„Eine Quelle der Gnade“

Mit der Entsendung des Apostolischen Visitators hat die Kirche die guten Früchte von Medjugorje anerkannt, meint der Wiener Arzt Christian Stelzer, der die Medjugorje-Gebetsbewegung „Oase des Friedens“ leitet. Von Stephan Baier

Herr Stelzer, Papst Franziskus hat einen Apostolischen Visitator für Medjugorje bestellt. Wozu?

Am 31. Mai 2018 ernannte der Papst den polnischen Erzbischof Henryk Hoser zum Apostolischen Visitator für Medjugorje und nahm damit die Geschicke des Pilgerortes in seine Hände. Mit sofortiger Wirkung und auf unbegrenzte Zeit wurde Erzbischof Hoser die Zuständigkeit für die pastorale Entwicklung dieser außerordentlichen Gebetsstätte übertragen. Etwas mehr als ein Jahr zuvor, am 11. Februar 2017, hatte der Heilige Vater Erzbischof Hoser zum Sonderbeauftragten für Medjugorje bestimmt, damit er sich ein Bild über die seelsorgliche Betreuung der Pilger und deren Bedürfnisse mache. Die Mission des Apostolischen Visitators hat zum Ziel, eine ständige, dauerhafte Begleitung der Pfarrgemeinde von Medjugorje und der Gläubigen, die sich dorthin auf Pilgerschaft begeben, sicherzustellen.

Ist der Ortsbischof von Mostar damit für Medjugorje gar nicht mehr zuständig?

Der Apostolische Visitator ist Beauftragter des Papstes und mit besonderen, umfassenden Befugnissen und Vollmachten ausgestattet. Er könnte auch für eine Diözese eingesetzt werden, was bedeuten würde, dass der Visitator im Auftrag des Papstes die gesamte Amtsführung des Diözesanbischofs überprüft. Konkret betrifft die Aufgabe von Erzbischof Hoser den Pilgerort Medjugorje.

Sie haben Hoser in Medjugorje erlebt und gesprochen. Was ist Ihr Eindruck?

Ich bin gerade aus Medjugorje zurückgekehrt und die Eindrücke begleiten mich noch: Die Bilder von tausenden Menschen bei der Abendliturgie im Freien vor dem Außenaltar, weil die Kirche längst viel zu klein geworden ist, die Eucharistische Anbetung und die Kreuzverehrung unter nächtlichem Sternenhimmel, die vielen Priester – an manchen Tagen waren fast 600 Priester bei der Messe –, die unzähligen Menschen, die geduldig vor mehr als 60 Beichtstühlen warten. Viele Priester spenden das Sakrament der Versöhnung im Schatten der Kirche oder unter Bäumen, weil die vielen Beichtstühle nicht ausreichen. Während meines Aufenthalts hatte ich Gelegenheit, Erzbischof Hoser zu begegnen und gewann den Eindruck, dass er unvoreingenommen die Ereignisse wahrnahm und analysierte, mit dem diagnostischen Blick eines Arztes, der er auch ist. Hoser hat vor seinem Eintritt in den Orden der Pallottiner ein Medizinstudium in Warschau absolviert und als Assistenzarzt gearbeitet. Seine Aussagen zu Medjugorje entspringen einer exakten Wahrnehmung und Analyse der Situation. Vor dem Hintergrund der Glaubenskrise in zahlreichen wohlhabenden Ländern sieht er, wie die Menschen in Medjugorje zur Quelle kommen, um ihren Durst nach Gott, nach dem Glauben zu stillen. In seinen Aussagen entdecke ich Ähnlichkeiten mit jenen des heiligen Papstes Johannes Paul II. Er soll dem brasilianischen Erzbischof Murilo Sebastiao Ramos Krieger vor dessen vierter Reise nach Medjugorje gesagt haben: „Medjugorje ist das geistliche Herz der Welt.“ Ähnlich hat sich Erzbischof Hoser am 25. Juli beim Gottesdienst anlässlich des Festes zu Ehren des heiligen Jakobus, des Schutzpatrons der Pfarrei Medjugorje, geäußert: „Medjugorje ist wahrhaft zum Weltmittelpunkt des Gebets und der Bekehrung geworden, und aus diesem Grund hat sich der Heilige Vater dessen angenommen und mich hierher gesandt, um den Franziskanerpatres bei der Organisation der Aufnahme der Pilger an diesem Ort, der eine Quelle der Gnade ist, zu helfen.“

Hätte der Papst nicht zuerst die Frage der Echtheit der Erscheinungen klären müssen, dann erst die Pastoral?

Die Frage der Echtheit wurde von mehreren Untersuchungskommissionen überprüft, zuletzt von einer internationalen Kommission mit Kardinälen, Bischöfen, Fachleuten und Sachverständigen unter dem Vorsitz von Kardinal Camillo Ruini. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden der Glaubenskongregation und dem Heiligen Vater vorgelegt. Papst Franziskus hat die Arbeit der Kommission gewürdigt. Somit ist anzunehmen, dass sie die Grundlage seiner Entscheidungen ist.

Stimmt es, dass die Gottesmutter in Medjugorje ihr Geburtsdatum mitgeteilt hat?

Jelena Vasilj hat den 5. August als Geburtstag der Gottesmutter genannt, nicht aber das Geburtsjahr. Die Behauptung, die Gottesmutter sei am 5. August 1984 2000 Jahre alt geworden, stammt nicht von ihr oder einem anderen Seher. Auf Weisung des Bischofs wird dieser Tag liturgisch in der Pfarrei nicht gefeiert. Jelena stammt aus der „zweiten Generation“ der Seher. Sie hat später Theologie studiert und an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom über Augustinus das Doktorat gemacht. Am 5. August wird die Gottesmutter als „Unsere Liebe Frau vom Schnee“ verehrt. Dieses Fest geht zurück auf das Jahr 352, als die Gottesmutter dem römischen Patrizier Johannes erschienen sein und ihm versprochen haben soll, dass ihm ein Sohn geschenkt werde, wenn ihr zu Ehren eine Kirche an der Stelle errichtet werde, wo über Nacht Schnee fallen würde. Am 5. August sei auf dem Esquilinhügel Schnee gelegen. Die dort errichtete Kirche Santa Maria Maggiore gilt als die erste der Jungfrau Maria geweihte Kirche im Westen und ist die älteste Marienkirche Roms.

Der Mariologe Hauke sprach gegenüber dieser Zeitung von „sittlichen Skandalen“ und „Vergehen gegen das 6. Gebot“ in Medjugorje. Was ist damit gemeint?

Bischof Ratko Peric veröffentlichte gegen einen Franziskaner, der von 1981 bis 1985 in Medjugorje tätig war, ein Dekret mit Vorwürfen und Sanktionen der Glaubenskongregation. Weil dieser sich als unschuldig bekannte und die Sanktionen zurückwies, ließ er sich von Papst Benedikt 2009 in den Laienstand versetzen. Der Fall hat nichts mit Medjugorje zu tun und bedeutet, wie Pater Francesco Bravi, der Generalprokurator des Franziskanerordens, klarstellte, auch kein kirchliches Urteil über die Erscheinungen in Medjugorje.

Hauke behauptet, der Bischof von Mostar habe Informationen, die die vatikanische Ruini-Kommission nicht habe oder nicht zur Kenntnis genommen habe. Ist das plausibel?

Nach 37 Jahren und den vielen Untersuchungen, die es gab, zu sagen, es gäbe noch Informationen, die bisher in der Schublade waren, klingt recht unplausibel. Was mich bei diesen Unterstellungen wundert, ist, dass ein Mariologe wie Professor Hauke sich in Bezug auf Medjugorje immer wieder mit Argumenten zufrieden gibt, die er nicht überprüft hat. Schon im Februar 2010 hat Hauke in der „Tagespost“ den Fehler begangen, den niederländischen Antrophologen Mart Bax als glaubhaften Zeugen betreffend Medjugorje zu zitieren. Dieser hatte behauptet, dass in Medjugorje 1991/92 an die 140 Bewohner einer Blutfehde zum Opfer gefallen seien. Diese und zahlreiche andere Ungereimtheiten von Mart Bax haben im Oktober 2012 die Freie Universität Amsterdam veranlasst, eine Untersuchung betreffend Betrugsvorwürfe gegen Bax durchzuführen. Im Abschlussbericht wurde festgestellt, dass sich Bax schwerwiegendes wissenschaftliches Fehlverhalten mit Betrugsabsicht zuschulden kommen ließ. Hauke hätte die Gelegenheit gehabt, in Medjugorje selbst Nachforschungen und Studien zu betreiben. Vielleicht wäre seine Kritik dann in manchen Punkten konstruktiv geworden. Stattdessen begnügt er sich, die Argumente von Bischof Peric zu übernehmen. Dieser wurde 1993 Diözesanbischof von Mostar-Duvno und hat in den 25 Jahren bis heute kein einziges Mal mit den Betroffenen und von ihm Kritisierten gesprochen.

Warum polarisiert Medjugorje unter frommen, marianisch gesinnten Katholiken so stark?

Das erlebe ich nicht so. Nach meiner Erfahrung versuchen Menschen, die in Medjugorje neu zum Glauben gefunden haben, im Alltag den Frieden mit ihren Mitmenschen zu leben. Das ist der Inhalt der Botschaften der Königin des Friedens. Am dritten Erscheinungstag sagte die Gottesmutter der Seherin Marija Pavlovic: „Zwischen Gott und Mensch soll wieder Friede herrschen. Der Friede soll unter den Menschen sein!“ Freuen wir uns doch als Christen, wenn wir sehen, dass unsere Gemeinschaft im Glauben und in der Liebe wächst. Gibt es etwas Schöneres?

Lassen sich „die Früchte“ von Medjugorje – etwa Bekehrungen, Beichten, Berufungen – quantifizieren?

Die vielen guten Früchte von Medjugorje kennt nur Gott allein. Aber es gibt immer wieder Versuche, zu quantifizieren. Der Franziskaner Danko Perutka hat eine Umfrage gemacht und ersucht, ihm Berufungen zu melden. So hat er schriftliche Zeugnisse von 610 Berufungen zu Priestertum und Ordensleben bekommen, eine hohe Zahl, die in Wirklichkeit wahrscheinlich um vieles höher liegt. Dazu kommen wissenschaftlich dokumentierte Heilungen von über 500 Personen. Einige davon kenne ich selbst. Auch hier liegt die Zahl der Heilungen wahrscheinlich um vieles höher. Mit der Entsendung von Erzbischof Hoser als Apostolischem Visitator „hat die Kirche die guten Früchte von Medjugorje anerkannt“, schrieb Kardinal Schönborn in seiner Grußbotschaft an die tausenden Jugendlichen, die Anfang August aus 72 Ländern zum 29. Internationalen Gebetstreffen der Jugend nach Medjugorje kamen. Wir können nur dankbar sein für diese Zeit der Gnade!

Welche sozialen Früchte gingen aus Medjugorje hervor?

Wenn Pilger auf dem Erscheinungs- oder Kreuzberg zur Ruhe kommen und inneren Frieden erfahren, haben sie oft das Bedürfnis, diese Liebe, die sie spüren, weiterzugeben, so wie die Sonne nicht anders kann, als Wärme und Licht zu spenden. So breitete sich die Gemeinschaft Cenacolo, die jungen Menschen mit Suchterkrankungen, vor allem Drogen- oder Alkoholproblemen, einen Neustart ermöglicht, durch Medjugorje-Pilger in 19 Ländern der Welt aus. Mary‘s Meals, eine Ernährungsinitiative, die den Namen der Gottesmutter trägt, wurde von Medjugorje-Pilgern gegründet. Heute ernährt Mary‘s Meals 1,3 Millionen Kinder an jedem Schultag in 15 der ärmsten Länder der Welt. Unterstützung erhält Mary‘s Meals vor allem von ehrenamtlich engagierten Medjugorje-Freunden rund um den Globus.