„Eine Tochter der Kirche“

Ávila feiert den 500. Geburtstag der heiligen Teresa: Papstbotschaft, Prozessionen, kulturelle Highlights und ein Volksfest. Von Regina Einig

Bischof Jesús García Burillo von Ávila hofft darauf, dass das Jubiläum anlässlich des 500. Geburtstags der heiligen Teresa dazu beitragen kann, den Glauben zu erneuern. Foto: Einig
Bischof Jesús García Burillo von Ávila hofft darauf, dass das Jubiläum anlässlich des 500. Geburtstags der heiligen Tere... Foto: Einig

Ávila (DT) „Den Glauben erneuern“ – Bischof Jesús García Burillo von Ávila antwortet ohne Zögern auf die Frage dieser Zeitung, wie das Jubiläum anlässlich des 500. Geburtstags der heilige Teresa dazu beitragen kann, die Krise Spaniens und Europas im Geist der Reformerin der Karmel zu bewältigen. Auch Brüderlichkeit und Nüchternheit zählen aus seiner Sicht zu den wegweisenden Haltungen der Heiligen für unsere Zeit. In ihrer ersten Klostergründung San José in Ávila habe ein familiärer Geist geherrscht, in dem die Schwestern einfach lebten und alles miteinander teilten. Auf diese Weise habe der Konvent erneuerte menschliche Beziehungen vorgelebt. Eine solche Haltung setze innere Disziplin und Nüchternheit voraus – und die Bereitschaft, eigene Grenzen anzuerkennen und persönliche Interessen in Einklang mit denen der anderen zu bringen.

Die Aufforderung des Heiligen Vaters, „hinauszugehen“, sei nicht nur im traditionell missionarischen Sinn zu verstehen, in die Ferne zu ziehen, so Bischof García Burillo. Schließlich evangelisiere die Kirche Afrikas und Lateinamerikas heute schon die Europäer und die Erste Welt. Es gehe um eine Grundeinstellung: dem anderen mit Interesse zu begegnen und das Antlitz Gottes in ihm zu erkennen. Teresa würde sich heute aus Sicht Bischof Burillos nicht an Plänen und Papieren aufhalten. „Sie hatte einen ausgeprägten Wirklichkeitssinn und ermutigt uns, Projekte anzupacken und in die Tat umzusetzen.“ Bischof García Burillo verweist schmunzelnd auf eines seiner teresianischen Lieblingsbücher: „,Die Klostergründungen‘ begeistern mich durch den Sinn für Verfügbarkeit, in dem Teresa jede Schwierigkeit mit der Kraft des Herrn überwunden hat. Diese Kraft ist das große Geburtstagsgeschenk, auf das ich für uns hoffe.“

Die Unbeschuhten Karmeliten des Klosters „La Santa“, das heute an der Stelle des Geburtshauses der heiligen Teresa steht, eröffneten die Feierlichkeiten mit einem Konzert. Maite López, eine für geistliche Lieder in Spanien bekannte Madrider Sängerin, präsentierte ihre Vertonungen teresianischer Gedichte. Zwischen den einzelnen Liedern blieb Zeit für Stille und Gebet. Wie Papst Franziskus in Rom, so riefen auch die Karmeliten dazu auf, gemeinsam die heilige Teresa um ihre Fürsprache für den Frieden in der Welt zu bitten. Mit Vertretern der in Ávila ansässigen Orden, zahlreichen Priestern und Laien feierten Bischof García Burillo und Pater Saverio Cannistra OCD, Generaloberer des Teresianischen Karmel, am Freitag in der gesteckt vollen Kirche eine Vigil. Aus Lateinamerika waren die „Amigos de Santa Teresa“ angereist. Die Gruppe hatte im Vorfeld des Jubiläums mit viel Aufwand die Verehrung Teresas via Facebook gefördert. Jugendliche rezitierten Gedichte der Heiligen und sprachen Dankgebete „für eine Tochter der Kirche“. Dass die mystischen Erfahrungen der Kirchenlehrerin eng mit der Eucharistie verbunden waren, prägte die Meditationen der Vigil. Mit einer Anbetungszeit vor dem ausgesetzten Allerheiligsten und einem Marienlob endete die Gebetsstunde. Die Schola der Kirche „La Santa“ hatte zuvor in der Klosterkirche von San José gregorianische Choräle und mehrstimmige Vertonungen von Gedichten der Heiligen und des heiligen Johannes vom Kreuz gesungen.

Den Geburtstag der Heiligen am 28. März feierten Orden und Diözese mit Festmessen und einer Stadtprozession. Am frühen Morgen zelebrierte der Bischof von Ávila im Kloster La Santa ein Pontifikalamt. Zahlreiche Mitglieder des Teresianischen Karmel sowie der Bürgermeister von Ávila und einige Regionalpolitiker nahmen daran teil. Das Festamt für die Diözese feierte Kardinal Antonio María Canizares als Apostolischer Delegat. Der Erzbischof von Valencia leitete die Diözese Ávila mehrere Jahre und förderte die Teresa-Verehrung auch nach seinem Abschied mit viel Engagement. Eine persönliche Anekdote verband der Kardinal mit einem Dank für das Pontifikat des deutschen Papstes. Vierzehn Tage bevor Benedikt XVI. seinen Rücktritt ankündigte, habe er sich in einem persönlichen Gespräch mit ihm über den der heiligen Teresa oft zugeschriebenen Satz „Gott allein genügt“ ausgetauscht.

In beiden Messen verlas Bischof García Burillo die Botschaft des Heiligen Vaters. Mit Blick auf das „Jahr der Orden“ unterstrich Papst Franziskus, Teresa führe Ordensleute heute aus der Selbstbezogenheit heraus. Sie lehre sie, zum Wesentlichen zu kommen und Christus nicht nur den Rest ihrer Zeit oder ihrer Seele zu überlassen, sondern alles in das freundschaftliche Gespräch mit ihm hineinzulegen. Ausdrücklich hob der Papst die Bedeutung der Kirchenlehrerin für die Laien, besonders die Jugendlichen hervor: „An der Hand Teresas werden junge Leute den Mut finden, Mittelmäßigkeit und Lauheit zu meiden und große Wünsche und noble Bestrebungen in ihrem Innern zu hegen.“ Das gelte insbesondere, wenn sie entdeckten, dass Christus es wert sei, ihm ganz nachzufolgen – so wie es die ersten Unbeschuhten Karmelitinnen taten, als sie unter nicht geringen Schwierigkeiten das erste Kloster gründeten. Teresa lade die Christen heute dazu ein, sich für das Reich Gottes einzusetzen und Hausgemeinschaften zu bilden, deren Fels Christus sei. Insbesondere die Josephsverehrung der Heiligen und ihren Gebetseifer für die Priester empfahl der Papst zur Nachahmung.

Im ersten Reformkloster Teresas – San José – blieb die Klausur während der Festtage unangetastet. Die Pilger registrierten dieses Bekenntnis zur kontemplativen Berufung mit Respekt und Wohlwollen. Mutter Julia, die Priorin von San José, ließ die Gläubigen herzlich grüßen. Während der Statio in der Klosterkirche las eine Freundin des Klosters ein Gedicht des Konvents zu Ehren Teresas vor. Bewegt erinnerte der Hausgeistliche Don Eliseo an Benedikt XVI., der das Kloster während seiner Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation besucht hatte. Als die blumengeschmückte Sänfte mit der Statue Teresas auf ihrem Prozessionsweg durch die Stadt weiterzog, winkten die Karmelitinnen hinter den vergitterten Fenstern im ersten Stock.

Volksfeststimmung kam auf, als sich der Provinzial der Unbeschuhten Karmeliten auf der Iberischen Halbinsel, Pater Miguel Marquez OCD, mit einem gläsernen Reliquiar mit dem Gehstock der Heiligen auf dem Platz vor dem Kloster in die Prozession einreihte. Vivatrufe, Böllerschüsse und Konfetti- und Blütenregen begleiteten das symbolträchtige Relikt der Reformgründungen. In Ávila endete seine Weltreise. Als Vorbereitung auf das Jubiläum hatten die Unbeschuhten Karmeliten ihn mit Jugendlichen von Kontinent zu Kontinent befördert – als Auftakt zu einer intensiveren Jugendarbeit des Ordens. Während des Festtriduums wurde unweit der „Universität der Mystik“, des Hochschulzentrums des Ordens in Ávila (CITES), das Internationale Zentrum der Karmeliten für junge Pilger eingeweiht. Es bietet Platz für hundert Personen und will jungen Menschen geistliche Bildung auf den Spuren Teresas ermöglichen.

Die Zielgruppe ist jedenfalls schon da. Jugendliche sind in diesen Tagen scharenweise in Ávila unterwegs. Auf dem Programm vieler kastilischer Schulen steht in diesen Tagen die Kirche des Konvents der Augustinerinnen des Klosters Santa María de la Gracia. Als Sechzehnjährige kam Teresa in das Klosterinternat. Die Augustinerinnen gewannen einen so positiven Einfluss auf die eigenwillige Halbwaise, dass sie sich für das Ordensleben zu interessieren begann.

Mit drei Stationen der Ausstellung „Teresa de Jesús“ in Ávila und einer in Alba de Tormes würdigt die kirchliche Kulturstiftung „Las Edades del Hombre“ mehrere Kirchen, darunter das heute noch von Augustinerinnen bewohnte Kloster. Zwischen prächtig gewandeten Barockmadonnen und der Wandnische, an der Teresa in den Messen zu kommunizieren pflegte, wird die Geschichte der Karmeliten und der Jugendjahre Teresas in Bildern erzählt. Eine Kostbarkeit stellt Teresas Exemplar der Konstitutionen des Menschwerdungsklosters in Ávila dar, in das sie 1535 als Zwanzigjährige eintrat. An den Seitenrändern finden sich handschriftliche Anmerkungen. Ein Kurzfilm zeigt das innere Ringen der jungen Ordensfrau zwischen weltlichen Ablenkungen im Kloster und ihrer Sehnsucht nach radikaler Christusnachfolge. In Teresas Taufkirche San Juan Bautista schwelgen die Besucher in den Schätzen der spanischen Meister. Werke von Francisco de Zurbarán, Goya, El Greco, Claudio Coello und Pedro de Mena vermitteln, wie tief religiöses Empfinden und Kunst in Kastilien miteinander verschmolzen sind. Vor allem die Kruzifixe und die Passionsbilder spiegeln die für Teresa charakteristische Christusfrömmigkeit. Eine mediterrane Note erhält die Schau dank der nördlich der Alpen eher raren Darstellungen des Jesuskindes als Pilger, als Hirte oder mit den Leidenswerkzeugen sowie durch die Vielfalt der Josephsbilder. Viele dieser Meisterwerke stammen aus klausurierten Karmelitenklöstern Andalusiens und Kastiliens und sind der Öffentlichkeit kaum zugänglich. Episoden aus dem Leben Teresas, vor allem ihre Vision der Herzverwundung, runden die Highlights aus dem Goldenen Zeitalter ab.

In die Feierlichkeiten der Karwoche fällt in Ávila ein Doppeljubiläum: Am 4. April jährt sich zum 500. Mal der Tauftag Teresas und zugleich die Kirchweihe des Menschwerdungsklosters, in das sie 1535 eintrat. Bis zu ihrem liturgischen Gedenktag am 15. Oktober erwartet die Besucher ein üppiges Kultur- und Kongressprogramm. Nicht nur fromme Christen sind eingeladen. Der Generalobere des Karmel, Pater Saverio Cannistra, sprach vor Journalisten schlicht vom „Licht“, mit dem Teresa die Wege der Menschen heute erhellen könne. Bei gleißendem Sonnenschein fühlten sich die Pilger an ihrem 500. Geburtstag in Spaniens höchstgelegener Provinzhauptstadt dem Himmel ein Stück näher.