„Eine Last, die die Pfarrer gar nicht tragen können“

Kardinal Carlo Caffarra bekräftigt Brief an Papst mit den Fragen zu „Amoris laetitia“ und spricht von großer Verwirrung – Kirche auf Malta: Wiederverheiratete sollen selber über Kommunionempfang entscheiden. Von Guido Horst

Sorgt sich um die Glaubwürdigkeit der Kirche: Kardinal Carlo Caffarra. Foto: dpa
Sorgt sich um die Glaubwürdigkeit der Kirche: Kardinal Carlo Caffarra. Foto: dpa

Rom (DT) Nach Kardinal Raymond Burke hat sich nun mit Kardinal Carlo Caffarra ein zweiter der Autoren des Schreibens der vier Kardinäle an Papst Franziskus mit den „dubia“, den „Zweifeln“ zu „Amoris laetitia“, zu Wort gemeldet. Caffarra, früherer Professor für Moraltheologie und von 1981 bis 1995 Gründer und Leiter des päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Ehe- und Familienfragen sowie von 2004 bis 2015 Erzbischof von Bologna, hat in einem ausführlichen Gespräch mit dem Journalisten Matteo Matzuzzi für die italienische Tageszeitung „Il Foglio“ bekräftigt, dass es nötig war, den Papst um die Klärung bestimmter Aussagen des achten Kapitels von „Amoris laetitia“ zur kirchlichen Ehelehre und zur Sakramentenpastoral zu bitten. Die vier Kardinäle seien sich bewusst gewesen, meinte Caffarra weiter, dass ihr Brief „eine sehr ernste Angelegenheit“ gewesen sei. Aber zwei Sorgen hätten sie getragen. Zum einen, bei den einfachen Gläubigen keinen Skandal zu erwecken. Und das Schreiben so abzufassen, dass niemand innerhalb wie außerhalb der Kirche darin auch nur den geringsten Mangel an Respekt gegenüber dem Papst erkennen konnte.

Aber, so bekräftigt Caffarra, die Autoren des Briefs hätten zwei Feststellungen machen müssen, eine allgemeine, die darin bestand, dass es eine schwere Verpflichtung der Kardinäle sei, dem Papst bei der Leitung der Kirche zu helfen. Und die zweite sei die Beobachtung gewesen, dass in der Kirche seit „Amoris laetitia“ eine „große Konfusion und Unsicherheit“ herrschten, die durch einige Paragrafen des nachsynodalen Schreibens hervorgerufen worden seien. Die „Spaltung unter den Bischöfen“ sei nicht Folge des Briefs von ihm und den drei weiteren Kardinälen an den Papst, sondern der Grund für den Brief mit den „dubia“. „Nur ein Blinder kann leugnen, dass die Kirche in großer Verwirrung ist“, so Caffarra wörtlich. Gleich am Wochenende erhielten die Worte von Kardinal Caffarra eine weitere Bestätigung. Jetzt hat auch die katholische Kirche in Malta für wiederverheiratete Geschiedene den Zugang zur Kommunion geöffnet. Wenn eine in neuer Partnerschaft lebende Person nach eingehender Gewissensprüfung zu der Überzeugung komme, „in Frieden mit Gott zu sein“, könne sie „nicht daran gehindert werden, zu den Sakramenten der Versöhnung und der Eucharistie hinzuzutreten“, heißt es in Leitlinien an die Priester des Landes, die der „Osservatore Romano“ am Samstag veröffentlicht hat.

Herausgegeben haben diese Leitlinien der Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, und der Bischof von Gozo, Mario Grech. Scicluna war bis zu seiner Berufung nach Malta ein führender Mitarbeiter der Glaubenskongregation und vor allem für Missbrauchsfälle zuständig. Mit Bezug auf „Amoris laetitia“ halten die beiden Bischöfe ihre Priester dazu an, das Gewissen der Gläubigen zwar nach dem „vollen Ideal des Evangeliums“ zu bilden, auf Menschen in sogenannten irregulären Lebenssituationen aber zugleich mit „aufrichtiger Liebe“ zuzugehen. Aufgabe der Priester sei „nicht einfach, den Zugang zu den Sakramenten zu erlauben oder ,einfache Rezepte‘ anzubieten“. Es gehe darum, den Betroffenen geduldig zu helfen, das Gewissen zu bilden. Scicluna und Grech sprechen vom „Leiden jener Personen, die ungerechterweise die Trennung erlitten haben“ oder von ihrem Partner misshandelt wurden. Einer Auflösung der neuen Beziehung könnten „schwerwiegende Gründe“ entgegenstehen, etwa die Verantwortung für Kinder. Auch sexuelle Enthaltsamkeit in einer zweiten Partnerschaft könne sich „als menschlich unmöglich erweisen oder größeren Schaden verursachen“. Die Leitlinien der Kirche auf Malta unterscheiden sich klar von den Anweisungen, die etwa die Erzdiözese Florenz durch Kardinal Ennio Antonelli für ihre Priester hat formulieren lassen, sie gehen aber auch über ähnliche Leitlinien hinaus, wie sie zum Beispiel in der Diözese Rom oder im Großraum Buenos Aires gelten, wo man zwar Einzelfalllösungen kennt. Aber wenn die beiden maltesischen Bischöfe schreiben, jeder könne selber in seinem Gewissen entscheiden, ob er im Frieden mit Gott lebe, und dann die Sakramente empfangen, hätte diese auch Auswirkungen auf andere irreguläre und sündhafte Situation, die weit über den Fall von einzelnen wiederverheirateten Geschiedenen hinausgehen.

Kardinal Caffarra wandte sich jetzt in seinem Gespräch mit „Il Foglio“ eindeutig gegen eine erleichterte Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion, auch wenn dies von manchen Bischöfen nun so gelehrt werde. Wenn Personen in einer kirchenrechtlich illegalen Beziehung Sakramente empfangen könnten, ohne sich zuvor zu sexueller Enthaltsamkeit zu verpflichten, müsse man „auch lehren, dass Ehebruch nicht an und für sich schlecht ist“. Dies sei „eine einfache Frage der Logik“. Eine Kirche aber, die der eigenen Lehre wenig Beachtung schenke, sei „keine pastoralere, sondern eine ignorantere Kirche“. Dies hieße „die seelsorgliche Praxis auf dem Gutdünken gründen“, so der Kardinal.

Die Fußnote 351 im Papstschreiben „Amoris laetitia“ ist für Caffarra „zweideutig“. Es sei zu prüfen, ob die betreffende Aussage „im Widerspruch zur vorhergehenden Lehre der Päpste zu dieser Frage stehe oder nicht“. Die seelsorgliche Hilfe könne nur darin liegen, die Betreffenden zu der Einsicht zu führen, „dass sie sich in einer Situation befinden, in der sie die Eucharistie nicht empfangen können“. Zu einer möglichen Gewissensentscheidung sagte Caffarra, wer einer Person rate, ihrem Gewissen zu folgen, ohne zugleich die Suche nach der „Wahrheit des Guten“ zu verlangen, gebe ihr „die zerstörerischste Waffe ihrer Menschlichkeit“ in die Hand.

Für Caffarra hat die Verwirrung um „Amoris laetita“ gerade für die Priester und Beichtväter verhängnisvolle Folgen. Ein Pfarrer habe ihm geschrieben, dass er in der geistlichen Leitung und beim Beichtehören nicht mehr wisse, was er tun solle. Einem Mann, der mit einer geschiedenen Frau zusammenlebe, habe er vorgeschlagen, einen Weg zu gehen, um diese Situation zu korrigieren. Dieser Mann aber habe dann darauf bestanden, so schreibe der Pfarrer, zur Kommunion zu gehen, weil Papst Franziskus es erlaubt habe, die Eucharistie zu empfangen, auch ohne in einer solchen Situation enthaltsam zu leben. Der Priester, so Caffarra, habe ihm dann geklagt, dass die Kirche alles von ihm verlangen könne, nicht aber, sein Gewissen zu verraten.

Die Situation vieler Priester und vor allen Dingen der Pfarrer sei die, meinte Caffarra weiter, dass „ein Gewicht auf ihren Schultern lasten würde, das sie gar nicht tragen können. Und genau das ist es, woran ich denke, wenn ich von großer Verwirrung spreche. Und wir reden hier von Dingen, die nicht zweitrangig sind. Es geht hier nicht um die Frage, ob man mit dem Essen von Fisch das Fasten bricht oder nicht. Es handelt sich“, so der Kardinal, „um schwerwiegende Fragen für das Leben der Kirche und das ewige Heil der Seelen. Vergessen wir es nie: Das ewige Heil der Gläubigen ist das oberste Gesetz der Kirche.“