„Ein wichtiges Ereignis, das Hoffnung für die Zukunft gibt“

Papst Benedikt XVI. begrüßt die in Polen unterzeichnete katholisch-orthodoxe Erklärung – Kirchenvertreter und Politiker würdigen Versöhnungsdokument als historisch

Der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Jozef Michalik (re.), und Kyrill I. unterzeichneten im Warschauer Königsschloss die „Gemeinsame Botschaft an die Völker Russlands und Polens“. Foto: dpa
Der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Jozef Michalik (re.), und Kyrill I. unterzeichneten im Warschauer Köni... Foto: dpa

Castel Gandolfo/Warschau (DT/mee/KNA) Papst Benedikt XVI. hat die gemeinsame Versöhnungserklärung der katholischen Kirche Polens und der orthodoxen Kirche Russlands begrüßt. Dies sei ein „wichtiges Ereignis, das Hoffnung für die Zukunft gibt“, sagte der Papst am Sonntag nach seinem Mittagsgebet in Castel Gandolfo. Zugleich richtete er einen Gruß in polnischer Sprache an den Moskauer Patriarchen Kyrill I., der an diesem Sonntag seinen als historisch bezeichneten ersten Besuch in Polen beendete. Am Freitag hatten der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Jozef Michalik, und Kyrill I. im Warschauer Königsschloss eine „Gemeinsame Botschaft an die Völker Russlands und Polens“ unterzeichnet. Darin rufen beide Kirchen ihre Gläubigen auf, „um die Vergebung des Leids, der Ungerechtigkeiten und alles Bösen zu bitten, das einander zugefügt wurde“. Polen und Russen sollten einander als „Freunde und Brüder“ sehen (siehe DT vom 18. August).

Die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ würdigte die Erklärung am Wochenende als einen Beitrag für die Sichtbarkeit des Christentums in Europa. Die Zusammenarbeit der beiden Kirchen ermögliche ein gemeinsames christliches Zeugnis und einen „dringend notwendigen“ Widerspruch zum Säkularismus.

Kardinal Peter Erdö, Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), würdigte die polnisch-russische Aussöhnungserklärung als historischen Akt. „Wir danken Gott für dieses beispielhafte Botschaft und wir hoffen, dass sie ganz Europa bei der Förderung der wahren menschlichen und christlichen Werte hilft“, schrieb der Erzbischof von Esztergom-Budapest in einem Brief an Patriarch Kyrill I. und Erzbischof Michalik. In einer Zeit großer spiritueller und sozialer Verunsicherung überall in Europa gebe die Initiative Hoffnung, weil sie bezeuge, dass „Jesus Christus unser Friede und unsere Versöhnung ist“. Angesichts der Schwierigkeiten, die Europa derzeit erlebt, schließe er sich dem Appell an die Verantwortlichen in Politik und Kultur an, diese Initiative zu unterstützen. Die gemeinsame Aussöhnungserklärung könne „ein erster Schritt auf einem neuen Weg der Beziehungen zwischen Polen und Russland sein“ und „ein Beispiel für all diejenigen, die noch nicht den Mut zu Vergebung und Versöhnung hatten“, so der ungarische Primas und Vorsitzende des CCEE, des Zusammenschlusses von Bischofskonferenzen aus 33 europäischen Ländern.

Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski sagte im Fernsehsender TV 24: „Die große Frage ist, ob dieser Wille zur Versöhnung zwischen beiden Kirchen auch die Menschen erreichen wird und ob daraus eine Quelle der Nachdenklichkeit sprießen kann und die Bereitschaft, das russisch-polnische Verhältnis grundlegend neu zu bauen.“ Polens Premier Donald Tusk bezeichnete den Besuch von Patriarch Kyrill I. als „nächsten Schritt auf dem sehr schwierigen Weg der russisch-polnischen Versöhnung“. Der ehemalige polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki meinte gegenüber KNA, der Erfolg des Versöhnungsaufrufes hänge nun davon ab, in welchem Ausmaß er an die Bürger beider Länder weitergegeben werde.

Der Vorsitzende der polnische Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik erklärte: „Wir haben dieses Dokument nicht aus Werbezwecken unterschrieben oder um des öffentlichen Erfolgs willen und auch nicht für die Geschichte. Wir sind zusammengekommen trotz großer, schmerzhafter Erfahrungen in der näheren und weiter zurückliegenden Vergangenheit. Eine Vergangenheit geprägt durch die Leiden und ungerechten Taten konkreter Menschen und schrecklicher totalitärer Systeme. Von diesen müssen wir uns lossagen, denn sie haben den Namen des Menschen geschändet.“ Auch der Warschauer Kardinal Kazimierz Nycz betonte den „Willen zur Fortführung dieses Prozesses der Versöhnung mit vollem Bewusstsein der schwierigen historischen Probleme“. Pfarrer Jozef Kloch, Pressesprecher der polnischen Bischofskonferenz, rief zu einem geschwisterlichen Verhalten auf: „Russen und Polen treffen sich auf der Straße, in Zügen, in Bussen. Es kommt darauf an, dass wir uns miteinander wie Brüder verhalten. Schließlich handelt es sich um eine Versöhnung von zwei christlichen slawischen Nationen, die Nachbarn sind. Es wäre schön, wenn wir zukünftig noch mehr übereinander wüssten.“

Zum Abschluss seines Polen-Besuchs am Sonntag warnte der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. vor einer Abkehr vom Christentum. Polen und Russen wüssten aus ihrer jeweiligen Geschichte, dass der Aufbau einer guten Gesellschaft ohne Gott zum Scheitern verurteilt sei, sagte er am Sonntag bei einem Gottesdienst im ostpolnischen Wallfahrtsort Grabarka. Die Bürger beider Länder hätten während des Kommunismus gelernt, dass sich ein Staat ohne Gott und Glaube gegen die Menschen wende. Zu dem Gottesdienst am hohen orthodoxen Feiertag Verklärung Christi waren mehr als 10 000 Menschen gekommen. Erstmals nahm auch eine ranghohe katholische Delegation an der jährlichen Wallfahrtsmesse in Grabarka teil. Sie wurde vom Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz angeführt, Erzbischof Jozef Michalik. Kyrill I. drückte auch am Samstag seine Verbundenheit mit der katholischen Kirche aus. Er ermutigte die Gläubigen, für die Verständigung zwischen katholischen und orthodoxen Christen zu beten. Überraschend besuchte der Patriarch im nordostpolnischen Bialystok ein Denkmal des 2010 seliggesprochenen katholischen Priesters Jerzy Popieluszko (1947–1984). Er legte Blumen nieder und betete in Begleitung des katholischen Erzbischofs der Stadt, Edward Ozorowski. Der aus der Region Bialystok stammende Popieluszko gilt in Polen als Nationalheld. Der Kaplan der ehemaligen polnischen Freiheitsbewegung Solidarnosc wurde 1984 vom kommunistischen Geheimdienst ermordet.