„Eine Unterscheidung der Geister ist notwendig“

Der Passauer Bischof Stefan Oster zur Debatte über das ZdK. Von Regina Einig

Wenige Monate vor dem Ende des Dialogprozesses hat Bischof Stefan Oster eine lebhafte Debatte über das ZdK ausgelöst. Foto: KNA
Wenige Monate vor dem Ende des Dialogprozesses hat Bischof Stefan Oster eine lebhafte Debatte über das ZdK ausgelöst. Foto: KNA
Herr Bischof, auf Ihrer Facebook-Seite weisen Sie darauf hin, dass die Erklärung des ZdK zur Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften wesentliche Aspekte des biblischen Menschenbildes hinter sich lasse. Wo sehen Sie die Ursache dieser Entfremdung zwischen biblischem Menschenbild und praktizierenden Katholiken?

Es gibt meines Erachtens eine Entfremdung zwischen dem, was in der Schrift als Begegnung mit Gott, mit Christus, mit der Erfahrung seines Geistes immer neu geschildert wird. Die Begegnung mit Gott ist Einladung in sein Reich, also eine Herausforderung und Einladung in eine neue Wirklichkeit. Wir alle aber neigen dazu, Gott auf Worte, Ideen und Gedanken zu reduzieren. Und Gedanken stehen uns dann irgendwie zur Verfügung. Das Evangelium ist dann nur mehr eine „Botschaft“. Das ist es zwar auch, aber es ist doch mehr: Es ist Einbruch des Reiches Gottes und des Geistes Gottes in unser Leben, der in der Lage ist, mein ganzes Leben zu verändern, zu verwandeln, zu heiligen. Mal ehrlich: Für wen ist das heute in immer noch volkskirchlich geprägten Strukturen eine reale Erfahrung? Wenn diese aber ausfällt, dann ist die Versuchung groß, dass nicht mehr ich meinem Gott zur Verfügung stehen möchte, sondern umgekehrt: Dann komme ich aus der Erfahrung eines durchschnittlichen Humanismus und dann müssen sich Gott und Kirche und Glaube irgendwie dieser Erfahrung angleichen. Die berühmte Forderung, die Lebenswirklichkeit der Menschen zu beachten, ist also zutiefst zweideutig. Jesus hat ja wie kein anderer diese Lebenswirklichkeit beachtet, indem er in sie eingetreten ist, aber er wollte Menschen doch nicht einfach da drin lassen, wie sie waren, sondern verwandeln. Die orthodoxe Theologie sagt sogar wörtlich: „vergöttlichen“ und meint damit schlicht: Wir sollen in der Kraft seines Geistes Jesus ähnlich werden!

Das ZdK fühlt sich durch Papst Franziskus ermutigt. Wäre eine klare Stellungnahme des Heiligen Vaters zum kirchlichen Umgang mit homosexuellen Partnerschaften hilfreich?

Der Papst hat zu diesen Fragen aus meiner Sicht bereits klärend auf den Katechismus hingewiesen. Soweit ich weiß auch damals als er den berühmten Satz „...wer bin ich, ihn zu verurteilen?“ gesagt hat. Auch hier hat er im Nachsatz darauf hingewiesen, was im Katechismus steht. Und das ist hinreichend klar.

Wie sollen die Laien, die den Beschluss des ZdK ebenfalls nicht nachvollziehen können, damit umgehen, ohne sich in Kirchenkreisen umgehend den Vorwurf der Lagerbildung und Polarisierung zuzuziehen? Wer protestiert, gilt leicht als Spalter….

Entschiedenheit ist das eine, persönliche Diffamierung ist das andere. Die Wahrheit in Liebe und dennoch klar sagen, das ist der Weg, den ich versuche – im Respekt vor allen, auch vor denen, die die Dinge anders sehen. Aber das heißt eben nicht, dass nicht bisweilen Klarheit sein darf oder sogar sein muss.

Sie zeigen Verständnis dafür, dass Katholiken sich nicht mehr vom ZdK vertreten fühlen. Mitfinanzieren müssen sie es dennoch, auch wenn das Ziel eines Beschlusses wie diesem auf eine Todsünde hinausläuft. Ist es an der Zeit, den Gläubigen mehr Mitspracherecht für den Umgang mit der Kirchensteuer zuzubilligen?

Zunächst: Es gibt auch viele andere und viele gute Initiativen des ZdK. Ich finde es bedauerlich, dass diese in der medialen Konzentration auf die immer selben Themen an den Rand gedrängt werden. Für Ihre Frage nach dem Umgang mit der Kirchensteuer: Wir haben Formen der Mitsprache der Gläubigen institutionell implementiert, durch den Diözesansteuerausschuss beispielsweise. Die Mehrheit seiner Mitglieder ist gewählt.

Das ZdK will nach seinen eigenen Aussagen „Brücken zwischen Lehre und Lebenswelt bauen“. Akzeptieren Sie dieses Argument?

Ich kann es nachvollziehen, aber ich möchte erinnern, dass Jesus selbst der Brückenbauer hin zur Lebenswelt schlechthin ist. Jesus tiefer verstehen und lieben lernen heißt verstehen, welche Brücken im Heute zu den Menschen gebaut werden müssen und können. Aber eine Prophezeiung Jesu ist auch: „Wenn sie mich gehasst haben, werden sie auch euch hassen.“ Es gibt in dem, was das Johannes-Evangelium bisweilen „Welt“ nennt, auch eine tiefe Abwehr gegen Gott, gegen Jesus. Und hier ist eine Unterscheidung der Geister nötig: Wir können uns nicht im schlechten Sinn „verweltlichen“, nur damit uns auch die Gruppen lieb haben, die von sich her mit Gott wenig oder nichts zu tun haben wollen. Das heißt nun aber umgekehrt nicht, dass wir uns nicht dennoch in der Liebe Christi auch um diese bemühen sollten. Einfach weil sie auch seine geliebten Geschöpfe sind. Aber dieses Bemühen ist nicht Anpassung der Lehre, sondern eher Ernstnehmen der Lehre, die mich im Glauben befähigt, auch denen, die am Rand sind, die Füße zu waschen.