Vatikanstadt

Eine Synode im Netz

Die Amazonas-Synode im Oktober wirft ihre Schatten voraus. Sie soll zu einer Zäsur für die ganze Weltkirche werden.

Vor der Amazonas-Synode
Immer wieder heben Protagonisten des REPAM hervor, dass die Amazonas-Synode Auswirkungen auf die ganze Kirche haben wird, da sie Wege vorzeichnen könne, wie auch andere Ortskirchen ihre Herausforderungen selber lösen. Foto: fotolia.de

Der vom Vatikan veröffentlichte Fahrplan für die Amazonas-Synode ist auf scharfen Widerspruch gestoßen. Vor allem Kardinal Gerhard Müller hat in mehreren Beiträgen das Arbeitspapier der Bischofsversammlung, das sogenannte „Instrumentum laboris“, einer überaus kritischen Lektüre unterzogen. Unter anderem moniert der Kardinal, dass die Autoren des Papiers eine neue Kategorie der göttlichen Offenbarung einführen, wenn sie etwa schreiben: „Darüber hinaus können wir sagen, dass Amazonien – oder auch jeder andere territoriale Raum indigenen beziehungsweise gemeinschaftliches Lebens – nicht nur ein ubi ist, oder ein Wo (ein geographischer Ort), sondern auch ein quid oder ein Was, das heißt ein bedeutungsvoller Ort für den Glauben beziehungsweise für die Erfahrung Gottes in der Geschichte. Das Territorium ist ein theologischer Ort, von dem aus man den Glauben lebt, und zugleich ein besonderer Quellgrund für die Offenbarung Gottes. Solche Räume sind Orte von ,Epiphanie‘, von Gotteserfahrung, an denen ein Reservoir von Leben und Weisheit für den Planeten aufzufinden ist.“

Abgesehen von der verquasten Sprache solcher Mutmaßungen kritisiert Kardinal Müller den harten theologischen Kern dieser Aussagen und formuliert eindeutig: „Wenn hier ein bestimmtes Territorium zu einer speziellen Quelle für die Offenbarung Gottes erklärt wird, dann muss man festhalten, dass dies eine falsche Lehre ist, insofern als die katholische Kirche seit zweitausend Jahren unfehlbar gelehrt hat, dass die Heilige Schrift und die Apostolische Tradition die einzigen Quellen der Offenbarung sind und dass keine weitere Offenbarung im Laufe der Geschichte hinzugefügt werden kann.“

Die "andere Seite" ist gut organisiert

Die kommende Sonder-Synode wird Bischöfe aus den lateinamerikanischen Ländern versammeln, in deren Territorien das Amazonas-Becken liegt. Die Synodalen kommen deshalb aus Brasilien, Peru, Venezuela, Bolivien, Kolumbien, Französisch-Guayana, Guayana und Surinam. Der 85 Jahre alte Kardinal und Franziskus-Vertraute Claudio Hummes aus Brasilien wird als Generalrelator der Synode für die Formulierung der Ergebnisse verantwortlich sein. Ihm zur Seite stehen zwei Synoden-Sondersekretäre: David Martínez de Aguirre Guinea, der Apostolische Vikar von Puerto Maldonado in Peru, sowie Pater Michael Czerny, Untersekretär der Sektion Migranten und Flüchtlinge des vatikanischen Dikasteriums für die Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen.

Bischöfe, die im Oktober aus den Amazonas-Anrainerstaaten zur Synode anreisen und sich weder die theologische Grundlage des „Instrumentum laboris“ noch die angepeilten Ziele der Bischofsversammlung – von den Diakoninnen bis hin zur Weihe von „viri probati“ – aneignen können, werden jedoch die Erfahrung machen, wie gut die „andere Seite“ organisiert ist und sich schon seit Jahren auf diese drei Wochen im Vatikan vorbereitet.

Noch nie gab es ein internationales Netzwerk zur Vorbereitung einer Synode

Bisher hat es noch keine römische Bischofssynode gegeben, in deren Vorfeld ein internationales Netzwerk gegründet wurde, um das Bischofstreffen vorzubereiten und dessen Ergebnisse „vorzuspuren“. Im Fall der Versammlung zum Amazonas ist das das „Red Eclesial PanAmazónica“ (REPAM), ein „kirchliches panamazonisches Netz“, das von den deutschen Hilfswerken Adveniat und Misereor unterstützt wird. Es wurde 2014 gegründet, also drei Jahre, bevor Papst Franziskus die Amazonas-Synode ankündigte. Ziel des REPAM ist es nach eigenen Angaben, „die Welt auf die fragile Situation der Ureinwohner im Amazonasgebiet und die entscheidende Bedeutung der Ökoregion des Amazonas für den gesamten Planeten als unser gemeinsames Zuhause aufmerksam zu machen“.

Ins Leben gerufen wurde das Netzwerk vom lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM, der Ordenskonföderation Lateinamerikas CLAR, der Caritas Lateinamerikas und der Brasilianischen Bischofskonferenz. Präsident des REPAM ist Kardinal Hummes, der auch die Arbeiten der Amazonas-Synode leitet. Der brasilianischen Sektion des Netzwerkes steht der österreichstämmige Bischof Erwin Kräutler vor, der die brasilianische Diözese Xingu leitet und in Interviews immer wieder für das Priesteramt verheirateter Männer und die Diakoninnenweihe eintritt. Die Amazonas-Synode soll den Weg dahin öffnen, indem im Zuge einer kirchlichen Dezentralisierung die örtlichen Bischofskonferenzen die Zuständigkeit dafür erhalten, solche Weihen abzusegnen, wie Kräutler zuletzt in einem Interview mit dem österreichischen Fernsehen erklärte.

45 Tagungen in neun Ländern mit Vertretern indigener

Als Partner des REPAM traten bei gemeinsamen Veranstaltungen unter anderem die von dem philippinischen Kardinal Luis Antonio Tagle geleitete Caritas Internationalis, der Jesuitenorden und das vatikanische Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen auf. Das Netzwerk organisiert zur Vorbereitung der Synode 45 Tagungen in neun Ländern mit Vertretern indigener Völker des Amazonasgebiets, ländlicher Gemeinden und sozialer Bewegungen sowie pastoralen Mitarbeitern. Aber auch internationale Konferenzen standen auf dem Programm. So etwa im März an der Georgetown University in Washington in Zusammenarbeit mit der Jesuiten-Konferenz der Vereinigten Staaten und Kanadas – nicht zuletzt mit dem Ziel, das REPAM mit ähnlichen kirchlichen Netzwerken in anderen Öko-Regionen der Welt in Verbindung zu bringen, wie dem Kongo-Becken und dem Regenwald im asiatisch-pazifischen Raum.

Mit seinen Partnern Adveniat, Misereor und Caritas Internationalis stellte das REPAM im September 2018 in den Räumen der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin einen Bericht über Menschenrechtsverletzungen im Amazonasgebiet vor. Zwei Vertreter indigener Völker Brasiliens überreichten den Regionalbericht der Lateinamerika-Beauftragten im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Kardinal Hummes und Erzbischof Jean-Claude Hollerich von Luxemburg, der Präsident der Bischöflichen Kommission COMECE bei der Europäischen Union ist.

"Dezentralisierung ist angesagt, damit Ortskirchen
gemäß dem Subsidiaritätsprinzip selbst
entscheiden können, was sie direkt betrifft"
Michael Heinz & Pirmin Spiegel

Gegenüber dem „National Catholic Register“ bestätigte eine Sprecherin des Bischöflichen Hilfswerks Adveniat, dass man allein 2018 im Zuge der Vorbereitung der Amazonas-Synode neun Projekte von REPAM mit einem Betrag von 272 000 Euro unterstützt habe. Auch Misereor gab gegenüber demselben Medium an, Projekte der Partner von REPAM zu finanzieren.

Adveniat und Misereor haben auch die deutsche Übersetzung des „Instrumentum laboris“ vorgelegt. Im Vorwort schreiben die beiden Hauptgeschäftsführer von Adveniat und Misereor, die Priester Michael Heinz und Pirmin Spiegel, dass eine Kirche, die „von Menschen und Natur in Amazonien her denkt“, den Weg der Inkulturation des christlichen Glaubens immer weiter beschreitet. „Dezentralisierung ist angesagt, damit Ortskirchen gemäß dem Subsidiaritätsprinzip selbst entscheiden können, was sie direkt betrifft.“

Vage bleibt, welche "Fragen" auf welchen "Denkwegen" gelöst werden sollen

Immer wieder heben Protagonisten des REPAM hervor, dass die Amazonas-Synode Auswirkungen auf die ganze Kirche haben wird, da sie Wege vorzeichnen könne, wie auch andere Ortskirchen ihre Herausforderungen selber lösen. „Es geht jetzt nicht darum“, schreiben Heinz und Spiegel, „die Synodenvorschläge als Rezepte für den deutschsprachigen Raum zu kopieren. Aber hier können wir auf Denkwege eintreten, auf denen unsere Fragen in Europa angegangen werden können.“ Wie in allen Dokumenten des REPAM bleibt bei solchen Äußerungen oft im Vagen, welche „Fragen“ dabei auf welchen „Denkwegen“ gelöst werden sollen. Grundsätzlich heißt es immer, wie auch in dem Vorwort der beiden Hauptgeschäftsführer, dass die Synode das von Papst Franziskus 2013 in „Evangelii gaudium“ formulierte Programm umsetzen und die pastoral-ökologische Umkehr, wie sie in der Enzyklika „Laudato si’“ von 2015 vorgezeichnet sei, als wesentliche Quelle für die Inspiration der ganzen Kirche festschreiben solle.

Als der Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck im Mai bei der Vorstellung der Jahresbilanz des Hilfswerks vor Journalisten in Essen sagte, die Amazonas-Synode in Rom werde zu einer „Zäsur“ in der katholischen Kirche führen und nichts werde „mehr sein wie zuvor“, fragten sich viele: „Weiß der Essener Bischof mehr?“ Ja, er wusste mehr, denn als Adveniat-Bischof hat er die Arbeit des REPAM seit dessen Gründung begleitet. So konnte er im Mai in Essen ankündigen, dass bei der Amazonas-Synode die hierarchische Struktur der Kirche genauso auf dem Prüfstand stehe wie ihre Sexualmoral und das Priesterbild. Auch die Rolle der Frau in der Kirche müsse überdacht werden, meinte er damals. Seit der Veröffentlichung des „Instrumentum laboris“ weiß man, dass tatsächlich eine besondere Beauftragung der Frauen in der Pastoral und die „viri probati“ auf dem Programm der Bischofsversammlung stehen.

REPAM-Präsident Hummes wird auch die Synode leiten

Bei der Vorbereitung der Synode ist das REPAM nicht als „pressure group“ von außen aufgetreten, sondern gehört zum inneren Kreis derjenigen, die das Treffen vorbereiten. Abgesehen davon, dass REPAM-Präsident Hummes als Generalrelator auch die Arbeit der Synode leiten wird, wurde das panamazonische Netzwerk offiziell damit betraut, das Synodensekretariat zu unterstützen und mit Informationen über das Leben in jener Region zu beliefern, wie der damals noch tätige Interims-Direktor des vatikanischen Presseamts, Alessandro Gisotti, bestätigte. Das REPAM wirkte sowohl bei der Erarbeitung des Vorbereitungsdokuments der Synode, den sogenannten „Lineamenta“, als auch bei der Abfassung des „Instrumentum laboris“ mit.

Außerdem wurde das REPAM am 2. März 2015 im Vatikan ganz förmlich von den Kardinälen Peter Turkson, dem Präfekten des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, und Claudio Hummes vorgestellt. Die Amazonas-Synode ist somit programmatisch festgezurrt und muss nur noch im Sinne des REPAM über die Bühne gebracht werden.