Ein stiller Reformer

Kurienkardinal Kurt Koch deutet das theologische und geistliche Erbe von Papst Benedikt. Von Urs Buhlmann

Das theologische Erbe des zurückgetretenen deutschen Papstes ist so reich und so vielgestaltig, dass es noch Generationen von Wissenschaftlern mit Arbeit versorgen wird. Umso erfreulicher, wenn sich bereits jetzt ein Theologe dazu äußert, der von eben diesem in ein wichtiges Kurienamt berufen wurde und zudem ein bedeutender Gottesgelehrter aus eigenem Recht ist. Kurt Koch, der Präsident des Rates zur Förderung der Einheit der Christen – Kurienbehörden haben leider fast immer lange Namen und zurzeit werden sie noch länger – ist der Mann, der uns das Werk Joseph Ratzingers neu erschließen will. Er hat dies schon oft und in sehr kenntnisreicher Weise getan, so dass der jetzt herausgekommene Sammelband Beiträge aus den Jahren 2000 bis 2014 enthält, die gleichsam um den Planeten Ratzinger kreisen und sich ihm unter verschiedenen Aspekten nähern. Koch deutet das Pontifikat Benedikts unter dem Bild des „wahren Prophetentums“.

Anders als die vielen selbsternannten Propheten, die – in den Worten des von Koch zitierten Henri de Lubac – dazu neigten, „jede Anklage, jede Aufhetzung und jede verfehlte Aktion“ für prophetisch zu erklären, zeichne sich der biblische Prophet dadurch aus, „dass er einen prophetischen Auftrag keineswegs selbst sucht, sondern vor ihm zurückschreckt“. Joseph Ratzinger habe gleich nach seiner Wahl erklärt, „sein Regierungsprogramm könne nicht darin bestehen, seinen eigenen Willen zu tun, sondern darin, ,auf den Willen des Herrn zu hören und sich von ihm leiten zu lassen, der die Kirche führt, wohin er will‘“. Es gehe also um Gehorsam gegenüber dem Evangelium, nicht um Anpassung an den Zeitgeist. Papst Benedikt wird damit leben müssen, dass ihn bei dieser Grundhaltung das Verdikt des Konservativen, Zu-Konservativen trifft. Er wird damit auch leben können, weil er weiß, dass ihn das weltliche Urteil letztlich nicht betrifft.

Vor der Berufung in das höchste Kirchenamt und während dieser Zeit hat er so viel an theologischem Gehalt eingebracht hat wie wohl kein Papst zuvor. Koch verteidigt Benedikt gegen den gerne erhobenen Vorwurf, er habe ein gebrochenes Verhältnis zur Neuzeit, weil er in ihr die „Diktatur des Relativismus“ am Werk sehe. Hier gehe es letztlich um die hermeneutische Frage, „ob wir Christen heute in erster Linie an den Geist der Moderne glauben und vom christlichen Glauben nur zurückbehalten, was die Zensur dieses Geistes zu passieren vermag, oder ob wir uns den Herausforderungen der Moderne im Vertrauen darauf stellen, dass sich der christliche Glaube auch heute in glaubwürdiger Weise bewähren wird“. Es gibt keinen Zweifel daran, wie Ratzinger diese Frage beantwortet hat. Schon der häufig anzutreffenden Parole „Christus ja, Kirche nein“ tritt er klar entgegen. „Die Zusammengehörigkeit von Christus und Kirche ergibt sich (.) aus dem Offenbarungsgedanken, insofern zum Begriff der Offenbarung immer auch das sie empfangende Subjekt gehört, genauerhin ein ,jemand, der ihrer inne wird‘. (.) Aus der personalistischen Struktur des christlichen Glaubens folgt, dass zum Glauben immer das ,Du‘ gehört, nämlich der persönliche Gesprächskontakt mit Gott, und dass zum Glauben immer das ,Wir‘ gehört, insofern der einzelne Christ seinen Glauben immer nur in der Glaubensgemeinschaft der Kirche leben kann.“ Zu diesem personalistischen Ansatz tritt die Betonung von Liturgie und Diakonie im kirchlichen Leben, dergestalt, „so dass man urteilen muss, dass Caritas und Diakonie noch nie eine derart tief greifende kirchenlehramtliche Würdigung erfahren haben wie in der ersten Enzyklika von Papst Benedikt XVI.“. Ein weiteres gerne gebrauchtes Vorurteil gegenüber dem Papst aus Bayern ist die Behauptung, er sei nicht wirklich ein Mann des Konzils oder jedenfalls habe er diese Prägung in seinem Wirken als Bischof und Papst wieder zurücktreten lassen. Auch hier findet der Papst in Koch einen intelligent argumentierenden Verteidiger. Mit Texten Ratzingers aus fünf Jahrzehnten kann der Kardinal nachweisen, dass dieser ein wohlmeinender Beobachter und Peritus des Konzils und später ein Bischof aus seinem Geist war und ist. Dabei hat er immer einer Kontinuität in Verständnis und Anwendung der Konzilstexte das Wort geredet und in einer berühmt gewordenen Kontroverse mit Hans Küng Entscheidendes zur Klärung der Gattung „Konzil“ beigetragen.

Anders als der Schweizer vermutet hatte, sei die Kirche nicht das von Gott zusammengerufene Konzil, dessen Repräsentation sozusagen das tatsächlich tagende Konzil sei, das insofern weit mehr als eine Bischofsversammlung darstelle. Dem hält sein Widerpart entgegen, dass das Konzil zwar ein wichtiger Lebensvollzug der Kirche sei, diese aber weit mehr ist und tiefer reicht. In seinen eigenen Worten: „Die Kirche hält Konzile, sie ist Communio“.

Eigentlich ist Ecclesia die Versammlung der Heiligen, die – Ratzinger greift hier zu botanischen Bildern – wie ein bunter Garten die Kirche „durchblühen“. Dabei hat er, übrigens ganz im Sinne des Konzils, festgehalten: „Heiligkeit ist nicht das Ungewöhnliche, sondern das Gewöhnliche, das Normale für jeden Christen“. Zusammen mit der Schönheit der Kunst, die dem Schoss der Kirche entwachse, seien die Heiligen „die einzig wirkliche Apologie des Christentums“. In ihnen nehme der gelebte und reflektierte Glaube Gestalt und Maß an. Dabei gelte: „Nicht die Intellektuellen messen die Einfachen, sondern die Einfachen messen die Intellektuellen“, indem, so interpretiert Kurt Koch den Papst, „die Heiligen als jene ,Kleinen‘ vor unsere Augen treten, die im Sinne des Eindringens in das Geheimnis des Glaubens die wahrhaft Gelehrten sind, erweisen sie sich als die wahren Zeugen des Glaubens“ und insofern als Lehrmeister der Theologen.

Wohl jeder Papst muss sich gegen Vorurteile und Mutmaßungen wehren – wenngleich jeweils verschiedene. Auch in der Ökumene, so munkeln einige, habe Papst Benedikt zu den Bremsern gehört, jedenfalls im Umgang mit den Kirchen der Reformation. Wieder erhebt Kardinal Koch Einspruch: „Das Pontifikat Benedikt XV. war vor allem deshalb ein konsequent ökumenisches, weil es ein ganz christozentrisches und evangelisches Pontifikat gewesen ist.“ Kaum ein Papst habe die Schrift so geliebt und auf sie in der Verkündigung gebaut wie der Pontifex, der dem uns in den Evangelien entgegentretenden Gottessohn ein mehrbändiges Werk gewidmet hat.

Dass dieser Papst eine besondere Präferenz für die Orthodoxie hegt, ist unbestreitbar und wird auch in diesem Band gewürdigt. Das hänge, so Koch, vor allem mit seiner Nähe zur Theologie des Konzils von Chalkedon zusammen, die das Glaubensfundament der Orthodoxie bilde. So rundet sich – in der von Kenntnis wie Sympathie getragenen Darstellung des Schweizer Kurienkardinals – das theologische Porträt des emeritierten Papstes. Dessen Rücktritt vom Petrusamt deutet Kurt Koch als letzte Konsequenz eines Gewissensentscheides, getroffen von jemandem, der sich sein Leben lang mit der Gewissensproblematik auseinandergesetzt habe. Evangelisch, also ständig im Dialog mit der Bibel wurzelnd, habe Benedikt sein Amt ausgeübt, das er als „Dienst an der Wahrheit und Schönheit des Glaubens“ und dem ständigen Austausch von Glaube und Vernunft verpflichtet verstanden habe. „Stille Reformen aus der Mitte des Glaubens“ seien ihm dabei geglückt, gerade in der Liturgie; im permanenten Verweis auf Christus, was er zugleich als eigentlichen Sinn und Zweck des petrinischen Dienstes hervorhob. „In diesem Licht des Glaubens erscheint das Papstamt als Geschenk des Heiligen Geistes an die Kirche und dürfen wir dankbar sein für die acht Jahre, in denen Benedikt XVI. seinen Petrusdienst ausgeübt hat.“ Dieser Dankbarkeit kann und soll man sich anschließen und sie zugleich ausweiten und abrunden mit Blick auf diesen präzisen hermeneutischen Schlüssel zum Denken des Papstes, der uns in diesem von Respekt und Kenntnis getragenen Werk von Kurt Kardinal Koch nun zur Verfügung steht.

Kurt Kardinal Koch: Bund zwischen Liebe und Vernunft – Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI. Herder, 2016, 240 Seiten, EUR 26,–,

ISBN 978-3-451- 37533-0