Ein Patron der Menschenrechte

Ein „Sklave der Sklaven“: In Cartagena wird Franziskus das Heiligtum des Jesuitenmissionars Petrus Claver aufsuchen. Von Andreas Drouve

Ein Buntglasfenster im Heiligtum des Jesuitenmissionars Pedro Claver zeigt den Heiligen bei einer seiner zahlreichen Taufen. Foto: Peter Drouve
Ein Buntglasfenster im Heiligtum des Jesuitenmissionars Pedro Claver zeigt den Heiligen bei einer seiner zahlreichen Tau... Foto: Peter Drouve

Der Papst auf den Spuren des Patrons der Menschenrechte – dies ist eine Konstellation, die bezeichnend ist für die anstehende apostolische Reise des Heiligen Vaters nach Kolumbien. Wenn Franziskus am kommenden 10. September in der Hafenstadt Cartagena eintrifft, wird er ganz gezielt die Fährte des heiligen Petrus Claver (1580–1654) aufnehmen, der hier annähernd vier Jahrzehnte den Dienst am Nächsten verrichtete, an den Ärmsten der Armen, den Recht- und Besitzlosen.

Es dürften keine flüchtigen Momentaufnahmen sein, die Franziskus in seinem dicht gedrängten Programm hinter sich bringt. Nach dem Sonntagsgebet des Angelus vor der Kirche des Petrus Claver, wo dieser begraben liegt, wird der Papst das angrenzende Sanktuarium besuchen, wo Claver in bescheidensten Verhältnissen lebte, wo er die Kranken versorgte, wo er verstarb, wo die Jesuitengemeinschaft heute in seiner Nachfolge steht.

Für Notleidende und Kranke beständig erreichbar

Um die Verdienste des Heiligen besser zu verstehen und einzuordnen, vergegenwärtigen wir uns kurz den biografisch-historischen Rahmen. Der heilige Petrus Claver, auf Spanisch als San Pedro Claver bekannt, war ein spanischer Jesuit. Mit Anfang Zwanzig trat er in die „Gesellschaft Jesu“ ein und sah bald seine Bestimmung darin, bei der Evangelisierung der spanischen Territorien in Südamerika zu helfen. Er verließ für immer seine Heimat und gelangte als Dreißigjähriger ins heutige Kolumbien, wo ihn Herausforderungen erwarteten, die bei seinem Aufbruch ins Ungewisse nicht abzusehen waren. Auf Jahre im Hochland in Bogotá und Tunja folgte eine Station, wo er bis zum Ende seines Lebens bleiben sollte: Cartagena, eine boomende Hafenstadt an der Karibikküste. Dort befand sich nicht nur der Ausfuhrhafen für die mit Edelmetallen beladenen Flotten in Richtung Spanien, sondern auch der Einfuhrhafen für Schiffe mit schwarzafrikanischen Sklaven. Und genau derer nahm sich Petrus Claver an.

„Sklave der Sklaven“ zu sein, das Leid der Unterdrückten und Entrechteten in Spaniens Kolonialreich zu lindern, den Ankömmlingen tatkräftig beizustehen, das sah er fortan als seine Aufgabe an. Stützpunkt war der nunmehr nach ihm benannte Jesuitenkomplex gleich an den mächtigen Stadtmauern. Hier lebte der Heilige in einem einfachen Zimmer und war – lange vor dem Handyzeitalter – jederzeit erreichbar. Ein Leben in ständiger Bereitschaft, auf Abruf, wenn man so will. „Claver war immer zum Krankendienste bereit; die armen Kranken heimzusuchen, sie an Leib und Seele zu pflegen, erachtete er für eine der wichtigsten Pflichten eines Apostels der Negersklaven“, schrieb Franz Joseph Holzwarth 1855 im Deutsch jener Jahre in seiner Biografie über Petrus Claver. „Damit der erste Glockenzug an der Pforte des Collegiums bei Tag oder Nacht sogleich sein Ohr treffen konnte, hatte er seine Obern gebeten, dass seine Wohnung in der Kammer über der Pforte sein durfte“, so Holzwarth weiter.

Traurig, aber wahr: Es ist verbürgt, dass in manchen Monaten eine Tausendschaft menschlichen Nachschubs im Hafen von Cartagena eintraf. Bereits an Bord waren die Menschen unmenschlich behandelt worden, wie Vieh oder noch schlimmer. Nun waren sie bestimmt für Zwangsarbeiten in den Minen und auf den Feldern, für das Schleppen von Lasten. Ein ums andere Mal machte sich der Heilige an den Hafen auf, wo seine Gegenwart „wenigstens die rohesten Ausbrüche der Grausamkeit seitens der Händler abhalten und die unglücklichen Ankömmlinge in den ersten, härtesten Stunden mit Mut und Zuversicht erfüllen“ konnte, führte Holzwarth in seiner Biografie weiter aus. Petrus Claver trat den Fremden auf Augenhöhe entgegen. Er versorgte sie mit Obst und Wasser und frischer Kleidung, er nahm sich ihrer körperlichen und seelischen Wunden an. Er spendete Trost, er führte sie an den Christengauben heran, er taufte sie. Insgesamt soll Petrus Claver über dreihunderttausend schwarze Sklaven getauft haben, bis ihn selbst die Kräfte nach und nach verließen. In den letzten Lebensjahren machte ihm die Parkinson-Krankheit schwer zu schaffen.

Wer, wie in Kürze Papst Franziskus, das Heiligtum besucht (was jedem möglich ist), begegnet Petrus Claver, den Stätten seines selbstlosen Wirkens, seinem Vermächtnis auf Schritt und Tritt. Es geht hinein ins einstige Krankenrevier, in den Sklavenschlafsaal und sein Zimmer, wo das spärliche Licht durch zwei winzige Fenster fällt. Über dem schlichten Bett hängt ein Kreuz an der kalkweißen Wand. Gemäldefolgen im Innenhof und Buntglasfenster in der Kirche halten Ausschnitte seiner Aufopferungsbereitschaft plastisch vor Augen. Petrus, wie er einen ausgemergelten Mann in Armen hält. Petrus, wie er inmitten einer kleinen Menge den Glauben verkündet. Petrus, wie er einem Sterbenden beisteht. Petrus, wie er einen verängstigt über den Boden kriechenden Sklaven vor den Peitschenschlägen seines fettleibigen Peinigers und dem Zubiss von dessen Hund bewahrt.

„Eine Botschaft von Claver für das 21. Jahrhundert“, ist ein Plakat in der Kirche übertitelt, das die vorbildhafte Nächstenliebe des Heiligen zusammenfasst: „Fast vierzig Jahre lang widmete er sich dem Schutz jener Opfer der schändlichsten Ungerechtigkeit. Männer und Frauen wurden aus ihrer afrikanischen Heimat herausgerissen und in Amerika in Leibeigene verwandelt. Sie sahen in ihm immer ihren Verteidiger, ihren Freund, ihren Vater. Mit allem Grund ist er zum ,Verteidiger der Menschenrechte‘' ernannt worden.“ Dass die beschämende Kolonialgeschichte die Spanier generell nie zu Gewissensbissen veranlasst hat, steht hier ungeschrieben.

Johannes Paul II. und eine Hymne für Franziskus

Die kolumbianische Jesuitengemeinschaft sieht dem Besuch des Heiligen Vaters mit Spannung und Aufregung entgegen – wobei dies nicht der erste ist im Heiligtum San Pedro Claver in Cartagena. Vor Ort erinnert eine Tafel an Johannes Paul II., der am 6. Juli 1986 als „Pilger des Friedens“ kam und „mit den Gläubigen vor den verehrten Resten des Apostels der Schwarzen“ betete. Musikalisch einstimmen kann man sich auf den jetzigen Papstbesuch übrigens auch. Die eigens für den Aufenthalt von Franziskus in Cartagena komponierte Hymne „Levántete y canta“ (Steh' auf und sing') hat die dortige Erzdiözese auf ihre Homepage gestellt. Unterlegt von Rhythmen aus Mambo und Rap schwingen wichtige Textstücke mit.

„In einer Welt, die ihre Menschen und ihre Armut vergisst/ verblendet durch Geiz und Reichtümer/ erleben wir Unterdrückungen, Ungerechtigkeiten und Traurigkeit“, heißt es zu Beginn.

Doch genau dagegen kann jeder Einzelne angehen, lautet die Essenz des Liedtextes. Und zwar so: „Hey! Stell' dich nicht taub, komm' und höre Jesus Christus/ und die Lehre, die Papst Franziskus uns bringt/ (...) Hilf' dem Armen, streck' deine Hand aus/ Am Ende sind wir alle Brüder.“ Dann folgt der eingängige Refrain: „Steh' auf und sing, wir werden den Papst empfangen/ Steh' auf und sing, Jesus ist unsere Hoffnung.“