Ein Projekt für die ganze arabische Welt

Die bevorstehende Nahost-Synode und das gefährdete Überleben der Christen im Orient waren die aktuellen Themen der „Initiative Christlicher Orient“ Von Stephan Baier

Salzburg (DT) Unter das wohl berühmteste Shakespeare-Wort hatte ihr Gründer und Motor, Hans Hollerweger, die diesjährige Tagung der „Initiative Christlicher Orient“ gestellt: „To be or not to be“, denn für die Christen im Orient gehe es heute um Sein oder Nicht-Sein. „Wir dürfen nicht zu spät kommen“, appellierte Prälat Hollerweger am Montag an die Christen im Westen. Wiens Weihbischof Franz Scharl betonte die Wichtigkeit zeitgerechten Handelns: „Unsere Brüder und Schwestern im Orient sind der Wurzelstock, von dem wir stammen.“ Die bevorstehende Nahost-Synode ringe um die Stärkung der Gläubigen durch Wort und Sakrament, um die Ökumene und das Kennenlernen der anderen monotheistischen Religionen.

Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser stellte den Hauptreferenten der Tagung, den aus Ägypten stammenden und in Rom wie in Beirut lehrenden Jesuiten Samir Khalil Samir, als maßgeblichen Autor des „Instrumentum laboris“ der von 10. bis 24. Oktober in Rom tagenden Nahost-Synode vor, die von den sieben Patriarchen des Orients und den Kurienkardinälen Dias, Sandri, Kasper und Tauran vorbereitet wurde. Pater Samir, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit den Beziehungen zwischen Christentum und Islam sowie mit der christlichen arabischen Literatur beschäftigt, gab Einblicke in die Ziele und Anliegen der Synode. Zu den Hauptsorgen der in verschiedene Konfessionen und Riten gespaltenen arabischen Christen gehöre die andauernde Auswanderung. Jene christlichen Araber, die zum Arbeiten in die Golfstaaten gehen, würden nach einigen Jahren zurückkehren, aber „die nach Westen gehen, kommen nie zurück“. Pater Samir wörtlich: „Wenn es so weitergeht, gibt es bald kein arabisches Christentum mehr.“ Das sei ein Problem für die ganze Kirche.

„Wir leben im Kriegsgebiet“, fasste Samir Khalil Samir die Gründe für die anhaltende Emigration zusammen. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern dauere nun schon 60 Jahre, sodass es Generationen gebe, die nie etwas anderes erlebt haben als Krieg, Besatzung und Terror. Pater Samir beleuchtete „die aktuelle Tragödie der Christen im Irak“, die Abwanderung der libanesischen Christen, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung seit Beginn des Bürgerkriegs von 60 auf 36 Prozent schrumpfte, den Mangel an Demokratie im Orient und die „feudalistische Mentalität“.

In vielen muslimischen Staaten gebe es für die Christen Kultusfreiheit, aber keine Freiheit des Gewissens, die den Religionswechsel einschließt. Seit drei bis vier Jahrzehnten sei eine Radikalisierung des Islam festzustellen. Samir zeigte am Beispiel Ägyptens, wie diese Radikalisierung von Saudi-Arabien ausgeht und finanziert wird. Im Libanon bezahle die Hisbollah Frauen mit iranischem Geld dafür, dass sie sich verschleiern. Das Ziel der Radikalen sei „die Islamisierung der islamischen Welt“.

Viele arabische Christen, die die Entwicklung in ihrer Heimat schwer ertragen, hätten Verwandte im Westen und würden sich von der westlichen Modernität, Technik und Freiheit angezogen fühlen. Die guten christlichen Schulen im Orient sollten aber nicht die Eliten für die Emigration vorbereiten. Den Christen gehe es nicht um sich selbst, sondern um die Länder, in denen sie leben. Mit ihren Schulen und Krankenhäusern, ihrer Sozial- und Bildungsarbeit würden die Christen im Orient Zeugnis geben vor der ganzen Gesellschaft. Es gehe nicht darum, die Muslime „in der Taufe“ zu christianisieren, sondern „sie zu christianisieren in ihrem Herzen“, so Pater Samir.

Er kritisierte, dass die aufgesplitterte Christenheit im Orient bisher nicht zu einer gemeinsamen „Pastoral in der Stadt“ gefunden habe. Die Christen, die die Chance zu emigrieren haben, würden nur bleiben, wenn sie eine klare soziale, politische oder spirituelle Vision hätten: „Wir wollen in unserer Region eine Stadt bauen für alle Menschen.“ Die spirituelle Mission der Christen bestehe darin, „das Beste zu geben“, nämlich das Evangelium, da jeder das Recht habe, das Evangelium zu kennen.

„Ich hoffe, dass auch die Muslime die Botschaft der Nahost-Synode hören und sagen: Wir wollen auch so eine Gesellschaft“, meinte Pater Samir, der in der Synode ein „Projekt für die ganze arabische Welt“ sieht und von ihr „eine Vision für Jahrzehnte“ erhofft. Für den Dialog mit den Muslimen empfiehlt er „Klarheit und Liebe“: „Die Muslime sind liebe Menschen als einzelne, schwieriger als Gruppe und als Partei eine Mauer.“ Der Islam sei zu juristisch und bedürfe heute einer spirituellen Interpretation, so der Islamwissenschaftler und Theologe Samir Khalil Samir.

Er kritisierte zugleich das Selbstverständnis Israels als Judenstaat und seine Anknüpfung an die alttestamentliche Landverheißung als „tragisch und ideologisch“. Niemand dürfe sagen: „Dieses Land ist mein, denn Gott hat es mir gegeben.“ Wie es im Libanon gelungen sei, Versöhnung, die nur spirituell zu verstehen sei, zu stiften, so sei dies auch in Israel-Palästina notwendig.

Warum in der islamischen Welt der Extremismus gewachsen ist, erklärte Pater Samir so: „Die islamische Welt erlebt eine der größten Krisen ihrer Geschichte: Wie ein Jugendlicher, der schreit und boxt, weil er Probleme mit seiner Persönlichkeit hat.“ Mit Bomben lasse sich die Mentalität der muslimischen Welt nicht ändern. „Ideologien lassen sich nur durch Ideen ändern“, deshalb brauche es den Dialog.

Das Ziel der am 10. Oktober in Rom beginnenden Nahost-Synode fasste Pater Samir so zusammen: Es gehe um das Überleben der Christen im Orient, allerdings nicht als Sekten, sondern als Teil der Gesellschaft, in der sie ein Zeugnis geben – auch ein Zeugnis für die Christen im Westen und für die säkularisierte Welt.

Der Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke im Libanon, Paul Karam, wies darauf hin, dass „der Zusammenbruch des Osmanischen Reichs während des Ersten Weltkriegs leider zum Aussterben des religiösen Pluralismus geführt“ habe, dass die Lage der christlichen Araber aber zunächst „solid und problemlos“ gewesen sei. Erst durch die Erdölfunde und die Gründung des Staates Israel habe sich alles verändert. Jerusalem könne nicht Juden oder Muslimen oder Christen alleine gehören: „Es ist Sache der orientalischen Kirchen, in einer gemeinsamen Aktion den multikonfessionellen Charakter Jerusalems einzufordern, also die zunehmend gefährdete, gleichzeitige islamische und christliche Präsenz auf gleicher Augenhöhe mit der jüdischen Präsenz“, so Karam.

Ohne einen gerechten Frieden und eine Lösung des israelisch-palästinensischen Problems bleibe die Region „ein Vulkan, der jederzeit unerwartet ausbrechen kann“. Nach Ansicht des libanesischen Priesters kann es im Orient keinen Frieden geben, „solange Islam und Judaismus ihre Theokratien nicht abschaffen“. Die Christen würden „zwischen zwei Feuern im Stich gelassen“, nämlich zwischen Israel und der islamischen Welt.

Als „Samenkorn“ für die Laizität in der Gesellschaft wie für deren Demokratisierung sieht der langjährige österreichische Botschafter in Tel Aviv, Kurt Hengl, die Christen im Orient. In Israel seien die Christen „die Brücke und der Kitt zwischen der jüdischen Mehrheit und den Israel kritisch gegenüberstehenden Arabern“. Für die Christen im Westen seien sie „Torwächter der heiligen Stätten“. Um im Lande bleiben zu können, bräuchten junge Christen ein Dach über dem Kopf, Arbeit und die Möglichkeit, einen christlichen Ehepartner zu finden. Die Spaltung der Christen sei ein zentrales Problem. Die Nahost-Synode solle deshalb Impulse für ein gemeinschaftliches Denken der Christen geben.