholische Bräuche und Modernität, nationale Tradition und Weltläufigkeit unter einen Hut zu bringen. Nicht erst seit der Regierungsverantwortung von PiS, sondern seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten. Gewisse Lobbygruppen und Stiftungen, die beabsichtigen, die Kirche Polens durch eine unterstellte Nähe zu PiS ins gesellschaftliche Abseits zu rücken, scheinen sich mit derartigen Versuchen momentan stärker selbst zu schaden. Die Kirche Polens dagegen verhält sich richtig, nämlich so neutral wie möglich.

Die kirchlichen und wertkonservativen Medien sind in Polen sehr auflagenstark

Selbst dann, wenn – wie Anfang dieses Jahres geschehen – der derzeitige Pontifex gegen die Kirche Polens in Stellung gebracht wird. So reiste Joanna Scheuring-Wielgus von der neuen Partei „Wiosna“ (Frühling) des offensiv-homosexuellen Politikers Robert Biedron mit Marek Lisinski von der Missbrauchsopfer-Stiftung „Fürchtet Euch nicht“ nach Rom, wo Franziskus Lisinski die Hände küsste. Inzwischen musste Lisinski seinen Posten wegen finanzieller Unterschlagung räumen. Man darf gespannt sein, mit welchen anderen Mitteln die „Wiosna“-Partei, die vor allem bei „Gender“-Anhängern punktet, im Herbst dieses Jahres beim Wahlkampf für die Parlamentswahlen gegen PiS und deren vermeintlichen religiösen Koalitionspartner, die Kirche, antreten wird. Von der säkularen Presse, die dem antiklerikalen Flügel der „Bürgerplattform“ und der Partei „Frühling“ nahesteht, dürfte das passende antiklerikale „Framing“ geliefert werden. Lautstark – mit internationalem Echo.

Ein Trostfaktor für die polnischen Bischöfe: die kirchlichen und wertkonservativen Medien sind in Polen sehr auflagenstark. Mögen diese von westlichen Kritikern auch gelegentlich verzerrt dargestellt werden. Echte Probleme bereitet im katholischen Polen eigentlich nur das einstige kirchliche Vorzeigeblatt „Tygodnik Powszechny“ in Krakau, das früher eine intellektuelle Elitezeitung war und heute zu einem Beliebigkeitsblatt zu verkommen scheint. Der in Posen erscheinende „Przewodnik Katolicki“ ist kaum besser; während bei der erfolgreichsten katholischen Zeitschrift Polens, der in Kattowitz produzierten Zeitschrift „Gosc“ ein Chefredakteurs-Wechsel stattgefunden hat, der viele Leser verwunderte.

In Polen und auch in der Kirche gibt es auf allen Seiten auch Extreme

Natürlich: In Polen und auch in der Kirche gibt es auf allen Seiten auch Extreme, doch die gesellschaftliche Mitte ist weltoffen-konservativ, was der breiten Akzeptanz der Kirche, die mehrheitlich ebenfalls so aufgestellt ist, entgegenkommt. Die Verantwortlichen der Kirche Polens können also, wenn sie die Reinigung ernst nehmen, durchaus optimistisch in die Zukunft blicken.

Zumal ein großer polnischer Mystiker der Neuzeit, der Franziskaner Andrzej Klimuszko (1905–1980) eine sehr erfreuliche Zukunft für Polen voraussah. „Ich würde mich, könnte ich zukünftig geboren werden, entscheiden, in Polen zu leben.“ Sowohl spirituell wie auch kulturell sah er das Land im Aufstieg. Seine Visionen für Westeuropas hingegen wirken düster und bedrohlich, wie eine Mischung aus Apokalypse und Klimakatastrophe. Sogar den Vatikan sah er versunken unter großen Wassermassen. Alles nur Spinnerei? Bei den polnischen Franziskanern erinnert man sich noch, wie Klimuszko nach der Wahl von Johannes Paul I. im Sommer 1978 traurig in der Ecke saß und auf Nachfrage der euphorischen Mitbrüder erklärte, dass dieser Papst nicht lange leben werde. Auf die ungläubige Nachfrage, wer ihm denn dann nachfolgen würde, meinte Klimuszko nur: Wenn es kein Italiener wird, dann Wojtyla. Was seine Reputation vorübergehend außer Kraft setzte. Genauer gesagt, bis zum 16. Oktober 1978.

 

Hintergrund:
Im Jahr 2017 stieg die Zahl der Katholiken Polens, die an der Eucharistiefeier teilnehmen, im Vergleich zu 2016 um 1,6 Prozent. Die Zahl der Katholiken Polens, die die heilige Kommunion empfangen, stieg um 1 Prozent. Dies bedeutet, dass rund eine halbe Million weitere Katholiken regelmäßig an den heiligen Messen teilnahmen und rund 300.000 weitere Menschen das Abendmahl erhielten   so die neuesten Untersuchungen des Instituts für Statistik der katholischen Kirche (ISKK), die am 8. Januar 2019 vorgestellt wurden. Aus den Daten des ISKK geht hervor, dass bei der jährlichen Zählung der Gläubigen in den Pfarreien im Jahr 2017 38,3 Prozent der Katholiken an der Eucharistiefeier teilnahmen und 17 Prozent die heilige Kommunion erhielten. Im Jahr 2016 waren dies 36,7 und 16 Prozent.

Die Polnische Bischofskonferenz gab am 2. Februar 2019 bekannt, dass derzeit über 30000 geweihte Personen tätig sind. Demnach dienen 18807 Nonnen und 11613 Mönche in den verschiedenen Bereichen des kirchlichen und sozialen Lebens in Polen sowie im Ausland auf dem Gebiet der Erziehung, Jugendfürsorge, Katechese und bei Formen der Evangelisierung. Sie geben geistliche und materielle Hilfe. Die männlichen Orden mit der größten Mitgliederzahl sind die Franziskaner (1273), die Salesianer (1043) und die Konventualfranziskaner (931). Die Zahl der Priester, die 2017 den Diözesen zugerechnet wurden, betrug 24917. Außerdem gibt es in Polen 34 Säkular-Institute, an denen mehr als
1250 Personen arbeiten. Darüber hinaus gibt es in Polen 292 geweihte Jungfrauen und 329 geweihte Witwen.
Pressestelle der Polnischen Bischofskonferenz