„Eine einzige Familie“

In seiner Ansprache an die Flüchtlinge im Lager Moria auf Lesbos erinnert Papst Franziskus an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter – 16. April 2016

Liebe Brüder und Schwestern,

ich wollte heute bei euch sein. Ich möchte euch sagen, dass ihr nicht alleine seid. In diesen Monaten und Wochen habt ihr auf eurer Suche nach einem besseren Leben viel Leid erfahren. Viele von euch haben sich gezwungen gesehen, aus Situationen des Konfliktes und der Gewalt zu fliehen, vor allem um eurer Kinder willen, den Kleinsten zuliebe. Ihr habt für eure Familien große Opfer auf euch genommen. Ihr kennt den Schmerz, alles zurückgelassen zu haben, was euch lieb war, und – was vielleicht am schwersten ist – nicht zu wissen, was die Zukunft bringen wird. Auch viele andere warten wie ihr in Lagern oder Städten in der Hoffnung, auf diesem Kontinent ein neues Leben aufzubauen.

Ich bin hierhergekommen mit meinen Brüdern, dem Patriarchen Bartholomäus und dem Erzbischof Hieronymos, einfach um bei euch zu sein und eure Geschichten anzuhören. Wir sind gekommen, um die Aufmerksamkeit der Welt auf diese schwere humanitäre Krise zu lenken und ihre Lösung zu erflehen. Als Männer des Glaubens möchten wir unsere Stimmen vereinen und offen in eurem Namen sprechen. Wir hoffen, dass die Welt diese Situationen tragischer und wirklich verzweifelter Not beachtet und in einer Weise reagiert, die unserem gemeinsamen Menschsein würdig ist.

Gott hat die Menschheit so erschaffen, dass sie eine einzige Familie bilden sollte; wenn irgendeiner unserer Brüder und Schwestern leidet, sind wir alle betroffen. Wir alle wissen aus Erfahrung, wie leicht es einigen fällt, vom Leiden der anderen keine Notiz zu nehmen und sogar ihre Verwundbarkeit auszunutzen. Aber wir wissen auch, dass diese Krisen unser Bestes zutage fördern können. Das habt ihr bei euch selbst und im griechischen Volk gesehen, das inmitten seiner eigenen Schwierigkeiten großherzig auf eure Not reagiert hat. Ihr habt es auch bei den vielen Menschen – besonders bei den Jugendlichen aus ganz Europa und der Welt – gesehen, die gekommen sind, um euch zu helfen. Ja, und so viel mehr muss noch getan werden! Doch lasst uns Gott danken, dass er uns in unserem Leiden niemals alleinlässt. Immer gibt es jemanden, der eine Hand reichen und uns helfen kann.

„Das größte Geschenk, das wir einander

machen können,

ist die Liebe“

Dies ist die Nachricht, die ich euch heute hinterlassen möchte: Verliert die Hoffnung nicht! Das größte Geschenk, das wir einander machen können, ist die Liebe: ein barmherziger Blick, eine Bereitschaft zuzuhören und zu verstehen, ein Wort der Ermutigung, ein Gebet. Mögt ihr dieses Geschenk miteinander teilen! Wir Christen erzählen gerne die Geschichte vom barmherzigen Samariter – einem Fremden, der einen Mann in Not sah und unverzüglich anhielt, um ihm zu helfen. Für uns ist das ein Gleichnis von Gottes Erbarmen, das allen gilt, denn Gott ist der Allbarmherzige. Es ist auch eine Aufforderung, dieselbe Barmherzigkeit denen zu erweisen, die in Not sind. Möchten doch alle unsere Brüder und Schwestern auf diesem Kontinent wie der barmherzige Samariter euch zu Hilfe kommen, in jenem Geist der Brüderlichkeit, der Solidarität und der Achtung gegenüber der Menschenwürde, der Europas lange Geschichte gekennzeichnet hat!

Liebe Brüder und Schwestern, Gott segne euch alle, besonders eure Kinder, die alten Menschen und diejenigen, die an Leib und Geist leiden! Ich umarme euch alle von Herzen. Auf euch und auf alle, die euch begleiten, rufe ich die göttlichen Gaben der Kraft und des Friedens herab.

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