Eine einfache und konkrete Botschaft

Der Heilige Vater im Gespräch mit Journalisten bei der Pressekonferenz im Flugzeug

Der Heilige Vater mit trommelnden und singenden Kindern. Foto: dpa
Der Heilige Vater mit trommelnden und singenden Kindern. Foto: dpa

Pater Lombardi: Heiliger Vater, willkommen unter uns, inmitten dieser Gruppe von Journalisten, die Sie nach Afrika begleiten. Wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie uns auch dieses Mal ein wenig Zeit widmen. Hier in diesem Flugzeug sind etwa vierzig Journalisten, Fotografen und Kameraleute von verschiedenen Agenturen und Fernsehanstalten sowie ungefähr fünfzig Mitarbeiter der vatikanischen Medien, die Sie begleiten. In Cotonou erwarten uns rund tausend Journalisten, die Ihre Reise vor Ort verfolgen werden. Wie gewöhnlich, möchten wir einige Fragen an Sie richten, die wir in diesen Tagen unter den Kollegen gesammelt haben. Die erste Frage stelle ich Ihnen auf französisch, da ich denke, dass es sicher auch die Zuhörer und Fernsehzuschauer in Benin sehr freuen wird, wenn Sie das nach Ihrer Ankunft hören können.

Heiliger Vater, diese Reise führt uns nach Benin, doch sie ist für den gesamten afrikanischen Kontinent sehr wichtig. Warum waren Sie der Meinung, Benin sei der geeignete Ort für eine Botschaft, die das ganze heutige und künftige Afrika betrifft?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Erstens ist Benin ein Land, das im Frieden lebt – im äußeren wie im inneren Frieden. Es verfügt über funktionierende demokratische Einrichtungen, die im Geist der Freiheit und der Verantwortung wirken. Gerechtigkeit und die Arbeit für das Gemeinwohl sind durch das Funktionieren der demokratischen Einrichtungen und das Gefühl der Verantwortung in Freiheit möglich und garantiert. Der zweite Grund ist, dass es hier wie in den meisten afrikanischen Ländern verschiedene Religionen und ein friedliches Zusammenleben zwischen diesen Religionen gibt. Es gibt die Christen in ihrer Verschiedenheit – nicht immer einfach –, es gibt die Muslime und schließlich die traditionellen Religionen. Diese verschiedenen Religionen leben im gegenseitigen Respekt sowie in der gemeinsamen Verantwortung für den Frieden zusammen, für die innere und äußere Versöhnung. Mir scheint, dass dieses Zusammenleben der Religionen, dass der interreligiöse Dialog als Faktor für Frieden und Freiheit sehr wichtig ist. Das ist auch ein wesentlicher Teil des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens. Und der dritte Grund ist schließlich, dass dies das Land meines lieben Freundes Kardinal Gantin ist. Ich hatte stets den Wunsch, einmal an seinem Grab zu beten. Er ist wirklich ein enger Freund – darüber werden wir möglicherweise am Schluss noch sprechen –, und daher ist die Tatsache, dass dies das Heimatland von Kardinal Gantin ist, eines der bedeutenden Repräsentanten des katholischen Afrika, der Menschlichkeit und der Kultur Afrikas, ebenfalls ein Grund, dieses Land zu besuchen.

Während die Afrikaner die Schwächung ihrer traditionellen Gemeinschaften erfahren, sieht sich die katholische Kirche mit dem zunehmenden Erfolg der evangelischen oder der Pfingstkirchen konfrontiert, die zum Teil in Afrika selbst entstanden sind. Sie bieten einen attraktiven Glauben mit einer großen Vereinfachung der christlichen Botschaft an: sie legen großen Wert auf Heilungen und vermischen ihre religiösen Handlungen mit denen traditioneller Kulte. Wie verhält sich die katholische Kirche diesen Gemeinschaften gegenüber, die ihr gegenüber aggressiv eingestellt sind? Und wie kann sie Anziehung ausüben, wenn diese Gemeinschaften sich den Menschen gegenüber als so freudig, herzlich oder inkulturiert darstellen?

Diese Gemeinschaften sind ein weltweites Phänomen, das alle Kontinente betrifft. Sie sind vor allem in Lateinamerika und in Afrika – auf verschiedene Weise – stark präsent. Ich würde sagen, dass sie sich vor allem durch folgende Eigenschaften auszeichnen: geringe Institutionalisierung, eine sehr überschaubare Lehre, eine leichte, einfache, verständliche, scheinbar konkrete Botschaft und dann – wie Sie schon gesagt haben – eine Liturgie der Teilhabe, bei der die eigenen Gefühle, die eigene Kultur zum Ausdruck gebracht werden können, mit zum Teil synkretistischen Vermischungen der verschiedenen Religionen. Alles das garantiert einerseits Erfolg, doch es bedeutet auch wenig Stabilität. Wir wissen zudem, dass viele Menschen zur katholischen Kirche zurückkehren oder von einer dieser Gemeinschaften zur anderen wechseln. Wir dürfen also diese Gemeinschaften nicht nachahmen, sondern sollten uns fragen, was wir tun können, um dem katholischen Glauben neue Lebendigkeit zu verleihen. Ich würde sagen, ein erster Punkt ist sicherlich eine einfache, tiefe, verständliche Botschaft. Es ist wichtig, dass das Christentum nicht als ein schwieriges, europäisches System erscheint, das andere nicht verstehen und verwirklichen können, sondern als universale Botschaft, dass Gott existiert, dass Gott etwas mit uns zu tun hat, dass Gott uns kennt und uns liebt und dass die Religion konkrete Zusammenarbeit und Brüderlichkeit hervorruft. Eine einfache und konkrete Botschaft ist also ausgesprochen wichtig. Dann ist auch immer sehr wichtig, dass die Institution nicht zu schwer wiegt, dass, sagen wir, die Initiative der Gemeinschaft und der Person vorherrschend ist. Und ich würde sagen, auch eine Liturgie der Teilhabe, die jedoch nicht nur gefühlsbetont sein sollte: Sie darf nicht nur auf dem Ausdruck von Gefühlen beruhen, sondern muss sich durch die Präsenz des Geheimnisses auszeichnen, in das wir eintreten, von dem wir uns formen lassen. Schließlich würde ich sagen, dass es bei der Inkulturation wichtig ist, die Universalität nicht zu einzubüßen. Ich würde lieber von Interkulturalität als von Inkulturation sprechen, also von einer Begegnung der Kulturen in der gemeinsamen Wahrheit unseres Menschseins in der heutigen Zeit. So können wir auch in der universalen Brüderlichkeit wachsen. Wir dürfen dieses Große nicht verlieren, das die Katholizität darstellt, die Tatsache, dass wir in allen Teilen der Welt Brüder sind, dass wir eine Familie sind, die sich kennt und im Geist der Brüderlichkeit zusammenarbeitet.

Heiliger Vater, in den letzten Jahrzehnten hat es viele Friedenseinsätze, Konferenzen für den nationalen Wiederaufbau sowie Kommissionen zur Wahrheitsfindung und zur Versöhnung mit teilweise guten und manchmal enttäuschenden Resultaten in Afrika gegeben. Während der Synodenversammlung haben die Bischöfe mit aller Deutlichkeit über die Verantwortung der Politiker im Hinblick auf die Probleme des Kontinents gesprochen. Welche Botschaft wollen Sie an die verantwortlichen Politiker Afrikas richten, und welchen spezifischen Beitrag kann die Kirche zum Aufbau eines dauerhaften Friedens auf dem Kontinent leisten?

Die Botschaft findet sich in dem Schreiben, das ich der Kirche in Afrika überreichen werde – ich kann das jetzt nicht in wenigen Worten zusammenfassen. Es stimmt, dass es gerade auch für Afrika zur Förderung der universalen Brüderlichkeit viele internationale Konferenzen gegeben hat. Es werden gute Dinge gesagt und manchmal auch wirklich gute Dinge getan. Das müssen wir anerkennen. Doch gewiss sind die Worte, die Absichten und auch der Wille größer als die konkrete Umsetzung, und wir müssen uns fragen, warum die Realität nicht an die Worte und die Absichten heranreicht. Ein fundamentaler Faktor scheint mir zu sein, dass diese Erneuerung, diese universale Brüderlichkeit, Verzicht erfordert. Sie erfordert, den Egoismus zu überwinden und für den anderen da zu sein. Das lässt sich einfach sagen, aber nur schwer verwirklichen. Der Mensch, so wie er nach der Erbsünde ist, will sich selbst, will sein Leben für sich haben und es nicht hingeben. Was ich habe, möchte ich bewahren. Doch mit dieser Mentalität, der entsprechend ich nicht geben, sondern haben möchte, können die großen Absichten natürlich nicht funktionieren. Nur mit der Liebe und der Erfahrung eines Gottes, der uns liebt, der uns beschenkt, können wir dahin gelangen. Nur so wagen wir es, das Leben zu verlieren, wagen wir es, uns zu verschenken, weil wir wissen, dass gerade das ein Gewinn für uns ist. Die Einzelheiten, die sich im Dokument der Synode finden, betreffen also diese Grundhaltung: Indem wir Gott lieben und in Freundschaft mit diesem Gott leben, der sich verschenkt, können auch wir es wagen – und darum bitten – zu geben und nicht nur zu haben; zu verzichten, für den anderen da zu sein, das Leben in der Gewissheit zu verlieren, dass das – ja, gerade das – ein Gewinn für uns ist.

Heiliger Vater, bei der Eröffnung der Afrikasynode in Rom haben Sie Afrika als eine große „geistliche ,Lunge‘, für eine Menschheit, die sich in einer Krise des Glaubens und der Hoffnung befindet“, bezeichnet. Wenn man an die großen Probleme Afrikas denkt, scheint das nahezu befremdlich. In welchem Sinne glauben Sie, dass aus Afrika Glaube und Hoffnung für die Welt kommen könnte? Denken Sie, dass Afrika auch bei der Evangelisierung der übrigen Welt eine Rolle spielen kann?

Natürlich hat Afrika große Probleme und Schwierigkeiten. Die ganze Menschheit hat große Schwierigkeiten. Wenn ich an meine Jugend denke, so war das eine ganz andere Welt als heute, und manchmal habe ich das Gefühl, auf einem anderen Planeten zu leben, im Vergleich zu der Zeit, als ich noch ein Junge war. Die Menschheit befindet sich in einem immer rascheren und schnelleren Wandlungsprozess. Für Afrika war dieser Prozess der letzten fünfzig bis sechzig Jahre – ausgehend von der Unabhängigkeit nach der Zeit des Kolonialismus bis zur heutigen Zeit – ein äußerst komplizierter Prozess, der natürlich sehr schwierig war. Es hat große Schwierigkeiten und Probleme gegeben, und diese Probleme sind noch nicht überwunden. Mit dem Voranschreiten der Menschheit wachsen auch die Probleme. Doch diese frische Lebensbejahung in Afrika, diese Jugend voller Begeisterung und Hoffnung sowie voller Humor und Fröhlichkeit, zeigt uns, dass es hier ein menschliches Kapital gibt, dass es noch ein frisches religiöses Empfinden und eine frische Hoffnung gibt; hier gibt es noch eine Wahrnehmung des Metaphysischen, der Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit mit Gott, nicht diese Verkürzung auf einen Positivismus, der unser Leben einengt, es ein wenig gefühllos macht und auch die Hoffnung auslöscht. Ich würde also sagen, ein frischer Humanismus, der sich in der jungen Seele Afrikas findet, trotz aller gegenwärtigen und künftigen Probleme, zeigt, dass es hier noch ein Kapital an Leben und Vitalität für die Zukunft gibt, auf das wir zählen können.

Eine letzte Frage, Heiliger Vater. Kommen wir noch einmal auf einen der Punkte zurück, die Sie unter den Gründen für diese Reise nach Benin angesprochen haben: wir wissen, dass bei dieser Reise die Erinnerung an Kardinal Gantin eine wichtige Stelle einnimmt. Sie haben ihn sehr gut gekannt: er war Ihr Vorgänger als Dekan des Kardinalskollegiums, und weltweit wird ihm große Hochachtung entgegengebracht. Möchten Sie noch ein kurzes persönliches Zeugnis über ihn ablegen?

Ich habe Kardinal Gantin das erste Mal 1977 bei meiner Weihe zum Erzbischof von München gesehen. Er war gekommen, weil einer seiner Schüler ein Student von mir war. So gab es in gewisser Weise bereits eine Freundschaft unter uns, bevor wir uns gesehen hatten. An diesem wichtigen Tag meiner Bischofsweihe war es schön für mich, diesem jungen afrikanischen Bischof voller Glauben, Freude und Mut zu begegnen. Später haben wir sehr viel zusammengearbeitet, vor allem während er Präfekt der Kongregation für die Bischöfe war und dann im Kardinalskollegium. Ich habe stets seine tiefe und praktische Intelligenz bewundert; sein Gespür für Unterscheidung, nicht auf gewisse Phrasen hereinzufallen, sondern zu verstehen, was wesentlich war und was nicht. Und dann sein wirklicher Sinn für Humor, der sehr schön war. Doch vor allem war er ein Mann tiefen Glaubens und des Gebets. Alles das hat Kardinal Gantin nicht nur zu einem Freund, sondern auch zu einem nachzuahmenden Vorbild gemacht. Er war ein großer afrikanischer, katholischer Bischof. Ich freue mich wirklich, jetzt an seinem Grab beten zu können und seine Nähe und seinen großen Glauben zu spüren, der ihn für mich zu einem Vorbild und zu einem Freund macht.

Danke, Heiliger Vater. Wenn Sie mir erlauben, möchte ich hinzufügen, dass „Ihr Student“, der Kardinal Gantin eingeladen hatte, Bischof Barthélémy Adoukounou, auch hier bei dieser Reise unter uns weilt und an diesem schönen Augenblick teilhaben kann. Wir danken Ihnen für die Zeit, die Sie uns gewährt haben. Wir wünschen Ihnen eine gute Reise und werden wie gewöhnlich versuchen, dazu beizutragen, in diesen Tagen Ihre Botschaften für Afrika zu verbreiten. Danke nochmals und auf Wiedersehen.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller