Ein kölsches Familienfest

Gäste aus aller Welt und ein riesiges Dankeschön der Erzdiözese: Köln verabschiedet Joachim Kardinal Meisner mit Sonnenschein, Herz und Gemüt Von Regina Einig

Viva Colonia: Mit einem fröhlichen Abschiedsfest verabschiedete sich der emeritierte Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner von den Lasten des Amtes. Für die Kölner da sein will er auch in Zukunft. Foto: dpa
Viva Colonia: Mit einem fröhlichen Abschiedsfest verabschiedete sich der emeritierte Kölner Erzbischof Joachim Kardinal ... Foto: dpa

Köln (DT) Zum Abschied erwartet Joachim Kardinal Meisner ein gesteckt volles Haus: Neunhundert geladene Gäste und unzählige Diözesane erwarten den emeritierten Erzbischof von Köln am Sonntagnachmittag im Kölner Dom zur Abschiedsmesse. „Herzlichen Dank“ steht auf einem Transparent, das die Marianische Männerkongregation vor dem Eingangsportal in den Frühlingshimmel hält.

Der Dank für Kardinal Meisner fällt an diesem Tag international und multikulturell zugleich aus. Den weitesten Weg hat der Oberhirte von Kölns Partnerbistum Tokio, Erzbischof Peter T. Okada, zurückgelegt. Aus Krakau, Prag und München sind die Kardinäle Dsziwisz, Duka und Marx angereist. Aus Berlin ist der Apostolische Nuntius Nikola Eterovic, aus Rom der Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein zur Feier des Tages gekommen, ebenso weitere sechzig Mitraträger aus Deutschland und Osteuropa. Kardinal Meisner ist ein Mann der Weltkirche – das zeigt die bunte Gästeschar. Auch Vertreter aus Politik und Gesellschaft, darunter Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), lassen sich den persönlichen Abschied von Kölns Oberhirten, der 25 Jahre die Erzdiözese geleitet hat, nicht nehmen. Auf dem Domplatz wird eifrig berlinert: Auch aus dem ehemaligen Erzbistum Meisners sind etliche Gläubige angereist, um ihren vormaligen Erzbischof noch einmal als Hauptzelebrant in seiner Kölner Bischofskirche zu erleben.

Wer den Altersdurchschnitt der Gläubigen im Dom betrachtet, ahnt, dass hier eine Leitfigur für junge Gläubige geht. Zum Abschied von Kardinal Meisner haben Jugendliche am Samstag ein „Nightfever“ in der Innenstadt gefeiert, am Sonntag sind viele in den Dom gekommen. Auch der junge Klerus ist stark vertreten. Kardinal Meisner verbindet mit der Jugend geistlich weitaus mehr, als äußerlich oft wahrgenommen wurde.

In der Predigt spiegeln sich diese Schnittmengen: Den Weltjugendtag 2005 bezeichnet der Kardinal als „das größte geistliche Ereignis seiner Zeit als Erzbischof von Köln“. Ein Prediger mit Herzblut ist der Kölner Oberhirte immer gewesen – und das zeigt er auch am Sonntag in seiner wortgewaltigen Homilie über die Anbetung: Auf das Vorbild der Heiligen Drei Könige verweisend, erinnert er daran, dass Anbetung die einzig angemessene Antwort auf Gottes unbegreifliche Liebe ist. „Eine Liebe, die solche Widerstände überwindet und Gegensätze verbindet, ist nicht mehr Liebe von dieser Welt. Vor ihr gibt es nur eine einzige würdige Haltung. Und das ist die Anbetung!“ Vor dem Kreuz, so der Kardinal, befinde sich der Mensch an einer Wegkreuzung. Entweder nehme er Gott und das Mysterium seiner Liebe an oder er verweigere sich ihm. „Wenn der Mensch auf seinem Platz stehen will, muss er sich niederknien vor dem unendlich Größeren. Aber wenn er sich Gott verweigert, wählt er das Absurde“, unterstreicht Kardinal Meisner. „Ein Mensch auf den Knien vor Gott ist etwas ganz Großes.“ Wer anbete, stehe am richtigen Ort, habe Sinn für Proportion und Maß in der Wirklichkeit. Er bejahe, dass er Mensch und nicht Gott sei. „Das ist lautere Wahrheit und Gerechtigkeit. Anbetung ist der Beginn eines jeden gesunden menschlichen Selbstbewusstseins.“ Sie sei der Zement, der die Glieder einer Gemeinde zusammenfüge und erzeuge Verbundenheit, Treue, aufmerksame Liebe füreinander. „Sie ermöglicht erst richtige und echte Gemeinschaft“, fasst der Kardinal zusammen und bittet die Gläubigen, den Auftrag zur Anbetung als sein Vermächtnis zu betrachten: „Vielleicht könntet ihr, liebe Freunde, die vor vier Monaten in der Kapelle des Maternushauses eingerichtete Eucharistische Anbetung Tag und Nacht als mein Vermächtnis an das geliebte Erzbistum Köln annehmen? Hier darf ich und kann ich in Zukunft auch ohne Jurisdiktion und amtlichen Auftrag mit euch weiterhin ein Beter und Bruder sein. Das lässt uns nahe und dankbar bleiben.“

Nach der feierlichen Liturgie verliest Nuntius Eterovic das Grußwort des Heiligen Vaters. „Als Vorbote der Wende“ sei Kardinal Meisner im Gehorsam aufgebrochen – wie einst Abraham schreibt Papst Franziskus in Anspielung an Meisners Dienstbeginn in Köln zu Zeiten des geteilten Deutschlands. Für die Verteidigung der Menschenrechte hat der Kardinal seitdem immer wieder seine Stimme erhoben. „Du bist ein entschiedener Kämpfer für eine ,Kultur des Lebens‘, in der die von Gott geschenkte Würde und die Grundrechte jedes einzelnen Menschen uneingeschränkt respektiert werden – von der Zeugung bis zum Tod. Bei Deinen öffentlichen Ansprachen versteckst Du Dich nicht hinter diplomatischen Floskeln und vorsichtigen Formulierungen“, bilanziert der Vorsitzende der deutschen Bischöfe, Erzbischof Robert Zollitsch. Kardinal Meisners Zeugnis sei eindeutig, auch wenn er mit seinem Einsatz für den Schutz des menschlichen Lebens in einer oft nur vordergründig aufgeklärten und vermeintlich pluralen Gesellschaft immer wieder auf Unverständnis stoße. Wie sehr die Stimme des Kardinals fehlen wird, ist den Gesichtern beim Auszug anzusehen. Manchen Gläubigen stehen die Tränen in den Augen, als Meisner seine einstige Bischofskirche verlässt und auf dem Domplatz von Hunderten umringt wird.

Kein Kölner Fest ohne rheinischen Humor: Der Festakt am Sonntagvormittag in Kölns „guter Stube“, dem Gürzenich, schwelgte in Lokalkolorit. Statt steifer Reden hatten sich die Organisatoren für ein heiteres Familienfest mit viel Musik entschieden und damit den Geschmack der Gäste und des Jubilars genau getroffen. Lieder auf Kölsch und Plaudern am Bistrotisch boten Aufschlussreiches und Unterhaltung. Der tschechische Kardinal Duka dankte dem Mitbruder noch einmal für seine Hilfe in der schweren Zeit der Verfolgung: „Der große Unterstützer der Kirche in Tschechien“ habe sein Engagement immer wieder an Wallfahrtsorten unter Beweis gestellt und an der Renaissance der Kirche nach dem Fall der Mauer mitgearbeitet. Gut fünfzig tschechische Priester hatte Kardinal Meisner im Geheimen geweiht, zu seiner Freude blieben alle ihrem Weiheversprechen treu.

Auch wenn Berlin immer „ein bisschen geistliche Heimat geblieben ist“, wie Kardinal Meisner formulierte, ist er heute in Köln zuhause. Unvergesslich geblieben sei ihm die Nacht auf dem Marienfeld vor der Abschlussmesse des Weltjugendtags 2005, erzählte er mit leuchtenden Augen. „Ich lebe heute noch davon“. Kein Hauch von Wehmut oder Traurigkeit ging von dem gelöst wirkenden Jubilar aus. Der Altbischof sei kein „Überbischof“, hatte er am Freitag bei einer Pressekonferenz gesagt. Rat erteilen wolle er seinem Nachfolger nur, wenn er gefragt werde.

Bis dahin leitet Diözesanadministrator Stefan Heße die Geschicke der Kölner Ortskirche – mit Humor und dem seinem Amt gebührenden Sinn für Sparsamkeit. Stoff zum Schmunzeln gab es, als Diözesanadministrator Heße auf die Frage nach dem Abschiedsgeschenk für den Erzbischof trocken antwortete „nix“ – und dann diskret auf die Kardinal-Meisner-Stiftung zur Unterstützung der Pastoral in Deutschland und Osteuropa verwies. Oder als das von Kardinal Meisner ins Leben gerufene „domradio“ gnadenlos O-Töne der Sangeskunst des erkälteten Erzbischofs sendete und einen „echten Meisner“ – also ein knackiges Zitat – einspielte. Das Publikum durfte sich amüsieren: über die Frage von Moderator Stefan Kulle an die Bischöfe Ackermann, Gänswein und Overbeck, wie es mit den Bewerbungsmappen stehe. Und über einen Funken Karneval in der Fastenzeit. Als „Am Dom zu Kölle“ angestimmt wurde, schunkelten auch die Protestanten mit. Medienvertreter, die oft hartnäckige Vorurteile über den emeritierten Erzbischof pflegen, erhielten im Gürzenich eine Lehrstunde. Sowohl die eindrucksvolle Präsenz der Vertreter der Ökumene als auch die Würdigungen der Vertreter der Laiengremien ließen erahnen, wie oft Kardinal Meisner mit pauschalen Verallgemeinerungen Unrecht geschehen war. „Stabile Brücken“ habe der Kölner Erzbischof gebaut, hieß es seitens des Diözesanrates – bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen.

Auch die Frauen kamen zu Wort: Nordrhein-Westfalens stellvertretende Ministerpräsidentin Silvia Löhrmann erinnerte sich an den Kardinal als „einen streitbaren Geist mit großer Geistes- und Wortgewalt“. Und Schwester Edith Kürpick von den Monastischen Gemeinschaften der Brüder und Schwestern von Jerusalem sprach über die „spirituelle Offenheit“ Des Kardinals. Ihr Zeugnis über dessen Besuch in Paris und die Einladung an die Gemeinschaft, in Köln eine Niederlassung zu gründen, gehörte zu den bewegendsten Momenten der Veranstaltung.

Mit Fotos und Videoeinspielungen wurden 25 Jahre Bistumsgeschichte lebendig. Neben den glanzvollen Großereignissen – Domjubiläum 1998, Internationales Chorfestival Pueri Cantores 2004, Weltjugendtag 2005 und Eucharistischer Kongress 2013 – kam auch die menschliche Seite des Kardinals immer wieder zum Vorschein: Der Mann, der – hätte er nicht seine Berufung zum Priester erkannt – alle vier Wochen beichten geht und gern Lehrer für Deutsch und Geschichte geworden wäre, begegnete seinen Gästen auf Fotos als Gärtner und Musikfreund: „Adeste fideles“, „Transeamus“ und „Segne du Maria“ gehören zu seinen Lieblingskompositionen, verriet Domkapellmeister Eberhard Metternich. Die Kölner Dommusik bildete das I-Tüpfelchen des Festes und verbreitete Weltjugendtagsstimmung. Mit „Ne riesen Dank und mach et joot“ verabschiedeten sich die Kinder zünftig in rheinischer Mundart von ihrem Bischof. Dieser hat auch als Emeritus klare Zielvorstellungen: das himmlische Jerusalem.