Ein Wendepunkt des Pontifikats?

Anders als in Peru schien Franziskus in Chile plötzlich von der Gunst der Medien und der Öffentlichkeit verlassen zu sein. Von Guido Horst

Papstbesuch in Peru
Papst Franziskus würdigt den Amazonas als „Herz der Kirche“ und trägt indianischen Schmuck während eines Treffens mit Vertretern der Amazonas-Völker in Puerto Maldonaldo in Peru. Foto: dpa
Papstbesuch in Peru
Papst Franziskus würdigt den Amazonas als „Herz der Kirche“ und trägt indianischen Schmuck während eines Treffens mit Ve... Foto: dpa

Hätte Papst Franziskus auf seiner sechsten Lateinamerika-Reise nur Peru auf dem Programm gehabt, wäre sein Besuch ein voller Erfolg gewesen. Aber da waren noch Chile und die dunklen Wolken, die über dieser Station der päpstlichen Visite aufgezogen waren und Franziskus – so wie es aussieht – auch noch weiter begleiten werden. Es ging im Besonderen um die Seuche des Missbrauchs in der Kirche sowie um eine umstrittene Personalentscheidung des Papstes, aber im Allgemeinen um eine Gesellschaft auf der Talfahrt in die Säkularisierung, Vor dem Besuch hatten Kapellen gebrannt, radikalisierte Gruppen der Mapuche machen mit solchen Aktionen immer wieder auf die Lage der Indigenen aufmerksam. Dann, bei der Messe im chilenischen Süden, dem Heimatland der Mapuche, ein schütteres Publikum. 380 000 hatte man erwartet, an die hunderttausend Gläubige werden es am Ende gewesen sein.

Franziskus hatte einen Schützling des Missbrauchstäters Fernando Karadima, den Militärordinarius Juan Barros Madrid, 2015 zum Bischof von Orsorno ernannt, obwohl die vatikanische Bischofskongregation und der Apostolische Nuntius in Chile übereingekommen waren, Barros um den Rücktritt zu bitten, da die Gerüchte nicht verstummen wollten, dieser habe von den Untaten seines geistlichen Ziehvaters gewusst, diese aber verschwiegen (siehe DT vom 18. Januar). Tatsächlich hat Barros zwei Rücktrittsgesuche im Vatikan eingereicht, aber der Papst gab diesen nicht statt. Jetzt in Chile kochte der Fall wieder hoch. Am Rande des Besuchs in Iquique redete Franziskus erregt auf lokale Reporter ein und verteidigte seine Entscheidung. Das Video läuft im Internet wie ein verirrtes Schrapnell. Auf dem Rückweg nach Rom bestand das Gespräch des Papstes mit den Journalisten über weite Strecken aus Erklärungen und Rechtfertigungen. Auch eine Entschuldigung brachte Franziskus an: Vor den Reportern in Iquique hätte er nicht sagen sollen, dass es keine „Beweise“ gegen Bischof Barros gebe, sondern keine „Evidenzen“, denn Missbrauchsopfern falle es schwer, richtige Beweise vorzulegen. Ebenfalls die „Spontan“-Hochzeit über den Wolken auf dem Flug von Santiago nach Iquique musste der Papst begründen, hatten doch Medien inzwischen berichtet, dass die Trauung nicht spontan geplant, aber schon längere Zeit vorbereitet war.

Und dann Kardinal Seán Patrick O‘Malley, der Vorsitzende der Päpstlichen Kinderschutz-Kommission und Mitglied im Rat der neun den Papst bei der Kurienreform beratenden Kardinäle. Zum ersten Mal ist es passiert, dass einer der engsten Papstberater sich von Franziskus distanziert hat und der Papst zurückgewichen ist. Viele hatten das vor ihm getan – die Kardinäle Joachim Meisner, Carlo Caffarra, Raymond Leo Burke, Walter Brandmüller, Robert Sarah, Gerhard Müller oder Janis Pujats aus Riga. Franziskus hat sie alle ignoriert, den Kapuziner O‘Malley jedoch nicht. In einem offiziellen Kommuniqué hatte sich der Kardinal klar von den Worten des Papstes an die Reporter in Iquique distanziert: „Es ist verständlich, dass die Erklärung von Papst Franziskus Quelle großen Schmerzes für die Opfer des sexuellen Missbrauchs durch den Klerus oder irgendeine andere Person sind.“ Die Worte des Papstes vermittelten die Botschaft, dass man einem Opfer, das keine Beweise vorlegen könne, nicht glaube, was substanziell bedeute, dass diejenigen, die Gewalt erlitten haben, ihrer Menschenwürde beraubt und als Opfer diskreditiert würden.

Auf dem Rückflug nach Rom hat Franziskus dann seine Wortwahl in Iquique bedauert. Der Papst hieß auch die Stellungnahme von Kardinal Sean O‘Malley gut, seine Erklärung sei „sehr gerecht“ gewesen. „Ich habe ihm dafür gedankt“, fügte Franziskus an, der O‘Malley inzwischen in Lima begegnet war.

Der Bischof der Anden-Prälatur Ayaviri, Kai Schmalhausen Panizio, hat auch den Beuch in Chile beobachtet und findet im Gespräch mit dieser Zeitung eine Erklärung für die Missstimmungen beim Papstbesuch in dem Nachbarland: „Es ist wichtig zu bedenken, dass die Kirche in Chile einen komplexen und schmerzhaften Prozess der Entfremdung der Gläubigen durchgemacht hat. In diesen Tagen haben wir viele, sogar gewalttätige Proteste gesehen, doch die Indifferenz ist vermutlich noch größer gewesen. In diesem Rahmen kann man von einer wahrhaftigen Krise reden.“ Von solch einer Krisenstimmung war der Besuch in Peru weit entfernt. „Die drei Tage“, meint Bischof Schmalhausen, „die wir an der Seite von Papst Franziskus gelebt haben, waren einfach überwältigend; die Glaubensantwort der einfachen Personen, ihr Eifer und ihre Frömmigkeit, das Bedürfnis, die Nähe Gottes zu spüren; die Bischöfe und Priester, die wir auf den Straßen unterwegs waren, wurden laufend um einen Segen gebeten.“ Selbstverständlich war das für Bischöfe des Landes nicht. „Im Dezember“, so Schmalhausen weiter, „durchlebten wir eine politische Unsicherheit mit der Möglichkeit der Entlassung des Präsidenten und der Lossprechung des Ex-Präsidenten Fujimori. Die Medien übertrumpften sich mit negativen Nachrichten. Plötzlich, auf einen Schlag, wurde all das beiseite gelassen und wir wurden von der ununterbrochenen und massiven Übermittlung des päpstlichen Besuchs überrascht.“

Die Reise nach Peru galt zudem als Auftakt der Amazonas-Synode 2019. Bischof Schmalhausen wünscht sich, dass „wichtige Themen angesprochen werden wie die inkulturierte Evangelisierung der Völker, die Ausbildungspläne für die lokalen indigenen Priester und ihre pastoralen Mitarbeiter sowie die engagierte Hilfe der Bischofskonferenz und der Nachbarbistümer in jedem Land dieser so weiten und geografisch sowie ethnisch schwierigen Missionsgebiete“. Grundsätzlich falsch hält er die Weihe von bewährten älteren und verheirateten Männern, um die pastorale Begleitung der Indigenen zu sichern: „Meines Ermessens nach entsprechen Vorschläge dieser Natur einem kirchlichen Kontext von Druck und verzweifelter Suche nach Lösungen; doch genau deshalb sind solche Lösungen generell nicht gesund. Außerdem: Vermittelt man mit solchen Vorschlägen nicht eine falsche Botschaft? Damit sagen wir unseren Jugendlichen: Du kannst nicht zölibatär leben; es ist unmöglich, Jesus in der radikalen Liebe zum Dienst am Nächsten zu folgen.“