Ein seltenes Fest für Jakobspilger

In einem der ältesten Marienheiligtümer Europas – Le Puy-en-Velay – beginnt am Karfreitag ein großes Jubiläumsjahr. Von Andreas Drouve

Wie die in der Heiligen Schrift beschriebene Stadt auf dem Berg ragt das Marienheiligtum über den Dächern von Le Puy-en-Velay hervor. Rechts auf dem Felsen Corneille die Statue Unserer Lieben Frau von Frankreich. Foto: Drouve
Wie die in der Heiligen Schrift beschriebene Stadt auf dem Berg ragt das Marienheiligtum über den Dächern von Le Puy-en-... Foto: Drouve

Die französische Marienwallfahrtsstadt Le Puy-en-Velay feiert in diesem Jahr ihr „Großes Jubiläum“, das „Grand Jubilé“ – und das kommt wirklich nur alle Jubeljahre vor. Ausschlaggebend ist das Datum des 25. März. Eine Konstellation wie in diesem Jahr ist eine ganz besondere in Le Puy-en-Velay. Deckt sich der Festtag der Verkündigung des Herrn, der 25. März, mit dem Karfreitag, begeht das Städtchen das „Große Jubiläum“, auf Französisch: „Grand Jubilé“. Zuletzt war dies 1932 und 2005 der Fall, der nächste Termin folgt erst in ein paar Menschenzeitaltern im Jahr 2157.

„Ewig ist ihre Liebe“ – unter dieser Vorgabe steht das jetzige „Große Jubiläum“ in der französischen Marienwallfahrtsstadt Le Puy-en-Velay. Die Verehrung der heiligen Jungfrau und Gottesmutter reicht der Überlieferung zufolge bis ins fünfte Jahrhundert zurück. Die Legende verbürgt, dass Maria einer kranken Frau erschien und diese heilte, nachdem sich die Kranke auf einen Dolmen hingelegt und inständig um Heilung gebeten hatte.

Das Heiligtum auf dem Vulkangestein des Mont Anis, zu dessen Füßen sich die Stadt entwickelte, wird als eines der ältesten Marienheiligtümer Europas angesehen. Beim Bau flossen wesentlich ältere Elemente ein, so dass wiederverwendete Steinblöcke Rückschlüsse auf Monumentalbauten aus der Römerzeit zulassen. Im siebten Jahrhundert avancierte der Ort zum Bischofssitz, im späten Früh- und anfänglichen Hochmittelalter nahm das Bauwerk seine Gestalt an, die sich bis in die Gegenwart erhalten hat. Der im elften und zwölften Jahrhundert aufgekommene Boom auf dem Jakobsweg zum Grab des Apostels Jakobus im spanischen Santiago de Compostela führte zu massiven Erweiterungen des Gotteshauses im Stil der Romanik. Le Puy-en-Velay fungierte schließlich nicht nur als Wallfahrtsziel an sich, sondern diente als Ausgangs- und Sammelpunkt eines maßgeblichen Zubringerweges der Jakobspilger durch Frankreich: der Via Podiensis. Auf dieser sind noch heute die Pilger unterwegs und marschieren über relevante Stationen wie Conques, Cahors, Condom und Aire sur l'Adour über die historische Wegekreuzung in Ostabat auf Saint Jean-Pied-de-Port zu, wo sich alsbald die Überquerung der Pyrenäen anschließt. „Herr, lasse uns bei der Pilgerschaft nach Santiago de Compostela auf die Präsenz und Hilfe der Engel, unserer unsichtbaren Wegbegleiter, zählen. Mögen sie über uns wachen, auf dass unser Fuß an keinen Stein stoße“, heißt es in einem Pilgergebet aus Le Puy-en-Velay.

„Die Monumentaltreppe,

die gewissermaßen

mitten im

Kirchenschiff endet“

Steil geht es ab der denkmalgeschützten Altstadt zur Kathedrale hinauf, die einige Besonderheiten aufweist. Da ist es die unter Einflüssen aus der Antike gestaltete Hauptfassade mit Mosaikmustern aus vulkanischer Brekzie und Elementen zerstoßener Ziegel. Dort ist es die Monumentaltreppe, die gewissermaßen mitten im Kirchenschiff endet und „Escalier du ventre“ genannt wird, „Mutterschoßtreppe“. Im Innern richten sich sogleich alle Blicke auf die schwarze Madonna, ein ausdrucksstarkes Gnadenbild der gekrönten Jungfrau und Gottesmutter, unter deren Umhang das gleichfalls gekrönte Kind hervorlugt.

Emmanuel Gobilliard, der langjährige Rektor der Katedrale von Le Puy-en-Velay, hat sich Gedanken über die Verbindung zwischen der „Mutterschoßtreppe“, der Symbolik und der Wirkung gemacht: „Beim Eintritt hat man den Eindruck, von einer Mutter empfangen zu werden. Für uns Christen ist die Kirche eine Mutter, und so, wie die Kirche gebaut wurde, fühlt man sich in sie aufgenommen, sie streckt uns ihre Arme entgegen, und um in ihr Inneres hineinzukommen, schreitet man über eine Treppe.“ Also ist es uns, so Gobilliard weiter, als kämen wir erneut in den Mutterschoß hinein, als würden wir wie ein Kind im Mutterleib empfangen.

Ein anderer Vergleich von Kathedrale und Treppe ist der eines auf dem Vulkanfelsen thronenden Schiffs, das sich seitwärts öffnet, um Pilger geradewegs hinein ins Herzstück zu lassen.

Die schwarze Muttergottes ist leider nicht mehr das Original, das laut lokaler Tradition von Frankreichs König Ludwig IX. (1214–1270) als Gabe dargebracht worden sein soll; der Monarch seinerseits soll es auf einem Kreuzzug als Geschenk eines ägyptischen Sultans erhalten haben. Wie dem auch sein: 1794 wurde die Statue im Zuge der Wirren der Französischen Revolution von Fanatikern verbrannt. Das Bildnis, das die Gläubigen in unseren Tagen verehren, geht auf das 17. Jahrhundert zurück und wurde aus einer benachbarten Kirche in die Kathedrale überführt, um der Marienverehrung, wie es offiziell heißt, „wieder eine materielle Basis zu geben“. Die Aura, die von dem Bildnis ausgeht, berührt, verströmt Wärme und Behaglichkeit. „Möge Unsere Liebe Frau von Le Puy für uns am Thron des Allerhöchsten Fürsprache halten“, entnehme ich einem Pilgergebet.

Das „Große Jubiläum“ von Le Puy-en-Velay ist seit Ende des zehnten Jahrhunderts belegt und hat Seltenheitswert, da es nur zwei- bis dreimal in einem Jahrhundert vorkommt. Ursprünglich beschränkte sich das Jubiläumsfest lediglich auf den 25. März, dann wurde es bis 10. April und anlässlich der letzten Jubiläumsfeierlichkeiten bis 15. August verlängert. Dies hatte den Grund, den zahlreichen Jakobspilgern, die mehrheitlich während der wärmeren Jahreszeit unterwegs sind, die Möglichkeit zu geben, am „Grand Jubilé“ teilzunehmen. Somit dauert das „Große Jubiläum“ knapp fünf Monate.

Unter bestimmten Bedingungen können Gläubige in diesem Jahr den vollständigen Jubiläumsablass erlangen. Vorausgesetzt werden die Pilgerschaft an sich, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, der Empfang des Bußsakraments, der Empfang der heiligen Kommunion während der Mitfeier der Messe sowie die Verrichtung einer guten Tat den Nächsten gegenüber und ein Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters. Beichten sind während des „Großen Jubiläums“ täglich möglich. Jeden Tag steht die Pilgermesse um sieben Uhr morgens an, weitere Messen beginnen um 10.30 und 17 Uhr. Den Schlusspunkt der Feierlichkeiten des „Grand Jubilé“ setzt der Mariä-Himmelfahrtstag, der 10 000 Menschen in den Straßen zusammenbringen soll, was etwa der Hälfte der Einwohner der kleinen, freundlichen Hauptstadt des Départements Haute-Loire entspricht.

Die Entdeckungen in Le Puy-en-Velay enden nicht in der Kathedrale. Die Altstadtgassen und kleinen Plätze atmen eine behagliche Stimmung, und das Leitmotiv Mariens setzt sich sogar noch ein Stück über der Kathedrale fort. Dort, auf dem Nachbarfelsen Corneille, der markante 757 Meter hoch aufragt, präsidiert die Monumentalskulptur Notre-Dame-de-France das Umland. Sie wurde 1856–60 als Zeugnis des christlichen Glaubens errichtet, das 16 Meter hohe und 110 Tonnen schwere Werk stammt von dem französischen Bildhauer Jean-Marie Bonnassieux. Indem der Künstler das Jesuskind auf den rechten Arm der Jungfrau setzte, entsprach er einer Bedingung der Ausschreibung: Es sollte die Stadt Le Puy-en-Velay mit der rechten Hand segnen, ohne das Gesicht seiner Mutter zu verdecken. 213 gusseiserne Kanonen, die der französische General Aimable Pélissier 1855 während des Krimkriegs und der Eroberung von Sewastopol erbeutet und die Kaiser Napoléon III. dem Bischof von Le Puy-en-Velay überlassen hatten, wurden eingeschmolzen, um die Statue der Notre-Dame-de-France anzufertigen. Als ein Friedenssymbol überragt die Marienskulptur und erinnert in unruhigen Zeiten daran, dass Kriegsgerät in ein monumentales Bekenntnis des Glaubens verwandelt werden kann.