Eine Alternative zu den 68ern

Offensive Junger Christen feiert 50-jähriges Bestehen in Reichelsheim. Von Klaus Kelle

Die evangelische Kommunität in Reichelsheim im Odenwald hat kürzlich ihr 50-jähriges Bestehen mit mehr als 500 Gästen aus ganz Deutschland gefeiert. Ihre Geschichte ist bemerkenswert. Ausgerechnet die wenig an Gott interessierten Protagonisten der linken 68er-Studentenrevolte in Deutschland gaben damals den Anstoß dafür, bewusst ein christliches Gegenprojekt zu initiieren. Irmela und Horst-Klaus Hofmann begründeten die christliche Kommune, der sich Menschen anschlossen und bis heute anschließen, um ihr Leben – ähnlich zum Klosterleben – der Sinnsuche und dem intensiven Gebet zu widmen. Die Hofmanns luden Studenten zum Mitleben in ihre Wohnung in Bensheim ein. Geistliche Anstöße fanden sie dabei bei den evangelischen Marienschwestern in Darmstadt und der Vision des lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der im Widerstand gegen das mörderische Nazi-Regime zu einem evangelischen Märtyrer wurde.

39 Christen – Lutheraner, Freikirchler und übrigens auch Katholiken – haben sich heute auf Lebenszeit verpflichtet, zu beten, zu arbeiten und dem Missionsauftrag ihrer Gemeinschaft zu folgen. Dazu kommen immer wieder junge Menschen, auch junge Familien, die ihrem Leben „in Jesus Heimat, Freundschaft und eine Richtung geben wollen“, wie es eine Frau aus der Kommunität formuliert.

Erster Prior der Offensive Junger Christen (OJC), wie die Gemeinschaft heute heißt, wurde Dominik Klenk, dessen Eltern zu den Ersten gehörten, die damals bei Hofmanns einzogen. Bekannt wurde der mutige Streiter für die traditionelle Ehe aus Mann und Frau als Mitbegründer des „Bündnisses für Ehe und Familie“, der ein „Therapierecht für veränderungswillige Homosexuelle“ forderte.

1979 erwarb die OJC das großzügig angelegte Schloss auf dem Reichenberg hoch über dem Ort. Der Gemeinschaft gehört auch der Schmidtbauernhof als Begegnungsstätte für junge Menschen aus ganz Europa und ein Mehrgenerationenhaus.

Derzeit engagiert sich die Kommunität intensiv in der Mission für Afrika. Doch stärkstes Leitmotiv der „Offensive Junger Christen“ (OJC) bleibt das Engagement für Ehe und Familie, die „Zelle menschlichen Lebens“. Im Austausch miteinander helfen sich die Mitglieder gegenseitig „in heterosexuellen Beziehungen glücklich zu leben“. In 50 Jahren hat es bei der OJC nicht eine einzige Scheidung gegeben, erzählt man in Reichelsheim nicht ohne ehrlichen Stolz.

Die Regeln des Lebens in der Gemeinschaft sind einfach: Jedes Mitglied hält am Tag eine „stille Zeit“ ein, meistens gleich am Morgen. Mittags gibt es das gemeinsame Gebet, in jeder Woche feiert man das Abendmahl und natürlich einen Gottesdienst. Bei gemeinsamen Treffen schildert jeder den anderen Mitgliedern, wo er oder sie sich auf dem eigenen persönlichen geistigen Weg gerade befindet. Das stärkt nicht nur die eigene Persönlichkeit, sondern auch den gemeinschaftlichen Zusammenhalt.

Und: In dieser evangelischen Kommunität gehört es selbstverständlich dazu, dass man niemals schlecht übereinander spricht.