Eine Tat, die noch aufzuklären ist

Auch nach der Beerdigung Padoveses gehen die Spekulationen über den Hintergrund der Tat weiter

Rom (DT) In Istanbul hat gestern in der Heilig-Geist-Kathedrale ein weiterer Trauergottesdienst für den ermordeten Bischof Luigi Padovese stattgefunden. Der Apostolische Vikar von Istanbul, Pater Lorenzo Piretto OP, sprach von einem „Augenblick der Trauer und der Prüfung nach einer so tragischen Tat“. Die christliche Glaubensgemeinschaft in der Türkei wisse nicht, wie sie damit umgehen solle und frage sich: „Warum dieser Mord? Was soll er bedeuten? Wie konnte er geschehen? Wer ist dafür verantwortlich? Wir warten nun auf die Unterstützung der türkischen Gesellschaft und der Behörden. Wir können nichts anderes tun als zu schweigen und zu beten.“

Bereits am Montag hatte für den am 3. Juni von seinem Fahrer getöteten Apostolischen Vikar in Anatolien ein Requiem in seiner Heimatstadt Mailand stattgefunden. Aus Deutschland waren der ehemalige Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, zu dem Trauergottesdienst gekommen wie auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sowie etwa fünfzig Gläubige der Gemeinde in Stegaurach bei Bamberg, wo Padovese, als er noch Professor in Rom war, mehr als drei Jahrzehnte als Urlaubsvertretung gewirkt hatte.

Der Mailänder Erzbischof, Kardinal Dionigi Tettamanzi, würdigte den Ermordeten in seiner Predigt als „Freund des Friedens“ und „Bruder aller Menschen“, nahm jedoch das Wort „Märtyrer“ nicht in den Mund. Benedikt XVI. erinnerte in seiner während des Requiems verlesenen Beileidsbotschaft das Wirken Padoveses für Dialog und Versöhnung. Der Vorsitzende des Rates der europäischen Bischofskonferenzen, Kardinal Peter Erdö aus Budapest, hob in einem Beileidstelegramm hervor, Padovese habe sich auch gegenüber Nichtkatholiken stets offen, großzügig und freundschaftlich gezeigt. Erzbischof Schick nannte den Bischof einen Menschen, der stets für Integration eingetreten sei und „mit allen, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Religion, gute Beziehungen pflegte“.

Zuvor schon hatte der Kölner Kardinal Joachim Meisner in einer Erklärung den Verstorbenen als „kompetenten Theologen und mutigen Christ“ bezeichnet, der den Christen in der Türkei in selbstloser Weise gedient habe. Er sei nicht der erste Christ, der in den letzten Jahren in der Türkei ermordet worden sei. Padovese, so der Kardinal, werde als ein „Märtyrer des Evangeliums“ und auch als persönlicher Freund unvergessen bleiben.

Im Anschluss an den Gottesdienst am Montag war Padovese in der Grablege seiner Familie in Mailand beigesetzt worden. Bei allen Fragezeichen zu den Hintergründen der Mordtat hatte sich jedoch der mit der Leitung des Apostolischen Vikariates von Anatolien übergangsweise betraute Erzbischof von Izmir, Ruggero Franceschini, deutlicher geäußert: Er kenne die Lage der Christen in der Region Anatolien „wie die eigene Westentasche“, meinte Franceschini gegenüber der italienischen Tageszeitung „Il Foglio“ bereits am vergangenen Samstag. Für ihn sei die Bluttat religiös motiviert. „Der Mord weist in der Tat explizit islamische Elemente auf.“ Der Mord habe nichts mit der Regierung oder mit persönlichen Gründen zu tun. Für ihn zeige die türkische Regierung Schwäche im Umgang mit islamistischen Strömungen im eigenen Land.

Franceschini legte damit eine andere Deutung nahe als Papst Benedikt, der direkt nach dem Mord auf dem Flug nach Zypern davon gesprochen hatte, es sei sicher, dass es sich bei der Tat nicht um einen politisch oder religiös motivierten Mord gehandelt habe, vielmehr gehe es „um etwas Persönliches“.

Und so umgeben in Rom weiterhin Spekulationen das grausame Verbrechen an Padovese. Der „Osservatore Romano“ widmet dem Fall jeden Tag einen Beitrag auf Seite eins, Chefredakteur Gianni Maria Vian lenkt dabei den Blick auf die Lage der Christen in der Türkei. „Im Nahen und Mittleren Osten durchleben die Christen aufgrund von Spannungen und Konflikten sehr schwierige Zeiten“, schrieb Vian. Darum müsse die Kirche fortfahren, die Gläubigen dort in jeder nur möglichen Weise zu unterstützen. „Das vatikanische Staatssekretariat steht offensichtlich über seinen Nuntius in Ankara in Kontakt mit den Autoritäten des Landes“, so Vian. Der türkische Botschafter Kenan Gürsoy hatte am Ende des Trauergottesdienstes in Mailand versichert, dass die Behörden seines Landes den Vatikan beständig über den Verlauf der Untersuchungen informieren würden, die in der Hand einer aus Antiterror-Einheiten und Geheimdiensten gebildeten Ermittlergruppe liegen würden, die am Ort der Tat, in Iskanderun, an der Aufklärung des Falls arbeite.

Noch aber wird spekuliert. Die in den Medien zirkulierenden Vermutungen gehen in drei Richtungen. Die einen glauben, das es sich tatsächlich um eine persönliche Tat gehandelt habe, die ihren Grund in einer Störung oder Anomalie des väterlichen Verhältnisses Padoveses zu seinem Fahrer gehabt habe. Die anderen vermuten einen islamistischen Hintergrund und werfen dem Vatikan vor, dass er mit Blick auf die Beziehungen zur muslimischen Welt diese Wahrheit unterdrücken wolle. Es gibt aber auch Spekulationen darüber, dass beides zusammenfallen könne: Eine Tat aus persönlichem Hass – was dadurch untermauert wird, dass der Täter den Bischof nicht nur erstochen, sondern ihm auch den Kopf abgeschnitten hat –, den aber islamistische Kräfte in ihrem Sinne ausgenutzt hätten. Die von der katholischen Nachrichtenagentur „asianews“ berichtete Geste des Täters, der „Ich habe den großen Satan getötet – Allah Akbar“ gerufen habe, als er seinem Opfer den Hals durchtrennte, würde auch diese Version stützen. Der eigentlich als kurdischer Christ bekannte Mörder, dessen gestörte Beziehung zu seinem geistlichen Vater von islamistischen Kreisen ausgenutzt worden ist? Das Rätselraten um den Mord an Padovese geht weiter.