„Ein ärmlicher Konter“

Angesichts des Wegbruchs der katholischen Sexualnorm und einer fortschreitenden Atomisierung de Intimbeziehungen ist die Antwort der deutschen Moraltheologen auf das Schreiben von Papst em. Benedikt XVI. ein ärmlicher Konter. Von Paul Josef Kardinal Cordes

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Die Postmoderne scheint zuweilen voller ärmlicher Konter: Die Tragik ist die Abkopplung von Sex und Liebe. Foto: dpa

Die deutsche Arbeitsgemeinschaft Moraltheologie hat die Erklärung Papst Benedikts XVI. „Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs“ einer vernichtenden Kritik unterzogen. Die Stellungnahme ist unterzeichnet von deren Sprechern, den Professoren Breitsameter, München und Goertz, Mainz, und sie beruft sich auf eine Absprache „mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen“. Sie befindet: „Die Analyse von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. beruht auf einer Reihe von falschen Annahmen und wird von uns im Ganzen als ein misslungener und untauglicher Beitrag zur Aufarbeitung der Missbrauchskrise bewertet.“ Das im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz tätige Internetportal „katholisch.de“ gab sich für ihre Veröffentlichung her. Nur ein einziger Punkt dieser Maßregelung sei hier gegengelesen.

Wegbruch der Sexualnormen

Der emeritierte Papst wendet sich in der Einleitung zu seiner Erklärung zunächst dem zeitgeschichtlichen Kontext der lamentablen Problematik zu. Er schreibt, in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts habe sich ein ungeheurer Vorgang vollzogen, „wie es ihn in dieser Größenordnung in der Geschichte wohl kaum gegeben hat. Man kann sagen, dass in den 20 Jahren von 1960–1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen der Sexualität vollkommen weggebrochen sind und eine Normlosigkeit entstanden ist, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat.“ Ohne sie zu erwähnen, stimmt Papst Benedikt in solcher Analyse völlig überein mit der objektiven und in unserem Kontext keineswegs verdächtigen Beobachtung der Soziologie. Zwei ihrer größten Repräsentanten seien benannt:

Niklas Luhmann (+1998): Er legt in seinem Buch „Liebe als Passion“ (Frankfurt 1982) dar, die moderne Gesellschaft erlaube – gegenüber kulturvergangener Jahrhunderte – den persönlichen Beziehungen erheblich größere Intensität. Soziale Kontrollen der Gesellschaft und soziale Rückversicherungen durch die Großfamilie seien aufgehoben. Früher habe der wichtigste Faktor „Harmonie“ im Gleichklang mit den Außenbeziehungen gelegen. Heute seien die Intimbeziehungen atomisiert. Dadurch wachse zwar ihre Bedrohung durch Instabilität. Doch sei etwas Neues eingetreten, die „Freigabe der sexuellen Beziehungen“. Und eine Umkehrung zwischenmenschlicher Partnerschaft habe sich ergeben: Habe bislang die Liebe zu sexuellen Beziehungen geführt, so müssten heute sexuelle Beziehungen Liebe erzeugen. Sexualität aufzuschieben und so weit wie möglich zu negieren, würde als „kaum noch zu begreifender Irrweg angesehen“ (S. 197ff.). Als zweiter Zeuge ist der Philosoph und Soziologe Charles Taylor zu nennen. Er erhielt als einer der ganz wichtigen Denker unserer Zeit – zusammen mit Jürgen Habermas – 2015 den „John Kluge Preis“, der als Nobel-Auszeichnung in der Geisteswissenschaft gilt. Taylor nennt in seinem epochalen Werk „Ein säkulares Zeitalter“ (Frankfurt 2009) die Postmoderne das „Zeitalter der Authentizität“. Ihren Beginn setzt er für die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts an und charakterisiert sie durch „eine die Individualisierung vorantreibende Revolution“. Ihr Angelpunkt sei ein neues Verständnis von Sexualität. Den Kern dieser Revolution bildet die Sexualmoral. Der Veränderungs-Prozess habe wohl seine Zeit gebraucht und in den intellektuellen Eliten hätte sich die Entwicklung schon früher gezeigt. „In den 1960er Jahren aber griff sie dann auf alle Schichten über. Das war offensichtlich ein tiefgreifender Wandel.“ Er vollzog sich durch „die Relativierung von Keuschheit und die Erklärung, Homosexualität sei eine legitime Option“ (S. 788 und 809).

Ein ärmlicher Konter

Wie zimperlich nimmt sich gegenüber dieser weltoffenen und realistischen Sicht der Fakten, wie sie Papst Benedikt und den genannten Forschern zu entnehmen sind, die selbstversponnene und dünnhäutige Replik der moraltheologischen Arbeitsgemeinschaft aus. Und was schlimmer ist: Ihre Kritik kennt nicht oder leugnet, was andere Disziplinen äußern. Oder wie soll man sonst ihren Vorwurf verstehen, mit dem sie gleich zu Anfang Papst Benedikt Weltfremdheit vorwirft, ja ihm schlicht die Fähigkeit abspricht, den schlimmen Skandal zutreffend zu beurteilen oder zu therapieren? Gleich zu Anfang erklären die Moraltheologen: „In den Überlegungen von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. spielen human- oder sozialwissenschaftliche Erkenntnisse und Studien keine Rolle. Seine Form einer entweltlichten Theologie kann das Phänomen des Missbrauchs nur verzerrt wahrnehmen.“ Mit solchen Worten spricht man einem Menschen die Urteilsfähigkeit ab. Das ist ein intellektueller Rund-um-Schlag. Er macht seine ganze Argumentation hinfällig. Weil aber – schon angesichts von Niklas Luhmann und Charles Taylor – die Begründung irrt, geht der Schuss nach hinten los und trifft die Schützen. So kann man nicht umhin, über sie den Stab zu brechen.

Boethius: „Si tacuisses… – hättest du doch geschwiegen!“ Der Verriss ist blamabel. Inhaber von Lehrstühlen an deutschen Hochschulen machen ihn in Unkenntnis der Publikationen von renommierten Kennern der Soziologie; die vorgegebene Kompetenz erscheint angemaßt; die Verlässlichkeit des universitären Rufes leidet. Ton und Stil der Intervention sind ferner unangebracht. Einem weltweit anerkannten und ausgewiesenen Wissenschaftler (immerhin trat Joseph Ratzinger 1992 an die Stelle des Exegeten Rudolf Bultmann als „Associé étranger de l'Académie des sciences morales et politiques der Académie Francaise“) käme Höflichkeit, nicht Schulmeisterlichkeit zu; bestürzend erscheint schließlich die Tatsache, dass die Repräsentanten der katholischen Theologie nur Selbstverteidigung betreiben, bis zu Glaubensaussagen jedoch gar nicht erst vorstoßen: In ihrer Stellungnahme sucht man vergeblich einen Verweis auf Christi Erlösung. Der Heilige Johannes Paul II. stellte es bei ihrem Internationalen Kongress am 12. November 1988 als Aufgabe der Moraltheologen heraus, Glaubenden den Heilsweg aufzuzeigen. Wie können sie dies tun, ohne Gott, seine Offenbarung und Jesus Christus auch nur zu erwähnen?

Kurienkardinal Cordes ist emeritierter Präsident des früheren Päpstlichen Rates Cor Unum.