Eine Kirche, viele Wege zum Heil

„Liebesbriefe an die Kirche“: Vierzig beeindruckende Zeugnisse für den katholischen Glauben in Form und Inhalt. Von Katrin Krips-Schmidt

Liebende greifen zur Feder oder in die Tasten. Wozu aber soll es dienen, wenn eine Liebeserklärung nicht einem menschlichen Wesen aus Fleisch und Blut gilt, sondern der zweitausend Jahre alten Kirche? Die Frage ist leicht zu beantworten. In den gut vierzig bemerkenswerten Zeugnissen bekannter und weniger bekannter Katholiken der vom Internetportal Kath.net gesammelten „Liebesbriefe an die Kirche“, die nun in gedruckter Form vorliegen – der Bischof wie der Schriftsteller, der Priester wie der Journalist, die Ordensfrau, der Bankmanager, die Sekretärin, der Zisterziensermönch, der Musiker, die Philosophin und die Geschäftsführerin eines internationalen römisch-katholischen Hilfswerks greifen hier zur Feder – kommt das Bekenntnis zur katholischen Kirche zum Ausdruck, das in der heutigen Zeit wichtiger denn je zu sein scheint.

Was ist die „Kirche“ überhaupt, die hier mal pathetisch gepriesen, mal sachlich-nüchtern gelobt und einmal sogar in Reimen besungen wird? Spontan kommen einem da die „Hymnen an die Kirche“ von Gertrud von Le Fort in den Sinn oder aber auch die Minnegesänge längst vergangener Tage, in denen die Angebetete wortreich geschildert, ihre Vorzüge in bildreicher Sprache gerühmt werden. Und so ist es auch hier: „Heimat“ ist sie den meisten, „Familie im Glauben“ oder auch einfach nur ein „Schatzkästchen“.

Viele Liebesbriefschreiber – unter ihnen die Bischöfe Klaus Küng und Franz-Josef Overbeck, sowie prominente Katholiken wie Peter Seewald, Paul Badde, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Pater Karl Wallner, Gabriele Kuby, Monika Metternich, und Barbara Wenz – erzählen von ihrem Verwurzelt-Sein in der Kirche, von ihrer Prägung durch sie, die für sie wie eine Mutter sorgt. Die ihnen oftmals von Kindesbeinen an vertraut und Wegmarke ist in einer Zeit, in der doch andere Sinnangebote keine Richtung anzugeben vermögen, geschweige denn auf das eigentliche Ziel des irdischen Daseins hin zu verweisen imstande sind. Feste Rituale, der Klang bekannter Kirchenlieder, die feierliche Liturgie, der Duft von Weihrauch – auch und gerade das sinnlich Erfahrbare gehört ja in die Sphäre der Liebe, mithin in einen Liebesbrief, den man an die Kirche schreibt.

Und so sprechen die Briefe vom Erfahren Gottes und vom Verlust des Glaubens, sie erzählen vom Suchen und Finden, von Umkehr und Buße. Von der Sicherheit und Geborgenheit, die die Kirche spendet, aber auch von dem einen oder anderen selbstverschuldeten nachkonziliaren Abbruchmanöver, das es manchem Gläubigen schwer gemacht hat, seinen Glauben zu bewahren.

Der Konvertit beschreibt seinen mühsamen Weg in die sancta ecclesia, der Bischof äußert sich über die vielfältigen Aufgaben der Kirche in der Welt und die Schriftstellerin preist in poetischen Worten ihre Hingabe. Der Mutter gibt die Kirche Antworten auf ihre Fragen, Regeln, die ihr und ihren Kinder im irdischen Alltag Orientierung bieten, der Spätbekehrten spendet sie Trost. Der Musiker und Komponist, der zunächst in esoterische, buddhistische und hinduistische Kreise abdriftete, schreibt, wie er sehnsüchtig nach Gott suchte.

Der sehr persönlich geprägte Beitrag der Religionspädagogin und Journalistin, die ihren Weg nach dem frühen Tod ihrer beiden Brüder wieder zurück in die Kirche findet, führt eindringlich vor Augen, was es heißt, ohne deren Tröstungen auskommen zu müssen. Der Brief einer Lehrerin rührt in besonderer Weise an. Trotz der von ihr beschriebenen Umbrüche innerhalb der Gesellschaft sowie in der Kirche nach dem II. Vaticanum und auch in ihrer eigenen Familie, hielt sie am Glauben ihrer Kindheit fest. Der Journalist und ehemalige Protestant demonstriert, wie eine Konversion erst fehlschlägt – und dann nach etlichen Jahren mittels katholischer Literatur, auf Exerzitien und in Gesprächen mit Bischöfen und Priestern – gegen alle möglichen Widerstände, übrigens auch aus den eigenen katholischen Reihen – doch noch gelingt.

Ein Pater berichtet freimütig über seine Glaubenskrise, in die er als 17-Jähriger infolge eines entmythologisierenden Religionsunterricht geriet. Warum er trotz all dieser desillusionierenden Erfahrungen katholisch blieb, legt er überzeugend dar.

Alle Briefe sind in ihrer inhaltlichen Aussage wie in ihrer formalen Darstellung beeindruckende Zeugnisse dafür, weshalb der Gläubige seine Kirche liebt. Doch so unterschiedlich die Briefe auch verfasst sein mögen – jeder hat seine ganz eigenen Argumente für eine „Liebesbeziehung“ zu seiner Heimat Kirche und jeder hat seinen persönlichen Stil – eines ist sämtlichen Verfassern gemeinsam: das offene und öffentliche Bekenntnis zur Kirche.

Der Konvertit Stefan Meetschen bringt es auf den Punkt: Er ist „dankbar für die reiche Glaubenstradition der Kirche und für ihr schlüssiges Lehrsystem, das zu allen Themen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens befragt werden kann. Mögen die Antworten auch nicht immer bequem sein, so sind sie doch wahr, an Christus orientiert.“

Die Briefe zeigen, auf welche Art der Mensch zum Glauben kommen und ihn bewahren kann. Sie veranschaulichen auf eindrucksvolle Weise die Aussage des Heiligen Vaters Papst Benedikts XVI.: „Es gibt so viele Wege zum Heil, wie es Menschen gibt“. Den geradlinigen, der vom Hineingeborenwerden in eine gläubige katholische Familie unmittelbar bis ins hohe Alter führt, ohne eine Spur des Zweifelns an der „Heimat“ Kirche. Den kurvenreicheren, der seinen Ausgangspunkt zwar auch an der katholischen Wiege nimmt, dann aber erst über Hindernisse, ja zuweilen sogar über wahre Abgründe, wieder zum eigentlichen Ziel zurückgelangt. Und dann gibt es noch viele verschiedene andere Pfade. Sie führen aus einem protestantischen oder einem heidnischen Elternhaus oftmals auch in die katholische Kirche – nicht unmittelbar, sondern erst über Umwege – manchmal über eine fernöstliche Philosophie oder Heilslehre, manchmal über einen esoterischen Meditationskurs.

Und noch etwas anderes steckt in diesen „Liebesbriefen an die Kirche“. Die wunderbare Doppel-, ja Dreifachbedeutung des deutschen Wortes „Kirche“. Preist der eine die „Kirche“ als Gesamtheit der christlichen Glaubensgemeinschaft – vereint in der triumphierenden, streitenden und leidenden Kirche – lobt sie der andere als den Gottesdienst mit all seinen Traditionen und Ritualen, die ihm im Laufe seines Lebens lieb geworden sind. Für einen dritten, den Sohn eines Restaurators, stellt sie in erster Linie das Bauwerk dar. All die „Gebäude, große und kleine, prachtvolle und ganz ärmliche“. Sie waren und sind ihm „Orientierungspunkte in der Weglandschaft des Lebens wie in der Geografie meiner Umgebung“. Der Sohn des Restaurators lernt „die Sprache der Gebäude zu verstehen“, sie mit allen Sinnen auf sich wirken zu lassen. Um dann festzustellen, wie jeder einzelne Kirchenbau ein Wunderwerk Gottes ist, steingewordenes Gebet, in dem er Gottes Gegenwart erfahren hat.

Das Bändchen bildet mit seinen 146 Seiten das überaus lebendige Spektrum der zu ihr gehörenden Gläubigen ab, und ein jeder Leser wird sich in dem einen oder anderen Liebesbrief gewiss wiederfinden.

Petra Knapp-Biermeier, Roland Noé (Hrsg.): Liebesbriefe an die Kirche. Wilhering (Österreich) 2011. EUR 9,80