Eine Ikone der Barmherzigkeit

Der heilige Martin zum Anschauen und Hören: Bilder, Skulpturen, Gesänge und Instrumentalmusik zum Martinusjahr. Von Maria Pelz

Der berühmteste Mantel eines katholischen Heiligen: Martin und der Bettler, oberdeutsch, um 1440. Foto: KNA

Etwa 164 Jahre vor Benedikt von Nursia wurde der erste Christ geboren, der nicht wegen seines Märtyrertodes, sondern wegen seines christusförmigen Lebens zum Heiligen werden sollte: Martin von Tours kam vor 1 700 Jahren im heutigen Ungarn, in Sabaria, das heute Szombathely heißt, als Sohn eines römischen Tribuns zur Welt. In Pavia im heutigen Italien wuchs er auf, bevor er dann auf den Wunsch seines Vaters als Reitersoldat in Gallien diente. Schließlich war er dem Kriegsgott Mars geweiht – ein kleiner Mars – „Martinus“ – sollte er werden. Doch früh entwickelte er andere Wünsche und wandte sich dem christlichen Glauben zu – gegen den Willen seiner Eltern. Nicht mit dem Schwert, sondern mit einem liebevollen Herzen wollte Martin seinen Mitmenschen dienen und so Christus in ihnen finden. Der Kern der berühmten Mantelteilung ist nicht der mutige und wohl auch zivil-couragierte Schnitt durch den roten Stoff, sondern die Deutung dieser Aktion, die Martin im Schlaf erhält: Christus begegnet ihm und offenbart ihm, dass er ihm – der zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal getauft ist, sondern Katechumene – in der Gestalt des Bettlers begegnet sei.

Kulturelle und spirituelle Veranstaltungen begleiten das Martinsjahr, insbesondere in den Bistümern, die dem Heiligen geweiht sind. Dazu gehört die Diözese Rottenburg-Stuttgart. In den Reigen der Neuerscheinungen zu Ehren des Heiligen fügt sich ein Band über künstlerische und musikalische Werke ein, der vom Diözesanmuseum Rottenburg herausgegeben wurde, ein: „Hic est Martinus – Der heilige Martin in Kunst und Musik“. Melanie Prange, Leiterin des Diözesanmuseums in Rottenburg, beschäftigt sich darin mit der Ikonographie der Mantelteilung durch die Jahrhunderte anhand der Zeugnisse, die sich auf dem Gebiet der Diözese Rottenburg-Stuttgart finden lassen. Und das sind viele. Eine zentrale Einsicht ihres Beitrages: Die anscheinend so bekannte Legende der Mantelteilung ist in den verschiedenen Zeiten unterschiedlich rezipiert und für die Frömmigkeit der Betrachter und Beter fruchtbar gemacht worden. So ist der beherzte Schnitt durch den Mantel das Symbol für die Ikone der Barmherzigkeit geworden, als die der Heilige fortan galt.

In ihrem aufwendig bebilderten Beitrag arbeitet sie heraus, wie Martin in seiner Mantelteilung Christus ähnlich wird und die Darstellungen den Gläubigen vermitteln, dass im Nachahmen der jesuanischen Barmherzigkeit der Mensch – jeder Mensch – selbst ebenfalls Christus ähnlich werden kann. Es wird auch klar, dass und wie die unterschiedlichen Zeiten das Geschehen der Mantelteilung unterschiedlich akzentuierten, vom Mittelalter bis in die Neuzeit, in der ein HAP Grieshaber den heiligen Martin nach den feindseligen und verfälschenden Interpretationen der Nazis in seinen Holzschnitten wieder als Verfechter der Menschenwürde aller Mitmenschen zu Ehren kommen ließ. Dabei sind die Abbildungen und Texte wie eine Schule der Wahrnehmung für den Leser und Betrachter; oftmals kommt es auf scheinbare Kleinigkeiten und Nuancen an, wenn man dem jeweiligen Sinn der Kunstwerke näherkommen möchte.

Der Darstellung des heiligen Martin als Bischof widmet sich der Theologe Milan Wehnert im zweiten kunsthistorischen Beitrag. Im ganzen deutschsprachigen Südwesten und in den angrenzenden Gebieten Italiens und Frankreichs finden sich über einen Zeitraum von tausend Jahren hinweg Skulpturen des Bischofs Martin, der zum Typus des idealen Bischofs wurde. Aber was war das zentrale Anliegen der Künstler? Wehnert arbeitet das unkonventionelle Bild eines die Armut liebenden und sehr gütigen Bischofs heraus, der lieber auf einem Holzschemel als auf einem Bischofsthron Platz nahm. Worüber sich seine Zeitgenossen ärgerten, wurde zum Grund für die Beliebtheit des Bischofs nach seinem Tod, sodass auch noch die katholischen Reformer des 17. Jahrhunderts auf ihn Bezug nahmen. Wehnert zeigt in der Folge auf, wie deren Bemühungen sich exakt in der Ikonographie des Heiligen widerspiegeln.

Auch die Beuroner Schule gab dem Heiligen einen ganz eigenen Ausdruck, indem sie uralte und moderne Symbole nebeneinander verwandten: Martin wird zum Symbol einer uralten Kirche, die gleichzeitig hochmodern ist, weil ihre Botschaft sich keiner kunsthistorischen Epoche zuordnen lässt. Die Insignien der Bischöfe, vor allem der Hirtenstab und die Mitra des Bekennerbischofs Johann Baptista Sproll, schmücken Skulpturen und Stickereien mit Motiven aus dem Leben des heiligen Martin, wie auch das Bischofsmotto von Bischof Sproll („Fortiter in fide“ – Stark im Glauben) an den Mut des Martinus gemahnt. Widerstand ganz eigener Art bezeugt auch eine Martinsdarstellung von Albert Burkart von 1935/36 in Leutkirch, in der der Bischof furchtlos auf gleicher Höhe mit dem Kaiser Valentinian gezeigt wird.

Der hohen Qualität der Fotos der Kunstwerke in diesem Band entspricht die hohe musikalische Qualität der Werke auf der beigelegten CD. Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Rottenburger Domchöre unter der Leitung von Christian Schmitt, Domorganist Ruben Sturm, die Choralschola Uncinus unter Inga Behrendt, Wilfried Rombach mit dem Ensemble Officium, die virtuose Flötistin Cornelia Prauser und weitere Musiker erschließen dem Hörer die Klangwelt der gregorianischen Antiphonen zu Ehren des Hausheiligen der Karolinger, der barocken Motetten, der volkstümlichen Lieder und der modernen Werke, die sich auf den heiligen Martin beziehen, darunter auch die bemerkenswerte Rottenburg Toccata für Orgel, ein Auftragswerk der Diözese, komponiert von Naji Hakim und vor kurzem erst uraufgeführt, und eine Jazzinterpretation: Die musikalischen Werke schlagen einen ebenso weiten Bogen wie die kunsthistorischen Beiträge. Im zweiten Teil der Texte ermöglichen detaillierte Interpretationen der einzelnen musikalischen Werke dem interessierten Leser und Hörer ein genaueres Verständnis. So ausgerüstet ist es eine Freude, den Klängen der unterschiedlichen Epochen nachzuspüren.

So fügen sich die Aussagen der darstellenden Kunst und der Musik in eins und geben jedem Leser und Hörer die Chance, einen je persönlichen und individuellen Zugang zu diesem großen Heiligen zu finden.

Hic est Martinus. Der heilige Martin in Kunst und Musik. Thorbecke Verlag, 2016, mit beigelegter CD, 111 Seiten, EUR 16,99