„Eine Kirche ohne Putin“

Ukrainisches Vereinigungskonzil wählte Vertrauten Filarets zum Oberhaupt – Moskau warnt vor Verfolgung. Von Stephan Baier

Orthodoxe Kirche in der Ukraine
Präsident Poroschenko nahm als Ehrengast an dem Vereinigungskonzil teil, das Metropolit Emmanuel Adamakis im Auftrag von Bartholomaios leitete. Foto: dpa
Orthodoxe Kirche in der Ukraine
Präsident Poroschenko nahm als Ehrengast an dem Vereinigungskonzil teil, das Metropolit Emmanuel Adamakis im Auftrag von... Foto: dpa

Kyrill I., der Patriarch von Moskau, zog zuletzt alle Register, um den Weg der ukrainischen Orthodoxie in die volle Unabhängigkeit, die „Autokephalie“, doch noch zu verhindern. Vergebens, am 15. Dezember fanden sich mehr als hundert Bischöfe, dazu Priester, Mönche und Laien in der Kiewer Sophienkathedrale zum „Vereinigungskonzil“ zusammen. Geleitet wurde die Versammlung nicht vom ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, wie pro-russische Kreise streuten, sondern vom Repräsentanten des Ökumenischen Patriarchen in Frankreich, Metropolit Emmanuel Adamakis, den Bartholomaios entsandt hatte. Es war auch der Ökumenische Patriarch, der alle Bischöfe der drei zerstrittenen orthodoxen Kirchen in der Ukraine eingeladen und darauf insistiert hatte, dass neben Bischöfen auch Priester und Laien an der Versammlung teilnehmen sollten.

Überwunden wurde die Spaltung der ukrainischen Orthodoxie nicht: Zwar nahmen die Hierarchen der „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats“ (UOKP) und der „Ukrainisch-autokephalen orthodoxen Kirche“ daran teil, jedoch folgten nur zwei der 90 Bischöfe der „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“ (UOMP) der Einladung von Bartholomaios, nämlich die Metropoliten Simeon Schostatskij und Alexander Drabinko. Dass Moskau auch jetzt nicht auf Versöhnungskurs einschwenkt, lässt sich daran ablesen, dass der Außenamtschef der russischen Orthodoxie, Metropolit Hilarion Alfejew, die beide Metropoliten öffentlich mit dem Verräter Judas verglich: „Die Teilnahme von zwei Hierarchen der kanonischen Kirche an einem Ereignis, das zur Zerstörung dieser Kirche bestimmt war, kann nur bedauert werden. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass unter den zwölf Aposteln ein Judas war.“

Das Vereinigungskonzil wählte den 39-jährigen Bischof der UOKP von Perejaslaw, Epifanij Dumenko, zum „Metropoliten von Kiew und der ganzen Ukraine“. Ihm wird der Ökumenische Patriarch Bartholomaios am 6. Januar im Phanar in Istanbul den ersehnten Tomos, die Bulle zur Verleihung der Autokephalie, überreichen. Präsident Poroschenko, der einer der Promotoren der nun in Reichweite liegenden Autokephalie war und an dem Konzil als Ehrengast teilnahm, hat bereits angekündigt, mit dem künftigen Patriarchen nach Istanbul zu reisen. Epifanij gilt als enger Vertrauter des bisherigen Patriarchen der UOKP, Filaret. In einer Ansprache an die Konzilsteilnehmer beschrieb der Staatspräsident die Autokephalie als Frage der nationalen Sicherheit: „Wir durchtrennen die Ketten, die uns an das Reich banden.“ Damit gehe „ein tausendjähriger Traum“ in Erfüllung, so Poroschenko, der dem Ökumenischen Patriarchen für seinen Mut und seine Weisheit dankte. Später sagte er vor einer Volksmenge in Kiew: „Die vereinte und unabhängige ukrainisch-orthodoxe Kirche ist eine Kirche ohne Putin, eine Kirche ohne Kyrill.“ Der künftige Patriarch Epifanij rief alle orthodoxen Ukrainer auf, sich der neuen Kirche anzuschließen. Es gebe noch viel zu tun, um die Vereinigung der ukrainischen Orthodoxie zu vervollständigen.

In den Tagen vor dem Vereinigungskonzil hatte der Moskauer Patriarch öffentlich gegen die Autokephalie-Bestrebungen polemisiert: Einige seien „den Mächten der Finsternis verfallen“ und gründeten „eine falsche Kirche, die dem Teufel dient“. Wie der Pressedienst von „Pro Oriente“ berichtet, appellierte Kyrill in Briefen an Papst Franziskus, den anglikanischen Primas Justin Welby, UN-Generalsekretär Antonio Guterres, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, sie mögen sich dafür einsetzen, eine Diskriminierung seiner Kirche durch die ukrainischen Behörden zu verhindern und die Religionsfreiheit zu schützen. Patriarch Kyrill warnte vor einer Verfolgung seiner Kirche. Ukrainische Regierungsbehörden würden sich in das kirchliche Leben einmischen und die Menschenrechte verletzen.

Gegenüber der „Tagespost“ analysiert der in Lemberg (Lviv) lehrende griechisch-katholische Kirchenhistoriker Andriy Mykhaleyko einen politischen Hintergrund auf beiden Seiten: Die Annexion der Krim, der fortdauernde Konflikt in der Ostukraine und die Versuche Russlands, Einfluss auf die Ukraine auszuüben, hätten sich auf die einst gute Zusammenarbeit der Kirchen negativ ausgewirkt. „Sowohl bei den Versuchen der Einflussnahme Russlands als auch bei den Bemühungen der ukrainischen Regierung, das Land von diesem Einfluss zu befreien, ist den Kirchen eine besondere Rolle zugedacht. Für beide Konfliktparteien gelten die Kirchen als ein wichtiges Instrument, das man zur Durchsetzung eigener politischer Ziele einsetzen kann.“ Eine Entschärfung der Lage sei nicht in Sicht, so Mykhaleyko.

„Für die russische Regierung ist die Russisch-Orthodoxe Kirche ein wichtiges Mittel in der Durchsetzung der außenpolitischen Ziele.“ Präsident Wladimir Putin spreche von der „russischen Welt“ und verstehe darunter „eine Art Kulturraum oder russische Zivilisation, die territorial nicht nur auf Russland beschränkt ist und die russische Sprache, die Literatur und den orthodoxen Glauben einschließt. Die Ukraine gehört nach der festen Überzeugung der Befürworter dieses Konzepts mit aller Selbstverständlichkeit dazu“, sagt Mykhaleyko. Umgekehrt diene dem ukrainischen Staat die Autokephalie „als ein Mittel zur weiteren Verselbstständigung der Ukraine von Russland“. Dass Poroschenko bei seinem Einsatz für die Autokephalie auch an seine Wiederwahl als Präsident denkt, bestreitet der Kirchenhistoriker nicht: „Die Etablierung einer von Moskau unabhängigen autokephalen Kirche in der Ukraine würde man zweifelsohne auch als einen politischen Erfolg von Präsident Poroschenko werten.“

Zum weltkirchlichen Konflikt zwischen Moskau und Konstantinopel meint der Dozent für Kirchengeschichte, der griechisch-katholischer Priester ist, die Orthodoxie habe auf dem Konzil von Kreta 2016 die Chance verpasst, eine gemeinsame und verbindliche Entscheidung darüber zu treffen, wie die Autokephalie verliehen wird. Das Moskauer Patriarchat sehe die Autokephalie als Angelegenheit der gesamten, aus 14 Kirchen bestehenden Weltorthodoxie und betrachte die Ukraine als ihr „kanonisches Territorium“. Auch im 19. Jahrhundert sei die Verselbstständigung vieler orthodoxer Kirchen „mit Spannungen, Spaltungen und Schismen“ verbunden gewesen.

Für den Vatikan gebe es wenig Möglichkeiten, zu einer Entschärfung des innerorthodoxen Konfliktes beizutragen, meint Andriy Mykhaleyko. Rom werde zu beiden Konfliktparteien Kontakt halten, auch wenn man die Vertreter von Konstantinopel und Moskau nun „separat treffen“ müsse. Die Zusammenarbeit und der Frieden innerhalb der Orthodoxie seien von diesem Konflikt viel schwerer betroffen als der ökumenische Dialog mit der katholischen Kirche. Innerhalb der Ukraine werde seine, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, versuchen, mit den beiden orthodoxen Kirchen Kontakt zu pflegen, „wobei vermutet werden darf, dass sich die Beziehungen zur autokephalen Kirche leichter und effizienter gestalten werden“. Mit der von Moskau unabhängigen Kirche gebe es nämlich „in den nationalen Fragen eine große Übereinstimmung“.

Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel äußerte sich vor wenigen Tagen in Istanbul zu der von Moskau einseitig aufgekündigten Eucharistiegemeinschaft. Den Abbruch der eucharistischen Gemeinschaft als Instrument zur Durchsetzung der eigenen Meinungen zu benützen, sei unannehmbar und inakzeptabel. „Ich bin sicher, dass die russische Schwesterkirche bald diese ihre extreme Entscheidung überdenken wird“, sagte Bartholomaios in einer Predigt.