Ein neuer Zugang zur Wirklichkeit

Die Ansprache des Papstes an die Teilnehmer des VI. Symposions der Dozenten der europäischen Universitäten am 7. Juni 2008 im Wortlaut

Meine Herren Kardinäle,

verehrte Brüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst,

sehr geehrte Dozenten!

Es ist für mich ein Grund großer Freude, Ihnen anlässlich des VI. Symposions der Dozenten der europäischen Universitäten zu begegnen, das unter dem Thema „Die Horizonte der Vernunft ausweiten. Perspektiven für die Philosophie“ steht. Das Symposion wurde von den Dozenten der Universitäten Roms gefördert und vom Büro für die Hochschulseelsorge des Vikariats von Rom in Zusammenarbeit mit den Institutionen der Region Latium, der Provinz und der Gemeinde Rom organisiert. Ich danke Herrn Kardinal Camillo Ruini und Herrn Professor Cesare Mirabelli, die Ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht haben, und heiße alle Anwesenden herzlich willkommen.

In Kontinuität mit der europäischen Begegnung der Universitätsdozenten des letzten Jahres setzt sich Ihr Symposion mit einem Thema von großer akademischer und kultureller Bedeutung auseinander. Ich möchte dem Organisationskomitee meine Dankbarkeit für die Wahl zum Ausdruck bringen, die es uns unter anderem gestattet, den zehnten Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika Fides et ratio meines geliebten Vorgängers Papst Johannes Paul II. feierlich zu begehen.

Krise der Moderne erforschen

Bereits zu jener Gelegenheit erwiesen fünfzig Dozenten für Philosophie der staatlichen und päpstlichen Universitäten Roms dem Papst ihre Dankbarkeit mit einer Erklärung, in der die Dringlichkeit einer erneuerten Stärkung des Studiums der Philosophie in den Universitäten und Schulen bekräftigt wurde. Insofern ich diese Sorge teile und die fruchtbare Zusammenarbeit unter den Dozenten der verschiedenen römischen und europäischen Athenäen ermutige, möchte ich an die Dozenten für Philosophie eine besondere Einladung richten, mit Vertrauen in der philosophischen Forschung fortzufahren, dabei intellektuelle Energien aufzubieten und die neuen Generationen in diese Aufgabe mit einzubeziehen.

Die Ereignisse der zehn Jahre, die seit der Veröffentlichung der Enzyklika vergangen sind, haben mit größerer Deutlichkeit das geschichtliche und kulturelle Szenarium umrissen, in das vorzudringen die philosophische Forschung aufgerufen ist. Die Krise der Moderne ist nämlich nicht gleichbedeutend mit dem Niedergang der Philosophie; die Philosophie muss sich im Gegenteil auf einem neuen Weg der Forschung engagieren, um das wahre Wesen dieser Krise zu verstehen (vgl. Ansprache an die Dozenten der europäischen Universitäten, 23. Juni 2007) und neue Perspektiven auszumachen, die zur Orientierung dienen können. Wird die Moderne richtig verstanden, so offenbart sie eine „anthropologische Frage“, die sich in viel komplexerer und vielschichtigerer Art präsentiert, als dies in den philosophischen Reflexionen der letzten Jahrhunderte vor allem in Europa der Fall war. Ohne die unternommenen Versuche herabzumindern bleibt noch viel, was untersucht und verstanden werden muss.

Die Moderne ist kein einfaches, historisch bestimmtes kulturelles Phänomen; in Wirklichkeit birgt sie in sich einen neuen Entwurf, ein genaueres Verständnis des Wesens des Menschen. Es ist nicht schwierig, in den Schriften angesehener zeitgenössischer Denker eine aufrechte Reflexion über die Schwierigkeiten zu finden, die ein Hindernis für die Lösung dieser lang andauernden Krise bilden. Die Öffnung, die einige Autoren gegenüber der Religion und insbesondere gegenüber dem Christentum zeigen, ist ein offensichtliches Zeichen für den ehrlichen Wunsch, die philosophische Reflexion aus der Selbstgenügsamkeit heraustreten zu lassen.

Seit Anbeginn meines Pontifikats habe ich die Anfragen, die an mich von den Männern und Frauen unserer Zeit gerichtet werden, aufmerksam gehört, und im Licht dieser Erwartungen wollte ich einen Anregung zur Forschung bieten, die, wie es mir scheint, für die erneuerte Stärkung der Philosophie und ihre unersetzliche Rolle innerhalb der akademischen und kulturellen Welt Interesse erregen kann. Sie haben dies zum Gegenstand der Reflexion während Ihres Symposion gemacht: es handelt sich um den Vorschlag, „die Horizonte der Vernunft auszuweiten“. Dies gestattet es mir, über ihn zusammen mit euch wie unter Freunden nachzudenken, die einen gemeinsamen Weg der Forschung aufnehmen wollen.

Ich möchte von einer tiefen Überzeugung ausgehen, die ich schon im Jahr 1968 zum Ausdruck gebracht habe: „Der christliche Glaube hat [...] gegen die Götter der Religionen für den Gott der Philosophen, das heißt gegen den Mythos der Gewohnheit allein für die Wahrheit des Seins selbst optiert“ (J. Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 1968, 6. Aufl. 2005, S. 131).

Das Christentum ist vor allem performative Botschaft

Diese Aussage, die den Weg des Christentums von seinen Anfängen an widerspiegelt, offenbart sich im historisch-kulturellen Kontext, innerhalb dessen wir leben, als gänzlich aktuell. In der Tat, nur im Ausgang von dieser gleichzeitig geschichtlichen und theologischen Prämisse ist es möglich, den neuen Erwartungen der philosophischen Reflexion zu begegnen. Die Gefahr, dass die Religion, auch die christliche, als willkürliches Phänomen mit der nichterklärten Absicht instrumentalisiert wird, die Wahrheit einer besonderen These zu beweisen, ist auch heute sehr konkret. Das Christentum jedoch ist, wie ich in der Enzyklika Spe salvi erinnert habe, nicht nur eine informative Botschaft, sondern eine performative (vgl. Nr. 2). Das bedeutet, dass der christliche Glaube von je her nicht in einer abstrakten Welt der Ideen unter Verschluss gehalten werden kann, sondern in eine geschichtliche und konkrete Erfahrung eingesenkt werden muss, die den Menschen in der tiefsten Wahrheit seines Daseins erreicht. Diese Erfahrung, die durch die neuen kulturellen und ideologischen Situationen bedingt ist, ist der Ort, den die theologische Forschung abwägen muss und bezüglich dessen es dringlich ist, einen fruchtbaren Dialog mit der Philosophie aufzunehmen.

Wenn das Verständnis des Christentums als wirkliche Umformung des Daseins des Menschen die philosophische Reflexion einerseits zu einer neuen Annäherung an die Religion drängt, so ermutigt es sie andererseits dazu, nicht das Vertrauen in die Erkenntnismöglichkeit der Wirklichkeit zu verlieren. Der Vorschlag der „Ausweitung der Horizonte der Vernunft“ ist somit nicht einfach unter die neuen theologischen und philosophischen Denklinien zu zählen, sondern muss als die Forderung nach einem neuen Zugang zur Wirklichkeit verstanden werden, zu der der Mensch in seiner Ein-Ganzheit gerufen ist, indem die alten Vorurteile und Reduktionismen überwunden werden, um so auch den Weg hin zu einem wahren Verständnis der Moderne aufzutun. Dem Wunsch nach einer Fülle an Menschheit muss entsprochen werden: er erwartet angemessene Antworten. Der christliche Glaube ist dazu aufgerufen, sich dieser historischen Dringlichkeit anzunehmen und alle Menschen guten Willen in ein derartiges Unterfangen mit hineinzunehmen. Der heute geforderte neue Dialog zwischen Glaube und Vernunft kann nicht in der Begrifflichkeit und in den Weisen geschehen, in denen er in der Vergangenheit erfolgte. Wenn er nicht zu einer sterilen intellektuellen Übung verfallen will, muss er von der aktuellen konkreten Lage des Menschen ausgehen und über diese eine Reflexion anstellen, die deren ontologisch-metaphysische Wahrheit auffasst.

Realisierung wahrer Kulturlaboratorien

Liebe Freunde, Sie haben einen sehr anspruchsvollen Weg vor sich. Vor allem ist es notwendig, hochrangige akademische Zentren zu fördern, in denen die Philosophie mit den anderen Disziplinen, insbesondere mit der Theologie, in einen Dialog eintreten kann und auf diese Weise neue kulturelle Synthesen begünstigt, die dazu geeignet sind, dem Weg der Gesellschaft Orientierung zu verleihen. Die europäische Dimension Ihrer Zusammenkunft in Rom – Sie stammen in der Tat aus 26 Ländern – kann eine sicher ergiebige Auseinandersetzung und einen fruchtbaren Austausch begünstigen. Ich vertraue darauf, dass die katholischen akademischen Institutionen zur Realisierung wahrer Kulturlaboratorien bereit sind. Ich möchte euch auch einladen, die Jugend zu ermutigen, sich in den philosophischen Studien zu engagieren, und dazu angemessene Initiativen zur universitären Orientierung zu unterstützen. Ich bin sicher, dass die neuen Generationen mit ihrer Begeisterung großherzig den Erwartungen der Kirche und der Gesellschaft zu entsprechen wissen.

In wenigen Tagen werde ich die Freude haben, das Paulus-Jahr zu eröffnen, während dessen wir den Völkerapostel feiern werden: Ich hoffe, dass diese einzigartige Initiative für Sie alle eine günstige Gelegenheit bildet, auf den Spuren des Apostels die geschichtliche Fruchtbarkeit des Evangeliums und seine außerordentlichen Möglichkeiten auch für die zeitgenössische Kultur neu zu entdecken. Mit diesem Wunsch erteile ich allen meinen Segen.