„Ein aufrichtiger Freund Berlins“

Gerechtigkeit für den Papst: Die Ausstellung „Opus Justitiae Pax“ im Schloss Charlottenburg würdigt das Erbe Pius XII.

Berlin (DT) Wenn Berliner Taxifahrer schon am Tag vor einer Ausstellungseröffnung über das Ereignis im Bilde sind, lässt das auf bemerkenswertes öffentliches Interesse schließen. Die nach dem bischöflichen Wahlspruch Eugenio Pacellis (1876–1958) benannte Schau „Opus Justitiae Pax“ (Das Werk der Gerechtigkeit ist der Friede) des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften über Eugenio Pacelli/Pius XII., die am Freitag im Neuen Flügel von Schloss Charlottenburg ihre Pforten öffnete, verdient das Prädikat „außergewöhnlich“ – und das nicht nur aufgrund der medialen Wellen, die sie im Vorfeld der Eröffnung nach einem konfliktreichen Überraschungsbesuch des Dramatikers Rolf Hochhuth geschlagen hat.

Papstausstellungen haben nördlich der Alpen Seltenheitswert. Eugenio Pacelli, der 1939 zum Nachfolger Pius XI. gewählt wurde, darf als ausgewiesener Berlinkenner gelten: Von 1920 bis 1929 wirkte er als Nuntius in Deutschland und stellte von München und Berlin aus entscheidende kirchenpolitische Weichen. Als einen der herausragenden Päpste der Kirchengeschichte bezeichnete ihn der Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, Walter Brandmüller bei der Pressekonferenz am Mittwoch. Entgegen verbreiteter Darstellung habe er viele Juden vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet.

Die im Herbst 2008 anlässlich des 50. Todestags von Pius XII. erstmals im Vatikan gezeigte Schau trägt Pacellis Zeit in der Hauptstadt Rechnung: Das römische Konzept wurde zugunsten der Zeugnisse Berliner Bürger gestrafft. Sie dokumentieren, welch hohes Ansehen Pacelli in Deutschland genoss: Der Oberbürgermeister von Groß-Berlin Ernst Reuter erinnerte in einem Gratulationsschreiben zum Goldenen Priesterjubiläum des Papstes im März 1949 an die „großen Verdienste“, die sich der Jubilar während seiner Zeit als Nuntius in Berlin erworben habe. Zum Dank für dessen „enge Verbundenheit“ mit dem deutschen Volk „während der vergangenen schicksalsschweren Jahre bis in die Gegenwart“ ließ der Magistrat eine der Hauptstraßen der Stadt, die Cecilienallee in Berlin-Dahlem nach Pacelli benennen.

Neuneinhalb Jahre später würdigte Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt den verstorbenen Papst in einem Kondolenztelegramm („ein aufrichtiger Freund Berlins“) und ordnete Halbmastbeflaggung auf allen öffentlichen Gebäuden im Westteil der Stadt an. Wie Brandt empfanden Politiker auf der ganzen Welt: Nach dem Tod Pius XII. erhielt der Vatikan aus vielen Ländern Dankschreiben von christlicher und jüdischer Seite, in denen das Wirken des Papstes während der Kriegs- und Nachkriegsjahre gewürdigt wurde. Streiflichter auf das caritative Wirken Pacellis bieten bisher unbekannte Archivaufnahmen. Bilder junger Mütter mit Säuglingen erinnern daran, dass der Papst während der Kriegsjahre seine Sommerresidenz Flüchtlingen zur Verfügung stellte. Darüber hinaus hob er die Klausurbestimmungen für die Klöster Roms auf, damit sie Juden verstecken konnten. Ein Auszug aus einer Chronik eines Augustinerinnenkonvents steht pars pro toto für eine stille, aber effiziente Hilfsaktion eines mitdenkenden Seelsorgers. Schwarzweiß-Fotografien zeigen Pius XII. zwischen aufgestapelten Brotlaiben, die im Vatikan für Notleidende gebacken wurden und im Gebet mit der von Bombenangriffen verstörten Bevölkerung Roms.

Zu seiner Zeit zukunftsorientiert: Pius XII. schmiedete Konzilspläne

Die Ausstellung soll Prälat Brandmüller zufolge den Papst einmal nicht als politische Persönlichkeit darstellen, sondern auch als „religiöse Größe, als obersten Hirten der Kirche Jesu Christi, der erst in zweiter Linie Einfluss auf das gesellschaftspolitische Geschehen nimmt“. Sichtbar wird dieser Anspruch in der erstmals nördlich der Alpen gezeigten Tiara, mit der auch Paul VI. noch gekrönt wurde. Ein leicht zerschlissener weißer Talar des Papstes, prachtvolle Pontifikalgewänder und eine zierliche schwarze Baßgeige erinnern an Pacellis Jahre als Bischof von Rom. Für Brandmüller steht außer Frage, dass der Papst „zu seiner Zeit zukunftsorientiert war“. Pius XII. schmiedete in den fünfziger Jahren Pläne für ein Konzil. Die geistige und geistliche Aufgeschlossenheit des Papstes, der mehr Frauen kanonisierte als jeder seiner Vorgänger, geriet nach seinem Tod allerdings rasch in Vergessenheit.

Selten finde sich eine Person der Geschichte, bei der das populäre Geschichtsbild und die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft so auseinanderklaffen wie bei Pius XII., stellte der Leiter der Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn, Karl-Joseph Hummel, fest. Das Bild Pacellis „kippte in den fünf Jahren nach seinem Tod von weiß auf schwarz“. Dazu mochte auch der Pontifikatswechsel beigetragen haben: Auf den hochbegabten, asketisch wirkenden Karrierediplomaten aus Rom folgte mit Johannes XXIII. eine leutselige Vaterfigur, der das von seinem Vorgänger geplante Zweite Vatikanische Konzil einberief.

Weitaus gravierendere Folgen auf die öffentliche Meinung übte Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ aus. Es veränderte die Diskussion um die Rolle des Papstes während der Zeit des Nationalsozialismus. Hummel zufolge drehte sich die Diskussion seit den sechziger Jahren nicht mehr um die politische Persönlichkeit Pacellis, sondern in erster Linie um den „Papst, der geschwiegen hat“. Indizien dafür, dass ein lautstarker öffentlicher Protest des Vatikans gegen die Judenverfolgungen durch die Nationalsozialisten Erfolg gehabt hätte, fehlen bis heute. Hummel erinnerte an den Protest der niederländischen Bischöfe 1942, den die Nationalsozialisten mit einer Verfolgungswelle beantworteten. Ihr fielen unter anderen die Philosophin Edith Stein und ihre Schwester zum Opfer. Die Öffnung der Vatikanarchive einschließlich der Dokumente bis 1939 hat die Debatte um die Rolle des Papstes während des „Dritten Reiches“ wiederbelebt.

Politisch handeln, um Schlimmeres zu verhindern

Die Sprache Pius XII., so der Potsdamer Historiker Thomas Brechenmacher, „ist nicht mehr unsere“. Die Zeitgenossen des Papstes – einschließlich der Nationalsozialisten – verstanden sie. Schon Goebbels Tagebucheintrag nach dem Konklave lässt an dieser These keinen Zweifel: „Ein politischer Papst und u. U. ein raffiniert und geschickt vorgehender Kampfpapst. Also aufpassen.“ (3. März 1939). Auch wenn die vatikanischen Archive aus den Pontifikatsjahren 1939–58 derzeit noch nicht zugänglich sind, weisen Wissenschaftler die These vom angeblichen Schweigen des Papstes als haltlos zurück. Pius XII. handelte nach der Maxime „ad maiora mala vitanda“, um Schlimmeres zu verhindern. Eine Schautafel zeigt einen französischen Zeitungsartikel vom 8. September 1942 über den Protest des Papstes gegen die Judenverfolgungen in Frankreich. Die Zeitgenossen begriffen, was der Nachwelt nicht auf Anhieb einleuchtet. Brechenmacher verwies auf die Weihnachtsansprache von 1942, deren Originalaufnahme in einem eigenen Ausstellungsraum zu hören und auszugsweise in einer Übersetzung dokumentiert ist. Darin verurteilt der Papst, dass „Hunderttausende ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben“ seien. Ein Ziel der Ausstellung ist Brechenmacher zufolge, Pacelli in seiner Zeit verstehen zu lernen.

Die Exponate rufen dem Besucher den kulturellen und gesellschaftspolitischen Abstand zwischen der Gegenwart und der Welt, in der Pacelli lebte, ins Bewusstsein. Schon die Erinnerungen an Pacellis Schulzeit haben etwas Außerirdisches an sich: Ein mit gestochener Handschrift verfasstes Gedicht des Klassenprimus, der sein Abgangszeugnis am Gymnasium erhielt, ohne Abiturprüfungen ablegen zu müssen. Auch der Olivetti-Reiseschreibmaschine Pius XII. haftet im Computerzeitalter fast soviel Patina an wie der Tiara. Ein Foto zeigt den jungen Vatikandiplomaten mit nachdenklicher Miene beim Besuch eines Kriegsgefangenenlagers in Hammelburg. Wie ein Traumbild wirkt die fotografisch festgehaltene liturgische Pracht vergangener Katholikentage in München (1922), Hannover (1924), Magdeburg (1928) und Potsdam (1929. Scharen weißgekleideter Kinder begleiten den in Cappa Magna gewandeten Zelebranten auf seinem Weg zum Altar. Die Welt, für die Pacelli handelte, war nicht unsere und keiner gehe im Schloss Charlottenburg auf die Zeitreise, ohne genau hinzusehen.

Dass der Vatikan die Ausstellungsproduktion in die Hände des Berliner Filmemachers und Theaterregisseurs Ingo Langner gelegt hat, ist ein Glücksfall: Schautafeln verdeutlichen komplexe politische Sachverhalte, bedrängen aber nicht durch Textlastigkeit. Langner lässt Berliner Luft an vatikanisches Archivmaterial. Der Offene Brief von Margarete Sommer, während des Kriegs Leiterin des Hilfswerks beim Bischöflichen Ordinariat des Bischofs Graf von Preysing, an den Regisseur der Uraufführung von Hochhuths „Stellvertreter“ in Berlin belegt, dass katholischer Widerstand in der Hauptstadt entgegen landläufiger Fehlvorstellungen keine Sache beherzter Einzelkämpfer war, die am Vatikan vorbeilief: „Ich kann Ihnen versichern, dass wir alle damals jüdischen Menschen in der Gewissheit halfen, den Weisungen des Vatikans und des Heiligen Vaters zu folgen“, schrieb Sommer im März 1963 an Erwin Piscator und verwies wörtlich auf die „ausdrückliche Billigung und Weisung Pius XII.“ für „alle Aktionen in Berlin zur Rettung rassisch Verfolgter“.

Information bleibt der wirksamste Schutz vor politischer Manipulation. Hoffentlich versäumt keine Berliner Schulklasse diese Ausstellung.